Es war wirklich sehr sonderbar hier auf so viel Ordnung zu stoßen. Selbst in den kleineren Städten und Dörfern war die Verwüstung überall zu sehen gewesen. Nirgends hatte ich so saubere Straßen vor gefunden. Teilweise standen die langen Masten der Laternen noch und an einem konnte ich tatsächlich einen aufgehängten Mülleimer aus machen.
Haltet Eure Stadt sauber schoß es mir durch den Kopf und ich unterdrückte ein nervöses Kichern.
Stattdessen sah ich zu Dwain hinüber. Auch er blickte ungläubig und zu gleich wachsam in die Runde. Seine Kleider und sein Gesicht waren dreckig und staubig und seine Jeans war am Oberschenkel aufgerissen, höchstwahrscheinlich von einer unserer Rutschpartien.
Ich blickte an mir hinunter. Meine Kleidung befand sich in keinem besseren Zustand und meine Hände waren von verkrustetem Blut überzogen.
Nun gut...alles nicht so schlimm, aber was zum Teufel war hier los??
Die Antwort bekam ich postwendend, als ich eine scheinbar befehlsgewohnte, männliche Stimme von rechts vernahm.
Stehen bleiben und Hände in die Luft, aber ein bißchen plötzlich!
Ich sah mich erschrocken um, während meine Hände ganz automatisch nach oben schnellten, doch ich konnte niemanden sehen.
Du auch Freundchen, meldete sich die Stimme wieder, da Dwain seiner Aufforderung nicht gefolgt war. Ganz langsam hob er die Hände und suchte, genau wie ich, die Umgebung hektisch mit den Augen ab.
Schritte näherten sich und gleich darauf trat eine Gestalt in mein Blickfeld.
Ein großer Schwarzer mit bulligem Gesicht, Stiernacken, Armeeuniform und einem Maschinengewehr im Anschlag, kam vorsichtig auf uns zu. Er setzte jeden Schritt mit bedacht und lies uns keine Sekunde aus den Augen.
Wir kommen in friedlicher Absicht, sagte ich und schüttelte im selben Moment innerlich über mich selbst den Kopf.
Das hier war kein Film und wir waren auch keine Außerirdische, die mal eben die Erde besuchten.
Doch der Typ zeigte weder, das er sich über meinen Ausspruch amüsierte, noch, ob er mich überhaupt gehört hatte.
Mach bloß keine Dummheiten, zischte ich Dwain zu, da ich wußte, wie schnell er seinen Revolver ziehen konnte und ihn auch benutzte.
Keine Sorge, mit dem Fleischberg lege ich mich nicht freiwillig an, flüsterte er zurück und dann hatte uns der Mann auch schon erreicht.
Er baute sich breitbeinig vor uns auf, die Waffe auf Dwain gerichtet und gab dann mit der freien Hand ein Zeichen.
Plötzlich tauchten um uns herum weitere drei Männer und eine Frau auf. Auch sie steckten in Tarnuniformen und hielten ihre Waffen auf uns gerichtet.
Keine Sorge, sagte Stiernacken wenn Sie sich anständig verhaltet, haben wir das hier in null komma nichts hinter uns gebracht. In diesem Moment wirkte er fast sympathisch und ich entspannte mich etwas.
Die Frau trat auf mich zu. Sie hatte lange blonde Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz gebunden trug, strahlende blaue Augen und ein kantiges Gesicht. Sie schlich sich vorsichtig und mit eleganten Bewegungen an mich heran und ich wußte, dass ich gegen sie keine Chance haben würde. Sie war zwar etwas kleiner als ich aber sicherlich um einiges wendiger.
Als sie mich erreicht hatte, hängte sie sich ihre Waffe über die Schulter und sah mir direkt in die Augen.
Ich werde Sie jetzt nach Waffen durchsuchen, sagte sie und ich würde Ihnen raten, dabei einfach ganz still zu halten, in Ordnung?
Ich verstand die Drohung in diesen Worten durchaus und ich hatte auch nicht die Absicht, mich in irgendeiner Form zur Wehr zu setzen, also nickte ich.
Darf ich Sie bitten, den Rucksack ab zu nehmen?
Also streifte ich den Rucksack von meinen Schultern und stellte ihn neben mich auf den Boden.
Sie trat auf mich zu und begann mit geübten Bewegungen, meinen Körper ab zu tasten. Sie fing bei meinen Handgelenken an, fuhr meine Arme herunter, über meine Achseln an meinen Seiten entlang und untersuchte dann einzeln meine Beine.
