Kapitel 7
Neue Freunde

Als ich einige Zeit später aus der Badwanne gestiegen war und mich in einen flauschigen Bademantel gehüllt hatte, der neben der Tür an einem goldenen Haken hing, fühlte ich mich schon etwas besser.
Es schien, als hätte ich einen Teil meiner Verzweiflung, genau wie den Dreck an meinem Körper, mit dem warmen Wasser ab gewaschen.
Ich wickelte meine Haare in ein großes Handtuch und ging hinüber in das Schlafzimmer. Die Kleider, die ich getragen hatte als ich hier ankam, konnte man wohl nur noch verbrennen, also brauchte ich etwas Neues.
Im Vorbeigehen nahm ich meinen Rucksack und breitete den Inhalt im Schlafzimmer auf meinem Bett aus.
Ich suchte die schmutzige Wäsche heraus und ging zurück ins Bad, wo ich sie mit ein wenig Badezusatz im Waschbecken einweichte.
Schließlich stand ich vor den restlichen Sachen meiner wenigen Habe und stellte fest, das ich nichts, aber auch gar nichts an zu ziehen hatte. Nicht einmal ein sauberer Slip befand sich noch in meinem Besitz und mit einem frustrierten Seufzer lies ich mich auf das Bett fallen. Das war wohl so etwas wie Ironie des Schicksals. Da befand ich mich in purem Luxus und hatte nichts, mit dem ich meinen Körper bedecken konnte.
Während ich noch über diese Ungerechtigkeit nachdachte, fielen mir wie von selbst die Augen zu und ich versank in einen tiefen, totenähnlichen Schlaf.

Ich erwachte, als mich jemand unsanft an der Schulter rüttelte.
„Hey...aufwachen!...Aaaaaaufwachen!“ brüllte mir dieser Jemand ins Ohr und mit einem undefinierbaren Gemurmel versuchte ich, denjenigen von mir weg zu schieben. Leider mit wenig Erfolg.
„Jetzt komm schon Schlafmütze, Kevin wartet.“
„Lass mich in Ruhe,“ murmelte ich, immer noch halb in meiner Traumwelt und mit geschlossenen Augen.
„Keine Chance,“ entgegnete der Eindringling und begann mich wieder zu schütteln.
„Ist ja gut,“ protestierte ich schließlich, öffnete die Augen und blickte direkt in ein grinsendes, männliches Gesicht mit drei Tage Bart, Sonnenbrille und einer unglaublichen Alkoholfahne.
Mit einem Ruck war ich wach und saß kerzengerade in meinem Bett. Erst jetzt fragte ich mich, was dieser Kerl eigentlich in meinem Zimmer zu suchen hatte und wie er hier herein gekommen war.
„Wer bist Du? Was soll das? Wie bist Du hier überhaupt herein gekommen?“ sprudelte es aus mir heraus, während ich versuchte, etwas Abstand zwischen mich und diesen Typ zu bringen, der sich jetzt selig grinsend, wie es nur betrunkene Männer können, in den Stuhl neben meinem Bett fallen lies und mich dabei über den Rand seiner Sonnebrille hinweg musterte.
Seine braunen Augen waren vom Alkohol verschleiert und umrahmt von langen, dichten Wimpern. Er blinzelte immer wieder, so als hätte er etwas im Auge, in seiner rechten Hand hielt er eine Flasche Jack Daniels, aus der er nun auch einen großen Schluck nahm, bevor er sie mir entgegen hielt.
„Auch einen Schluck?“ fragte er und seine Stimme war erstaunlicherweise ganz klar. Es lag ein etwas rauer Unterton darin, so als rauche und trinke er schon seit seinem dritten Lebensjahr. Nun ja...vielleicht tat er das ja auch.
Ich schüttelte angewidert den Kopf und versuchte zu überlegen, wie ich diesen Irren am besten aus meinem Zimmer heraus bekam.
„Ich bin A.J.,“ sagte er und nahm einen erneuten Schluck aus der Flasche „ich soll Dich zu Kevin bringen und Deine Tür war nicht verschlossen. Beantwortet das Deine Fragen?“
„Ja, das tut es und jetzt wäre es nett, wenn Du wieder gehen könntest,“ erwiderte ich fest und schlang den Bademantel enger um mich, als mir einfiel, das ich nichts darunter trug.
Für einen Moment musterte mich A.J. noch aufmerksam, doch dann erhob er sich tatsächlich schwankend aus dem Stuhl und nickte.
