Kapitel 28

Sarah hielt in ihrer Erzählung inne und starrte abwesend aus dem Beifahrerfenster. Die Erinnerung an diese Nacht stand ihr überdeutlich vor Augen und das Gefühl der Taubheit, das sie damals vor knapp einem halben Jahr befallen hatte, schien sich erneut wie eine eiskalte Decke über sie zu legen. A.J. warf einen besorgten Blick zu ihr hinüber. Es war unglaublich, was sie alles durchgemacht hatte und es grenzte fast an ein Wunder, das sie jetzt hier mit klarem Verstand und beinahe unversehrt neben ihm saß.
Er beschloss, ihr noch ein wenig Zeit zu geben und konzentrierte sich wieder auf die nächtliche Straße. Sie würden noch gut eine Stunde bis Manhatten brauchen. Er versuchte sich vorzustellen, was dort auf ihn zukam. Es würde nicht einfach sein für eine gesuchte Mörderin und einen Popstar, dessen Gesicht die halbe Welt kannte, unbehelligt an das Schließfach in der Central Station heran zu kommen. Für einen kurzen Moment überlegte er, ob er ihr überhaupt einen Gefallen damit tat, wenn er sie begleitete. Womöglich erregten sie so mehr Aufmerksamkeit, als es ihnen lieb sein konnte. Doch das Bedürfnis in ihrer Nähe zu sein und sie zu beschützen war größer, als die Vernunft. Er würde sie nicht noch einmal alleine los ziehen lassen.
Sarahs Gedanken liefen in diesem Moment in die gleiche Richtung. Sie sah den Raum mit den unzähligen Schließfächern vor sich und dachte an ihre unangenehme Begegnung mit dem Polizisten zurück. Würde es ihr helfen, wenn sie einen bekannten Popstar an ihrer Seite hatte? Oder würde er zuviel Aufmerksamkeit auf sich und damit auch auf sie ziehen? Hatte sie überhaupt das Recht, ihn noch tiefer in diese Geschichte hinein zu ziehen? Doch sofort wurde ihr klar, das sie höchstwahrscheinlich sowieso keine andere Wahl hatte. Sie war sich ziemlich sicher, das er sie begleiten würde, egal was sie sagte. Allein der Umstand, das sie jetzt hier bei ihm im Auto saß und nicht mehr hilflos mit ihrem Gipsfuß im Zaun hing, sprach Bände.
Sie seufzte leise. Ob ihr Leben irgendwann wieder in geregelten Bahnen verlaufen würde? Ob sie irgendwann morgens aufwachen und keine Angst mehr vor dem beginnenden Tag haben würde?
Ungewollt kamen ihr wieder die längst vergangenen Bilder von dem missglückten Mordversuch an Eve in den Sinn. Das Erlebte lief erneut wie ein Film vor ihrem geistigen Auge ab. Dabei schienen einige Sequenzen intensiver, strahlender, eindringlicher zu sein, als andere. Sie sah überdeutlich den dünnen Faden roten Blutes, der Eve den Mundwinkel hinunterlief und das Glänzen von Bos Glatze im Schein der Lampe. Dann sah sie Carvellien in ihr Blickfeld treten. Obwohl sie es damals von ihrem Platz im Schrank nicht hatte sehen können, schienen seine fast schwarzen Augen vor Bösartigkeit zu glitzern. Seine raubtierhaften Bewegungen ließen sie frösteln und als er die Hand hob und Eve die Waffe an die Schläfe drückte, krampfte sich Sarahs Magen zusammen. Obwohl sie unsagbar erleichtert war, das ihre Schwester nicht tod war, fragte sie sich doch, wie sie diesen Schuss überlebt hatte. Eine leise Stimme in ihrem Kopf meldete Zweifel an der ganzen Szenerie an, doch Sarah drängte sie mit aller Macht beiseite. Eve hatte eben Glück gehabt. Carvellien hatte nicht richtig getroffen, sie vielleicht nur um wenige Millimeter verfehlt, sie nur gestreift. Von ihrem Platz im Schrank hatte sie es ja auch nicht richtig sehen können. Gleich darauf sah sie sich selbst aus ihrem dunklen, engen Versteck stürzen, das triumphierende Grinsen auf Carvelliens Gesicht und die Hand, mit der er erneut die Waffe hob...Stop...da stimmte doch etwas nicht, oder?. Wie mit Hilfe eines Videorekorders spulte sie die Szene in ihrem Kopf zurück. Erneut stürzte sie aus dem Schrank, wieder hob Carvellien die Pistole. Und da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.
