Kapitel 20

Das Gespräch dauerte jetzt schon fast eine Stunde und A.J. war kurz davor laut aufzuschreien. Sein Kreuz spürte er schon kaum mehr, dafür tat ihm sein Hintern entsetzlich weh. Ein Blick in die angespannten Gesichter seiner Freunde sagte ihm, das es ihnen auch nicht anders erging. Er beschloss, sich ein wenig im Haus umzusehen. Mit den Händen auf den Tisch gestützt stand er auf und seine Knie knackten hörbar. „Ich werde mal für einen Moment auf der Toilette verschwinden,“ verkündete er „lasst Euch nicht stören, ich bin gleich wieder da.“ „Durch die Tür und dann links den Gang hinunter,“ erklärte Carvellien freundlich „die letzte Tür auf der linken Seite ist das Gästebad.“ „Vielen Dank,“ und schon war A.J. aus der Tür verschwunden. Die Anderen sahen ihm neidisch nach. Aufstehen währe jetzt wunderbar gewesen. „Also, kommen wir zurück zu den Konditionen...,“ fuhr Carvellien unbeirrt fort und so fügten sie sich in ihr Schicksal.
A.J. war mittlerweile in die angegebene Richtung gegangen und hatte nacheinander alle Türen geöffnet, an denen er vorbei gekommen war. Jedesmal klopfte sein Herz schneller. Einerseits weil er hoffte, hinter der nächsten Tür Sarah zu finden und andererseits weil er befürchtete, jeden Moment entdeckt zu werden. Doch noch blieb alles ruhig. Als er das Ende des Ganges erreicht hatte und zwar das Badezimmer aber nicht Sarah gefunden hatte, machte er auf dem Absatz kehrt und ging zurück in die Eingangshalle. Nachdenklich blickte er die geschwungene, breite Treppe hinauf. Sollte er es riskieren? Wenn er erwischt wurde, war das wahrscheinlich ihre letzte Möglichkeit gewesen, das Haus offiziell zu betreten. Er holte einmal tief Luft und setzte den Fuß auf die erste Stufe. Mit Unentschlossenheit würde er Sarah nicht helfen können. Vorsichtig tastete er sich die Treppe hinauf, wobei er sich stets nahe an der Wand hielt. Auf halber Strecke kam er an einem kleinen Fenster vorbei, das einen atemberaubenden Blick über das Anwesen bot. Für einen Moment hielt er inne. Und da hatte er gedacht, sein Grundstück in Florida sei groß, aber das hier.... Er schüttelte den Kopf, er hatte jetzt wirklich wichtigere Dinge zu tun. Endlich hatte er den Treppenabsatz erreicht und noch immer wartete er insgeheim darauf, das ihn eine laute Stimme zurück halten würde. Vorsichtig warf er einen Blick um die Ecke und zuckte gleich darauf erschrocken zurück. Am Ende des Flurs saß ein Mann auf einem Stuhl vor einer Tür und las Zeitung. Mit angehaltenem Atem wartete er, doch es rührte sich nichts. Scheinbar hatte der Mann ihn nicht bemerkt. Fieberhaft überlegte A.J., wie er in dieses Zimmer kommen könnte. Er war sich ziemlich sicher, das sich Sarah hinter genau dieser Tür befand und der Gedanke machte ihn ganz zappelig. Er war seinem Ziel so nahe! Ein Räuspern am unteren Ende der Treppe lies ihn zusammenfahren. Als er sich schuldbewusst umdrehte, sah er Perkins mit einem missbilligenden Blick zu ihm auf blicken. „Was tun Sie da oben?“ fragte er und schon hörte A.J. das Rascheln von Papier und schnelle Schritte vom Ende des Flurs auf sich zu kommen. Langsam ging er Stufe um Stufe zu Perkins hinunter und musste sich förmlich dazu zwingen, sich nicht nach dem Mann umzudrehen, der bis eben Sarahs Zimmer bewacht hatte. „Ich habe die Toilette gesucht,“ sagte A.J. und hoffte, das er einigermaßen überzeugend klang. „Die ist hier unten,“ entgegnete Perkins und sein Gesicht war vor Missbilligung in tausend kleine Falten gelegt. „Vielen Dank,“ meinte A.J. und fügte mit einem fragenden Blick hinzu „da lang?