Kapitel 4
Der Tunnel
Das bißchen Helligkeit schwand für meinen Geschmack relativ schnell. Hinzu kam, das der Tunnel recht bald einen leichten Knick nach rechts machte und nach ca. 100 Metern war es stockfinster.
Dwain ging voraus, hielt dabei wie versprochen meine Hand und tastete sich an der Tunnelwand entlang vorwärts.
Unsere Schuhe glitten knirschend über Splitter von Glas und kleinen Steinchen, die wohl bei den Bombeneinschlägen von den Wänden gerieselt waren.
Ansonsten hörte ich überdeutlich mein abgehacktes Atmen und ab und zu das schnauben von Dwain, wenn er vor sich ein Hindernis ertastete.
Vorsicht, hier steht ein Wagen, sagte er dann oder mach einen großen Schritt, hier liegt etwas auf dem Boden.
Seine Stimme hallte in dem Gewölbe des Tunnels wieder und jedes Mal legte sich eine Gänsehaut über meine Unterarme. Ich wollte meist gar nicht wissen, auf was ich nicht treten sollte.
Die Luft war, wie angenommen, stickig und es lag ein merkwürdiger Geruch darin. Ich versuchte nicht darüber nach zu denken, wie lange die Autos hier schon standen, wie viele Menschen wohl in der Dunkelheit gestorben und hier drinnen verwest waren. Natürlich mußte es hier komisch riechen ... wahrscheinlich konnten wir von Glück sagen, dass wir erst jetzt, nach zwei Jahren, hier durch mußten.
Es dauerte nicht lange und ich hatte jegliche Orientierung verloren. Ich wußte nicht mehr, ob wir vorwärts oder rückwärts gingen, wie viel Zeit vergangen war und manchmal fehlte mir sogar das Gefühl für unten und oben.
Ich hatte meine Augen weit aufgerissen um auch das letzte bißchen Helligkeit aufnehmen zu können, aber trotzdem blieb die Dunkelheit um mich herum undurchdringlich. Beinahe schien es mir, als hätte dieses nicht vorhanden sein von Licht so etwas wie Substanz, eine dunkle Decke, die sich über uns legte und drohte, uns zu ersticken.
Tatsächlich fiel mir das Atmen von Sekunde zu Sekunde schwerer. Ich hatte Angst vor jedem nächsten Schritt und dem, was dort vielleicht auf mich warten könnte.
Meine Wahrnehmung spielte mir Streiche. Ich hörte Geräusche, die einfach nicht da sein konnten: Ein hohes Summen, so, als hätte jemand in weiter Ferne ein Radio eingeschaltet (was nicht mehr möglich war, da es keine Radiostationen mehr gab, die sendeten, geschweige denn funktionierten). Einmal hörte ich so etwas wie das Rauschen von Wasser und fragte mich, ob der Hudson River vielleicht doch noch nicht komplett verdampft war und wir gleich bis zu den Knien durch radioaktiv verseuchte Brühe waten mußten.
Und dann plötzlich Schritte...hinter mir!
Abrupt blieb ich stehen, das dünne Band zwischen Dwain und mir spannte sich gefährlich, da er gerade meine Hand los gelassen hatte um ein Hindernis vor uns zu untersuchen und kurz bevor es reißen konnte, hielt auch er inne.
Was ist? fragte er irritiert.
Hörst Du das? fragte ich zurück, völlig außer Atem aber nicht in der Lage richtig Luft zu holen, da ich damit beschäftigt war in die Dunkelheit hinein zu lauschen.
Die Schritte waren verstummt.
Ich höre nichts außer Deinem Röcheln, versuchte er zu scherzen, was bei mir aber im Moment nicht wirklich gut an kam.
Da waren Schritte hinter mir, sagte ich bestimmt und dann rief ich in die bodenlose Schwärze hinein Hallo? Ist da jemand?
Meine Worte klangen ungewohnt laut in diesem Gewölbe und ich zuckte unwillkürlich zusammen. Soweit war es also schon...ich hatte Angst vor meiner eigenen Stimme.
Wir warteten ein paar Sekunden, aber es kam keine Antwort.
Da ist nichts, versuchte Dwain mich zu beruhigen das ist nur die Dunkelheit, die Dich nervös macht.
Aber so was bilde ich mir doch nicht ein, entgegnete ich bestimmt.
