Kapitel 6
Das Waldorf Astoria

Ich konnte nicht sagen, wir lange wir unterwegs waren, aber als wir schließlich in die 42nd Street und zwei Blocks später in die South-Park-Avenue einbogen, war mir sofort klar, dass wir unser Ziel wohl erreicht hatten.
Der Tag neigte sich seinem Ende zu und die Dämmerung brach herein. Die riesigen Gebäude hoben sich als Schatten vor dem dunklen Grau des Himmels ab und in einiger Entfernung konnte ich etwas sehen, das mir den Atem verschlug und mich mitten im Schritt inne halten lies.
„Komisch, dass das das ist, was die meisten Neuankömmlinge so sehr beeindruckt,“ sagte Stattler und betrachtete mit einem nachsichtigen Lächeln mein erstauntes Gesicht.
Da war...Licht...erhellte Fenster in einem Gebäude, das bis zum dritten oder vierten Stock komplett erhalten zu sein schien.
Es war wirklich unglaublich. Nirgendwo gab es so etwas wie Strom! Das höchste der Gefühle waren ab und an ein paar Kerzen, die in den Fenstern brannten, an denen wir auf unserer Wanderung vorbei kamen...aber elektrisches Licht? In dieser Hülle und Fülle?
„Sie haben hier Strom?“ fragte ich dann auch, immer noch mit weit aufgerissenen Augen.
Stattler schmunzelte „das Waldorf Astoria verfügt über einen Generator...wenn sie so wollen produziert es seinen eigenen Strom. Es hat eine Weile gedauert, dieses riesige Gerät im Keller wieder in Stand zu setzen, aber wie sie sehen, hatten wir schlußendlich Erfolg damit.“
„Das Waldorf Astoria?“ fragte Dwain und ich sah zu ihm hinüber. Auf seinem Gesicht lag ein äußerst glücklicher Ausdruck. Ob er auch das Gefühl hatte, einen Ansatz von Normalität gefunden zu haben?
„Na ja...wir dachten uns, wenn schon, dann mit Stil,“ lachte Stattler und fügte dann etwas ernster und mit unüberhörbarem Stolz hinzu „abgesehen davon ist es wirklich nahezu perfekt. Das Gebäude ist bis zum vierten Stock weit gehend unversehrt geblieben. Natürlich war es noch genug Arbeit das ganze bewohnbar zu machen, aber im Großen und Ganzen war die Gundsubstanz vorhanden.“
„Das ist...toll,“ brachte ich heraus und Stattler schmunzelte erneut „warten Sie, bis sie es von innen gesehen haben,“ und damit setzte er sich wieder in Bewegung.

Ich kannte das Hotel Waldorf Astoria nur aus dem Reiseführer, den ich mir vor einigen Jahren gekauft hatte. Tatsächlich hatte ich es nie bis New York geschafft, aber diese Stadt faszinierte mich schon seit ich denken konnte. Eigentlich ironisch, dass ich es jetzt das erste Mal in diesem Zustand zu sehen bekam.
Ich erinnerte mich noch genau an die Fassade. Die goldenen Eingangsportale, der goldene Schriftzug darüber, das Gebäude, das sich ab dem 28. Stockwerk in die beiden Waldorf Towers teilte, in denen die wirklich wichtigen und reichen Gäste untergebrachten wurden und die weitläufige Lobby im Art-Dèco-Stil.
Sollte dies alles unversehrt geblieben sein? Von Plünderern verschont und in seinem einstigen Glanz erstrahlend?
Ich konnte es mir nicht so recht vorstellen.
Je näher wir dem Gebäude kamen, desto offensichtlicher wurden auch die Unterschiede gegenüber meinem Erinnerungsbild.
Wenn man genau hin sah, konnte man das Gold unter den geschlossenen, mittlerweile fast schwarzen Eingangsportalen sehen, aber von dem einstigen Glanz war nicht mehr viel übrig.
Das Gebäude schien tatsächlich ab dem vierten Stock zerstört zu sein. Die Waldorf Towers gab es nicht mehr. Vereinzelt ragten noch einige Mauern in die Höhe, doch alles in allem wirkte das Gebäude extrem baufällig.
Vor dem Eingang standen zwei Männer in Uniform und Stattler begrüßte sie freundlich.
„Sam?...Martin?...alles ruhig heute Abend?“
„Bis jetzt ja Sir.“
Stattler seufzte „werden Sie sich jemals das „Sir“ abgewöhnen können Sam?“
„Ich befürchte nicht Sir,“ gab dieser mit einem Lächeln zurück und öffnete uns die Eingangstür.
Wir machten zwei Schritte in das Gebäude hinein und erneut hielt ich verblüfft und mit offenem Mund inne.
