|
|
Kapitel 13
Sarah erwachte mit rasenden Kopfschmerzen. Stöhnend rieb sie sich die Schläfen und blickte an sich hinunter. Sie lag in einem schmalen Bett mit roter Satinbettwäsche. Als sie begriff, dass sie sich nicht wie erwartet bei A.J. zu Hause in ihrem gemütlichen, französischen Bett befand, richtete sie sich vor Schreck kerzengerade auf. Sofort wurde ihr übel und das Zimmer begann vor ihren Augen zu tanzen. Schnell lies sie sich wieder zurück sinken. Ihr Herz schlug vor Angst schnell und hart gegen ihre Rippen und mit geschlossenen Augen holte sie ein paar Mal tief Luft um Übelkeit und Panik zurückzudrängen. Als sich nicht mehr alles drehte und sie wieder einen einigermaßen klaren Gedanken fassen konnte, versuchte sie noch einmal, diesmal äußerst vorsichtig, sich auf zu richten. Mit dem Rücken an die Wand gelehnt blieb sie dann schwer atmend sitzen. Wo war sie und wie war sie hierher gekommen? Eine Erinnerung meldete sich in ihrem schmerzenden Kopf. Da war ein schwarzer Lieferwagen gewesen... und mit einem Schlag wußte sie wieder, was passiert war. Die Zeitungsartikel, natürlich! Sie erinnerte sich, wie sie aus dem Haus gestürmt war und sie ein fremder Mann mit Glatze in den Van gezerrt hatte. Wieder kroch die Angst in ihr hoch. Hektisch sprang ihr Blick durch das Zimmer, über den wuchtigen Kleiderschrank in der Ecke, das riesige Fenster, hinter dem sie nur die tiefe Schwärze der Nacht erkennen konnte, über den kleine Nachttisch neben ihrem Bett, auf dem eine Lampe mit goldenen Troddeln spärliches Licht spendete und blieb dann an der geschlossenen Tür hängen. Ächzend robbte sie über das Bett und stellte vorsichtig die Füße auf den kalten, blankgebohnerten Holzfußboden. Erschrocken stellte sie fest, dass sie weder Schuhe noch Socken trug und als sie an sich hinunter blickte sah sie, dass auch ihre Jeans fehlten. Schneeweiß schien ihr Gipsfuß sie zu verspotten. Verdammter Mist, rief sie und stemmte sich in die Höhe. Schwankend stand sie nun am Rande des Bettes und versuchte angestrengt, ihr Gleichgewicht wieder zu finden. Erfolglos. Sie strauchelte und viel wieder zurück auf das Bett, das sie mit einem leisen Knarren begrüßte. Für einen Moment blieb sie mit geschlossenen Augen liegen. Sie musste dringend zu dieser Tür kommen. Doch bevor sie es noch einmal probieren konnte, wurde diese langsam geöffnet und eine junge Frau trat, mit dem Rücken zu ihr, ein. In den Armen balancierte sie ein riesiges Tablett und mit dem rechten Fuß stieß sie nun die Tür wieder zu. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht drehte sie sich zu ihr um und Sarah stockte der Atem. Eve? hauchte sie. Ja, wen hast Du denn erwartet? fragte ihre Schwester und trat zu ihr an das Bett, stellte das Tablett, auf dem sich etwas zu Essen und ein großes Glas Orangensaft befanden, auf dem Nachttisch ab und setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Mein Gott...ich dachte...ich dachte Du seist tod, stammelte Sarah und starrte Eve noch immer wie eine Fatamorgana mit weit aufgerissenen Augen an. Mit liebevollem Blick strich ihr Eve über die Wange Michael hat erwähnt, das Du Dein Gedächtnis verloren hast, entgegnete sie, anstatt auf Sarahs Bemerkung einzugehen Ich dachte eigentlich, das Du Dich an diese Geschichte in der Bibliothek garnicht mehr erinnerst. Eve, erst jetzt schien