Kapitel 18

Sarah wartete den ganzen Abend vergeblich auf Eve. Missmutig aß sie die Sandwiches, trank ihren Orangensaft und starrte danach mit unter dem Kopf verschränkten Armen an die Decke. Ihr Kopf pochte verhalten im Hintergrund und ihr Herz schlug langsam und schwer. Sie war eine Gefangene, das musste sie sich immer wieder vor Augen halten. Sie konnte nicht einfach so aus ihrem Zimmer spazieren. Die Tür war verschlossen und das gründlich. Das hatte sie schon ausprobiert. Eine Weile hatte sie lauschend ihr Ohr an die Tür gepresst und sie meinte leises Stimmengemurmel und Schritte, die unaufhörlich in der Halle unter ihr auf und ab gingen, zu hören. Ansonsten blieb es auffällig ruhig. Schließlich war sie entnervt zurück zu ihrem Bett gehumpelt. Sie wunderte sich, das sie keine Angst mehr hatte. Eves Erscheinen hatte sie scheinbar gründlich verscheucht. Zurück blieb der schale Geschmack von Hoffnungslosigkeit. Immerwieder vielen ihr die Augen zu und schließlich schlief sie ein.

Eve weckte sie am nächsten Morgen. Sie stand mit einem neuen Tablett mitten im Zimmer und nachdem sie es vorsichtig auf dem Boden abgestellt hatte, setzte sie sich, wie schon am Abend davor, zu ihr auf die Bettkante. „Guten Morgen Sarah, hast Du einigermaßen gut geschlafen?“ „Hm,“ murmelte Sarah zustimmend und noch etwas verschlafen. „Tut mir leid, aber gestern habe ich es einfach nicht mehr geschafft. Michael wollte alles haarklein wissen und ist dann fast an die Decke gegangen, als er erfahren hat, dass Du auch nicht weißt, wo die Diamanten sind. Ich denke allerdings eher, das er sich Sorgen um Johns Beweismaterial macht.“ „Weiß er, das Du davon weißt?“ fragte Sarah und setzte sich auf. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und beugte sich über den Bettrand. Der Duft nach frischgebrühtem Kaffee stieg ihr in die Nase und mit einer dampfenden Tasse in der Hand, lehnte sie sich gleich darauf befriedigt zurück. „Nein,“ antwortete Eve „er weiß nicht, das wir nach Deinem Verschwinden nochmal Kontakt hatten. Sonst hätte er Dich wohl auch nicht mehr gebraucht.“ Die Schwestern schwiegen. „Erzähl mir, wie die Party weiterging. Was ist mit John passiert? Ich habe erfahren, dass er tod ist.“ Über Eves Blick legte sich ein Schatten. „Ja, das war nicht sehr schön,“ entgegnete sie und begann dann zu erzählen.

Leise schlich Sarah durch die große Eingangshalle. Um in Michaels Büro und damit an die Diamanten zu kommen, musste sie an der Tür vorbei, hinter der ihre Gäste ausgelassen feierten. Sie hoffte, dass ihr Verschwinden noch niemandem aufgefallen war. Wenn Michael sie erwischte, war alles aus. Mit angehaltenem Atem presste sie sich an die Wand neben der offenen Tür. Stimmengemurmel und Gelächter drangen zu ihr heraus. Sie schloss die Augen und zählte langsam bis drei. Dann hastete sie so schnell es ihre Beine zuließen an der Tür vorbei und weiter, bis sie Michaels Büro erreicht hatte. Schnell zwängte sie sich in den dunklen Raum und schloss leise die Tür hinter sich. Sie legte ein Ohr an das kalte Holz und lauschte. Das Stimmengemurmel war jetzt wesentlich leiser, doch sie hörte auch niemanden nach ihr rufen. In der Eingangshalle blieb es still. Erleichtert stieß sie die angehaltenen Luft aus und lehnte sich für einen Moment mit dem Rücken an die Tür. Ihre Augen gewöhnten sich langsam an das Dunkle und sie konnte schemenhaft Michaels wuchtigen Schreibtisch mit dem hohen Ledersessel dahinter erkennen. Sie ging zu ihm hinüber und knipste die Schreibtischlampe an. Sofort fühlte sie sich wie auf dem Präsentierteller. Doch ohne Licht konnte sie unmöglich die Kombination des Safes einstellen. Also beeilte sie sich und richtete den Lichtkegel direkt auf das Bild von Van Gogh, hinter dem Michael seinen Safe versteckt hatte. Sie hatte breit gegrinst, als er ihr das erste Mal den Safe gezeigt hatte. Es kam ihr vor, als befände sie sich in einem schlechten Kriminalfilm. Da versteckten doch alle Leute ihren Safe hinter einem Bild, doch Michael hatte ihr erklärt, das es nicht unbedingt darum ging den Safe zu finden, sondern ihn zu öffnen. Das sollte für sie ja nun kein Problem sein. Vorsichtig nahm sie das Bild von der Wand und stellte es behutsam auf den Boden, mit dem Rahmen an die Wand gelehnt.