Das erste Mal fragte ich mich, ob ich tatsächlich wach war und dies alles nicht nur träumte.
Die Eingangshalle erstrahlte in einem sanften, gelben Licht, das einige Kronleuchter unter der hohen Decke spendeten. Es schien, als sei hier die Zeit stehen geblieben. Goldene Statuen lächelten auf uns hinab, der Boden war mit teuren, weichen Perserteppichen ausgelegt, vereinzelt standen sogar noch Palmen in den Ecken.
Die Wände waren mit dunklem Holz vertäfelt, genau so wie der Empfangstresen, hinter dem uns allerdings niemand mit verbindlichem Lächeln erwartete.
„Es ist beeindrucken, nicht wahr?“ fragte Stattler und ich konnte nur verzückt nicken.
„Das Gebäude war eines der ersten, das wir besetzt haben...etwa...hm...zwei, drei Tage nach dem großen Knall. Wir haben es geschafft, die Plünderer fern zu halten und das was zerstört war zu entfernen, zu ersetzen oder zu reparieren. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass der Eingang durch riesige Mauerreste verschüttet war,“ gab er grinsend zu.
„Ich verstehe, warum sie sich hier wohl fühlen,“ sagte Dwain und ihm war ebenfalls das Erstaunen und die Bewunderung an zu hören, die ihm beim Eintreten in diesen Luxus überkommen hatte.
„Das ist eine unserer unübertrefflichen Taktiken,“ vernahmen wir plötzlich eine männliche, freundliche Stimme von rechts. „Wir zeigen den Neuankömmlingen, was sie bei uns erwartet und schon haben wir sie davon überzeugt, sich uns an zu schließen.“
Der Fremde lachte und entblößte dabei eine Reihe ebenmäßiger, weißer Zähne. Seine fast schwarzen Haare fielen ihm in die Augen und mit einer nachlässigen Geste strich er sie sich aus dem Gesicht. Sein schlanker, muskulöser Körper steckte in einem paar Jeans und einem karierten Hemd.
Als er schließlich vor mir stand, mußte ich den Kopf weit nach hinten lehnen, um ihm in die Augen sehen zu können. Irgendwie kam er mir bekannt vor, aber ich konnte sein Gesicht nicht einordnen.
„Kevin Richardson,“ stellte er sich vor und streckte mir die Hand entgegen.
„Rebecca Swan,“ sagte ich, erwiderte seinen angenehm festen Händedruck und das Lächeln, das immer noch auf seinem Gesicht lag, machte ihn mir sofort sympathisch.
Dieser Mann hatte eine unglaubliche Ausstrahlung. „Zielstrebig,“ schoß es mir durch den Kopf „gerecht, vertrauen erweckend und immer Herr der Lage. Kann man sich einen besseren Führer in die Zukunft wünschen?“
Inzwischen hatte sich Mr. Richardson Dwain zu gewandt und schüttelte auch ihm die Hand, ohne sich scheinbar in irgendeiner Weise an unserem heruntergekommenen Äußeren zu stören.
„Falls Sie heute Abend noch nichts anderes vor haben, würde ich sie gerne zum Essen einladen,“ sagte Mr. Richardson, mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht.
„Ich denke, ich kann den Termin mit meinem Steuerberater verschieben,“ erwiderte ich lächelnd und er brach in Gelächter aus.
„Wunderbar, dann sehen wir uns nachher. Stattler wird Ihnen alles zeigen.“
„Vielen Dank Mr. Richardson,“ erwiderte ich.
„Kevin,“ sagte er bestimmt „und sie brauchen sich nicht bedanken. Das ist doch selbstverständlich.“ Und bevor ich etwas erwidern konnte, hatte er Stattler und seinen Kollegen zugenickt und war nach links durch eine der vielen Türen verschwunden.
„Kommen sie,“ sagte Stattler „ich zeige ihnen ihre Zimmer.“

Alleine! Seit über einem halben Jahr befand ich mich tatsächlich in einem Raum ganz alleine und das, ohne Angst davor zu haben, dass mich gleich jemand aus einem der Nebenzimmer oder einem Schrank heraus ansprang.
Stattler hatte diplomatisch nach gefragt, ob wir ein oder zwei Zimmer benötigten und Dwain und mir dann zwei Zimmer in der dritten Etage zu gewiesen.
Auch hier schien sich seit dem Krieg nicht wirklich viel verändert zu haben. Sicher, die teuren Gemälde und Skulpturen, die angeblich in allen Zimmern gestanden haben sollten, waren verschwunden. Die hatte man sicherlich schon bevor der Krieg wirklich ausbrach in Sicherheit gebracht.
