Kapitel 11

Sarah saß blass und schweigend in dem kleinen Studio. Um sie herum tobte eine heftige Diskussion über die Geschehnisse der vergangenen zwei Stunden. Kristin hatte in bunten Farben ihre Flucht vor dem Hünen geschildert, der sie die ganze Straße hinunter und bis zu ihrem Auto gejagt hatte. Sarah bekam von all dem wenig mit. Ihre Gedanken drehten sich unaufhörlich im Kreis. Sie hatte große Angst. Dieser Mann hatte dazu beigetragen, dass ihre Schwester ermordet wurde und nun war er hinter ihr her. Er wußte, wo sie sich aufhielt und er wußte was sie den ganzen Tag tat, dessen war sie sich sicher. Sie fragte sich zum hundertsten Mal, wie sie überhaupt in so eine Situation hatte kommen können. Was waren das für Diamanten, von denen der Mann in dem weißen Anzug gesprochen hatte? Das schien der Schlüssel zu dem Ganzen zu sein. Er wollte sie haben und war scheinbar davon überzeugt, das Sarah sie besaß oder zumindest wußte, wo sie waren. Doch wenn sie ihrer Schwester glaubte, dann gehörten die Steine sowieso ihr. Welcher Mensch tötete für ein paar Diamanten? Und wer schickte ihr seine Bluthunde hinterher? Warum hatte sie auf der Straße gelebt, wenn sie doch offensichtlich eine Familie hatte, mit der sie gut ausgekommen war? Was machte sie in New York, wenn sie doch eigentlich in Florida sein wollte? Fragen über Fragen, auf die sie einfach keine Antworten fand. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen. Sie fühlte sich mutterseelen allein in diesem Raum voller Menschen und sie war nicht in der Lage irgendetwas daran zu ändern. Eine leichte Berührung an ihrem Arm lies sie aufblicken. A.J. hatte sich vor ihr in die Hocke niedergelassen und strich ihr nun sanft über die Wange. „Hey, mach Dir nicht so viele Gedanken. Wir werden jetzt zur Polizei gehen und dann wird sich dieser Albtraum vielleicht in Wohlgefallen auflösen.“ Sarah erschrak „nein, keine Polizei,“ stieß sie hervor „Aber...,“ setzte Kristin an „nein,“ unterbrach sie Sarah heftiger als beabsichtigt. Sanfter fuhr sie fort „die können sowieso nichts tun. Was können wir denn schon erzählen? Das wir vor einem Typ davon gelaufen sind, der uns vielleicht nur nach der Uhrzeit fragen wollte?“ „Das glaubst Du doch selbst nicht,“ entgegnete Kristin sichtlich verärgert „natürlich nicht, aber die Polizei wird es so hinstellen. Gestohlene Diamanten, eine offensichtlich verwirrte Frau, die ihr Gedächtnis verloren hat und ein unbekannter Mann, der uns hinterher rennt. Glaubt ihr, dass mir auch nur ein vernünftiger Mensch glauben wird?“ „Wir glauben Dir,“ sagte Nick leise. „Das ehrt Euch auch wirklich,“ entgegnete Sarah „aber die Realität sieht nunmal anders aus. Die Polizei hat hier in New York mit genug Spinnern zu tun. Die werden uns wahrscheinlich noch nicht einmal richtig zu hören. Wenn ich Pech habe weisen sie mich gleich in irgendeine Irrenanstalt ein. Wegen Verfolgungswahn oder sowas.“ Die Anderen schwiegen. Sarahs Argumente waren nicht von der Hand zu weisen, doch es widerstrebte ihnen, einfach tatenlos über das Geschehene hinweg zu gehen. „Ich habe einen Vorschlag,“ sagte A.J. unvermittelt in die Stille hinein. „Wir warten ab, was Clarice heraus finden kann. Vielleicht bringt uns das ja irgendwie weiter. Falls nicht, können wir immernoch zur Polizei gehen. Der Typ ist sowieso schon über alle Berge,“ „oder ganz in meiner Nähe,“ sagte Sarah leise und sah A.J. dabei fest in die Augen. Sie wollte ihm klar machen, in welche Gefahr er sich begab, wenn er sich weiterhin mit ihr abgab. „Wenn dem so ist, dann war er es die ganze Zeit schon und er hat erst etwas unternommen, als Du alleine mit Kristin warst. Vielleicht traut er sich nicht an mich heran, weil er die Presse fürchtet, wer weiß? Ich bin auf jeden Fall bereit, dieses Risiko einzugehen.“ Sarah schluckte, von dieser Seite hatte sie es noch garnicht betrachtet. „Also, was haltet ihr von meinem Vorschlag?“ fragte er in die Runde. Allgemeines Nicken antwortete ihm „aber wenn wir nicht weiterkommen wird sofort die Polizei eingeschaltet,“ sagte Kevin bestimmt und zog Kristin fester in seine Arme. A.J. blickte zu Sarah hinunter. Sie seufzte „dann bleibt mir ja wohl nichts anderes übrig.“ „Gut, dann ist das ja wohl geklärt,“ entgegnete Kevin befriedigt „ich schlage vor, wir treffen uns heute Abend bei mir zu Hause. Bis dahin wird Clarice sicherlich schon etwas heraus gefunden haben.“