Perkins hatte das Personal eingewiesen und einige Zeit beobachtet. Es schien alles glatt zu gehen und daher gönnte er sich jetzt, ohne schlechtes Gewissen, ein paar wenige Minuten der Ruhe. Mit seinem Lieblings-Shakespear bewaffnet öffnete er die Badezimmertür in seinem kleinen Quartier. Als er die Tür hinter sich zu gezogen hatte, begann an der Wand ein kleines Lämpchen hektisch zu blinken.
Hinter dem Bild kam ein vierecker, stahlgrauer Kasten zum Vorschein, in dessen Mitte ein kleines Rädchen, mit etlichen Kerben rundherum, prangte. Darunter befand sich ein Griff zum öffnen der Tür. Sie holte den kleinen Zettel mit der Zahlenfolge aus ihrer Hosentasche und stellte bestürzt fest, wie sehr ihre Hände zitterten. „O.k. Sarah, beruhige Dich. Sonst kriegst Du das Ding nie auf,“ sagte sie zu sich selbst und schüttelte ihre Arme aus. Sie atmete ein paar Mal tief durch und begann dann, das kleine Rädchen in die entsprechende Richtung zu drehen. „10 rechts, 24 links,“ flüsterte sie „32 rechts, 5 links. Bingo,“ sie zog an dem Griff, doch nichts rührte sich. „Shit,“ fluchte sie und begann sofort erneut, die Zahlenkombination einzustellen. Dabei lauschte sie aufmerksam auf eventuell näher kommende Schritte aus der Eingangshalle.
Die Toilettenspülung rauschte und Perkins öffnete die Badtür. Verdutzt hielt er inne. Irgendetwas stimmte hier nicht. Und dann sah er es. Vor Schreck lies er das Buch fallen und hastete an dem blinkenden Lämpchen vorbei und zur Tür hinaus.
Endlich hatte sie es geschafft. Die schwere Safetür schwang auf und mit einem erleichterten Seufzer sah sie den kleinen Lederbeutel auf einem Stapel Papiere liegen. Schnell nahm sie ihn an sich, öffnete ihn und warf unter dem Licht der Schreibtischlampe einen schnellen Blick hinein. Die Steine funkelten sie aus dem dunklen Beutel heraus an und mit einem befriedigten Lächeln verstaute sie die Steine in ihrer Jeanstasche. Sie schloss den Safe und hängte das Bild an seinen Platz. Dann knipste sie die Lampe aus und begab sich zur Tür. Langsam drückte sie die Klinke hinunter und spähte durch einen schmalen Spalt hinaus in die Halle. Niemand war zu sehen und so schlüpfte sie hinaus und mit eiligen Schritten durchquerte sie die Eingangshalle. Diesmal macht sie sich nicht die Mühe, an der offenen Tür an zu halten. Sie konnte so oder so entdeckt werden. Sie erreichte unbehelligt ihr Zimmer und zog ihren Rucksack aus dem Schrank.
Perkins bahnte sich mit ungewohnter Hektik einen Weg zu seinem Boss. Ausgerechnet heute! Einbrecher! Kaum zu glauben. Das war ihm in seiner nun schon fast 50 jährigen Dienstzeit noch niemals passiert. Endlich hatte er Carvellien erreicht. Er berührte ihn leicht am Arm und als Carvellien seinen besorgten Gesichtsausdruck sah, entschuldigte er sich bei seinem Gesprächspartner und trat mit Perkins einen Schritt zur Seite. „Was gibt es?“ fragte er alarmiert „Sir, die Alarmanlage des Safes ist gerade los gegangen.“ Carvelliens Kopf ruckte nach oben und suchte sofort die Gesichter von Josh und Bo in der Menge. Er entdeckte sie nur etwa fünf Meter von ihm entfernt und mit einer Kopfbewegung befahl er ihnen, ihm zu folgen.
Sarah hatte den nicht gerade leichten Rucksack auf den Schultern und zog vorsichtig ihre Zimmertür einen Spalt weit auf. Sofort zuckte ihr Kopf zurück und sie schloss die Tür wieder. Carvellien war gerade, gefolgt von Josh, Bo und Perkins aus dem Festsaal gestürmt und sie wandten sich direkt dem Büro zu. Panik ergriff sie. Da musste irgendetwas schief gelaufen sein. Vielleicht ein versteckter Alarm, den sie übersehen hatte? Ihre Gedanken rasten. Wie kam sie unbemerkt hier heraus?
