Kapitel 34

Sarah lehnte ihren Kopf an das Glas des Beifahrerfensters. Sie konnte es immer noch kaum fassen. Sie war zurück in Florida und sie würde bald, nach über zwei Jahren, wieder ihren Eltern gegenüber stehen.
Sie versuchte die Geschehnisse von vor drei Tagen in ihrem Kopf ganz weit nach hinten zu schieben. Sie würde die nächsten Wochen genug Zeit haben, über Eves Tod und die ganze restliche Geschichte nach zu denken. Sie hoffte, das sie für sich selbst einen befriedigenden Abschluss der Geschehnisse finden konnte.
Für die Polizei hatte es diesen Gott sei Dank schon gegeben. Nachdem sie das Beweismaterial gesichtet, Carvelliens Anwesen durchsucht und Sarah stundenlang verhört hatten, konnte sie gehen. Dar Fall war zwar noch nicht komplett abgeschlossen und es würde noch eine letzte Verhandlung geben, aber Sarah durfte nach Hause zurück kehren und das war für sie im Moment das Wichtigste.
Tatsächlich gab es niemanden mehr, der ihr noch irgendwie gefährlich werden konnte. Carvellien, Josh und Bo waren alle im Kugelhagel um gekommen und Sarah weinte ihnen keine einzige Träne nach. Sie hatten lediglich das bekommen, was sie verdienten.
Ganz anders verhielt es sich mit Eve. So sehr Sarah auch davon getroffen war, das Eve sie verraten hatte, so sehr vermisste sie sie auch. Fast genau so schlimm war die unbeantwortete Frage nach dem warum. Sarah konnte nur ansatzweise erahnen, was Eve dazu getrieben hatte, sich gegen ihre eigenen Schwester zu stellen und sogar ihren Tod in Kauf zu nehmen.
A.J.s Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Müssen wir hier schon abbiegen?“ „Nein, es sind bestimmt noch 15 Meilen.“ „Oh, o.k..“ Wieder senkte sich wohltuendes Schweigen über den Wagen.
Wieder einmal sah sie voller Dankbarkeit zu A.J. hinüber. Sie wollte sich lieber gar nicht erst vorstellen, wie diese Sache ohne ihn ausgegangen wäre. Er stand von Anfang an uneingeschränkt auf ihrer Seite, hatte sie beschützt und unterstützt. Sie fühlte sich ihm so nahe. Und doch waren sie die letzten drei Tage mehr wie Bruder und Schwester als wie Freund und Freundin gewesen. Sie hatten zusammen in A.J.s Apartment gelebt, aber keiner von ihnen hatte auch nur den Ansatz eines erneuten Annäherungsversuchs gewagt.
Was Sarah betraf, so wußte sie sehr wohl, warum sie dem Bedürfnis ihn zu küssen, das sie ca. alle fünf Minuten überkommen hatte, nicht nachgegeben hatte. Ihr Leben war auch so schon kompliziert genug. Sie musste ihren Eltern klar machen, warum sie die letzten zwei Jahre wie vom Erdboden verschwunden gewesen war und sie darüber hinweg trösten, das ihre andere Tochter nie wieder nach Hause kommen würde. Sie selbst hatte die Geschichte um Carvellien, die Diamanten, ihre Entführung und nicht zu letzt Eves Tod zu verarbeiten. Sie konnte nicht erwarten, das A.J. so lange warten würde, bis sie sich selbst wieder im Griff hatte. Er hatte sein eigenes Leben und damit auch seine eigenen Probleme. Soweit sie mit bekommen hatte, hinkten sie inzwischen mit den Aufnahmen für das neue Album um Tage hinterher. Es wartete also jede Menge Arbeit auf ihn, ein weiterer Grund ihn nicht zusätzlich zu belasten.
Wie so oft, gingen A.J.s Gedanken in eine ähnliche Richtung. Er dachte daran, das er sich jetzt bald von Sarah verabschieden musste und wenn er die Zeichen der letzten drei Tage richtig deutete, dann wollte sie auch nicht, das sie weiterhin Kontakt hielten. Auf der einen Seite konnte er sie verstehen. Immerhin hatte sie in den letzten zwei Jahren einiges erlebt und durch gemacht und sie brauchte jetzt wohl einfach ein wenig Zeit für sich und so etwas wie Stabilität in ihrem Leben.
Andererseits war er davon überzeugt, das er ihr dabei helfen konnte, sich wieder in ihrem Leben zurecht zu finden. Doch wahrscheinlich würde das ihr Stolz und ihre unglaubliche Dickköpfigkeit sowieso nicht zulassen. Wenn er ehrlich war, waren es wohl eher rein egoistische Motive, die ihn hoffen ließen, das sie es sich doch noch einmal anders überlegte. Er wollte sie nicht wieder hergeben, sondern in ihrer Nähe sein, morgens neben ihr aufwachen und ihr wunderschönes Gesicht betrachten. Doch das würde wohl ein Wunschtraum bleiben.
Und so saßen sie schweigend neben einander im Wagen, jeder in seine eigenen, dunklen Gedanken vertieft.
Schließlich kam dann doch die Abfahrt und vorbei an Maisfeldern und üppigen Sumpflandschaften näherten sie sich Sarahs Elternhaus. Sie hatte darauf bestanden, ihre Eltern vorher nicht anzurufen, sondern einfach auf gut Glück los zu fahren. „Ich kann ihnen das alles sowieso nicht am Telefon erklären. Ich will ihre Reaktion sehen, wenn ich ihnen gegenüber stehe. Vielleicht wollen sie mich ja gar nicht mehr haben.“ An diesem Punkt hatte A.J. ihr vehement widersprochen, doch sie lies seine Einwände nicht gelten.