Glaub mir, in der Dunkelheit hört man die seltsamsten Geräusche.
Auch in einem Tunnel, in dem eigentlich nicht mehr sein sollte als liegen gebliebene Autos und den Toten darin? fragte ich gereizt und merkte, wie ich langsam an den Rand der Hysterie driftete. Meine Angst hatte sich verselbständigt, mein Herz klopfte wie rasend und ich hörte förmlich das Blut in meinen Schläfen rauschen.
Ich mußte hier raus...Enge...die Wände des Tunnels waren sicherlich gerade dabei, auf uns zu zu kriechen...ich bekam keine Luf mehr...macht bitte, bitte das Licht an...ich will hier raus...ich...
Vor meinen Augen begannen kleine Pünktchen zu tanzen, mir wurde schwindlig und die Luft wurde immer knapper.
Rebecca? hörte ich Dwains Stimme von weit her Becca? Alles klar bei Dir?
Ich konnte nicht antworten. Meine Hand glitt tastend über die Tunnelwand auf der Suche nach irgendeinem Halt und ich spürte, wie meine Knie nach gaben.
Plötzlich spürte ich eine Berührung auf meiner Wange und ich schrie auf, gleich darauf durchfuhr mich ein stechender Schmerz an genau der selben Stelle und ich brüllte erneut los, diesmal aber mehr vor Wut als vor Entsetzen.
DWAIN!!! schrie ich...hatte mir dieser nutzlose Zwerg doch gerade eben eine Ohrfeige verpasst?
Sorry...aber Du warst kurz vorm Durchdrehen, hörte ich ihn sagen und blind schlug ich in die Richtung in der ich ihn vermutete.
Das Ergebnis war ein aufgerissener Knöchel, da ich die Nähe der Tunnelwand unterschätzt hatte und erneut jaulte ich auf.
ICH WILL HIER RAUS UND ZWAR AUF DER STELLE!! brüllte ich und ich spürte, wie Dwain nach meiner Schulter tastete.
Ich versuchte ihn ab zu schütteln, aber es gelang mir nicht.
Hör mir zu Becca, bitte hör mir zu, die Schärfe in seiner Stimme veranlasste mich dann doch inne zu halten und schwer atmend verharrte ich mit hängenden Schulter und Schmerzen auf meiner Wange und meiner Hand.
Beruhige Dich, sagte er mit eindringlicher Stimme hier drinnen ist nichts, wovor Du Angst haben mußt. Es ist einfach nur dunkel, sonst nichts, verstehst Du? und nach einer Pause fuhr er fort Schließ die Augen, o.k.?
Ich blickte entgeistert in die Richtung, aus der seine Stimme kam, aber leider konnte ich sein Gesicht nicht sehen.
Hast Du sie zu? fragte er erneut.
Ich...ja..., gab ich genervt zurück und schloß tatsächlich die Augen.
Konzentriere Dich auf das, was Du wahrnehmen kannst. Du kannst hören, Du kannst riechen...das muß Dir hier unten reichen. Versuche nicht zu sehen, denn das funktioniert nicht. Vertraue auf Deine anderen Sinne, dann geht es leichter.
Ich verstand erst nicht, was er mir sagen wollte. Hatte ich nicht genau das die ganze Zeit gemacht? Auf meine anderen Sinne vertraut und dabei komische Geräusche, die laut Dwain nicht da sein konnten, gehört?
Entspann Dich, o.k.? sagte Dwain und drückte meine Schulter etwas fester.
Ich bin vollkommen entspannt, gab ich giftig zurück genau genommen war ich in meinem ganzen LEBEN NOCH NICHT SO ENTSPANNT!!
Gott, dieser Mann machte mich aber auch rasend! Wie sollte ich mich bitte schön hier unten entspannen, wo doch nach jedem Schritt der Tod auf mich warten konnte?
Ich hörte Dwain seufzen, doch er behielt weiterhin seine Hand auf meiner Schulter.
Versuch es einfach...meinetwegen denk an etwas Schönes...an unser weiches Luxusbett zum Beispiel. Wir müssen hier durch, ob es Dir nun passt oder nicht und wenn Du versuchst, es so wie ich zu machen, geht das vielleicht leichter.
