Kapitel 2
Besondere Umstände

Am späten Nachmittag erreichten wir schließlich unser Ziel. Wir waren erstaunlich gut vorangekommen, hatten uns immer nahe am Flußbett gehalten. Hier waren früher die Hafengebäude gestanden. Große Lagerhallen, heruntergekommene Bürogebäude und einzelne Baracken der Menschen, die sich nicht den teuren Lebensstil in Jersey City, geschweige denn den in Manhattan hatten leisten können.
Von den einstigen Gebäuden war nicht mehr viel übrig geblieben und teilweise mußten wir über riesige Schuttberge krabbeln, manchmal auch einen kleineren Umweg in Kauf nehmen, wenn wir irgendwo gar nicht weiter kamen.
Doch die Straßen waren nicht, wie in den großen Städten, mit liegen gebliebenen Autos verstopft, es gab keine Straßensperren, die immer ein Hinweis darauf waren, dass es irgendwo noch ein paar verwirrte Schießwütige gab, die noch nicht ganz vestanden hatten, dass der Krieg zu Ende war und keine größere Trümmer von Gebäuden, die uns manchmal einen Umweg von über einer Stunde kosteten.
Je näher wir dem Tunnel kamen, desto mehr Autowracks sahen wir. Der Holland-Tunnel war die einzige Möglichkeit gewesen mit dem eigenen Fahrzeug über den Hudson River in die Stadt zu kommen. Ansonsten verbanden auf dieser Seite nur einige U-Bahn-Tunnel das Festland mit der künstlichen Insel Manhattan.
Schließlich reihte sich ein Auto an das nächste und ich fragte mich, was diese Menschen wohl dazu bewegt hatte, so kurz vor dem Untergang noch nach Manhattan zu fahren.
Immerhin war es ja wohl ab zu sehen gewesen, dass dieser Teil New Yorks eines der ersten Ziele sein würde. Wer brachte sich schon selbst in die Schußlinie?
Die ewigen Zweifler beantwortete ich mir selbst meine Frage. Die Menschen, die nicht wahr haben wollten, dass sich der Krieg längst nicht mehr nur auf der östlichen Halbkugel abspielte.
Schon früh waren Anzeichen von Giftgasanschlägen und biologischen Waffen zu sehen gewesen, doch man hatte es immer auf einen Zufall oder eine einmalige Ausnahme geschoben.
Wer glaubte schon wirklich daran, dass die führenden Köpfe der Welt so doof sein und tatsächlich auf den berühmten roten Knopf drücken würden?
Und was ging uns eigentlich Europa an, wo die ersten „feindlichen“ Truppen über die türkische Grenze geschwappt waren und von dort aus ihr zerstörerisches Werk aufgenommen hatten? Das war ja so weit weg!
Tja, da hatten sich wohl einige schwer verschätzt und unter anderem waren diese Menschen vor und im Holland-Tunnel elendich gestorben.
Der Eingang des Tunnels ragte vor uns wie ein weit aufgerissenes, dunkles Maul eines Raubtieres auf. Der Tunnel selbst war ziemlich genau einen Kilometer lang und es würde darin stockfinster, stickig und äußerst beängstigend sein.
Ich freute mich nicht wirklich darauf, dort hindurch zu gehen, doch wie ich Dwain schon gesagt hatte, blieb uns keine andere Wahl.
Hinzu kam, dass wir keine Ahnung hatten, ob der Tunnel überhaupt passierbar war. Vielleicht war ein Teil eingestürzt und riesige Gesteinsbrocken würden uns tief unter der Erde den Weg versperren.
Unsicher sah ich zu Dwain hinüber, der neben mir stand und nachdenklich auf den Eingang des Tunnels starrte.
„Das dürfte nicht einfach werden,“ sagte er mehr zu sich selbst und lies mit einem Seufzer seinen Rucksack von den Schultern gleiten.
„Was glaubst Du, wie lange wir brauchen werden?“ fragte ich und setzte mich neben ihn auf eine Bank, die ursprünglich einen atemberaubenden Blick auf die Skyline gewährt haben mußte.
„Schwer zu sagen,“ entgegnete er und lies seinen Blick über die Geröllhalde hinüber nach Manhattan gleiten. „Kommt darauf an, wie gut wir voran kommen. Könnte mir vorstellen, dass da drinnen pures Chaos herrscht. Ineinander verkeilte Autos im günstigen, eingestürzte Tunneldecken im schlechtesten Fall.“
Ich nickte, kramte dann im meinem Rucksack und zog die letzte Packung Kekse hervor, die wir unterwegs in einem kleinen Laden gefunden hatten.
Es war in diesen Zeiten schwierig an Lebensmittel und Wasser zu kommen.
