Kapitel 25

Draußen war es stockdunkel. Sarah blickte sehnsüchtig aus dem kleinen Dachfenster und wartete. Eve hatte ihr versprochen, sich um Josh zu kümmern und ihr die Tür aufzuschließen, sobald sie sicher war, das Carvellien und Perkins im Bett lagen. Sarah fühlte sich schwach und aufgeputscht zu gleich. Ihr Gipsbein tat nicht mehr so entsetzlich weh, so das sie hoffte, zumindest bis zu einer größeren Straße zu kommen, wo sie hoffentlich jemand mitnehmen würde. Ihr Schädel brummte immernoch von dem Schlag, den Josh ihr verpasst hatte und dort wo sie sein Stiefel getroffen hatte, prangte ein schmerzender Bluterguss. Doch ihr Hirn funktionierte auf Hochtouren. Sie musste zu erst an den Schlüssel zum Schließfach kommen und dazu brauchte sie A.J.. Bei dem Gedanken an ihn machte ihr Herz einen Satz. Wie kam es bloß, das allein sein Name sie schon so in Aufregung versetzte? Sie kannte ihn doch kaum. Doch es blieb ihr keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, denn sie hörte, wie der Schüssel im Schloss gedreht wurde. Gleich darauf betrat Eve den Raum. „Alles klar,“ flüsterte sie „Josh schläft wie ein Baby. Hoffentlich habe ich das Schlafmittel richtig dosiert.“ „Willst Du nicht doch mitkommen?“ fragte Sarah und blickte Eve bittend an. Doch diese schüttelte den Kopf. „Nein, es ist besser, wenn ich hier bleibe. Carvellien denkt immer noch, das er mich vielleicht eines tages rum kriegt. Sollte etwas schief gehen, ist das vielleicht unsere einzige Chance. Vergiss nicht, er wird alles tun um Dich zu finden. Es ist ganz gut, wenn ich an der Quelle bleibe und Dir vielleicht von hier aus helfen kann.“ Sarah nickte widerwillig. Im Grunde wußte sie, das Eve recht hatte. Doch der Gedanke widerstrebte ihr zutiefst, sie hier zurück zu lassen. „Es ist ja nicht für lange Zeit,“ versuchte Eve sie zu beruhigen und sah sich immer wieder nach der Tür zum Turmzimmer um. „Du besorgst das Beweismaterial und holst mich dann hier heraus. Das haben wir doch alles schon besprochen, oder?“ „Sicher,“ Sarah nickte. „Gut, hier ist noch etwas Geld, Du wirst es wahrscheinlich gebrauchen können.“ In Sarahs Augen sammelten sich Tränen „das ist wirklich lieb von Dir...ich weiß garnicht...was ich sagen soll,“ sie schniefte. „Am besten garnichts. Mach das Du hier weg kommst. Je länger wir hier stehen und diskutieren um so gefährlicher wird es.“ „Du hast ja recht,“ entgegnete Sarah und straffte sich. „Dann mal los,“ und leise schlich sie Eve hinterher, den Gang entlang und die endlosen Treppenstufen hinunter. Ihr Gipsfuß verursachte bei jedem Schritt ein leises Klong und angestrengt horchte Sarah in die Stille des Hauses. Doch sie hörte keinen Laut. Als sie schließlich an der Eingangstür angekommen waren, umarmten die beiden Schwestern sich ein letztes Mal und lautlos schlüpfte Sarah aus der Haustür hinaus. Geduckt überquerte sie die breite Kiesauffahrt und presste sich gleich darauf an die raue Rinde eines Baumes. Bilder von vor zwei Jahren tauchten in ihrem Kopf auf. Genau so war es damals auch abgelaufen, genau an diesem Baum war sie gestanden und hatte die Schüsse gehört. Mit einem Kopfschütteln verscheuchte sie die Bilder. Sie hatte keine Zeit zum Nachdenken. Sie musste handeln und das schnell. Vorsichtig schlich sie sich von Baum zu Baum, bis sie das schmiedeeiserne Zufahrtstor erreicht hatte.

A.J. lag hellwach in seinem eigenen Gästezimmer auf dem Bett und starrte an die Decke. Kevin hatte ihn nach der Aktion in der Polizeiwache noch ganz schön zusammen gestaucht und A.J. hatte keine Lust verspürt, eine weitere Nacht in Kevins Haus zu verbringen. Er seufzte. Wenn er sein Gesicht in die Kissen presste, konnte er noch ganz schwach Sarahs Geruch wahr nehmen. Diese Mischung aus Parfum, Shampoo und ihrem ganz eigenen, lieblichen Duft. Seine Augen wanderten im Zimmer umher, liebkosten jedes Stück, das Sarah hier zurück gelassen hatte. Schließlich blieb sein Blick an der kleine Spieluhr haften, die neben dem Bett auf dem kleinen Nachtisch stand. Er streckte die Hand danach aus und fuhr sanft mit den Fingerspitzen über das zarte Porzellan. Er richtete sich ein wenig auf und nahm die Spieluhr an sich. Vorsichtig drehte er den Schlüssel an der Rückseite und die filigranen Töne von „Für Elise“ erklangen. Eine Weile lauschte er einfach nur der Melodie und versank in seinen Erinnerungen. Doch plötzlich wurde er unruhig. Entschlossen stellte er die Spieluhr zurück auf den Nachtisch und stand auf. In windeseile hatte er sich seine Turnschuhe angezogen, im Vorbeigehen seine Geldbörse und die Autoschlüssel geschnappt und wenig später war er unterwegs nach New England. Zu dem großen Anwesen mit der Kiesauffahrt. Wenn ihr keiner helfen wollte...er würde!