Ich atmete ein paar Mal hörbar ein und aus und versuchte mich zu konzentrieren. Hören und riechen...hören und riechen...entspannen...entspannen...
Plötzlich war der Druck auf meiner Brust verschwunden und ich konnte wieder freier atmen. Jetzt, wo ich nicht mehr krampfhaft versuchte, irgendetwas in der Schwärze vor mir zu sehen, schien es für mich leichter, meine Umgebung wahr zu nehmen. Das Gefühl der Panik und Beklemmung zog sich zurück und am Ende blieb ein Gefühl der Leere.
Es tut mir leid, dass ich Dich angebrüllt habe, sagte ich schließlich und spürte, wie Dwain seine Hand von meiner Schulter nahm.
Ist schon in Ordnung, wir müssen wohl alle irgendwann mal Dampf ab lassen, gab er zurück und wenn ich ihn jetzt hätte sehen können, hätte ich ihm wohl einen Kuß auf die Wange gedrückt.
Erneut fragte ich mich, was ich ohne ihn wohl machen würde.
Können wir jetzt weiter gehen? fragte er und ich nickte. Dann fiel mir ein, das er das hier drinnen ja nicht sehen konnte und so sagte ich klar...wir könnten schon längst hier raus sein.
Ich hörte Dwain lachen und ich hätte alles darauf verwettet, das er gerade den Kopf über mich schüttelte.
Dann spürte ich, wie sich die Schnur zwischen uns anspannte und wir setzten unseren Weg durch das Dunkel fort.
Wir waren Ewigkeiten unterwegs...zumindest fühlte es sich für mich so an. Je weiter wir in den Tunnel vor drangen, um so schwieriger wurde unser Weg. Manchmal waren die Gesteinsbrocken und Autowracks so hoch aufgetürmt, dass wir nicht hinüber klettern konnten, dann mußten wir uns vorsichtig einen Weg um das Hindernis herum suchen.
Jedes Mal betete ich im Stillen, dass wir irgendwo einen Weg finden würden, denn die Vorstellung, die ganze Strecke umsonst gemacht zu haben, gefiel mir ganz und gar nicht.
Doch wir hatten einfach unverschämtes Glück. Manchmal gab es nur eine kleine Lücke, durch die wir gerade so hindurch passten, dann gaben ab und an kleinere Geröllhaufen unter uns nach und wir schlitterten mit ihnen wieder hinunter, dem Tunnelboden entgegen und das unglaublicher Weise ohne uns dabei großartig zu verletzen.
Meine Angst hatte ich seit meinem kurzen Aussetzer einigermaßen im Griff. Ich lies einfach nicht mehr zu, das sie mich beherrschte, sondern konzentrierte mich auf unser Ziel.
Natürlich war sie noch da und sie lauerte nur darauf, das ich nachlässig wurde, aber den Gefallen tat ich ihr nicht.
Schritte hörte ich keine mehr.
Irgendwann sagte Dwain öffne Deine Augen.
Was? für einen kurzen Moment wußte ich wirklich nicht, was er meinte.
Mach die Augen auf, wiederholte er kichernd und vorsichtig hob ich die Augenlider.
Schemen...da waren...tatsächlich...Gegenstände, die ich erkennen konnte. Autos...Unmengen von Autos und in der Ferne ein heller Punkt, der von hier aus betrachtet bereits die Größe eines Tennisballes hatte.
Oh Mann, sag bloß wir haben es tatsächlich geschafft, flüsterte ich ehrfürchtig und sah zu Dwain hinüber.
Auch ihn konnte ich inzwischen erkennen. Seine Nase zeichnete sich wie ein Scherenschnitt vor der Helligkeit des Tunnelausgangs ab.
Es sieht ganz danach aus, gab er zurück und faste wieder nach meiner Hand.
Die letzten Meter rannten wir förmlich der Freiheit entgegen. Ich war wohl noch nie in meinem Leben so froh gewesen Tageslicht zu sehen...obwohl...als wir damals aus dem Bunker kamen...aber daran wollte ich jetzt nicht denken.
Ich konnte es noch nicht wirklich glauben, aber wir hatten es tatsächlich geschafft! Wir standen in Manhatten, um uns herum Skelette der einstigen Hochhäuser und vor uns eine lange Straße, die wie leer gefegt schien. Wo waren hier nur die ganzen Autowracks hin gekommen?