“ und dabei deutete er den Gang hinunter, in den ihn vor kurzem Carvellien geschickt hatte. Perkins brachte ein abgehacktes Nicken zu stande und warf dann einen Blick an A.J. vorbei, zu dem Mann der immer noch stumm auf dem Treppenabsatz zu stehen schien. Jetzt erst drehte A.J. sich um. Der Mann war größer, als er auf den ersten, kurzen Blick gewirkt hatte. Noch dazu sah er aus, als stehe er im täglichen Hanteltraining und schlucke zu dem noch eine Packung Anabolika pro Tag. A.J. gratulierte sich innerlich dafür, dass er nichts unüberlegtes getan hatte. Gegen diesen Schrank hätte er nicht die geringste Chance gehabt. „Alles o.k. Perkins?“ fragte der Mann nun mit tiefer Stimme „ja, alles in Ordnung Josh, Mr. McLean hat sich wohl nur im Stockwerk geirrt,“ doch Perkins Stimme verriet, das er nicht wirklich an diese Erklärung glaubte. Doch einen Gast der Lüge zu bezichtigen, gehörte wohl nicht zu seinem Stil. Geschlagen trottete A.J. an Perkins vorbei und den Gang hinunter. Als er die Badezimmertür hinter sich geschlossen hatte, lies er sich resigniert auf die Toilette sinken. Das war garnicht gut gelaufen. Wenn Carvellien nicht schon vorher misstrauisch gewesen war, dann war er es ganz bestimmt jetzt. Was, wenn er Sarah nun an einen anderen Ort brachte? Er durfte garnicht darüber nachdenken. Fest stand, das ihn sein erster Weg zur Polizei führen würde. Mit den neuen Informationen mußten sie ihnen einfach glauben, das Carvellien etwas mit Sarahs Verschwinden zu tun hatte. Entschlossen stand er auf und wusch sich die Hände. Als er aus dem Bad heraus trat, stand Perkins davor. „Hier entlang Sir,“ und er begleitete ihn bis zur Tür des Konferenzraumes und sorgte so dafür, das A.J. keine weitere Chance bekam, im Haus herum zu schnüffeln.

Sarah konnte wieder einigermaßen frei atmen. Sie hatte nach der ersten Panikattacke festgestellt, das sie auch ein wenig durch das Klebeband hindurch atmen konnte und so hatte sie sich die Nase wieder und wieder an ihrer Bettdecke abgewischt. Jetzt lag sie wachsam auf ihrem Bett und lauschte. Irgendetwas ging da draußen vor sich. Sie hörte Perkins, der jemanden fragte, wo er denn hinwolle und als sie die Antwort hörte, währe sie beinahe vor Aufregung vom Bett gefallen. Das war unverkennbar A.J.s Stimme. Sei versuchte zu rufen, oder sich irgendwie bemerkbar zu machen, doch das Klebeband lies zwar Luft hindurch, doch ihre kläglichen Versuche nach Hilfe zu rufen, hörte man wahrscheinlich auf der anderen Seite der Tür schon nicht mehr. Ungeschickt rollte sie sich vom Bett herunter und versuchte umständlich auf zu stehen. Nach einiger Mühe hatte sie es auch schließlich geschafft und stand aufrecht im Zimmer. Mit aller Macht rannte sie gegen die Tür an, doch ihre Schulter verursachte lediglich einen dumpfen Schlag. Nicht laut genug. Als sie das nächste Mal Anlauf nahm um notfalls mit dem Kopf gegen die Tür anzurennen, wurde diese aufgerissen und Josh stand im Zimmer. Mitten in der Bewegung hielt sie inne. Was jetzt? „Ich rate Dir, Dich ruhig zu verhalten. Sonst kann ich wirklich ungemütlich werden,“ sagte er und machte drohend zwei Schritte auf sie zu. Sarah witterte ihre Chance und ohne nocheinmal darüber nachzudenken duckte sie sich unter seinem ausgestreckten Arm hindurch, der den Bruchteil einer Sekunde zu spät nach oben zuckte um sie auf zu halten und ungebremst rannte sie durch die Tür und knallte auf der anderen Seite gegen die Wand. Noch in der selben Bewegung wandte sie sich nach links und hastete den Flur hinunter, doch Josh war ihr dicht auf den Fersen und noch ehe sie die Treppe erreicht hatte, hatte er sie am Arm gepackt. Durch den Schwung wirbelte sie zu ihm herum und ohne großes Federlesen hob er sie auf und warf sie sich wie einen Sack über die Schulter. Sarah strampelte verzweifelt mit den Füßen und versuchte durch das Klebeband über ihren Mund um Hilfe zu rufen. Mit dem Fuß erwischte sie ein Ölgemälde, das an der Wand hing und mit einem unglaublichen Gepolter viel es zu Boden.

