Kapitel 23

Vorsichtig sah sich Sarah in der riesigen Bahnhofshalle um. Die Gänge wirkten wie riesige Gewölbe, die auf Säulen über den Köpfen der Menschen thronten. Von dort oben sahen Steinfiguren mit grimmigen Gesichtern zu ihnen hinunter. Trotz der späten Uhrzeit, wahren unzählige Menschen unterwegs. Sie hasteten zu ihren Zügen oder Bussen und für einen Moment fragte sich Sarah, ob es hier wohl noch einen Menschen gab, der so verzweifelt war, wie sie. Doch schnell konzentrierte sie sich wieder auf ihre eigentliche Aufgabe. Sie musste an das Schließfach und die Unterlagen heran kommen. Ohne die, hatte sie nichts in der Hand, um sich zu verteidigen. Sie hatte keine genaue Vorstellung davon, was in Carvelliens Haus wohl passiert war, aber sie ahnte, das sie in ziemlich großen Schwierigkeiten steckte. Immerwieder hallten die beiden Schüsse in ihrem Kopf wieder und es stand für sie außer Frage, wer diese abgegeben hatte. Mit den Augen suchte sie die Umgebung ab, bis sie gefunden hatte, wonach sie suchte. Ein großes Schild wies ihr den Weg zu den Schließfächern. Den Kopf gesenkt, die Hände tief in den Taschen vergraben, machte sie sich auf den Weg, wohl wissend, das sie mit dem riesigen Rucksack auf dem Rücken ein leichtes Ziel in der Menge bot. Als sie sich nach links in den Gang wandte, der sie zu den Schließfächern bringen sollte, wurden die Geräusche um sie herum zusehends leiser. In diesem Teil des Bahnhofs war nicht all zu viel los. Sie erreichte den hinteren Teil der Central Station, deren Wände rundum bis zu einer Höhe von 2,50 Meter mit grünen Türen bedeckt waren. Etliche Gänge gingen von diesem Raum ab, in dem sich weitere Schließfächer befanden. Sarah fühlte sich wie in einem Labyrinth gefangen und sie beeilte sich, die richtige Tür zu finden. Sie zog den kleinen Schlüssel unter ihrem T-Shirt hervor und hielt ihn ein wenig in das helle Neonlicht. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte die winzige Zahl auf dem Schlüssel zu entziffern. Ein Husten lies sie zusammenfahren und gehetzt sah sich um. In der Mitte des Raumes standen mehrere Bänke Rücken an Rücken und als sie jetzt genauer hinsah, sah sie einen ziemlich verwahrlosten Mann, der sich unter einem Berg von Zeitungen unruhig im Schlaf bewegte. Nach wenigen Augenblicken hatte er sich beruhigt und lag wieder still auf seiner Bank. Sarah atmete hörbar aus und widmete sich wieder dem Schlüssel in ihrer Hand. „Hm...6...3...oder 8?...2...hm...“ murmelte sie vor sich hin und ging dann entschlossen auf einen Gang zu. „Zu den Schließfächern 601 - 640“ stand auf einem kleinen Schild darüber. Langsam ging sie den schmalen Gang entlang und ihre Schritte halten ungewöhnlich laut von den Stahltüren wieder. Immer wieder blickte sie sich um. Wenn ihr jemand gefolgt war, saß sie jetzt in der Falle, den der Gang endete in einer Sackgasse. Auch der Gedanken, das es eigentlich unmöglich war, das jemand wußte, das sie hier war, beruhigte sie nicht wirklich. Endlich hatte sie das Schließfach mit der Nummer 632 erreicht. Sie bückte sich und steckte den Schlüssel ins Schloss. Doch er schien nicht zu passen. So sehr sie sich auch bemühte, der Schlüssel lies sich nicht drehen. Enttäuscht stand sie wieder auf und ging den Weg zurück, den sie gekommen war. Dann wandte sie sich nach rechts in den Gang mit den Schließfächern 681 - 720. Gleich links in Augenhöhe erblickte sie das Fach Nummer 682 und mit zitternden Fingern griff sie erneut nach dem Schlüssel um ihren Hals. Plötzlich wurde es lauter in dem Raum hinter ihr und schnell machte sie einige Schritte in den Gang hinein und drückte sich mit dem Rücken, soweit es der Rucksack zuließ, an die Reihe der Schließfächer. Sie hielt die Luft an und lauschte. „He Alter, aufstehen, das ist hier kein Hotel. Such Dir einen anderen Schlafplatz, o.k.?