Kapitel 21

Josh hatte Sarah über eine Hintertreppe in den zweiten Stock gebracht. Ihm war sofort klar gewesen, dass der aufmüpfige Popstar garantiert nach diesem Gepolter die Treppe hinauf stürmen würde um nach seiner Liebsten zu sehen. Josh schüttelte innerlich den Kopf. Er hatte Carvellien ausdrücklich gewarnt. Es war keine gute Idee, sich die Jungs ins Haus zu holen. Da konnte alles mögliche passieren. Doch wie immer hatte der Alte nur seinen Profit gesehen. „Es besteht immerhin die verschwindend geringe Möglichkeit, dass sie tatsächlich an einem Wechsel der Plattenfirma interessiert sind und das kann ich mir nicht entgehen lassen,“ hatte Carvellien nur gemeint und somit alle weiteren Überzeugungsversuche im Keim erstickt. Vielleicht würde ihn ja das heutige Desaster umstimmen. Und immernoch strampelte diese kleine Schlampe wie eine Wilde in seinen Armen. Ein paar Mal hatte sie ihn empfindlich mit ihrem Gipsfuß in den Magen getroffen, doch er kümmerte sich nicht weiter darum. Sie würde gleich sehen, was sie davon hatte. Energisch öffnete er eine kleine, unscheinbare Holztür und lies gleich darauf seine zappelnde Fracht von der Schulter gleiten. Sofort versuchte sie ihn mit ihrem Gipsbein zu treten, doch da ihre Hände immernoch gefesselt waren, verlor sie schnell das Gleichgewicht und taumelte einige Schritte rückwärts, wo sie an die Wand stieß. Auf Joshs Gesicht erschien ein strahlendes Grinsen. Wahrscheinlich wunderte sie sich jetzt, warum die Wand so weich war. Er schloss die Tür und somit würde kein Laut mehr nach außen dringen. Er hatte schon vor einigen Jahren dafür gesorgt, das es ein schalldichtes Zimmer in diesem riesigen Haus gab. Heute zeigte sich malwieder, wie nützlich diese Umbaumaßnahme gewesen war. Ein unbestimmter Laut kam durch das Klebeband und ihre Augen wurden riesen groß. Scheinbar wollte sie ihm unbedingt etwas sagen. Josh kicherte. Sollte sie ruhig mal sehen was es bedeutete Angst und Schmerzen zu haben. „Tja Du kleines Biest, ich denke, wir werden jetzt jede Menge Spaß miteinander haben. Immerhin hast Du meinen Bruder auf dem Gewissen, das verlangt doch von mir, das ich mich ganz besonders sorgfältig um Dich kümmere, findest Du nicht?“ Sarah schüttelte heftig den Kopf und begann erneut hinter dem Klebeband zu sprechen. „Was?“ fragte Josh sarkastisch und legte eine Hand hinter sein Ohr „sprich deutlicher, ich kann Dich nicht verstehen,“ und bei diesen Worten holte er aus und seine Faust traf sie mitten ins Gesicht. Das laute, undeutliche Gemurmel wurde zu einem leisen Wimmern und sie sackte an der Wand zusammen. „So gefällst Du mir schon viel besser,“ sagte er, holte aus und trat ihr mit der Stahlkappe seiner Arbeiterschuhe in die Seite. Vor Sarahs Augen verschwamm alles. Noch nie im Leben hatte sie soviel Angst vor einem Menschen gehabt. Jetzt trat Josh auf sie zu und riss sie grob in die Höhe. Sofort knickten ihre Beine unter ihr ein und lachend griff Josh nach ihrer Kehle „he, noch nicht schlapp machen, das war doch erst der Anfang,“ rief er höhnisch grinsend und langsam drückte er ihr die Kehle zu. Es wurde für Sarah immer schwieriger Luft in ihre Lungen zu pressen. Immer fester wurde sein Griff und ihre Augen begannen aus den Höhlen zu treten. Schon fing das Zimmer um sie herum an zu tanzen und sie spürte die gnädige Schwärze der Bewusstlosigkeit nahen und dann...kamen die Bilder. Wie ein D-Zug rasten sie durch ihren Kopf. Jede einzelne Erinnerung, die sie verloren hatte, kam nun mit aller Macht zurück und das letzte an das sie dachte, als sie endlich ohnmächtig wurde, war die kleine Spieluhr, die in A.J.s Wohnung auf dem Nachttisch stand. Dann sackte sie endgültig in sich zusammen und Josh lies sie los. Er kniete sich nieder und fühlte ihren Puls. Vielleicht ein wenig unregelmäßig aber noch vorhanden. Das war gut. So leicht würde sie nicht davon kommen.