A.J. zuckte zusammen. Er hatte gerade die Hand nach der Türklinke ausgestreckt, als von oben schnelle Schritte und kurz darauf ein lautes Krachen erscholl. Er wandte sich zu Perkins um, doch der stand wie erstarrt und blickte mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen die Treppe hinauf. Bevor Perkins reagieren konnte, war A.J. schon an ihm vorbei und hastete, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf. Als er oben ankam, sah er sofort das Gemälde, das mit gesplittertem Rahmen auf dem Boden lag. Ansonsten war der Flur leer. Hinter sich hörte er Perkins keuchend näher kommen, doch er kümmerte sich nicht darum. Mit weit ausgreifenden Schritten lief er den Gang hinunter und hielt schließlich vor der Tür inne, vor der immer noch der Stuhl, mit einer hastig zusammengefalteten Zeitung darauf, stand. Schon hatte er die Hand nach der Türklinke ausgestreckt und mit Schwung riss er sie auf. Das Zimmer war leer. Enttäuscht lies A.J. den Blick durch das Zimmer huschen. Vielleicht hatte er in der Hektik etwas übersehen. Doch es war und blieb verlassen. Ja, verlassen war das richtige Wort. Das Zimmer schien bis vor kurzem noch bewohnt gewesen zu sein. Das Bettlaken war zerwühlt und auf dem Fußboden stand ein Tablett mit benutztem Geschirr. Er machte noch einen Schritt in das Zimmer hinein, als Perkins schwer atmend an der Tür ankam. A.J. stand mit dem Rücken zu ihm, sonst hätte er sicherlich den ungemein erleichterten Blick von Perkins gesehen, der sich mit der linken Hand an die Brust griff. Das war knapp gewesen! Etwas auf dem Bett erregte A.J.s Aufmerksamkeit, doch bevor er den kleinen Gegenstand an sich nehmen konnte, war Perkins schon vor ihn getreten und drängte ihn Schritt für Schritt aus dem Raum. Dabei plapperte er ohne Unterlass „ich habe doch schon gesagt, das wir die Handwerker im Haus haben, nicht wahr? Ja, ja, man bekommt keine Qualität mehr. Das Gemälde ist unbezahlbar, was sich diese Leute bloß dabei denken? Ungeschickt, wirklich ungeschickt. Kommen sie, Mr. Carvellien fragt sich bestimmt schon, wo sie bleiben,“ und mit diesen Worten hatte er A.J. endgültig aus dem Zimmer gedrängt und die Tür hinter sich zu gezogen. Energisch führte er A.J. zurück zur Treppe und hinunter ins Erdgeschoss. Erst als A.J. die Tür zum Konferenzraum geöffnet hatte und hinter ihr verschwunden war, atmete Perkins auf. Das war gerade nochmal gut gegangen.

Kapitel 21