„Ich warte vor der Tür, frische Klamotten sind im Schrank und wenn Du in zehn Minuten nicht fertig bist, kriege ich Ärger mit Kev. Also...wenn Du Dich etwas beeilen könntest? Ach...und Du siehst wirklich niedlich aus, wenn Du schläfst,“ sprachs und zog gleich darauf die Tür hinter sich zu.
Also...das war doch...
„Du mich auch,“ brüllte ich ihm etwas verspätet hinterher und beeilte mich dann aus dem Bett zu kriechen und die Tür ab zu schließen.
Also eins mußte man ihm lassen...ich war jetzt zumindest hellwach.
Für einen Moment starrte ich noch die Tür an, hinter der A.J. verschwunden war, dann wandte ich mich seufzend dem Kleiderschrank zu.
Er hatte nicht zu viel versprochen. Sauber aufgereiht hingen dort die verschiedensten Kleidungsstücke. Angefangen von Jeans, Pullovern, T-Shirts über Röcke und Blusen bis hin zu eleganter Abendgarderobe, die ich sicherlich nicht brauchen würde.
Ich nahm mir saubere Unterwäsche heraus, zog sie an und begann dann die Bügel auf der Stange hin und her zu schieben.
Wie lange war es her, dass ich mich tatsächlich entscheiden musste, was ich anzog? Die letzten zwei Jahre war ich froh gewesen, wenn ich überhaupt etwas an zu ziehen hatte.
Ich griff mir wahllos eine Jeans, schaute kurz auf die Größe und zog sie dann ohne weiter darüber nach zu denken an.
Im nächsten Moment starrte ich ungläubig an mir hinunter. In diese Hose hätte noch locker eine zweite Person hinein gepasst.
War eigentlich überhaupt noch etwas so, wie es einmal gewesen war?

Ich folgte A.J. durch ein Gewirr von Gängen, ein Stockwerke nach oben und dann durch einen weiteren Flur zu einer Tür auf der die Zahl 444 prangte.
„Wir sind da,“ verkündete er überflüssigerweise und klopfte an.
Gleich darauf wurde die Tür geöffnet, Kevin lächelte mich freundlich an und sagte „Hallo Rebecca,“ und dann, nach einem kurzen, anerkennenden Blick „Sie sehen wundervoll aus,“ und mit einer einladenden Geste bedeutete er mir, ein zu treten.
„Ich bin gleich bei Ihnen,“ fügte er noch hinzu, buxierte dann A.J. rückwärts wieder aus dem Raum und schloß die Tür hinter sich.
Unbewußt strich ich die eng an liegende, dunkelrote Bluse glatt und wandte dann meine Aufmerksamkeit dem Raum vor mir zu.
Er war noch ein wenig größer als mein Zimmer und im Unterschied zu meinem wirkte er bewohnt.
Ein paar Pflanzen standen auf den Fensterbänken, Papiere lagen kreuz und quer auf dem Glastisch vor dem cremefarbenen Sofa verstreut und in der hinteren Ecke stand ein glänzender, schwarzer Flügel.
Interessiert ging ich zu ihm hinüber und betrachtete mir die gerahmten Fotografien die darauf standen.
Sanft fuhr ich mit den Fingern über das kalte Glas. Bilder aus vergangenen, glücklichen Tagen. Kevin, wie er eine blonde, junge Frau im Arm hielt, die gleiche Frau mit einer Katze auf dem Arm, ein Familienporträt mit seinen Eltern und Brüdern, zumindest nahm ich das an und schließlich Kevin, wie er neben einer Chesna stand und glücklich in die Kamera lächelte.
Wie er es wohl ertragen konnte, jeden Tag an das erinnert zu werden, was ihm auf so grausame Weise genommen worden war?
Ein Bild erregte besonders meine Aufmerksamkeit. Mit einem schnellen Blick in die Runde vergewisserte ich mich, dass ich immer noch alleine war und nahm den Rahmen dann vorsichtig in die Hand.
Es schien in einer Kneipe oder einem Restaurant aufgenommen worden zu sein. Fünf junge Männer, um einen großen, dunklen Holztisch gruppiert, lächelten in die Kamera.
Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich! Ich kannte diese Gesichter. Auch wenn sich Kevins im Laufe der Zeit und durch die katastrophalen Umstände etwas verändert hatte...irgendwo in ihm steckte immer noch das Mitglied dieser international bekannten Boygroup.