Die Jungs bekamen von all dem, zwei Stockwerke tiefer, nichts mit. Sie hatten A.J.s gerötetes Gesicht sehr wohl bemerkt und auch das Gepolter war nicht zu überhören gewesen. Carvellien hatte es auf die Handwerker geschoben und war unbeirrbar in seinem Monolog über die Vorzüge seines Plattenlabels fortgefahren. Sie brannten darauf zu erfahren, was A.J. heraus gefunden hatte und nach zehn Minuten hielt es Kevin nicht mehr aus. „Hören Sie Michael, das hört sich ja alles recht überzeugend an. Ich denke, wir sollten uns nun langsam wieder zurück fahren und das Ganze unter uns besprechen. Wir kommen dann wieder auf sie zu.“ Carvellien sah nicht sehr begeistert aus. Zum einen hatte dieser Rotzlöffel ihn einfach in seiner Rede unterbrochen und zum anderen kam es ihm doch sehr seltsam vor, das sie auf einmal alle so erpicht darauf waren, von hier fort zu kommen. Doch es viel ihm auch kein passender Grund ein, warum er sie noch länger hier behalten sollte. Also nickte er ergeben „sicher, ich habe malwieder viel zu viel geredet,“ und die Verlegenheit in seiner Stimme klang beinahe echt. „Perkins wird sie hinaus begleiten. Ich würde mich freuen, in den nächsten Tagen von ihnen zu hören.“ Sei erhoben sich erleichtert von den Stühlen, verabschiedeten sich von Carvellien und wurden gleich darauf von Perkins in Empfang genommen, der sie bis zur Haustür begleitete. Nacheinander kletterten sie in den Van, mit dem sie gekommen waren und Howie setzte sich ans Steuer. Geschickt steuerte er den Wagen die Kiesauffahrt hinunter und durch das schmiedeeiserne Eisentor, das ich wie von Geisterhand für sie öffnete und gleich darauf hinter ihnen wieder zu schwang. Immernoch schweigend fuhren sie noch einige Meter, dann fuhr Howie an den Straßenrand. „Sorry Leute, aber wenn ich mich nicht gleich ein wenig ausstrecken kann, sterbe ich,“ sprachs und war auch schon aus dem Auto geklettert. Die anderen folgten ihm. Gleich darauf boten sie für die vorbeifahrenden Autos einen recht merkwürdigen Anblick. Da standen die fünf Backstreet Boys um einen Van herum, streckten und reckten sich oder massierten sich den Rücken. „Gooott,“ stöhnte Nick „ich hätte es keine Sekunde länger auf diesen Foltergeräten ausgehalten.“ „Wirklich, sowas habe ich in meiner ganzen Laufbahn noch nie erlebt und ich war schon auf so manchem Stuhl gesessen,“ ergänzte Brian und rieb sich die Schulter. „Was mich viel mehr interessiert,“ sagte Kevin und blickte gespannt zu A.J. hinüber „was hast Du heraus gefunden?“ „Ja genau,“ sagte Nick bevor A.J. zu einer Antwort ansetzen konnte „was war das überhaupt für ein Krach. Für einen Moment dachte ich schon, der Himmel stürzt über uns ein.“ „Wenn Du mich auch mal zu Wort kommen lässt, erkläre ich es gerne,“ entgegnete A.J. gutmütig und berichtete seinen vier Freunden von den Geschehnissen in Carvelliens Haus. „... ich bin mir sicher, dass das Sarahs Medaillon auf dem Bett war,“ endete er „aber sie war nicht mehr da. Sicher hat sie dieses Spatzenhirn Josh wo anders hin gebracht.“ Die anderen standen schweigend um ihn herum. „Wir müssen zur Polizei,“ sagte Kevin schließlich. Die anderen nickten. „Ich hoffe, sie hören uns diesmal zu,“ gab Howie zu bedenken. „Nun, das werden wir nie erfahren, wenn wir jetzt nicht so langsam unsere Hintern in Bewegung setzen,“ entgegnete A.J. und war schon auf dem Weg um den Wagen herum.

