Kapitel 10

Etwa zwei Stunden später schwang unvermittelt die Tür auf und Kristin betrat das Studio. Sie freute sich sichtlich, Sarah wieder zu sehen. „Hey, meine Klamotten stehen Dir wesentlich besser als mir. Wie machst Du das nur?“ sagte sie anerkennend. Sarah wurde etwas verlegen. Kristin hatte sie daran erinnert, dass sie hier eigentlich nur Gast war und mit weniger als Nichts auf Kosten anderer lebte. „Alles in Ordnung?“ fragte Kristin auch prompt, als sie Sarahs betretenen Gesichtsausdruck sah. „Nicht wirklich,“ entgegnete diese ehrlich. Sieben Augenpaare richteten sich auf sie. „Es ist nur...ihr seid alle so nett zu mir und ich glaube, ich habe mich noch nicht einmal richtig dafür bedankt.“ A.J. winkte ab. „Das ist schon in Ordnung. Wir helfen gerne.“ „Nein,“ widersprach Sarah und schüttelte zur Bekräftigung den Kopf „Du hast mich einfach so bei Dir aufgenommen und ich trage Kristins Klamotten. Ich besitze nichts und ich bin nichts und trotzdem kümmert ihr Euch um mich.“ „Wow, wow, jetzt mal langsam,“ sagte Nick beschwichtigend und hob die Hände um sie am Weiterreden zu hindern „Du weißt nicht, ob Du nichts besitzt und ganz eindeutig bist Du sehr wohl etwas. Nämlich ein äußerst netter Mensch der einfach momentan ein paar Schwierigkeiten hat. Du hast eine wundervolle Stimme und ich bin mir sicher, das sich daraus etwas machen lässt. Also, hör auf Dir irgendwelche Schuldgefühle oder Gewissensbisse einzureden. Wir kriegen das schon auf die Reihe.“ Sarah blickte in die Runde. Alle starrten Nick sprachlos an. Kevin reagierte als Erster. Er trat zwei Schritte an Nick heran und legte ihm einen Arm um die Schulter „Nick, Du überraschst mich immer wieder.“ „Wo er recht hat, hat er recht,“ stimmte Brian zu. Nick runzelte verständnislos die Stirn „Wie, was, wo? Habe ich irgendwas verpasst?“ A.J. lachte „Du kriegst noch nicht einmal mit, wenn man Dir ein Kompliment macht.“ „Würde mich irgendjemand mal aufklären?“ Nick wußte immer noch nicht, womit er sich das Lob verdient hatte und so langsam wurde ihm das ganze recht unheimlich. Sarah lachte „Nick, ich glaube sie wollen Dir einfach nur sagen, dass das eben sehr großzügig und unheimlich liebenswert war,“ mit diesen Worten trat sie auf ihn zu, stellte sich auf die Zehenspitzen und schloss den mittlerweile rot angelaufenen Nick fest in die Arme. Gleich darauf strauchelte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht und 10 Arme reckten sich gleichzeit nach ihr, um sie aufzufangen. „Ist schon o.k.,“ wehrte Sarah ab, als sie wieder festen Halt hatte „ich glaube, ich überschätze mich dann ab und zu doch etwas. Was ich eigentlich sagen wollte...“ sie strich eine verirrte Haarsträhne hinter die Ohren und blickte in die fragenden Gesichter „Danke. Wirklich vielen, vielen Dank. Ich hoffe ich kann mich irgendwann für Eure Hilfe revanchieren.“ „Da bin ich mir vollkommen sicher,“ entgegnete Howie im Brustton der Überzeugung. Dann stahl sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht „kannst Du eigentlich kochen?“ „Ich...,“ setzte sie an und die Anderen ergänzten im Chor „...weiß es nicht.“ Sarah musste lachen „ich glaube, dass wird mein zweiter Vorname Sarah-ich weiß es nicht-O’Conner.“ „Oder wir lassen Dir das als T-Shirt drucken, dann weiß gleich jeder bescheid,“ entgegnete A.J. lachend „Genau. So in der Art „Sprechen Sie mich nicht an, ich weiß es sowieso nicht“.“ spann Brian den Faden weiter. „Ich glaube das mit den netten Menschen nehme ich wieder zurück,“ entgegnete Sarah in gespielter Entrüstung „tja, man sollte sich nicht zu früh ein Urteil über Menschen bilden,“ antwortete Kevin verschmitzt grinsend. Leroy rief sie wieder zur Ordnung „tut mir ja leid Jungs, aber wir müssen wieder an die Arbeit. Wir hinken dem Zeitplan sowieso schon hinterher.“ Die Jungs seufzten geschlossen. „Sklaventreiber,“ murmelte A.J. „DAS habe ich gehört McLean,“ sagte Leroy und drohte im scherzhaft mit dem Finger „damit hast Du Dir das Privileg verdient, als erster wieder hinter die Scheibe zu verschwinden.