“ ein unfreundliches Grummeln antwortete der männlichen Stimme. „Ich sage es nicht ein zweites Mal Freundchen,“ hörte sie den Mann wieder. Schließlich schien der Penner auf der Bank aufzustehen. Sarah hörte, wie Zeitung raschelte und dann Schritte, die sich dem Mann zu nähern schienen „so ist es recht,“ hörte sie eine weitere, diesmal weibliche Stimme. „Wir bringen Sie jetzt erstmal zur Bahnhofsmission. Da bekommen Sie etwas warmes zu Essen und vielleicht kann man ihnen dort auch einen Schlafplatz für heute Nacht vermitteln.“ „Schon gut,“ hörte sie daraufhin eine kratzige, alte Männerstimme „ich kann alleine gehen.“ Die drei kamen ein Stück entfernt von Sarahs Gang vorbei. Zwei Polizisten führten den Mann, der bis eben friedlich auf der Bank geschlafen hatte, nach draußen. Sie sahen Gott sei Dank nicht zur Seite, sonst hätten sie Sarah unweigerlich entdeckt. Mit klopfendem Herzen wartete sie noch einen Moment, doch die Polizisten kehrten nicht zurück. Erleichtert atmete sie auf. Das war knapp gewesen. Im selben Moment fragte sie sich, warum sie solche Angst vor der Polizei hatte. Währe es nicht eigentlich das Vernünftigste überhaupt, sich an sie zu wenden? Sie hatte nichts Verbotenes getan! Doch eine leise, innere Stimme hielt sie davon ab. Sie hatte einfach kein gutes Gefühl dabei. Entschlossen wandte sie sich nun wieder ihrem eigentlichen Vorhaben zu. Sie steckte den Schlüssel ins Schloss und für einen entsetzlichen Moment glaubte sie, er würde sich auch hier nicht drehen lassen. Doch mit einem Klicken öffnete sich schließlich die Tür und vorsichtig lugte Sarah in das Fach hinein. Zu ihrer großen Erleichterung befand sich ein großer, brauner Umschlag darin. Als Sarah mit kalten Fingern danach greifen wollte, hörte sie erneut Schritte, die sich dem Raum mit den Schließfächern näherte. Schnell schloss sie die Tür, ohne den Umschlag heraus genommen zu haben und wich ein Stück an der Wand zurück. Erneut erschien ein Polizist auf der Bildfläche und diesmal wurde sie beinahe sofort entdeckt. „Alles in Ordnung Madam?“ fragte er misstrauisch, als er sie da so an die Wand gepresst stehen sah. Sarah war starr vor Schreck und konnte ihm nur mit großen Augen entgegen starren. „Madam?“ fragte der Polizist erneut, wobei er zwei Schritte näher trat und die Hand langsam zu seiner Waffe gleiten lies. „Kann ich ihnen irgendwie helfen?“ „N-Nein...,“ stotterte Sarah und endlich löste sich ihre Erstarrung. Mit einem kurzen Blick zurück bemerkte sie, das sie sich auch hier in einer Sackgasse befand. Also blieb nur die Flucht nach vorne. „Es ist wirklich alles in Ordnung,“ sagte sie, während sie sich Schritt für Schritt dem Ende des Ganges näherte. Der Polizist beäugte sie immer noch misstrauisch. Mittlerweile war sie aus dem Gang heraus getreten und hatte sich an dem Polizisten vorbei geschoben, so dass sie jetzt freie Bahn zum Ausgang hatte. „Trotzdem vielen Dank,“ und mit diesen Worten drehte sie sich um und verlies ruhigen Schrittes den Raum. Sie lauschte, doch der Polizist schien ihr nicht zu folgen. Kaum hatte sie die Bahnhofshalle erreicht, mischte sie sich unter den Strom der vorbeihastenden Menge und als sie sich vorsichtig umblickte, sah sie den Polizisten am Ausgang des Flures stehen. Suchend sah er sich um, doch seine Hand ruhte nicht mehr an der Waffe und Sarah hoffte, das er sie in wenigen Minuten