Mit einem unterdrückten Wutschrei hatte Carvellien das Fehlen der Diamanten entdeckt. Das konnte doch nicht möglich sein. Wer besaß so viel Frechheit und stahl ihm die Diamanten unter der Nase weg? „John,“ durchfuhr es ihn und die Wut drohte in ihm über zu kochen. Es war wohl an der Zeit. sich diesen kleinen Scheißer ein für alle Mal vom Leib zu schaffen. „Josh, hol John, wir werden ihn brauchen. Perkins, sie durchsuchen mit Bo die oberen Räumlichkeiten.“ Ohne Wiederrede stürmten die drei davon. Aus einer Schublade seines Schreibtisches nahm Carvellien ein paar Lederhandschuhe und streifte sie über. Dann ging er zu dem immer noch offenen Safe und holte das kleine, helle Kästchen hervor, das Sarah nicht hatte haben wollen. Mit einem grimmigen Lächeln holte er die Waffe hervor, vergewisserte sich, das sie geladen und entsichert war und verstaut sie in der Tasche seines Jacketts. Gleich darauf kam Josh mit John im Schlepptau zurück. John wirkte verschlafen und sein Hemd hatte er sich in der Eile falsch zugeknöpft. „Josh, geh’ zu Bo und Perkins und hilf ihnen, ich werde mit John den unteren Teil übernehmen.“ „Aber Michael, meinst Du nicht, ich sollte mit Euch hier unten...“ „Nein,“ fuhr Carvellien ihn barsch an und setzte etwas freundlicher hinzu „ich will hier unten nicht so viel Aufmerksamkeit erregen, wenn Du verstehst was ich meine. John und ich kriegen das schon hin.“ „In Ordnung,“ Josh nickte und machte sich auf den Weg in die oberen Stockwerke. John rieb sich verschlafen die Augen. Er verfluchte sich innerlich. Er hatte nur einen Moment ausruhen wollen und da war er doch tatsächlich eingeschlafen. Josh hatte ihn aus seinen Träumen gerissen und irgendetwas von einem geknackten Safe erzählt. Sofort war ihm der Schreck durch die Glieder gefahren. Sarah! Wie hatte er nur so dumm sein und einfach einschlafen können? Doch als er gemeinsam mit Josh in das Arbeitszimmer gestürmt kam, hatte er vor Erleichterung innerlich aufgeatmet. Sie war nicht mehr hier. Natürlich wußte er, wo die Diamanten waren und er würde sich hüten, Carvellien dabei zu helfen, sie zu finden. Er überlegte. Ob Sarah schon aus dem Haus war? Man konnte nie wissen. „Ich denke, wir sollten im hinteren Teil des Hauses anfangen,“ sagte er deshalb. Er wollte Carvellien möglichst weit von Sarahs Zimmer entfernt wissen. „In Ordnung,“ Carvellien war hoch erfreut. John machte es ihm sehr einfach. Je weiter sie von der feiernden Gesellschaft entfernt waren, um so besser. Sie verliesen das Büro und wandten sich nach rechts. Sie druchsuchten die Küche, die Bibliothek und das Speisezimmer. Jeder der beiden war davon überzeugt, das sie dort nichts finden würden, doch sie spielten beide ihr Spielchen bis zum bitteren Ende.
Sarah lauschte angestrengt. Sie hatte die Männer in das obere Stockwerk hasten gehört und kurz darauf waren zwei wieder herunter gekommen. Dann war wieder einer hinauf gelaufen und die restlichen waren in den hinteren Teil des Hauses gegangen. Weit weg von ihrem Zimmer. Mit klopfendem Herzen öffnete sie ihre Tür einen Spalt breit. Nichts zu sehen, die Halle war leer. Sie nahm all ihren Mut zusammen und verlies den Schutz ihres Zimmers. Hastig lief sie hinüber zur großen Eingangstür und schlüpfte hinaus. Geduckt überquerte sie die breite Kiesauffahrt und suchte im Schatten der Alleebäume Schutz. Erst als sie dort wohlbehalten angekommen war, atmete sie auf. Im selben Moment hörte sie zwei Schüsse.
John kippte mit schreckgeweiteten Augen hinten über und landete platschend im Pool, der sich im Keller des Hauses befand. Sofort begann sich das Wasser um ihn herum rot zu färben. Carvellien grinste befriedigt. Er legte die Waffe gut sichtbar an den Beckenrand, streifte die Handschuhe ab und steckte sie sorgfältig gefaltet in die Innentasche seines Jacketts. Dann drehte er sich um und hastete die Hintertreppe hinauf, die in der Küche endete. Als er aus der Tür trat, mischte er sich unbemerkt unter die Menschenmassen, die erschreckt und laut rufend aus dem Festsaal strömten. Gleich darauf stießen auch Perkins, Josh und Bo zu ihnen. Carvellien versuchte seine Gäste zu beruhigen und schickt Perkins los um die Polizei zu rufen. Wenig später fanden sie Johns Leichnam kopfunter im Pool schwimmen. Mit einem riesigen Satz hechtete Josh ins Wasser und schwamm zu seinem Bruder. Als er ihn auf den Rücken drehte, sah er sofort, dass er zu spät kam. Weit öffnete er den Mund und sein gequälter Schrei hallte von den Wänden wieder.

Kapitel 19