Und auch A.J. war einer von ihnen...einer der fünf Backstreet Boys. Das ich da nicht sofort drauf gekommen war. Konnte man so blind sein?
Andererseits...wer erwartete schon etwas Vertrautes aus seiner Vergangenheit an zu treffen? Und das ausgerechnet an diesem Ort?
Vorsichtig stellte ich das Foto wieder zurück an seinen Platz. Keine Sekunde zu früh, denn die Tür schwang hinter mir auf und Kevin trat ein. Seine Züge waren vor Missbilligung verzerrt und sein ganzer Körper schien verkrampft zu sein.
„Tut mir leid, dass ich sie habe warten lassen,“ entschuldigte er sich und mühsam, so schien es mir, baute er seine unbefangene Fassade wieder auf.
„Das macht doch nichts.“ Ich wollte noch irgendetwas geistreiches hinzu fügen, aber mir fiel auf die Schnelle nichts ein und so starrte ich ihn einfach nur an.
„Sie haben sich scheinbar schon etwas umgesehen,“ sagte er und nickte dabei in Richtung der Bilder auf dem Flügel.
„Ich...ähm...ja...tut mir leid...ich...“
„Ist schon o.k.,“ lächelte er „ich würde sie nicht da hin stellen wenn ich nicht wollte, dass sie jemand sieht.“
„Uhm...ja...vermutlich,“ gab ich immer noch befangen zurück „ich dachte nur...Sie haben so...ärgerlich ausgesehen als sie hier herein kamen...“
„Oh DAS,“ Kevins Blick verfinsterte sich erneut „das passiert meistens, wenn ich mit A.J. zusammen treffe. Aber das ist ein anderes Thema.“
Er sah an mir vorbei zu den Fotografien hinüber und als hätten wir uns die ganze Zeit über die Bilder unterhalten, sagte er.
„Irgendwie helfen sie mir hier zu recht zu kommen...etwas zu sehen, dass mich daran erinnert, warum ich das alles tue.“ Langsam schlenderte er an mir vorbei und griff nach dem Bild mit der jungen Frau und der Katze auf ihrem Arm.
„Das ist...ähm...WAR...meine Frau...Kristin,“ sagte er und hielt mir das Bild entgegen.
„Sie müssen sie sehr vermissen,“ gab ich zurück und sah dabei zu ihm auf.
Er seufzte leise, strich noch einmal zärtlich über das Bild und stellte es dann zurück an seinen Platz. Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich den Schmerz in seinen Augen, dann hatte er sich wieder vollkommen im Griff.
„Ich befürchte, jeder von uns vermisst jemanden...ich denke, dass ist das, was wir alle gemeinsam haben...etwas, das uns zusammen hält, verstehen sie?“
Ich nickte. Ich verstand ihn nur zu gut.
Er schien sich innerlich zusammen zu reißen und wandte seine gesamte Aufmerksamkeit wieder mir zu.
„Wie gefällt Ihnen Ihr Zimmer?“
„Oh...es ist einfach atemberaubend. Ich bin auch sofort auf dem Bett eingeschlafen,“ kicherte ich „...es...ich habe schon lange nicht mehr in einem Bett geschlafen, wissen sie?“
Kevin nickte „den Meisten, die hier ankommen, geht es so. Auch ich kenne das Gefühl nicht zu wissen, wo man am nächsten Abend seinen Kopf hin betten wird. Einfach scheußlich wenn sie mich fragen.“
Ich lächelte „wohl wahr. Aber jetzt gibt es ja Sie. Der jenige, der dafür sorgt, dass es uns armen, heimatlosen Seelen nicht mehr so schlecht geht.“
„Oh je,“ er lachte und hob die Hände „erwarten Sie keine Wunder von mir.“
„Aber sie haben schon eines vollbracht,“ entgegnete ich erstaunt.
„Leider werden wir wohl noch ein paar mehr brauchen,“ gab er ernst zurück. „Was sie momentan sehen, sieht sicherlich in gewissem Sinne nach Ordnung und Sicherheit aus, aber wir sind noch ein ganzes Stück davon entfernt.“
Er bedeutete mir, ihm zu folgen und wir begaben uns in den angrenzenden Raum, wo auf einem ausladenden Esstisch mit einer weißen Damasttischdecke für drei Personen gedeckt war.
„Ihr Freund hat übrigens für heute Abend ab gesagt. Scheinbar waren es für ihn heute genug neue Eindrücke,“ sagte Kevin, während er mir einen Stuhl zurecht rückte.
