Kapitel 1
Die Stadt der Träume
Ich hatte die Augen geschlossen und lies mir durch die leichte Brise die vom Hudson-River herüber wehte, das Haar aus dem Gesicht streichen.
Ein paar Möwen schrieen, so, als hießen sie mich am Ufer willkommen und so als wollten sie meine Aufmerksamkeit von der beeindruckenden Stadt vor mir auf sich lenken.
Ich brauchte meine Augen nicht zu öffnen um die Skyline von Manhatten vor mir zu sehen, die Hochhäuser, die sich harmonisch aneinander reihten und deren unzählige Fensterscheiben an einem so sonnigen Tag wie diesem im Licht funkelten.
Gut...die beiden großen Türme des World-Trade Centers gab es nicht mehr. Jene Meilensteine der Architektur, die vor fünf Jahren in die Knie gezwungen und in Schutt und Asche gelegt worden waren.
Statt dessen baute man mittlerweile an den Nachfolgern. Gebäude, die die einstige Pracht wieder herstellen und New York eines ihrer Monumente zurück geben sollten.
Mit immer noch geschlossenen Augen stieg ich auf die Brüstung vor mir und reckte meine Nase noch ein Stückchen höher in den Wind.
Alles schien so friedlich. In ca. einer Stunde würde unsere Fähre ablegen und uns zusammen mit hunderten von Touristen von der Jersey-Seite des Flusses in diese pulsierende Stadt bringen, die angeblich niemals schlief. Vorbei an der Freiheitsstatur, die mit ihrem hochgereckten Arm und dem ernsten Blick über diese Stadt wachte und jeden darin willkommen hieß.
Bring mir Deine Müden, Deine Armen,
Deine geduckten Massen, die sich nach Freiheit sehnen...
Schick diese Heimatlosen, Sturmgebeugten zu mir.
Ich erhebe meine Fackel neben dem goldenen Tor.
Diese Worte waren in ihren Sockel eingemeiselt und es gab wohl nichts, das in meiner momentanen Situation besser gepasst hätte.
Lass uns gehen Becca, wir haben noch einen weiten Weg vor uns, riss mich Dwains ungeduldige Stimme unvermittelt in das Hier und Jetzt zurück.
Lass mich nur noch einen Moment diesen fantastischen Ausblick genießen, bettelte ich, immer noch mit geschlossenen Augen es ist einfach so wundervoll und beeindruckend, dass ich mich noch nicht davon losreißen kann.
Dwain schnaubte hörbar neben mir beeindruckend? Da gebe ich Dir sogar recht....aber wundervoll? Ich befürchte, Du hast doch was von den Viren abgekriegt.
Widerwillig öffnete ich ein Auge und funkelte ihn böse an. Schon mal was von Fantasie gehört? gab ich bissig zurück.
Dwain lies seinen Blick über die Szenerie vor uns gleiten.
Gibt es überhaupt so viel Fantasie um sich das hier so prachtvoll vor zu stellen, wie es einst war? fragte er und ein unglaublich trostloser Unterton schwang in seiner Stimme mit, der mich schließlich veranlasste, auch mein zweites Auge zu öffnen und seinem Blick zu folgen.
Fast erwartete ich, dass mich tatsächlich die strahlenden Fassaden von Manhatten anlächelten, mich willkommen hießen und einluden, doch einige Zeit in ihren tiefen Häuserschluchten zu verbringen.
Doch die Realität rastete mit einem brutalen Ruck vor meinen Augen ein und zurück blieb das, was wir seit zwei Jahren täglich zu sehen bekamen.
Die Sonne schien natürlich nicht. Wie auch? Der Himmel wurde von aufgewirbeltem Staub, giftigen Dämpfen und wer weiß was noch alles, verschleiert.
Der Hudson River glitzerte nicht in einem tiefen Blau, wie ich es eben noch vor meinem geistigen Auge gesehen hatte.