Als sie das Ortsschild passierten, begann Sarahs Herz vor Aufregung schneller zu schlagen. Ob sich ihre Eltern wohl verändert hatten? Und wie würden sie auf sie reagieren?
Gleich darauf dirigierte Sarah A.J. in die Straße, in der ihre Eltern wohnten. Alles schien noch so, wie sie es verlassen hatte. Es handelte sich um eine typische Vorstadtsiedlung. Kleine, weiße Holzhäuschen reihten sich aneinander und die Grundstücke waren nur durch die Form der Vorgärten von einander zu unterscheiden.
Sarah bedeutete A.J. anzuhalten und als er vor einem Haus mit bunten Blumen und einem riesigen Kirschenbaum im Garten den Motor abstellte, faltete Sarah ängstlich die Hände im Schoß. Jetzt war es also soweit.
Sie beugte sich hinunter und zog aus ihrem Rucksack, der zwischen ihren Füßen stand, zwei kleine Beutel hervor. Sie öffnete den einen und schüttete den Inhalt auf die offenen Klappe des Handschuhfaches. Bunte Jelly-Beans kullerten in alle Richtungen davon. Sarah lächelte traurig.
Als ein Polizist ihr den kleinen, unversehrten Lederbeutel überreichte, waren Sarah Tränen über die Wange gelaufen. Diese List hatte ihre Schwester auch nicht gerettet.
Entschlossen griff sie nach dem zweiten Beutel. Vorsichtig öffnete sie ihn und griff hinein. Als sie ihre Hand wieder heraus zog, lag ein kleiner, glitzernder Diamant auf ihrer Handfläche.
„Ich weiß,“ sagte sie an A.J. gewandt „dass das hier in keinster Weise ausreichend ist für das, was Du für mich getan hast....“ „Ich glaube, wenn Du jetzt weiter redest, muss ich Dir den Hintern versohlen,“ sagte A.J. ernst. Sarah lächelte „ich denke, das wird nicht nötig sein. Ich möchte nur, das Du vielleicht ab und zu mal an mich denkst und das hier in Ehren hältst,“ und mit diesen Worten griff sie nach seiner Hand und lies den kleinen Stein hinein gleiten. „Ich brauche keinen Diamanten um mich an Dich zu erinnern....“ „Ich möchte trotzdem, das Du ihn bekommst. Es ist mir einfach sehr wichtig.“ A.J. sah traurig auf den Stein hinunter „ich würde den Stein sofort gegen Dich eintauschen. Meinst Du nicht Du könntest...,“ „nein,“ unterbrach sie ihn schnell „Du hast Dein eigenes Leben und ich muss meines erst mal wieder auf die Reihe bringen. Du bist mir sehr wichtig, aber gerade weil Du das bist, werde ich jetzt gehen.“ „Bitte...,“ „nein,“ sagte sie erneut und diesmal sehr bestimmt.
Ihr Herz wurde weich, als sie seinen traurigen Gesichtsausdruck sah. Doch sie wussten wohl beide, das es keine andere Möglichkeit für sie gab. Sie beugte sich zu ihm hinüber und nahm ihn ein letztes Mal fest in die Arme „ich danke Dir für alles und schwöre Dir, das ich Dich niemals vergessen werde,“ sagte sie mit erstickter Stimme. „Dito,“ brachte er leise heraus und seine Lippen streiften dabei federleicht ihren Hals. Beinahe hätte diese Berührung ihren Entschluss ins Wanken gebracht. Warum musste sie eigentlich gehen? Warum blieb sie nicht einfach hier in dieser wundervollen Umarmung, bei dem Menschen, bei dem sie sich geborgen fühlte und der sie nur durch eine flüchtige Berührung zum Zittern brachte?
Doch in diesem Moment lies er sie los und der kurze Moment des Zweifels war vorbei. „Du solltest jetzt besser gehen, bevor ich Dich nicht mehr gehen lassen kann,“ sagte er und Sarah sah, wie sich seine Gesichtsmuskeln verspannten, als er die Zähne fest aufeinander presste. Sie nickte und öffnete die Autotür. Sie hievte ihren Rucksack heraus und nach einem letzten Blick in seine warmen, braunen Augen schlug sie entschlossen die Tür hinter sich zu.
Im selben Moment startete er den Motor und brauste mit quietschenden Reifen davon. Sarah blickte ihm nach, bis er um die nächste Ecke verschwunden war. Grenzenlose Traurigkeit breitete sich in ihr aus. Sie hatte weder seine Telefonnummer, noch wußte sie, wo er in Florida wohnte. Ob sie ihn jemals wieder sehen würde?
Ein lauter Schrei hinter ihrem Rücken lies sie erschrocken herum fahren. „Russel...oh mein Gott...Russel...komm schnell...Sarah ist wieder da,“ und schon hastete die kleine, runde Frau mit den blonden Locken die Treppe der Veranda herunter. Sarahs Gesicht erstrahlte. Ihre Mutter hatte sich in der langen Zeit kaum verändert. Vielleicht hatte sie ein paar Falten mehr im Gesicht und die Linien um ihren Mund waren, wohl vor Kummer, tief eingegraben, aber als Sarah in der warmen, weichen Umarmung versank, war dies erst einmal alles vergessen. Sie war wieder zu Hause, sie würde ihr Leben wieder aufnehmen, endlich wieder ein Mensch sein und nicht ein Roboter der nur am Leben blieb, weil er zu feige zum Sterben war. Heute war ein schöner Tag und Sarah war sich sicher, das alles gut werden würde.

The End

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