Dann trat sie hinter mich und vollführte die gleiche Prozedur noch einmal, wobei sie diesmal auch meinen Hosenbund vorne und hinten nicht auslies.
Sie ist sauber, sagte sie schließlich zu Stiernacken und er nickte mir zu.
Sie können die Hände jetzt herunter nehmen, sagte er.
Erleichtert lies ich die Arme sinken.
Als ich zur Seite blickte trat gerade ein Mann an Dwain heran. Er war fast zwei Köpfe größer als er, hatte eine Glatze die sich im Licht leicht spiegelte und trug eine dunkle Sonnenbrille, die er jetzt ab nahm.
Werden Sie Schwierigkeiten machen? fragte er Dwain und dieser schüttelte den Kopf so lange sie nicht anfangen, an meinen Geschlechtsteilen herum zu grabbeln habe ich damit kein Problem, gab er zurück und ich verbiss mir ein Grinsen.
Doch der Mann schien völlig unbeeindruckt von Dwains Humor. Er deutete auf seinen Rucksack und dieser nahm ihn ab und stellte ihn ebenfalls neben sich auf den Boden. Der Kerl begann nun, Dwain ab zu tasten. Dabei ging er genau in der gleichen Reihenfolge vor, wie seine Kollegin bei mir.
Ziemlich bald entdeckte er den Revolver in Dwains Hosenbund. Er zog ihn mit unbewegtem Gesichtsausruck hervor und reichte ihn Stiernacken, dann fuhr er mit seiner Arbeit fort.
Er ist sauber, verkündete auch er schließlich und gesellte sich wieder in die Runde seiner Kameraden.
Darf ich Sie nun noch bitten, ihre Rucksäcke zu öffnen und den Inhalt heraus zu nehmen? fragte Stiernacken.
Dwain und ich warfen uns kurz einen genervten Blick zu und taten dann wie uns geheißen.
Als sie in den Rucksäcken außer unserer dreckigen Unterwäschen und einiger weniger anderer Dinge nichts fanden, blickte Stiernacken befriedigt in die Runde und senkte schließlich seine Waffe. Die anderen taten es ihm gleich , während er auf uns zu trat.
Tut mir leid wenn wir Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet haben, aber wir sind in diesen Zeiten äußerst vorsichtig, sagte er und ich kam mir vor, als wäre ich auf irgendeinem festlichen Empfang und nicht mitten in dem verwüsteten New York.
Mein Name ist Stattler, sagte Stiernacken und streckte mir seine Hand entgegen herzlich willkommen in New York.
Ich merkte bald, dass New York nicht wirklich so aufgeräumt und sicher war, wie es auf den ersten Blick gewirkt hatte.
Stattler stellte uns den Rest seiner Mannschaft vor und gemeinsam setzten wir uns in Richtung ihres Stützpunktes, wie er es nannte, in Bewegung.
Da ich wirklich ein furchtbares Namensgedächtnis hatte, konnte ich mir nur den Namen der Frau merken Julia, den Rest vergas ich noch bevor die Namen richtig in mein Hirn eingesickert waren.
Die fünf nahmen uns in die Mitte und hielten ihre Waffen wieder schußbereit im Anschlag.
Relativ bald verließen wir die frei geräumte Straße und wandten uns Richtung Norden. Die Straßen waren auch hier frei passierbar, aber in regelmäßigen Abständen türmten sich zusammen getragene Trümmer und Autowracks gen Himmel.
Wir liefen mehr oder weniger Zick Zack durch das Gewirr aus Straßen und Trümmerbergen, immer in Deckung und die fünf Menschen um uns herum schienen aufs Äußerte konzentriert und angespannt.
Trotzdem brachte es Stattler fertig, uns auf dem Weg einige Dinge zu erklären.
Auch wenn es hier sehr friedlich aussieht... begann er der Schein trügt. Trotz des Krieges und den daraus hervorgehenden Lektionen, die doch inzwischen eigentlich jedes Kind hätte begreifen müssen, ist der Kampf noch lange nicht zu Ende.
Ich bin seit Anfang an hier, habe die Bombeneinschläge Gott weiß warum überlebt und muß mich jetzt mit den ganzen Irren herumschlagen, die meinen, sie könnten sich als die Herrscher über New York aufspielen.
Für einen Moment überlegte ich, ob er nicht genau das gleiche tat, doch ich verkniff mir natürlich jeden Kommentar. Wer wollte ihn schon zum Feind?
