Kapitel 31

Josh beobachtete die Tiefgaragenausfahrt durch halb geschlossene Augenlider. Wie lange würden die wohl noch brauchen? Sie waren jetzt schon ewig in dem Apartment. Er hoffte nur, das sie nicht warten würden, bis es wieder hell wurde. Das Wageninnere wurde mit jeder Minute enger und schien sich wie eine Faust aus Blech um ihn zu schließen.
Er überlegte, ob diesem Möchtegern-Popstar wohl aufgefallen war, das sie verfolgt wurden. Höchstwahrscheinlich, beantwortete er sich seine Frage gleich selbst. Der Wagen vor ihm war plötzlich merklich langsamer geworden um dann mit einem Affenzahn davon zu fahren. Doch es war jetzt nicht mehr zu ändern. Wenn sie nicht dran blieben, würden sie wahrscheinlich nie an das Beweismaterial heran kommen und somit schneller als ihnen lieb sein konnte im Gefängnis landen. Er machte sich keine Illusionen. Wenn es ihm irgendwie möglich war, würde Carvellien versuchen, zumindest einen Teil der Schuld auf ihn und Bo abzuwälzen.
Sie hatten eine Weile darüber diskutiert, ob es klüger war, direkt an der Central Station auf Sarah zu warten. Doch theoretisch konnte das Tage dauern. Es währe nicht ganz einfach, sich stundenlang unauffällig im Bahnhof herum zu drücken um das Schließfach im Auge behalten zu können. Also hatten sie beschlossen, A.J. und Sarah zu folgen. Erst wenn sie sicher sein konnten, das sie den Schlüssel bei sich hatten, würden sie zu schlagen. Und so wie es aussah, konnten sie sich dessen erst sicher sein, wenn Sarah das Fach geöffnet hatte.
Plötzlich sah er die Garagenausfahrt im Licht eines Scheinwerferpaares aufleuchten und gleich darauf schoß A.J.s Wagen aus der Auffahrt. Hastig lies Josh den Motor an. Das Auto fuhr nicht weit von ihnen entfernt vorbei und Josh konnte im Dunkeln zwei Gestalten im Wageninneren erkennen. Unmöglich zu sagen, ob es sich tatsächlich um A.J. und Sarah handelte. „Das stinkt,“ murmelte Bo neben ihm und starrte weiter auf die Garagenausfahrt. „Du meinst, er hat den Wagen getauscht und versucht uns so abzulenken?“ Bo zuckte mit den Schultern „ich kann mir kaum vorstellen, das er nicht mitbekommen hat, das wir ihn verfolgen. Er währe schön blöd, wenn er es nicht wenigstens mit einem Ablenkungsmanöver versuchen würde.“ „Also?“ „Wir warten,“ entschied Bo und lies dabei die Auffahrt keine Sekunde aus den Augen. „Aber wenn...,“ „Schnauze,“ blaffte Josh Eve an, ohne sie dabei anzusehen. Er hörte, wie sie hinter ihm Luft holte, um zu einer entsprechenden Erwiderung anzusetzen, als erneut ein Wagen aus der Tiefgarage rollte. Es handelte sich um einen Ford Explorer und es saßen zwei Personen im Fond. Sie bogen in die entgegengesetzte Richtung wie A.J.s Wagen ab und Josh beeilte sich, aus der Parklücke zu stoßen und den Wagen einzuholen. „Ich hoffe für Euch, das sie das wirklich sind,“ hörten sie Carvellien von der Rückbank murmeln. „Ich bin mir so gut wie sicher,“ entgegnete Josh und bog hinter dem Ford auf die belebte Fivth Avenue ein. Er atmete erleichtert auf. Auf Manhatten war eben verlass. Es herrschte gerade soviel Verkehr, das A.J. einen ihn verfolgenden Wagen nicht bemerken würde, Josh ihm aber ohne größere Anstrengung folgen konnte. Ein triumphierendes Lächeln spielte um seine Lippen. Der Zeitpunkt der Abrechnung rückte in greifbare Nähe.

Sarah drehte sich immer wieder unruhig auf ihrem Sitz herum um die Straße hinter sich zu beobachten. Als sie in Kevins Ford aus der Tiefgarage gefahren waren, hatte sie für einen Moment geglaubt, das ihnen ein Wagen folgte, doch hier auf der belebten Fivth Avenue waren so viele Lichter, das sie sich schließlich ein wenig beruhigt zurück in ihren Sitz kuschelte. „Glaubst Du, wir haben sie abgehängt?“ fragte A.J. „Ich weiß es nicht. Spielt es denn überhaupt noch eine Rolle? Wir haben sowieso keine andere Wahl.“ „Wo Du recht hast....“ Er konzentrierte sich wieder auf die Straße, und schweigend legten sie den Rest der Strecke zurück. Als sie schließlich auf dem Parkplatz vor der riesigen Bahnhofshalle anhielten, stellte A.J. den Motor ab und blieb für einen Moment mit im Schoß gefalteten Händen sitzen. „Soll ich nicht doch lieber alleine hinein gehen?“ fragte Sarah, da sie sein Zögern fälschlicher Weise als Unentschlossenheit gedeutet hatte. „Nein, auf keinen Fall. Ich habe nur gerade überlegt, ob es ratsam ist, den Haupteingang zu benutzen.“ „Da sind die meisten Menschen und wir werden am wenigsten auffallen, denke ich,“ erwiderte Sarah und warf einen letzten Blick hinter sich. Auf dem Parkplatz standen, trotz der frühen Morgenstunde, Unmengen von Autos. Wagen kamen und gingen und es war unmöglich auszumachen, ob sich jemand speziell für sie interessierte. „Na komm, legen wir los,“ sagte Sarah und öffnete die Beifahrertür. „Warte,“ A.J.s warme Hand legte sich auf ihren Arm. „Was ist?“ Sarah rutschte zurück ins Wageninnere und schloss die Tür. „Ich...möchte nur noch einmal...also...,“ druckste A.J. herum, dann beugte er sich einfach zu ihr hinüber und küsste sie sanft. „Wer weiß, ob wir das irgendwann nochmal machen können,“ flüsterte er mit rauer Stimme. „Danke für Deine aufmunternden Worte,“ flüsterte Sarah ironisch zurück und küsste ihn dann ihrerseits. Danach sahen sie sich für einen Moment in die Augen, so als wollten sie sich diesen Augenblick für immer in ihr Gedächtnis einbrennen, holten gleichzeitig tief Luft und öffneten die Türen des Wagens. Wenig später hatte sie die Menschenmasse, die mit ihnen in den Bahnhof hinein strömte, verschluckt.

„Ich hab’s gewusst,“ triumphierte Josh und blickte A.J. und Sarah nach, die Hand in Hand dem Bahnhof zustrebten. In Windeseile war er aus dem Wagen gesprungen und nahm die Verfolgung auf. Bo folgte direkt hinter ihm, Carvellien und Eve hielten ein wenig Abstand. A.J. und Sarah durchquerten die Bahnhofshalle und wandten sich dann nach links. Möglichst unauffällig schoben sich Josh und Bo durch die Menschenmassen hindurch. Als sie um eine Ecke bogen, sahen sie A.J. und Sarah gerade in dem Gang, der zu den Schließfächern führte, verschwinden. Mit einer fließenden Handbewegung griff Josh unter sein Jackett und zog seine Waffe hervor. Bo tat es ihm gleich und vorsichtig betraten sie den langen Gang der verlassen vor ihnen lag. Von A.J. und Sarah war nichts zu sehen.

Kapitel 32