Sicherlich, verstrahlt waren sowieso alle, die irgendwie überlebt hatten und die Lebenserwartung der Gattung Mensch hatte sich wohl auf einige wenige Jahre reduziert, aber es gab immer noch ein paar Abstufungen, was die Qualität des Wassers betraf.
Manche Quellen waren so sehr kontaminiert, dass ein einziger Schluck ausreichte um sofort ins Jenseits zu verschwinden.
Dann gab es andere, die hatten so wenig ab bekommen, dass sie den gegenwärtigen Zustand unserer degenerierten Zellen nicht wesentlich verschlechterten.
Wichtig war nur, den Unterschied heraus zu finden und das war nicht gerade einfach.
Am Anfang hatte ich nach jedem Schluck Wasser auf das Ende gewartet. Mittlerweile hatte ich Dwain getroffen und er führte, woher auch immer er dieses Gerät hatte, einen Geigerzähler mit sich.
Ich wußte nicht, wie er dieses Ding wieder zum Laufen gebracht hatte. Vor dem großen Knall war er Ingenieur bei General Motors gewesen. Scheinbar hatte man ihm bei seinem Studium und auch später in der Firma einige nützliche Dinge bei gebracht und es gab kaum ein Gerät, dass er nicht wieder in Gang setzen konnte.
Mit den Lebensmitteln verhielt es sich ähnlich. Die meisten Läden waren relativ schnell geplündert worden. Es herrschte monatelang sozusagen der „Kampf danach“. Die, die auf wunderbare Weise mit dem Leben davon gekommen waren, kämpften nun um das tägliche Überleben. Ein Streit um eine Packung Kekse konnte in diesen Zeiten durchaus zum Tode führen.
Ich biss ein Stück von dem trockenen Keks ab und hielt Dwain die Packung hin.
„Auch noch eine Stärkung, bevor es los geht?“ fragte ich ihn, doch er schüttelte den Kopf.
„Mir ist momentan nicht nach Essen,“ gab er zurück.
Tja, wenn ich danach gehen würde, würde ich wohl nie wieder etwas zu mir nehmen. Aber egal, er mußte selbst wissen, was gut für ihn war.
Auch eine Lektion, die ich lernen mußte: Jeder ist sich selbst der Nächste.
„Also, lassen wir mal alle Unwegbarkeiten beiseite,“ nahm ich das Thema wieder auf „wie lange?“
Dwain zuckte mit den Schultern „zwei, drei Stunden denke ich...aber ich befürchte, da ist wohl eher der Wunsch Vater des Gedankens. Richte Dich mal auf einen halben Tag ein.“
Die letzten Krümel des Kekses blieben mir fast im Hals stecken und ich hustete.
„Einen halben Tag?“ fragte ich entsetzt.
„Wie lange haben wir gebraucht, um von der Fähre hier her zu kommen?“ fragte er zurück.
„Ich schätze so...hm...fünf bis sechs Stunden,“ gab ich zurück.
„Ja...das dürfte ungefähr hin kommen...,“ nickte Dwain. „Tja, die Strecke im Tunnel ist nur ungefähr ein Drittel von dem, was wir bis hierher zurück gelegt haben, aber da drinnen ist es stockdunkel. Wir werden uns an der Wand entlang tasten müssen und wenn es Hindernisse gibt müssen wir die irgendwie überwinden. Ich befürchte, das wird ganz schön anstrengend.“
Ich schluckte die letzten Reste meines Kekses herunter und wandte meinen Blick von seinem besorgten Gesicht ab. Vielleicht hätte ich ihn besser nicht fragen sollen. Er hatte mir nicht wirklich den Mut gegeben, den ich brauchte, um mich stundenlang im Dunkeln durch diese Röhre tasten zu können.
„Meinst Du, wir sollten warten, bis morgen früh? Wenn wir wirklich so lange brauchen, ist es mitten in der Nacht, wenn wir drüben ankommen,“ versuchte ich mich von meiner Angst vor der Dunkelheit und der Enge ab zu lenken.
„Darüber habe ich auch schon nach gedacht. Ich bin müde, nicht wirklich eine gute Voraussetzung um da durch zu gehen,“ entgegnete er und machte dabei eine unbestimmte Bewegung mit dem Kopf Richtung Tunneleingang.
„Hm...,“ stimmte ich ihm zu und sah mich um. Links neben dem Tunneleingang gab es eine kleine Rasenfläche, auf der zwei, drei verkrüppelte Bäume standen. Es würde für heute Nacht reichen.
„Dann baue ich mal das Zelt auf,“ sagte ich und erhob mich.
„Ich helfe Dir,“ meinte Dwain und stand ebenfalls auf.
Wir hatten also noch eine Schonfrist von einer Nacht, bevor unser neues Leben beginnen würde.

Kapitel 3