Wir haben versucht, so etwas wie Ordnung wieder her zu stellen, haben in mühsamer Arbeit die wichtigsten Straßen frei geräumt, die Gebäude sondiert und darin provisorische Wohnung eingerichtet.
Es gibt hier so eine Art Bürgermeister...die Menschheit braucht einfach eine Leitfigur, der sie vertrauen kann. Unsere Aufgabe ist es, ihn und seine Leute zu schützen und so weit es in unserer Macht steht, eine gewisse Ordnung aufrecht zu erhalten.
Dazu gehört auch, dass wir die Wege in die Stadt kontrollieren und damit natürlich auch die Personen, die dort in die Stadt kommen.
So wie wir, sagte ich.
Genau so wie Sie, pflichtete mir Stattler bei Sie müssen das verstehen...so lange wir nicht wissen, wie viele Menschen sich in der Stadt auf halten und wie wir diese ein zu schätzen haben, ist es schwierig, eine gewisse Kontrolle zu behalten.
Wir benötigen einen Überblick über die Anzahl unserer Feinde, eine Ahnung von ihren Methoden und die Orte, an denen sie sich aufhalten.
Wie viele Menschen halten sich hier denn momentan auf? fragte Dwain interessiert.
Nach unserer Berechnung dürften es momentan so an die fünfhundert sein.
Dwain und mir stockte der Atem. Wir hatten auf dem ganzen Weg hier her nicht einmal annähernd so viele Menschen getroffen. Diese Zahl war einfach unglaublich!
Sofort begann sich Hoffnung in mir zu regen. Sollte ich tatsächlich so etwas wie ein zu Hause gefunden haben? Menschen, mit denen man sich tatsächlich unterhalten konnte, ohne das man Angst haben mußte, dass sie einen im nächsten Moment über den Haufen schießen würden?
Und wie viele gehören davon zu...na ja...zu den Guten? fragte Dwain weiter.
Stattler brachte tatsächlich so etwas wie ein Lachen zu stande und antwortete nun...es dürften so um die hundert sein. Der Rest verteilt sich gleichmäßig auf verschiedene Gruppen.
Es gibt ein paar, die sich einfach nicht mehr in eine Gemeinschaft mit Regeln und Gesetzen einfinden wollen, das sind wohl noch die harmlosesten. Sie haben sich irgendwo im Süden der Stadt eingenistet und haben so etwas wie eine Kommune gegründet. Wir nennen sie schlicht die Hippies.
Wie passend, sagte ich, mehr zu mir selbst und Stattler nickte dachten wir auch.
Dann fuhr er fort dann kommen die, die durch die ganzen Geschehnisse nicht mehr fähig sind, irgendwelchen Menschen zu vertrauen. Irgendwie haben sie sich in einer Gruppe zusammen gefunden, aber die Größe wächst und schrumpft jeden Tag. Meist gibt es Auseinandersetzungen untereinander, weil jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist.
Sie stellen nur dann eine Gefahr da, wenn man ihnen irgendwie zu nahe kommt. Normalerweise sieht man sie selten, sie haben sich irgendwo im Norden ein Viertel ausgesucht und verlassen dieses eigentlich nur, wenn sie irgendwelche Vorräte brauchen, aber das kommt relativ selten vor.
Und wie heißen die? fragte Dwain, der Gefallen an dieser ganzen Sache zu finden schien.
Ich nenne sie die Verrückten, aber offiziell, wenn man das so sagen kann, laufen sie unter dem Namen die Anderen.
Wow, da hat sich ja jemand richtig Mühe gegeben, sagte ich ironisch.
Tja, manchmal ist das alles schon sehr merkwürdig, gab mir Stattler recht.
Tja...und dann gibt es da natürlich noch unsere Problemkinder, dieser Ausspruch entlocke Julia neben mir ein geringschätziges Schnauben.
Die Gruppe hat sich um einen ehemaligen Terroristenführer geschart. Sein Name ist Hakim Fachat und wenn sie diesen Namen hören, sollten sie sehen, dass sie so schnell wie möglich das Weite suchen.
Sehr beruhigend, murmelte ich und warf Dwain einen schnellen Seitenblick zu. Doch der schien immer noch ganz fasziniert Stattlers Ausführungen zu lauschen.