Carvellein saß mit finsterem Blick hinter dem Schreibtisch seines Arbeitszimmers. Josh, Bo und Eve saßen ihm gegenüber und blickten ratlos zu ihm hinüber. Gerade hatte er Perkins hinaus geschickt, nachdem dieser die Geschehnisse aus seiner Sicht geschildert hatte. „Ihr wollt mir also allen ernstes erzählen, das dieser...,“ er fuchtelte mit der Hand in der Luft herum „McLean hier herum geschnüffelt hat?“ „Er hat sie gesucht, da bin ich mir sicher,“ entgegnete Josh bestimmt „und ich bin mir sicher, das die Typen nur wegen ihr hier her gekommen sind.“ Carvelliens Augenbrauen zogen sich noch ein Stückchen mehr zusammen und seine Augen funkelten schwarz vor unterdrückter Wut. „Wir müssen sie dazu bringen, das sie sich erinnert,“ schaltete sich nun Eve ein „nur so haben wir eine Chance an die Diamanten und das Beweismittel zu kommen.“ „Ich weiß,“ fuhr Carvellien auf „wenn Du mir auch noch verraten könntest, wie ich das machen soll.“ „Ich weiß nicht,“ Eve hob hilflos die Hände „ich habe gelesen, das Amnesie manchmal durch eine weitere Gehirnerschütterung oder einen emotionalen Schock wieder verschwindet.“ „Ich kann Dich ja wohl kaum ein zweites Mal erschießen, oder?“ lachte Carvellien humorlos. „Aber wir können ihr auch ohne das richtig Angst machen,“ sagte Bo nachdenklich und warf einen fragenden Blick zu Josh hinüber. Dieser wiegte nachdenklich den Kopf „versuchen könnte ich es. Ich muss mich nur beherrsche, damit ich ihr nicht mehr Angst einjage als gut für sie ist, wenn ihr versteht, was ich meine.“ Carvellein hob beschwichtigend die Hände „wir brauchen sie noch. Sie muss uns zu den Unterlagen und den Diamanten führen. Erst dann kannst Du sie ganz für Dich alleine haben.“ „Reicht es nicht, wenn sie Eve davon erzählt? Noch vertraut sie ihr.“ „Sicher vertraut sie mir, woher sollte sie auch wissen, das es mir ausschließlich um die Diamanten geht? Doch ich will kein Risiko eingehen. Wenn ich sie zu sehr bedränge, wird sie vielleicht misstrauisch. Nein, wenn sie sich wieder erinnert, werde ich ihr ganz zufällig und selbstlos zur Flucht verhelfen und dann wird sie uns schön brav zu ihrem Versteck bringen.“ „Ich weiß nicht. Das könnte nach hinten los gehen. Noch haben wir sie hier in unserer Gewalt. Sie kann keinen Schritt machen, ohne das wir es erlaubt haben. Wenn sie wieder auf freiem Fuß ist, kann ich für nichts garantieren. Noch dazu hängt sie an diesen Möchtegern Superstars dran und ich glaube kaum, das wir eine schlechte Presse riskieren können.“ „Um die Presse brauchst DU Dir keine Gedanken machen,“ entgegnete Carvellein brüsk „das betrifft alleine mich und so schlecht kann die Presse niemals sein, als wenn die Unterlagen, die sie besitzt, in die falschen Hände geraten. Nein, Eve hat recht, wir müssen zu erst an ihre Erinnerungen und dann werden wir weiter sehen.“ Josh warf einen wütenden Blick zu Eve hinüber. Dieses Weib war ihm nicht ganz geheuer. Wer verriet schon seine eigene Familie? Andererseits hatte John ihm auch nicht vertraut. Sonst hätte er vielleicht verhindern können, das die Schlampe die jetzt im Turmzimmer lag, ihn umbrachte. Bei dem Gedanken daran stieg in ihm wieder die Wut hoch. Sie würde für das was sie John angetan hatte bezahlen.