Ich nahm Platz und galant schob er den Stuhl unter mich.
„Möchten Sie ein Glas Wein zum Essen?“ fragte er.
„Oh ja, Wein wäre prima,“ gab ich zurück und fühlte mich wie in einem Traum. Ich war kurz davor auf zu stehen um aus dem Fenster zu sehen und mich zu vergewissern, dass dieser Krieg tatsächlich statt gefunden hatte.
„Darf ich Sie etwas fragen?“ platze ich dann auch heraus und Kevin lächelte amüsiert zu mir hinunter, während er geschickt die Weinflasche entkorkte.
„Alles was sie möchten,“ gab er zurück.
„Wie...ist das hier alles möglich?“ dabei deutete ich in einer unbestimmten Geste um mich. „Dieser Luxus...diese...ja...Normalität. Es ist fast, als träume ich. Die Zimmer, der Wein, das Essen...das alles ist so unwirklich, dass ich mich am liebsten die ganze Zeit kneifen möchte.“
Kevins Lächeln wurde noch um eine Spur breiter.
„Dazu gehört eine lange Geschichte...wenn sie genug Zeit und Appetit mit gebracht haben, werde ich Sie Ihnen gerne erzählen.“
„Also...von Appetit kann man schon gar nicht mehr sprechen,“ lachte ich „Bärenhunger trifft es wohl eher und Zeit habe ich im Moment mehr als genug.“
„Das trifft sich doch hervorragend,“ grinste Kevin, schenkte mir etwas von dem Rotwein ein, danach füllte er sein eigenes Glas und setzte sich dann zu mir an den Tisch.
Er hob die silbernen Glocken von den Tellern vor uns und als ich die Köstlichkeiten darauf sah und vor allen Dingen roch, begann mein Magen laut und vernehmlich zu knurren.
Wann hatte ich eigentlich das letzte Mal Fleisch gegessen?
Dwain hatte vor einigen Wochen ein armes Huhn erwischt, dass nicht mehr schnell genug gewesen war, um vor uns davon zu laufen.
Doch viel mehr als Sehnen und Haut hatten wir nicht bekommen. Auch den Tieren ging es nicht besser als uns. Nahrung war aller Orts Mangelware und so waren wir nach unserer Mahlzeit fast noch hungriger gewesen als davor.
Doch das hier schien ein richtiges Steak zu sein. Von einer gesunden, glücklichen Kuh.
Dazu gab es Reis und Gemüse und ich schämte mich beinahe dafür, als ich gierig die Gabel auf nahm und begann, den Inhalt meines Tellers in mich hinein zu schlingen.
Jeder Mensch hat eine gewisse Grenze der Belastbarkeit, Geduld und Zurückhaltung. Wie es mir schien, hatte ich meine Grenzen vor einer halben Ewigkeit überschritten.
Kevin beobachtete mich einen Moment, dann begann auch er zu essen, allerdings weniger hastig und wesentlich gesitteter.
Als ich meinen Teller halb auf gegessen hatte, meinte ich bereits, platzen zu müssen. Ich war solche Mengen nicht mehr gewohnt und ich spürte bereits, wie mir das Steak wie ein Stein im Magen lag.
Tja, Gier mußte wohl einfach bestraft werden.
„Geht es Ihnen jetzt etwas besser?“ fragte Kevin und nicht die kleinste Spur von Spot oder Verachtung lag in seiner Stimme.
„Ich denke schon,“ entgegnete ich leise und nahm einen Schluck von meinem Wein. „Tut mir leid, ich muß Ihnen vorkommen wie ein ausgehungertes Tier. Ich schwöre, dass mir meine Eltern tatsächlich Tischmanieren bei gebracht haben.“ Zur Bekräftigung hob ich eine Hand.
Kevin lächelte. „Sie werden es nicht glauben, aber ich habe schon Schlimmeres gesehen.“
„Na...ob es das jetzt besser macht...,“ gab ich zu bedenken und er lachte.
„Machen Sie sich keine Gedanken. Ich kann Ihre Situation durchaus nach voll ziehen. Ich war einmal in einer ähnlichen Lage und ich weiß noch sehr gut, wie ich mich über das erste richtige Essen her gemacht habe. Glauben Sie mir, dagegen sind ihre Tischmanieren die einer Königin.“
Wir lächelten uns über die Ränder unserer Gläser hinweg an, dann stellte Kevin sein Glas ab, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und begann mir seine Geschichte zu erzählen.

Kapitel 8