schon wieder vergessen haben würde. Ziellos lies sie sich treiben, wobei sich ihre Gedanken immer wieder um das Schließfach und den braunen Umschlag darin drehten. Doch im Moment erschien es ihr zu gefährlich, noch einmal dahin zurück zu kehren. Als sie um eine weitere Ecke bog, ohne wirklich zu wissen, wo sie sich jetzt eigentlich befand, hielt sie inne und steuerte gleich darauf auf eine Bank zu. Sie nahm den Rucksack von den Schultern und zog aus einem der vorderen Fächer ihre Geldbörse hervor. Nach einem prüfenden Blick stellte sie fest, das sie sich durchaus ein günstiges Hotel für die Nacht leisten konnte und dann sogar noch etwas für einen kleinen Imbiss übrig bliebt. Morgen würde sie als erstes mit ihren Eltern telefonieren und dann würde man weiter sehen. Mit neuem Mut verlies sie den Bahnhof durch einen Seitenausgang und nach einer viertel Stunde hatte sie ein geeignetes Hotel gefunden. Die Formalitäten waren schnell erledigt und erleichtert schloss Sarah die Zimmertür hinter sich. Sie stellte ihren Rucksack auf einen Stuhl und ging ins Bad. Dort drehte sie den Wasserhahn der Badewanne auf und als sie wenig später frisch duftend und in einen flauschigen Bademantel gehüllt, mit Turban auf dem Kopf auf ihrem Bett saß, spürte sie, wie die Müdigkeit sich wie eine dichte Wolke über sie senkte. Sie schaffte es gerade noch, das Licht auszuknipsen, bevor sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf versank.

Am nächsten Morgen erwachte sie und wußte im ersten Moment nicht, wo sie sich befand. Doch sofort durchzuckten sie die Bilder vom gestrigen Abend und wie elektrisiert richtete sie sich in ihren Kissen auf. Das Schließfach! Mit einem kurzen Blick auf ihre Armbanduhr stellte sie erschrocken fest, das es bereits später Vormittag war. Sie musste so schnell wie möglich los. Schnell zog sie sich an und warf dann einen Blick auf das Telefon. Sollte sie gleich ihre Eltern anrufen? Sie machten sich sicherlich schon große Sorgen. Sie griff zum Hörer und wählte die vertraute Nummer. Sie lies es ewig klingeln, doch niemand hob ab. „Nun gut, versuchen wir es später nochmals,“ murmelte Sarah enttäuscht und schulterte ihren Rucksack. Mit einem kurzen Rundblick vergewisserte sie sich, das sie nichts vergessen hatte und verlies dann das Hotel. Ohne Umwege gelangte sie zur Central Station, doch als sie davor an einem Kiosk vorbei kam hielt sie mitten im Schritt inne. Ihr eigenes Gesicht lachte ihr von der Titelseite eines Boulevardmagazines entgegen und unsicher trat sie ein paar Schritte näher heran. Sofort sprangen Ihr die riesigen Lettern der Schlagzeile entgegen Ist diese Frau eine Mörderin?. Sarah schluckte. Das konnte doch nicht wahr sein. Gehetzt sah sich um. Sie entdeckte zwei Polizisten vor dem Bahnhof, zu denen nun ein weiterer trat. Sie schienen sich gut zu unterhalten und der eine warf gerade lachend den Kopf zurück. Sarah wurde nervös. Ihr Blick huschte über die unruhig herumwuselnde Masse von Menschen vor dem Bahnhofsgebäude und bei jedem zweiten redete sie sich ein, dass das ein Polizist in Zivil sein könnte, der nach ihr suchte. Sei machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Bahnhofsvorplatz. Ihre Gedanken rasten. Was war bloß passiert? Sie? Eine Mörderin? Das konnte doch nicht sein. Plötzlich fühlte sie sich ganz allein und verlassen. Die halbe Welt suchte sie sicher bereits und sie irrte hier planlos in Manhatten umher. Sie wußte nicht, was sie tun sollte und da ihr nichts anderes einfiel, lief sie einfach weiter. Ohne bestimmtes Ziel, ohne zu wissen, was sie erwartete.

Kapitel 24