Eve war auf dem Weg hinauf ins Turmzimmer. In den Händen trug sie eine Porzellanschüssel mit warmen Wasser und einem sauberen, weichen Tuch. Josh hatte erwähnt, das er Sarah wohl ein wenig grob angefasst hatte und sie konnte sich gut vorstellen, wie Sarah jetzt aussah. Doch sie fühlte kein Mitleid mit ihrer Schwester. Das sie jetzt zu ihr ging und sie tröstete, hing nur mit ihrem Plan zusammen. Zu sehr hatte Sarah sie gedemütigt. Am Anfang war Eve nur neidisch auf sie gewesen, wegen des riesigen Erfolges den sie gehabt hatte, noch bevor die erste Single überhaupt auf dem Markt erschienen war. Nach und nach war ihr aufgegangen, das sie schon immer die gesamt Aufmerksamkeit von Allen bekommen hatte. Das kleine Nesthäkchen, das ja so süß und lieb war und sie dagegen die große, vernünftige Schwester, die es immer Allen recht machen musste. Sarah hatte sich alles erlauben dürfen und am Schluss wurde immer Eve dafür verantwortlich gemacht. Sie hätte auf ihre kleine Schwester besser aufpassen sollen usw.. Dann kam die Geschichte mit dem Plattenvertrag und Sarah wurde endgültig auf ein Podest gestellt, neben dem die kleine, unscheinbare Eve stand und hilflos um etwas Beachtung bettelte. Nachdem Sarah verschwunden war, erlangte sie sozusagen den Heiligenstatus und ihr Name wurde mit Ehrfurcht ausgesprochen. Daran hatte noch nicht einmal die Tatsache etwas ändern können, das sie eine Mörderin war. Eve wußte es natürlich inzwischen besser, doch sie hatte in dem halben Jahr seit sie es wußte nichts dagegen getan, dieses Missverständnis aufzuklären. Da währe sie ja schön blöd gewesen. Nein, sie wollte einfach nur die Diamanten, vielleicht noch mit Carvellien ein eigenes Album aufnehmen und sich ihre lästige Schwester ein für alle mal vom Hals schaffen. Darüber, das Carvellien, seit sie bei ihm eingezogen war, nicht mehr über ein eigenes Album gesprochen hatte, machte sie sich keine Gedanken. Er hatte im Moment einfach andere Sorgen. Wenn diese leidige Geschichte erledigt war, konnten sie sich endlich den wichtigen Dingen zuwenden. Mittlerweile hatte sie die Tür zum schalldichten Turmzimmer erreicht. Sie setzte ein mitleidiges Lächeln auf und öffnete die Tür. „Hey Süße. Mein Gott Du siehst ja wirklich schlimm aus,“ und mit diesen Worten schloss sie die Tür. Und sofort senkte sich wieder Totenstille über den Gang.

Kapitel 22