“ „Ich hab's gewusst,“ beschwerte sich A.J., ging aber brav zur rückwärtigen Tür und verschwand im Aufnahmeraum. Kristin zog Sarah ein Stück zur Seite „was hältst Du davon, wenn wir die Jungs ein wenig in Ruhe arbeiten lassen und uns ein nettes Café suchen? Ich denke die kommen ohne uns ganz gut klar.“ „Gerne. Allerdings...“ Sarah stockte. Es war ihr zuwider sich aushalten zu lassen. „Mach Dir keine Gedanken,“ Kristin wußte genau, was in Sarah vorging „das ist eine offizielle Einladung und ich bin tödlich beleidigt, wenn Du sie nicht annimmst.“ Sarah lächelte „dann habe ich wohl garkeine andere Wahl.“ „So ist es.“

Josh hatte den Seiteneingang keine Sekunde aus den Augen gelassen. Vor kurzem hatte er eine großgewachsene Blondine hinein gehen sehen und als sich die Tür nun erneut öffnete, sah er Sarah mit ihr wieder herauskommen. Aufgeregt stieß er Bo neben sich an, der bisher leise vor sich hin geschnarcht hatte. „Da kommt sie und dieser Lackaffe ist ausnahmsweise nicht dabei,“ sagte er und ein triumphierendes Grinsen legte sich auf sein Gesicht. „Jetzt schnappen wir sie uns.“ Er startete den Motor und hängte sich an den silbernen Ford, der an ihnen vorbei fuhr, ohne das die Insassen sie bemerkt hätten. Mit einigem Sicherheitsabstand folgte er ihnen. „Die Blondine hat einen heißen Fahrstil,“ bemerkte Bo neben ihm. Josh knurrte etwas Unverständliches und bemühte sich, das Auto vor ihm in dem dichten Verkehr nicht aus den Augen zu verlieren. Sie fuhr wirklich flott, wechselte dauernd die Spur, bog unvermittelt in Seitenstraßen ab und er riskierte einen Beinahe-Zusammenstoß, als er ihr noch schnell über eine rote Ampel folgte. Kurze Zeit später hielt sie vor einem kleinen Café und stieg aus. Suchend sah er sich nach einem Parkplatz um, doch die Blondine schien mehr Glück als Verstand zu haben, dass sie auf dieser belebten Straße überhaupt einen Parkplatz gefunden hatte. In zweiter Reihe wollte er auch nicht parken. Das konnte viel zu schnell die Cops auf den Plan rufen. Mit einem kurzen Blick in den Rückspiegel sah er, dass die Beiden das Café betraten. Er bog links ab und nach einigen Metern fand er tatsächlich eine kleine Lücke zwischen den geparkten Autos. Nach einigem hin und her manövrieren hatte er schließlich seinen Wagen in die Lücke gezwängt und hastig stieg er aus und eilte zur Straßenecke zurück. Bo blieb ihm dabei dicht auf den Fersen. Gemeinsam betraten sie das gut besuchte Café. Wachsam liesen sie ihren Blick über die vollbesetzten Tische gleiten, als sie eine junge Kellnerin ansprach „Guten Tag die Herren. Tut mir schrecklich leid, aber wir sind momentan voll besetzt. Es könnte einige Zeit dauern, bis wieder ein Tisch frei wird.“ „Eigentlich suchen wir zwei Freundinnen von uns,“ sagte Josh und setzte sein freundlichstes Gentelmanlächeln auf „sie müssten gerade eben hier herein gekommen sein.“ „Eine von ihnen hat ein Gipsbein,“ fügte Bo noch hinzu. Die Kellnerin lächelte „ja, sie waren gerade hier, aber leider hatten wir auch für sie keinen Platz und so sind sie wieder gegangen.“ Josh bemühte sich seine liebenswürdige Fassade aufrecht zu erhalten, was ihn einige Überwindung kostete. „Vielen Dank, dann schauen wir draußen mal, ob wir sie noch finden.“ Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verlies fluchtartig das Café. „Verdammt,“ zischte er, als sie wieder in der Sonne standen. „Weit können sie noch nicht sein, ihr Wagen steht noch hier,“ versuchte Bo ihn zu beruhigen und sah sich suchend um. Doch von den beiden Frauen war weit und breit nichts zu sehen. „Wir trennen uns,“ befahl Josh mit mühsam unterdrückter Wut in der Stimme „ich laufe die Straße hier rauf und Du in die andere Richtung. Wir werden sie finden.“ Bo nickte und machte sich auf den Weg. Josh drehte sich noch einmal um die eigene Achse um sicher zu gehen, dass sie sie nicht doch übersehen hatten. Doch immernoch fehlte von den beiden jede Spur. Langsam setzte er sich in Bewegung und beäugte aufmerksam jedes Gesicht, das ihm entgegen kam.