Scharf sog sie die Luft ein, sodass A.J. alarmiert zu ihr hinüber blickte. „Was ist?“ fragte er. „Er hat die Waffe vertauscht,“ entgegnete Sarah und ihre Stimme schien von sehr weit her zu kommen. Ihr Gehirn versuchte noch, diese unglaubliche Entdeckung in ihren Gedanken-Film einzuarbeiten, doch sie spürte bereits die riesige Flutwelle der Erkenntnis auf sich zu rollen. Diese Welle würde ihr ganzes Weltbild über den Haufen rennen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche und sie versuchte krampfhaft, einen geeigneten Schutz dagegen zu finden. Doch schon hatten sie die Schlussfolgerungen dieses einfachen Gedankens erreicht und türmten sich vor ihr als unüberwindbare Mauer auf.
Warum sollte Carvellien die Waffen vertauschen? Er hatte nur einen Schuss aus der ersten Pistole abgegeben und zwar auf Eve. Also konnte man wohl davon ausgehen, das sich noch genug Munition in ihr befand um auch Sarah aus zu schalten. Wenn also nicht die Menge der Munition der Grund war, war es vielleicht die Art der Patronen. Die sah die verstohlene Handbewegung, mit der Carvellien die erste Waffe in der Jackentasche verschwinden lies und eine Andere aus ihr hervor zog. Bisher war ihr diese Bewegung glatt entgangen. Sie hatte nur immer wieder Eve zusammen brechen sehen, den überraschten Gesichtsausdruck auf ihrem Gesicht und ihre Augen, die sich im Fallen verdrehten.
Carvelliens Bewegung alleine währe vielleicht noch nicht einmal so verdächtig gewesen, wenn nicht die andere Waffe einen entscheidenden Unterschied aufgewiesen hätte. Die Waffe mit der er auf Eve geschossen hatte, leuchtete in Sarahs Erinnerung für einen Moment silbern im Schein der Lampe auf. Genauer hatte sie diese nicht erkennen können, doch sie könnte alle Eide schwören, das sie matt silbern gewesen war. Die Waffe, die Carvellien schließlich auf sie richtete, war allerdings dunkel wie die Nacht. Schwarz, vom Griff, über den Lauf bis hin zur Mündung, die sie für einen Moment mit gebleckten Reißern anvisiert hatte.
Zitternd stieß Sarah die angehaltene Luft aus. A.J.s Stimme drang in ihr Bewusstsein und überrascht drehte sie sich zu ihm herum. Sie hatte ganz vergessen, das er neben ihr saß. Scheinbar hatte er auch schon eine Weile versucht, zu ihr durchzudringen, denn er blickte mit besorgtem Stirnrunzeln zu ihr hinüber, seine Hand ruhte auf ihrer Schulter und der Wagen war merklich langsamer geworden.
Als er merkte, das sie gedanklich wieder im Auto weilte, nahm er die Hand von ihrer Schulter und lenkte den Wagen an den Straßenrand. Er schaltete den Motor aus und drehte sich in seinem Sitz zu ihr herum. „Warum halten wir an?“ fragte Sarah und blickte irritiert in seine vor Besorgnis dunklen Augen. „Warum?“ Hm...laß mich nachdenken. Vielleicht, weil ich seit einer geraumen zeit versuche mit Dir zu reden, aber keine Antwort erhalte? vielleicht weil Du weiß wie die Wand geworden bist und plötzlich aufgehört hast zu atmen? Jedenfalls nicht, weil ich dringend mal pinkeln muss,“ beendete er seinen Monolog.