Aber der Teppichboden war auch hier tief, weich und sicherlich teuer. Mein „Zimmer“ umfasste zwei Räume und ein riesiges Badezimmer.
Stattler hatte mir versichert, dass das Wasser hier nur sehr gering belastet sei und ich, wenn ich das wollte, auch ein ausgiebiges Bad nehmen konnte.
Mit Tränen in den Augen betrachtete ich jetzt mein neues Domizil. Wie konnte es sein, das hier, im Herzen einer der größten Städte Amerikas, alles noch mehr oder weniger beim Alten war und mein Elternhaus buchstäblich zu Staub zerfallen war?
Wie war es möglich, das es hier ein Bett gab...ein richtiges Bett mit Lattenrost, Matratze und blütenweißer Bettwäsche, während der Rest der armseligen Bevölkerung des Planeten Erde in Drecklöchern oder Zelten schlief?
Ich fühlte mich schuldig. Erneut schoß mir der Gedanke durch den Kopf, warum ausgerechnet ich das verdient hatte. Wozu hatte ich überlebt und warum war es ausgerechnet mir vergönnt, heute Nacht in einem bequemen, weichen Bett ohne Angst zu schlafen?
Ich stellte meinen Rucksack auf einen der geschwungenen Stühle des Wohnraumes ab und betrat dann zaghaft das Badezimmer.
Ich tastete einen Moment an der Wand entlang und fand nach kurzem Suchen den Lichtschalter. In die Decke eingelassene, kleine Strahler flammten auf und alleine der Umstand, das tatsächlich etwas passierte, wenn ich einen Schalter drückte, lies mich schon wieder leise los weinen, wie ein kleines Kind.
Das Bad war in warmen gelb Tönen gehalten. Eine riesige, runde Badewanne nahm fast die Hälfte des Raumes ein.
Langsam ging ich zu ihr hinüber und drehte den Wasserhahn auf. Klares Wasser schoß aus dem Hahn und ich drehte an dem Knauf, der den Abfluß verschloß. Meine zerschundene, verkrustete Hand wirkte seltsam fehl am Platz und so zog ich sie schnell zurück um dieses Bild der Normalität nicht zu zerstören.
Doch als ich mich aufrichtete, viel mein Blick auf mein Gesicht im Spiegel und alles, was ich mir bis zu diesem Zeitpunkt zum Thema Normalität eingeredet hatte, verflüchtigte sich.
Das sollte ich sein? Eher fasziniert als erschrocken näherte ich mich meinem Spiegelbild.
Meine braunen Augen lagen tief in den Höhlen und wirkten irgendwie...gehetzt. „Zu viel gesehen für ihr Alter,“ murmelte ich zu mir selbst. Mein Haar, auf das ich immer so unglaublich stolz gewesen war, stand mir verfilzt vom Kopf ab und hatte jeglichen Glanz verloren.
Mein restliches Gesicht lag unter einer dicken Dreckschicht verborgen, nur durch einige helle Schlieren unterbrochen, die die Tränen dort hinterlassen hatten.
Heißer Dampf aus der Badewanne lies den Spiegel langsam beschlagen und mein Gesicht wurde damit immer unschärfer, bis ich schließlich nur noch ein dunkles Etwas erkennen konnte.
War es das, was mit uns passierte? Würden wir zu einer blassen Erinnerung verkommen? Würde sich überhaupt noch jemand an uns erinnern? Wer wußte denn im Moment noch, wer ich wirklich war, wie mein Leben ausgesehen hatte? Das ich mit vier von meinem Fahrrad gefallen war und mir so die kleine Narbe am Kinn zu gezogen hatte zum Beispiel.
Niemand beantwortete ich mir die Frage selbst. Wenn auch ich sterben würde, dann würde es niemanden mehr geben, der sich an Rebecca Swan erinnerte. Es wäre so, als hätte ich niemals existiert.
Eine Weile stand ich wie versteinert vor dem Spiegel. Ich klammerte mich am Rande des Waschbeckens fest und versuchte mich so in der Realität zu halten. Ich war allein...aber diesmal löste diese Erkenntnis keine Glücksgefühle in mir aus.
Ich hatte Angst...große Angst sogar. Angst vor dem, was hinter mir lag und Angst vor dem, was noch auf mich zukommen würde.
Kevin Richardson hin oder her, niemand konnte uns die Geborgenheit und Sicherheit zurück geben, die wir vor dem Krieg als ganz selbstverständlich erachtet hatten. Wir waren Schiffbrüchige, gestrandet am Strand unserer zerstörten Träume und niemand würde uns jemals die unbeschwerte Zeit zurück bringen können.

Kapitel 7