„Schade, dass alle Plätze schon belegt waren,“ sagte Kristin gerade, die sich bei Sarah eingehängt hatte und langsam mit ihr an den Geschäften vorbei schlenderte. „Stimmt, es sah nett aus.“ „Das Nächste hat hoffentlich Platz und genau so eine gute Küche.“ „Wenn nicht, fahren wir einfach wieder zurück und nehmen uns was von McDonalds mit. Das tut es zur Not auch.“ Kristin lachte „Du bist nicht zufällig mit A.J. verwandt oder?“ Sarah blickte sie verdutzt an „nicht das ich wüßte.“ Plötzlich hörten sie eine Stimme hinter sich „Sarah?“ Sie fuhren herum. Vor ihnen stand eine alte, spindeldürre Frau von unbestimmbarem Alter. Ihr graues Haar war zu einem unordentlichen Knoten hochgesteckt und ihre dunklen Augen funkelten sie aus einem wettergegerbten, faltigen Gesicht heraus an. Sie konnte fünfzig oder hundert Jahre alt sein. Neben sich hatte sie einen, über und über mit Tüten behangenen Einkaufswagen stehen. Als Sarah einen Schritt auf sie zu trat schlug ihr ein ekelerregender Geruch nach Alkohol, Urin und Schmutz entgegen. Doch sie kümmerte sich nicht darum „sie kennen mich?“ fragte sie ungläubig „Hab auch erst zweimal hingucken müssen,“ antwortete die Alte und lachte, wobei sie ein nicht mehr ganz vollständiges Gebiss mit gelben Zähnen entblößte „siehst richtig fein aus,“ bemerkte sie dann. „Ja...ich...Wer sind sie?“ Nun war es an der alten Frau sie verdutzt anzusehen. „Sag mal, hast Du einen Schlag auf den Kopf bekommen, oder was? Ich bin's doch, die gute alte Hanna,“ nachsichtig schüttelte sie den Kopf „ts, ts, die jungen Dinger heutzutage. Unglaublich.“ „Hanna,“ aufgeregt griff Sarah nach der runzligen Hand der alten Frau, die diese sofort erschreckt zurück zog „hey, lass mich, ich hab Dir nichts getan.“ „Schon gut, schon gut,“ versuchte Sarah Hanna zu beruhigen und drehte sich hilfesuchend nach Kristin um. Aus den Augenwinkeln nahm sie eine hastige Bewegung wahr, doch in ihrer Aufregung drang diese Information nicht bis zu ihrem Gehirn durch. Josh hatte sich schnell hinter eine Telefonzelle geflüchtet und beobachtete nun die drei unterschiedlichen Frauen. „Hanna,“ versuchte es nun Kristin „Sarah hat tatsächlich so etwas wie einen Schlag auf den Kopf bekommen.“ Hannas Augen wurden riesen groß „Oh Gott Kind, ich hoffe es ist nicht all zu schlimm?“ „Nein...oder doch...ja...also...wie man es nimmt,“ resigniert verstummte Sarah. So kamen sie jedenfalls nicht weiter. Kristin berührte leicht ihren Arm „lass mich mal,“ sagte sie mit einem verständnisvollen Lächeln und wandte sich wieder Hanna zu „Sarah hat ihr Gedächtnis verloren. Wir versuchen nun ein wenig über sie heraus zu finden und sie Hannah, hat sozusagen der Himmel geschickt.“ Hanna lächelte „ja, ja, die Wege des Herrn sind manchmal unergründlich.“ Josh beugte sich interessiert vor um auch ja nichts von der Unterhaltung zu verpassen. Sie hatte also das Gedächtnis verloren. Sehr gut, das konnte ihnen noch nützlich sein. Andererseits...wenn sie sich nicht an den Aufenthaltsort der Diamanten erinnern konnte, sah es schlecht für sie aus. Carvellien würde das garnicht gefallen. „Kannst Du Dich an irgendetwas erinnern, was mich betrifft?“ schaltete sich nun Sarah ein, die sich wieder einigermaßen gefasst hatte „habe ich Dir erzählt wo ich herkomme? Irgendetwas?“ Hanna legte den Kopf schief und schien nachzudenken. „Wenn ich es mir so überlege...doch...aber...mein Hirn ist ganz leer, genau so wie mein Magen.“ Ein listiges Lächeln erschien auf ihrem Gesicht und Kristin musste lachen. „O.k., wir haben verstanden. Kommen Sie, ich kenne hier in der Nähe ein Lokal, da können wir uns in Ruhe hinsetzen. Beim Essen redet es sich doch viel besser.