Sarah richtig zu begreifen, dass ihre Schwester nicht tot war, sondern hier äußerst lebendig neben ihr auf dem Bett saß. Mit einem Schluchzer warf sie sich in ihre Arme und für eine Weile hielten sich die beiden Schwestern einfach nur schweigend im Arm. Es tut mir so leid, flüsterte Eve ich konnte nichts für Dich tun. Michael passt auf wie ein Schießhund. Ich konnte einfach nicht weglaufen. Es muss ziemlich schlimm für Dich gewesen sein, zu sehen wie Carvellien mich niederschoß. Eve, Du musst mir unbedingt erklären, was hier los ist, sagte Sarah eindringlich und löste sich aus den Armen ihrer Schwester Ich kann mich an wirklich garnichts erinnern. Vor ein paar Tagen wache ich in einem Krankenhaus auf und meine komplette Vergangenheit hat sich in Luft aufgelöst, hilflos warf sie die Hände in die Luft. Eve nickte Wir haben noch ein wenig Zeit, aber nicht mehr viel. Noch kann ich uns Michael vom Hals halten. Er glaubt, ich könnte Dir das Versteck der Diamanten aus der Nase ziehen. Aber da hat er sich geschnitten. Richtig, die Diamanten, sagte Sarah nachdenklich was ist das nur für eine Geschichte? Eve bitte, ich muss es wissen. Eve seufzte o.k., aber das kann etwas länger dauern, ängstlich blickte sie zur Tür. So lange er die Steine nicht hat, wird er uns nichts tun, sagte Sarah um Eve zu beruhigen, ohne zu wissen um was eigentlich wirklich ging. Ich weiß, aber er hat so seine Methoden, und mit diesen Worten wanderte Eves Blick zu Sarahs Gipsbein. Damit hatte er nun eher weniger zu tun, sagte Sarah ironisch, die Eves Blick gefolgt war aber das ist eine andere Geschichte. Erzähl mir lieber, was es mit den Diamanten auf sich hat. Nun gut. Puh, wo fange ich da am Besten an? Eve strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Am besten am Anfang, versuchte Sarah ihr zu helfen wie sind wir an die Diamanten gekommen? Wir haben sie von unserer Grandma geerbt. Sie haben eine lange Geschichte. Ursprünglich hat unserer Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater sie als Geschenk vom französischen Kaiser für geleistete Dienste geschenkt bekommen. In der französischen Revolution sind sie wohl verloren gegangen und später durch einen nicht näher überlieferten Zufall wieder in die Hände unser Familie gelangt. Danach wurden sie von Generation zu Generation weiter gegeben. Granny war wohl der Meinung, dass wir würdig währen, auf sie aufzupassen, was uns ja wohl gründlich misslungen ist, Eve hielt mit traurigem Blick inne, als sie an die liebe, alte Frau zurückdachte, die ihnen gezeigt hatte, wie man am besten ein Baumhaus baute und wie man den leckersten Apfelkuchen der nördlichen Hemisphäre zustande brachte. Ich kann mich nicht an sie erinnern, sagte Sarah traurig. Wenn wir mehr Zeit haben erzähl ich Dir von ihr, sagte Eve sanft und drückte Sarahs Hand sie war eine großartige Frau. Für einen Moment schwiegen sie. Jedenfalls, brach Eve das Schweigen und fuhr mit ihrer Erzählung fort hat Michael Dich eines schönen Tages in der Karaoke Bar, in der wir grundsätzlich unsere Wochenenden verbracht haben, entdeckt. Du sprichst von Carvallien, oder? Ja. Er war so begeistert von Deiner Stimme. Er sagte, ihm hätten bei Deiner Interpretation von Dusty Springfields Son of a preacher man die Tränen in den Augen gestanden und er musste Dir einfach einen Plattenvertrag anbieten. Ich