Kapitel 3
Aufbruch

Wir standen abmarschbereit vor dem Tunneleingang. Beide hatten wir in der Nacht kaum ein Auge zu getan, zu sehr waren wir damit beschäftigt gewesen für den heutigen Tag genug Mut zusammen zu kratzen.
Als wir uns jetzt dem Eingang näherten mußte ich allerdings fest stellen, dass das ganze gute Zureden in der Nacht rein gar nichts geholfen hatte.
Ich fühlte mich jetzt schon, als hätte man mir einen schweren Eisenring um die Brust gelegt und dabei hatten wir den Tunnel noch gar nicht betreten.
„Das wird hart,“ murmelte ich und fühlte, wie Dwain meine Hand nahm.
„Wir packen das...wir haben es bis hier her geschafft, da werden wir doch so kurz vor dem Ziel nicht aufgeben, oder?“
„Du hast recht,“ lächelte ich ihn an, auch wenn ich mich nicht wirklich besser fühlte.
„Würdest Du...also...wenn es Dir nichts ausmacht...,“ ich stockte.
Ich kannte Dwain jetzt seit ungefähr einem halben Jahr, aber viel mehr als der Name seines ehemaligen Arbeitgebers und ein kleines Stückchen seiner Lebensgeschichte hatte ich bisher nicht aus ihm heraus bekommen.
Wir waren aufeinander angewiesen, sich alleine durch schlagen zu wollen, war fast unmöglich, doch manchmal glaubte ich, dass das das Einzige war, was ihn bei mir hielt.
Ich lief ihm an der Grenze zu den USA über den Weg. Ich war sechs Wochen zuvor von Kanada aufgebrochen um zu sehen, ob es überall auf der Welt so furchtbar aussah, wie bei mir zu Hause.
Ich hatte nichts mehr, was mich dort hielt. Meine Familie, meine Freunde...es gab niemanden mehr.
Die einzige Möglichkeit um nicht komplett dem Wahnsinn zu verfallen, so schien es mir, war mich in Bewegung zu halten. Einfach los zu ziehen und zu sehen, wie weit ich kam.
Ich hatte mir aus keinem bestimmten Grund New York als Ziel vor genommen. Ich dachte mir einfach, in so einer riesigen Stadt, in einer Weltmetropole wie dieser, mußte es doch Menschen geben, so etwas wie eine Ordnung, ein neues zu Hause.
Wahrscheinlich war es genau das, überlegte ich, die Suche nach einem zu Hause, einem Ort, an den ich, nach all diesem Chaos, hin gehörte, der mich weiter machen lies.
Dwain hatte mir zur Begrüßung erst einmal seinen Revolver unter die Nase gehalten und mich nach Waffen durchsucht. Nachdem er festgestellt hatte, dass ich nichts dergleichen bei mir trug hatte er ungläubig gesagt „entweder bist Du unglaublich gerissen oder einfach nur entsetzlich dumm.“
„Wie meinst Du denn das bitte schön?“ und meine Angst wurde langsam von der Wut über seinen Ausspruch verdrängt.
„Na ja...hier herum zu laufen ohne Waffe im Hosenbund. Es gibt hier mehr als genug Verrückte, wirklich ein Wunder, dass Du bis hier her gekommen bist.“
Und als ich ihm später erzählte, wie lange ich tatsächlich schon unterwegs war, war sein Blick von Geringschätzung zu Unglaube und schließlich zu so etwas wie Bewunderung gewechselt.
Seit diesem Zeitpunkt wanderten wir zusammen und wir boten sicherlich einen recht interessanten Anblick, wenn wir so nebeneinander her liefen.
Dwain war gerade mal 1,60 m groß, doch trotz seiner geringen Größe wirkte er irgendwie schlaksig. Er hatte schulterlanges, blondes Haar, das er meist zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte und eine unglaublich riesige Hakennase, die ihm wie der Schnabel eines Geiers aus dem Gesicht stach.
Ich hingegen überragte ihn fast um einen Kopf und meine dunklen Harre legten sich in Wellen um mein Gesicht. Früher hatten mich die Leute meist als pummelig beschrieben. Ich liebte es eben zu Essen und Sport war Mord!
Doch wenn man einmal eine Weile durch die Gegend gewandert ist, nur noch das Nötigste zu Essen bekommt und fast jeden Tag über Trümmerberge krabbeln muß, verändert sich so Einiges.
Ich hatte schon lange nicht mehr in einen Spiegel gesehen, doch ich spürte die Muskeln, die sich mittlerweile in meinen Armen und Beinen gebildet hatten, ich mußte meinen Gürtel um einige Löcher enger schnallen und irgendwie war mein Busen geschrumpft und etwas nach oben gerutscht. Keine Ahnung wie so etwas passieren kann!