Unweigerlich musste Sarah lächeln und sie fühlte, wie der Drück auf ihrer Seele ein wenig nach lies. Nicht zu ersten mal heute Nacht war sie dankbar, ihn an ihrer Seite zu wissen. Als sie immer noch nichts sagte, beschloss A.J. den ersten Schritt zu tun.
„Du bist also sicher, das Carvellien die Waffe vertauscht hat?“ „Ja, leider,“ Sarahs Stimme war nicht mehr als ein Flüstern „es kann garnicht anders gewesen sein. Die Waffe mit der Carvellien auf Eve geschossen hat war silbrig, die Pistole die er auf mich richtete war schwarz. Ich kann garnicht glauben, das mir das bisher nicht aufgefallen ist,“ ungläubig schüttelte sie den Kopf. „Was letzten Endes bedeutet...?“ A.J. überlies es absichtlich ihr, sich der Wahrheit zu stellen. Er fühlte keine Genugtuung, das ihn sein erstes Gefühl in Bezug auf Sarahs Schwester nicht getrogen hatte. „Es bedeutet..das...Eve...nicht angeschossen wurde, das Carvellien irgendetwas mit den Patronen gemacht hat...das er schon vorher zwei verschiedene Waffen eingesteckt hat...,“ sie sah zu A.J. hinüber und erkannte, das sie nicht umhin kam, ihren schrecklichen Verdacht aus zu sprechen. „Es bedeutet höchstwahrscheinlich, das Eve mit Carvellien unter einer Decke steckt.“ Jetzt war es heraus und die Worte schienen Substanz zu haben und drohend über ihren Köpfen an der Wagendecke zu schweben. „Ich glaube, Carvellien hat bei Eve Platzpatronen benutzt. Deshalb ist sie noch am Leben.“ „Warum sollte er das tun?“ „Sie wollten mir Angst machen. Auch Eve wußte zu diesem Zeitpunkt nicht, wo die Diamanten und das Beweismaterial waren. Carvellien dachte wohl, das er mich durch diese Aktion eher zum Reden bringt.“ „Und Eves Hilfe heute Nacht?“ fragte A.J., dem langsam die gesamte Tragweite von Sarahs Worten aufging.
Sarahs Kopf ruckte erschrocken zu ihm herum. Für einen Moment verharrte ihr Blick auf seinem Gesicht, dann drehte sie sich abrupt in ihrem Sitz herum. Wenn Eve mit Carvellien gemeinsame Sache machte, dann war ihre Hilfe zur Flucht wohl auch nichts weiter als ein Manöver in diesem Spiel, das Sarah noch nicht ganz durchschaute. Höchstwahrscheinlich wurden sie also schon seit Carvelliens Anwesend verfolgt. Doch durch die Heckscheibe konnte sie lediglich die undurchdringliche Schwärze der Nacht erkennen.
„Ich möchte gerne glauben, das sie mir tatsächlich ganz uneigennützig zur Flucht verholfen hat,“ sagte sie, mehr zu sich selbst, doch den Rest des Satzes lies sie unausgesprochen. Zu sehr schmerzte sie die Wahrheit, die sie vielleicht noch vor A.J. leugnen konnte, aber nicht vor sich selbst.
A.J. lies den Motor an „was auch immer hinter dem Ganzen steckt,“ sagte er und stellte den Hebel der Automatik auf Drive „wir sollten auf jeden Fall so schnell wie möglich zur Polizei gehen.“
„Du hast recht,“ entgegnete Sarah widerwillig, als sich der Wagen in Bewegung setzte. „Lass uns zu Deinem Apartment fahren. Je eher wir die Sache hinter uns bringen, desto besser.“

Kapitel 29