Die unterschiedlichsten Leute haben sich unter seine Führung begeben. Hauptsächlich Ex-Millitärs, einige ehemalige politische Anhänger unseres Ex-Präsidenten und dann natürlich die übriggebliebenen Geschäftsleute. Der Rest sind einfach nur irgendwelche Mitläufer, die vor dem Krieg nicht viel zu sagen hatten und auch heute nicht wirklich zählen.
Doch der Rest ist ziemlich gefährlich. Leute mit Grips, intelligent und skrupellos. Sowohl im Leben vor als auch nach dem Krieg.
Im Endeffekt hat sich also nichts verändert, nur die Wahl der Waffen und Methoden ist anders...aggressiver und ohne Rücksicht auf Verluste.
Na wunderbar, gab ich zurück haben die denn auch einen Namen?
Irgendwie schien es mir wichtig, dem Feind durch einen Namen ein Gesicht geben zu können.
Sie nennen sich selbst die Mächtigen, was ich persönlich als ziemlich übertrieben empfinde, er lachte wieder dieses humorlose, trockene Lachen wir ziehen den Begriff die Fachats vor und für mich...na ja...für mich sind sie einfach nur die Looser.
Und wo gehören wir jetzt hin? fragte ich, was Stattler tatsächlich dazu veranlasste, mitten auf der Straße stehen zu bleiben.
Er drehte sich zu mir um und trat einen Schritt auf mich zu. Die Geste wirkte etwas beängstigend und unbewußt zog ich meinen Kopf zwischen die Schultern.
Grundsätzlich haben sie die freie Wahl, sagte er leichthin, doch lies er mich dabei keine Sekunde aus den Augen sie können bei uns bleiben, was sie automatisch zu der Gruppe der Beobachteter zählt. Wir werden uns darum kümmern, dass sie einen Platz zum Schlafen bekommen und sie in so etwas wie eine Gemeinschaft einführen. Welchen Platz sie darin einnehmen werden hängt von ihnen und ihren Fähigkeiten ab.
Doch wir werden niemanden gegen seinen Willen fest halten. Wenn sie meinen, sie sind bei den Hippies oder den Fachats besser aufgehoben, dann lassen wir sie natürlich gehen...aber dann gibt es auch keinen Weg zurück.
Wir müssen äußerst vorsichtig sein, was unsere kleine Gemeinschaft betrifft und wir sind dazu da, weitestgehend die Störfaktoren davon fern zu halten.
Ich verstehe, gab ich zurück ich denke ein Platz bei den Beobachtern würde mir sehr gut gefallen.
Das erste Mal erschien ein strahlendes Lächeln auf Stattlers Gesicht und es lies erahnen, was für ein guter und glücklicher Mensch er einmal gewesen war.
Das freut mich, sagte er und nickte dabei bekräftigend. Dann drehte er sich wieder um und wir setzten unseren Weg fort.
Ich blickte zu Dwain hinüber. Ob er sich auch für die Beobachter entscheiden würde? Ich hielt ihn eigentlich nicht für so dumm, sich diesem...na ja...Rechtssystem oder wie auch immer man es nennen wollte, zu entziehen, aber ich kannte ihn einfach zu wenig, um ihn wirklich einschätzen zu können.
Auf seiner Stirn lagen auch tiefe Falten und er schien angestrengt nach zu denken.
Ich beschloß, ihn jetzt nicht zu fragen und dies auf später zu verschieben. Momentan stürzte so einiges auf uns ein und es würde Zeit brauchen, das alles zu verarbeiten.
Wo gehen wir jetzt eigentlich hin? fragte ich um Stattler zum weiter reden zu bewegen.
Wie ich schon sagte, sind wir auf dem Weg zu unserem Stützpunkt. Der Bürgermeister und seine Vertrauten residieren dort und es ist das erste Auffanglager, wenn sie so wollen.
Wie wird es jetzt weiter gehen? Ob ich ihn langsam mit meiner Fragerei nervte? Wenn, lies er sich zumindest nichts anmerken.
Das werden wir sehen, wenn wir dort sind. Zu erst werden wir dafür sorgen, dass sie sich etwas frisch machen können und ihnen frische Kleider besorgen. Dann werden Sie Mr. Richardson vorgestellt und er wird entscheiden, was weiter geschieht.
Ist das der Bürgermeister?
Ja, das ist er.
Ich war wirklich sehr gespannt darauf, den Mann kennen zu lernen, der es sich zu traute, New York in eine neue Zukunft zu führen. Er mußte wirklich ein außergewöhnlicher Mann sein.