weiß noch, wie eifersüchtig ich auf Dich war. Ein Plattenvertrag ... Himmel, was hätte ich dafür gegeben! Aber er wollte erstmal nur Dich. Du bist hier eingezogen, ihr habt in seinem Studio im Keller ein Album aufgenommen und wir alle haben Dich schon als den neuen Shootingstar gesehen. Sarah schüttelte ungläubig den Kopf. Es kam ihr vor, als spräche Eve von einer ihr völlig fremden Person. Sollte sie das alles tatsächlich erlebt haben? Immerwieder musste sie sich vor Augen halten, dass Eve tatsächlich von ihr, Sarah OConner, oder besser Sarah Parker und nicht von einem Superstar auf dem Titelblatt irgendeines Magazins sprach. Was ging denn schief? Du hattest schon immer den Hang zur Leichtgläubigkeit, entgegnete Eve ohne den geringsten Tadel in der Stimme Du hast Michael eines abends die Diamanten gezeigt und stolz von ihrer Geschichte erzählt. Ich kann mir gut vorstellen, wie sich in seinem Kopf sofort die Rädchen angefangen haben zu drehen. Er hatte Spielschulden und ziemlich heftige noch dazu. Die Diamanten waren für ihn der Ausweg. Spielschulden? Was ist das nur für ein Typ? Ich meine, er entführt Menschen, misshandelt sie und klaut Diamanten. Da stimmt doch etwas nicht. Eve lächelte freudlos und das ist noch lange nicht alles. Das Plattenlabel ist eigentlich nur so eine Art Geldwaschanlage. Zu dem damaligen Zeitpunkt wussten wir das alles noch nicht, aber er ist groß im Drogengeschäft tätig. Ab und zu nimmt er einen erfolgversprechenden Künstler unter Vertrag, um den Schein zu wahren. Ansonsten ist er hauptsächlich mit sehr dubiosen und absolut illegalen Dingen beschäftigt. Erneut schüttelte Sarah ungläubig den Kopf. Die Sache wurde immer unwirklicher. Erzähl weiter, drängte sie dann was passierte, nachdem Carvallien die Diamanten zu Gesicht bekam? Er hat Dich überredet, sie in seinem Safe zu deponieren. Wie gesagt, Du warst schon immer sehr vertrauensselig und er hat nicht lange gebraucht um Dich davon zu überzeugen, dass sie dort am besten aufgehoben waren. Warum hatte ich sie überhaupt bei mir? Ich meine, währen sie bei Dir zu Hause nicht sowieso sicherer gewesen? Eve lächelte wir hatten ausgemacht, das Du sie als Glücksbringer mitnimmst. Bisher hatten die Steine allen Besitzern nur Gutes gebracht, behauptete zumindest Granny. Nach dem ganzen Durcheinander hier, kann ich mir das allerdings nicht mehr so ganz vorstellen. Sarah lachte trocken nicht wirklich, nein. Ich denke, die Diamanten währen wahrscheinlich einfach irgendwann verschwunden oder Carvallien hätte sie durch Imitationen ausgetauscht, irgend sowas. Doch leider kam ihm John dazwischen. Sarah schluckte. Das war dann wohl der Mann, den sie angeblich umgebracht hatte. Ängstlich lauschte sie auf Eves nächste Worte. John glaubte, er könne sich mit dem großen Boss anlegen. Er hatte wohl Beweise gefunden, die Carvallien vernichten konnten. Er drohte ihm, damit an die Presse zu gehen. Tja, und das war der Anfang von Carvalliens Plan, Dich ein für alle Mal loszuwerden und somit auch ungehindert an die Diamanten zu kommen. Woher weißt Du das alles? Das hast Du mir erzählt. Ich? Oh Mann. Niemals habe ich mir mehr gewünscht, mich erinnern zu können. Das ist so...so...frustrierend. Sarah seufzte laut. Dafür hast Du ja mich, entgegnete Eve. Und begann, nun auch den Rest der Geschichte zu erzählen.
Kapitel 14 |
|