Sie saßen in dem äußerst geräumigen Wohnzimmer der Richardsons. Im Kamin prasselte ein gemütliches Feuer und aus der Stereoanlage erklang leise Musik von Eric Clapton. Sarah und A.J. waren ohne Probleme sowohl zurück zu ihrer Wohnung als auch hier her gekommen. Alle paar Sekunden hatte sich Sarah in ihrem Sitz umgedreht, um nach etwaigen Verfolgern Ausschau zu halten, doch sie hatte nichts Auffälliges bemerkt. Auch bevor sie Kevins Haus betraten hatte sie ihren Blick nochmals suchend über die Umgebung schweifen lassen, doch da war Niemand. Sie konnte nicht wissen, dass Josh mittlerweile die komplette rundum Überwachung aller Backstreet Boys veranlasst hatte und das er gerade in diesem Moment in einen, am Straßenrand vor Kevins Haus geparkten, schwarzen Lieferwagen umstieg. Bo gesellte sich zu ihm und die bisherigen Beobachter fuhren nun mit dem BMW davon. „Glaubst Du, Clarice meldet sich heute Abend noch?“ fragte Nick an Kevin gewandt, der mit untergeschlagenen Beinen auf dem Fußboden saß. „Ich habe vor ca. einer Stunde mit ihr telefoniert. Sie meinte, sie hätte da womöglich was für uns, aber sie wartete noch auf das entsprechende Fax.“ Sarah richtete sich wie elektrisiert auf dem Sofa auf „sie hat tatsächlich etwas herausgefunden?“ fragte sie aufgeregt. „Sie war sich noch nicht ganz sicher,“ versuchte Kevin ihre Begeisterung zu dämpfen „sicher weiß sie es erst, wenn das Fax da ist.“ Entmutigt lies sich Sarah wieder zurück sinken. Diese Warterei machte sie wahnsinnig. A.J., der neben ihr saß, zog sie an sich, sodass sie mit dem Rücken an seiner Brust lehnte. Er legte ihr die Arme um die Taille und drückte sie aufmunternd. „Bin ich gespannt,“ sagte Nick und nahm einen Schluck von seinem Orangensaft „na das kann ich mir denken,“ entgegnete A.J. belustigt „Mr. Neugier persönlich.“ „Sag bloß, Du willst nicht erfahren, was Sache ist.“ „Doch, aber ich kann es im Gegensatz zu Dir erwarten.“ „Ach tu doch nicht so...,“ das Klingeln des Telefons unterbrach die beiden Streithähne. Schnell stand Kevin auf und griff nach dem Hörer „Ja?...Hallo Clarice, und...hast Du etwas herausgefunden?...aha...mach es doch nicht so spannend...in Ordnung, wie Du willst...ja, ich laufe gleich hoch...super. Noch mal vielen Dank...wie meinst Du das?...hm...na gut, dann machs gut, ja?...mach ich...bis bald.“ „Was hat sie gesagt?“ fragten Nick und Sarah gleichzeitig noch bevor er den Hörer richtig aufgelegt hatte „sie lässt Euch allen schöne Grüße bestellen,“ entgegnete Kevin und verschwand dann mit einem Grinsen auf dem Gesicht und unter lauten Protesten von Nick und Sarah die Treppe hinauf in das obere Stockwerk, wo sich sein Arbeitszimmer und somit auch das Faxgerät befanden. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis sie ihn wieder herunter kommen hörten. Mit ernstem Gesicht, die Augen fest auf einige Seiten Papier gerichtet, kam er zurück ins Wohnzimmer. Erst als er direkt vor Sarah stand, blickte er auf und sein Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes. Ängstlich richtete sich Sarah auf und streckte die Hand nach den Papieren aus. Wortlos reichte er sie ihr und wartete dann mit vor der Brust verschränkten Armen darauf, das sie die Seiten gelesen hatte. A.J. beugte sich ein Stück vor, doch seine Aufmerksamkeit galt weniger den Papieren in ihrer Hand, als ihrem Gesicht. Ihr Gesichtsausdruck wechselte von reiner Neugier zu Unverständnis und schließlich zu blanker Panik. Ungläubig sah sie zu Kevin auf und nahm sich gleich darauf die nächste Seite vor. „Was ist denn nun?“ fragte Nick ungehalten und war aufgestanden, um Sarah über die Schulter zu blicken. Doch er konnte zu seinem großen Bedauern nichts Genaues erkennen. Er sah zwei Fotos mit Männern, die er noch nie im Leben gesehen hatte, dazwischen ein Foto von einer etwas jüngeren Sarah. Schließlich hatte sie alles gelesen und lies die Hände, die immernoch die Seiten umklammert hielten, in den Schoß sinken. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie vor sich hin ins Leere. Plötzlich schnellte sie in die Höhe, rannte Nick buchstäblich über den Haufen und noch ehe einer von ihnen reagieren konnte, hatte sie ihre Jacke geschnappt und war fluchtartig aus dem Haus gestürmt. Die Papiere lagen zusammengeknüllt auf dem Wohnzimmertisch. Für einen Moment blieben alle wie erstarrt auf ihren Plätzen sitzen. „Wir müssen sie aufhalten,“ rief A.J. schließlich entsetzt, sprang auf und rannte Sarah hinterher. Kevin und Howie folgten ihm, doch als sie aus der Haustür stürmten, sahen sie nur noch, wie ein schwarzer Lieferwagen mit quietschenden Reifen davon fuhr. Von Sarah weit und breit keine Spur.

Kapitel 12