Die Fahrt schien endlos zu dauern. Als die ersten Lichter von New Haven in der Dunkelheit vor ihm auftauchten wurde er immer unruhiger. Irgendetwas sagte ihm, das er nicht mehr viel Zeit hatte. Kaum hatte er die engen Straßen der Innenstadt hinter sich gelassen trat er das Gaspedal voll durch. Nach einigen weiteren Meilen, die sich zogen wie Kaugummi, hatte er endlich Carvelliens Anwesen erreicht. Er stellte den Motor ab, schaltete das Licht aus und rollte noch einige Meter, bis er direkt gegenüber des riesigen Eingangstores zum Stehen kam. Gebannt starrte er in die Nacht hinaus. Im Haus schien alles dunkel zu sein, nichts regte sich. Er hörte nichts, außer seinem flachen Atem. Was sollte er nun tun? Einfach klingeln kam wohl nicht in Frage. Er kramte eine zerknitterte Packung Zigaretten aus dem Handschuhfach und zündete sich eine Zigarette an. Tief inhalierte er und lies dabei das Fenster hinunter. Als er den Rauch wieder ausstieß, nahmen ihm die grauen Dunstschwaden für einen Moment die Sicht. Als sich sein Blickfeld wieder klärte sah er etwas über Carvelliens Zaun klettern. Weiß schimmerte ein Gipsfuß in der Dunkelheit. Für einen Moment traute er seinen Augen nicht. Er kniff die Augenlider fest zusammen, doch als er sie wieder öffnete, bot sich ihm immernoch das gleiche Bild.
Sarah hatte mittlerweile den sicheren Boden erreicht und wollte gerade ihr Gipsbein vorsichtig vom Zaun nehmen, als sie plötzlich stecken blieb. Schwer atmend blieb sie wie erstarrt am Zaun hängen. Einen Fuß schon auf dem Boden, der andere in hüfthöhe im Zaun verkeilt. „So ein Mist,“ fluchte sie leise und versuchte mit den Händen ihr Bein aus dem Metallgitter zu befreien. Doch noch bevor sie mit beiden Händen fest zupacken konnte, merkte sie, wie sie ihr Gleichgewicht verlor. Hilflos ruderte sie mit den Armen und spürte schon, wie sie gefährlich weit zur Seite kippte. In Erwartung des Unausweichlichen schloss sie fest die Augen. Und plötzlich waren da Arme, die sie festhielten und für einen Moment war sie der festen Überzeugung, das nun alles vorbei war. Carvellien oder Josh oder Bo hatten ihr Verschwinden entdeckt und hatten sie im letzten Moment doch noch erwischt. „Nein,“ presste sie hervor und versuchte sich, aus den fest zupackenden Händen zu befreien, als sie plötzlich diese Stimme hörte, SEINE Stimme „darf ich Ihnen vielleicht aus dieser misslichen Lage helfen Miss?“ „A.J.?“ fragte sie ungläubig und drehte sich ein wenig, um ihn ansehen zu können. „Höchstpersönlich,“ grinste er sie an. Noch nie im Leben war sie so erleichtert gewesen, sein vertrautes Gesicht zu sehen. „I-Ich...glaub es ja nicht,“ entgegnete sie, immer noch verwirrt. „Vielleicht sollten wir uns die Erklärungen für später aufheben und erstmal zusehen, das wir Dich aus diesem gemeinen, hinterhältigen Zaun befreien,“ entgegnete er schmunzelnd. „Ich halte Dich. Versuch mal, ob Du Dein Bein da alleine heraus bekommst.“ Nach einigem Hin und Her hatten sie Sarah schließlich befreit und gemeinsam liefen sie zurück zum Wagen. Erleichtert liesen sie sich gleich darauf in die Polster sinken. A.J. griff nach dem Zündschlüssel und wollte gerade den Wagen starten, als ihm Sarah eine Hand auf den Arm legte „warte,“ sagte sie und blickte direkt in seine warmen, braunen Augen. „Was?“ fragte er irritiert. „Drück mich. Nur einmal, bitte. Damit ich weiß, das Du tatsächlich hier neben mir sitzt und ich mir das nicht alles nur einbilde.“ Auf seinem Gesicht erschien ein strahlendes Lächeln und Sarah meinte vor lauter Aufregung keine Luft mehr zu bekommen. Er beugte sich zu ihr hinüber und schlang die Arme um sie. Als er sie fest an sich drückte zuckte sie zusammen. Josh hatte dafür gesorgt, das sie sich selbst in diesem Moment noch an ihn erinnerte. „Was ist?