Wie auch immer, schließlich mußte ich einsehen, dass es in den so hoch gelobten USA doch etwas anders zu ging, als in dem weitläufigen Kanada, dass es hier nämlich tatsächlich unglaublich viele Spinner gab, die mit einer Waffe herum liefen und scheinbar auch keine Skrupel hatten, damit auf Menschen zu schießen.
Eigentlich traurig...in meiner grenzenlosen Naivität hatte ich gehofft, dass gerade die Geschehnisse in der letzten Zeit dafür gesorgt hatten, einige Menschen auf zu rütteln...das eben Waffen keine Lösung waren.
Doch mittlerweile herrschte allerorts das Gesetz des Stärkeren und so waren wir meist recht schnell aus den Orten verschwunden, in denen es noch so etwas wie Menschen gab, meist nur noch Schatten ihrer selbst und unglaublich aggressiv darauf bedacht, das letzte Bisschen ihres Eigentums zu schützen und wenn es nur die Kleider waren, die sie am Leib trugen.
Keine Ahnung warum ich dachte, in New York würde es anders ein. Trotzdem erschien es mir wie das Mekka, zu dem wir nun schon fast ein halbes Jahr hin pilgerten. Die Stadt der Erlösung, das Ende der Odyssee.
„Was wolltest Du sagen?“ fragte Dwain in meine Gedanken hinein und ich bemerkte, dass ich wohl einige Zeit stumm neben ihm gestanden haben mußte und versucht hatte, mir die Worte im Kopf zurecht zu legen.
„Nun ja...also...wäre es möglich...,“ uhhh Rebecca...so wird das nichts!
„Sag es einfach gerade heraus,“ sagte Dwain und lächelte mich aufmunternd an.
„O.k.,“ entgegnete ich und holte tief Luft „würde es Dir was ausmachen, meine Hand fest zu halten, so lange wir da drin sind?“ Stieß ich schnell hervor und wandte meinen Blick ab. Es war mir unglaublich peinlich um diese Hilfe zu bitten. Wir waren nur zwei Menschen, die zufällig den gleich Weg hatten. Uns verband sonst überhaupt gar nichts und ich bat ihn nun um körperliche Nähe, die er sonst, bis auf den Umstand das wir nebeneinander in Schlafsäcken in einem Zelt schliefen, geflissentlich vermieden hatte.
„Kein Problem,“ gab er überraschender Weise zurück und ich sah zu ihm hinüber. Er lächelte tatsächlich und ich erwiderte es. Vielleicht hatten wir doch mehr gemeinsam, als ich dachte.
„Zusätzlich habe ich mir überlegt,“ sagte er und zog eine Schnur aus seiner Hosentasche hervor „dass wir uns zusammen binden sollten. Immer werde ich Deine Hand nicht festhalten können, wenn wir z.B. irgendwo drüber klettern müssen oder so. Es ist aber wichtig, dass wir zusammen bleiben und uns nicht verlieren,“ fuhr er fort und legte mir dabei die Schnur, die nicht wirklich stabil aussah, um meine Hüften und band sich das andere Ende um.
„Glaubst Du, die hält?“ fragte ich skeptisch und zog ein wenig daran.
„Ich hoffe es einfach mal, etwas besseres konnte ich leider nicht auftreiben,“ gab er zurück und beäugte seinerseits skeptisch das dünne Band, das uns verband.
„Na ja, wird schon schief gehen, oder?“ gab ich zurück und klang dabei wohl überzeugter als ich mich fühlte
„Eben, Du sagst es. Wollen wir dann los?“ fragte er und nahm wieder meine Hand.
„Ja, lass uns aufbrechen. New York wartet und wenn wir Glück haben, können wir heute Nacht schon in einem richtig, bequemen Bett schlafen,“ lächelte ich und Dwain lachte gutmütig.
„Du kleines Luxusweib,“ zog er mich auf und ich gab ihm einen sanften Schlag auf den Oberarm.
„Gib es doch zu. Die Aussicht auf ein Bett und vielleicht sogar fließendes, nicht ganz so verseuchtes Wasser macht Dich auch an!“
„O.k., o.k.,“ gab er zurück und hob die Hände, ohne allerdings meine los zu lassen „ich ergebe mich. Lass uns los gehen, damit wir bald im Luxus leben können.“
Ich kicherte und lies mich von ihm Richtung Tunneleingang ziehen. Wir mußten uns an einigen Autos vorbeiquetschen, bis wir die ersten Schritte hinein machen konnten.
Ein ganzes Stück des Tunnels wurde von dem diffusen Licht der Sonne erhellt und es schien, als würden wir relativ einfach vorwärts kommen. Der Seitenstreifen war weit gehend frei von Autos, es deutete auch nichts darauf hin, dass irgendwo ein Stück der Decke eingestürzt war und etwas zuversichtlicher machten wir uns auf in die Dunkelheit.

Kapitel 4