Genau genommen existierte der Fluß an sich nicht mehr. Das Flußbett war noch da, doch statt dem kühlen, erfrischenden Naß, war es angefüllt mit Unrat, Dreck, Müll und Trümmern. Ein unregelmäßiges Band aus Geröll und Schutt trennte jetzt New Jersey von Manhattan, das Bild eines kläglichen Versuches, in das einstige Aushängeschild Amerikas wieder so etwas wie Ordnung zu bringen.
Es gab auch keine Möwen mehr...zumindest hatte ich seit zwei Jahren keine mehr gesehen. Statt dessen unglaublich viel Ungeziefer. Insekten schienen sich den jetzigen, veränderten Lebensbedingungen schneller und besser angepasst zu haben, als jegliche andere Spezies auf diesem Planeten...uns Menschen ein geschlossen.
Mein Blick wanderte weiter zu der einst so beeindruckenden Skyline von Manhattan. In gewissem Sinne war sie auch heute noch beeindruckend, doch aus einem vollkommen anderen Grund als noch vor gut zwei Jahren.
Heute verkörperten die noch stehenden Gerippe der Häuser, die Trümmerberge dazwischen, die Fenster, von denen jedes einzelne geborsten war und nun blind in die Welt schauten, den Untergang der Zivilisation, wie wir sie bisher gekannt hatten.
Es schien ein Mahnmal zu sein, das uns zu schrie seht her, DAS habt ihr aus Eurer Welt gemacht, die Euch von Gott anvertraut wurde. Ihr habt gerade mal ein paar Tausend Jahre dazu gebraucht, sie zu zerstören. Wirklich eine großartige Leistung!
Es hatte, aus heutiger Sicht, relativ harmlos angefangen. Mit zwei Flugzeugen, die in die beiden Tower des World-Trade-Centers einschlugen und über fünftausend Menschen mit in den Tod rissen.
Die Welt hatte damals aufgeschrieen, das Wort Terrorismus erreichte eine ganz neue Dimension. Und natürlich hatte es sich die versnobte, hochnäsige und aus ihrer Sicht so kultivierte westliche Welt nicht nehmen lassen, ihre Toten zu rächen.
Am Anfang wurde vom Kampf gegen den Terrorismus gesprochen, dann wurde es irgendwann der Kampf für den Frieden, dann der Kampf für die Freiheit und schließlich beendeten einige wohlplatzierte Atom- und Giftgasbomben den Streit, wer denn nun der eigentliche Herrscher der Welt war.
Der letzte Akt hatte sich in einem einzigen Tag vollzogen. Ich hatte das Geschehen an einem Fernsehbildschirm in einem Bunker verfolgt...zumindest so lange bis der Strom endgültig ausfiel. Danach herrschte einfach nur noch Chaos, Wahnsinn und Tod.
Das letzte Bild, bevor der Fernseher dunkel wurde, hatte sich in mein Gehirn unauslöschlich eingebrannt. Ein Krankenhaus...sofern man dieses zerfallene Gebäude noch so nennen konnte, mit schreienden, verunstalteten Patienten. Noch heute fragte ich mich, warum ausgerechnet ich mit dem Leben davon gekommen war.
Doch ich würde wohl auch diesmal keine Antwort darauf finden, also wandte ich mich Dwain zu und klopfte ihm auf die Schulter.
Na dann los, bis zum Tunnel ist es noch ein ganzes Stück.
Wir könnten auch versuchen hier rüber zu gehen, überlegte Dwain und besah sich die Schuttberge vor uns genauer.
Vergiss es. Wenn Du Glück hast, brichst Du Dir nur den Knöchel.
Und wenn ich Pech habe?
Wirst Du vorher umgebraucht oder Du brichst Dir direkt das Genick.
Dwain warf noch einen letzten sehnsüchtigen Blick auf das Chaos vor uns und wandte sich dann ab.
Ich hasse es, wenn Du recht hast, murrte er und schulterte seinen Rucksack.
Ich weiß, gab ich lächelnd zurück und nahm ebenfalls meinen Rucksack auf.
Dann setzten wir uns Richtung Norden in Bewegung, unser Ziel der Holland Tunnel, unser Eingang in die Stadt der Träume.