“ fragte A.J. alarmiert und rückte ein Stück von ihr ab. „Nichts...wirklich...alles in Ordnung.“ „Ha, ha,“ entgegnete A.J. ironisch und hatte schon den Zipfel ihres T-Shirts gepackt und ein Stück nach oben gezogen. Im Wagen war es ziemlich dunkel, doch das bisschen Licht von der Straße reichte ihm, um den dunkelroten Bluterguss deutlich erkennen zu können. „Oh Mann,“ sagte er entsetzt und fuhr vorsichtig mit den Fingern über die leicht geschwollene Stelle. Sarah zuckte zurück. Die Berührung hatte noch nichteinmal weh getan, aber seine Finger auf ihrer warmen Haut lies sie erschauern und sie wollte nicht, das er merkte, welche Wirkung er auf sie hatte. Entschlossen entwand sie ihm ihr T-Shirt und bedeckte den Fleck wieder sorgfältig. „Das geht schon,“ sagte sie und blickte dabei zu Boden. Sie fummelte immer noch an ihrem T-Shirt herum, nur um etwas zu tun zu haben. „Sieht schlimmer aus, als es ist.“ Sie spürte, wie A.J. neben ihr den Kopf schüttelte „wenn ich den Mistkerl erwische, ich schwöre Dir dann...,“ weiter kam er nicht, denn Sarah legte ihm einen Zeigefinger auf die Lippen. „Nicht jetzt, o.k.? Lass uns später darüber reden.“ Für eine Moment sah er sie einfach nur an, unschlüssig, was er jetzt tun sollte. Seine Lippe prickelte, da wo sie ihn berührt hatte und in ihren großen, grünen Augen drohte er zu ertrinken. Erneut beugte er sich zu ihr hinüber und nahm sie, diesmal um einiges sanfter, in die Arme. Sarah lachte leise „so ist das schon besser.“ Sie versuchte nicht darüber nach zu denken, wie nahe er ihr jetzt war, wie gut er roch und wie wundervoll geborgen und sicher sie sich bei ihm fühlte. Eine Weile saßen sie einfach so da, genossen die Nähe des anderen und vergaßen die Schwierigkeiten, in denen sie steckten. Doch schließlich fand Sarah widerwillig in die Realität zurück. „Danke das Du hier bist,“ flüsterte sie, küsste ihn sanft auf die Wange und lehnte sich dann in ihren Sitz zurück. „Lass uns fahren Cowboy, bevor wir doch noch geschnappt werden.“ „Wie sie wünschen Ma’am,“ entgegnete A.J., ein imaginäres Kaugummi kauend und sich an seinen nicht vorhandenen Hut tippend. Er startete den Wagen, wendete und fuhr den Weg zurück, den er gekommen war. Kaum war er um die nächste Ecke verschwunden, flammten Scheinwerfer auf und ein dunkler Wagen setzte sich in Bewegung.
„Ich kann es garnicht glauben. Was macht dieser Flachwichser hier?“ fluchte Josh und lenkte den Wagen um die nächste Kurve. Angestrengt hielt er nach A.J.s Wagen Ausschau und erblickte ihn auch einige Meter vor sich. „Ganz ruhig Josh,“ entgegnete Carvellien vom Rücksitz „sie hätte ihn so oder so aufgesucht. Sie hat nichts bei sich. Wo immer der Schlüssel zum Schließfach versteckt ist, sie braucht Hilfe. Wir sollten sogar dankbar sein. So kommen wir schneller ans Ziel.“ „Ich weiß nicht,“ meldete Bo sich zu Wort, der neben Josh saß und angestrengt auf die Rücklichter vor sich starrte „der Typ ist mir irgendwie unheimlich. Was macht der hier?“ „Bo, jetzt beruhige Dich mal. Er kam auf seinem weißen Ross um seine Liebste aus dem Turm zu retten, was ihm ja auch gelungen ist. Der Mann hat Format. Schade, das Du nicht weißt was das ist.“ Bo schwieg. Er wußte, das es nicht ratsam war, sich mit dem Boss anzulegen. Neben Carvellien kicherte Eve „war es nicht köstlich, wie sie eingeklemmt am Zaun hing? Von mir aus hätte sie ruhig länger da stehen können.“ Carvellien verdrehte die Augen. Es wurde Zeit, das er sich diese zwei Schwestern vom Hals schaffte, bevor sie ihn noch um den Verstand brachten.

Kapitel 26