“ Sarah sah Kristin entgeistert an. „Glaubst Du, das ist wirklich eine gute Idee? Ich meine, sie werden Hanna vielleicht garnicht hinein lassen.“ „Lass mich nur machen. Sie haben eine nette, kleine Terrasse und wenn wir Glück haben ist da garnicht so viel los. Außerdem kenne ich den Besitzer seit Jahren. Eigentlich wollten wir ja nur einen Kaffee trinken gehen und eine Kleinigkeit essen, aber das hier ist wohl ein Notfall. Also, lasst uns zu dem Restaurant gehen.“ Kristin ging ihnen voraus, im Schlepptau Hanna und Sarah. Mit einigem Abstand folgte ihnen Josh. Er hoffte, vielleicht etwas mehr über die Diamanten zu erfahren. Vielleicht konnten sie ohne den Umweg über die Kleine an sie heran kommen. Dann bräuchte er keine Rücksicht mehr darauf zu nehmen, ob sie etwas wußte oder nicht. Dann gehörte sie ganz ihm.

Wenig später saßen sie zusammen auf der Terrasse eines kleinen, italienischen Lokals. Sarah war immernoch erstaunt darüber, wie leicht sie hier hereingekommen waren. Der Bedienung, die sie empfangen hatte, waren natürlich zu erst fast die Augen aus dem Kopf gefallen und sie hatte mit einem missbilligenden Blick die Nase gerümpft. Doch Kristin hatte den Besitzer kommen lassen, einen schlanken, gutaussehenden Italiener, der Kristin mit weit ausgebreiteten Armen wortreich begrüßt hatte und nachdem sie ihm die Sachlage erklärt hatten, hatte er sie zu einem abgelegenen Tisch auf der Terrasse geführt. Er sorgte dafür, das sie sofort bedient wurden und Hanna löffelte nun genüsslich und mit zufriedenem Gesichtsausdruck eine Hühnerbrühe. Sie beachteten den großen, muskulösen Mann nicht, der kurz nach ihnen kam, sich hinter Sarahs Rücken an einen Tisch in der Nähe setzte und ein Wasser und einen italienischen Salat bestellte. Sarah hielt es vor Aufregung nicht mehr aus „Hanna, kannst Du mir etwas über mich erzählen?“ drängte sie. Hanna nickte „Du bist vor ungefähr einem halben Jahr zu uns gestoßen. Und Du sahst aus!“ Hanna lies ein missbilligendes Schnauben hören, während sie weiter ihre Suppe löffelte „völlig abgemagert warst Du. Die Anderen und ich mussten uns wirklich anstrengen, sonst währst Du wahrscheinlich verhungert.“ „Hab ich gesagt, wo ich herkam?“ Hanna schüttelte den Kopf. „Du hast nicht viel geredet. Eigentlich nie, außer an diesem einen Abend, als Samuel die hundert Doller gefunden hatte. Weißt Du noch?“ sie kicherte. Sarah schüttelte den Kopf „tut mir leid, ich kann mich nicht erinnern.“ „Oh, natürlich. Wie dumm von mir. Also, an diesem Abend hatten wir ein richtiges Festmahl, mit richtig gutem Wein und Schnaps und allem was so dazu gehört.“ Sarah schmunzelte. Ein Festmahl bestehend aus Alkohol und Alkohol. Wirklich gut. „Jedenfalls warst Du irgendwann ziemlich angeschickert,“ fuhr Hanna fort und löffelte die letzten Reste aus ihrem Teller. Kaum hatte sie den Löffel hingelegt, kam schon eine Bedienung und stellte ihr einen dampfenden Teller mit Spaghetti in Tomatensoße vor die Nase. Erneut wurden Hannas Augen riesen groß. Sie schnappte sich die Gabel und begann eine ordentliche Portion in den Mund zu schieben. Die nächsten Worte verstanden Sarah und Kristin kaum „Du haft wunderfön gefungen,“ nuschelte Hanna und schluckte. Jetzt war sie wieder besser zu verstehen „dann bist Du ganz rührselig geworden und hast erzählt, dass Du das von Deiner Mum geerbt hast und das Deine Schwester auch so gut singt. Du hast irgendwas von Florida genuschelt und das Du da gerne wieder hin willst, aber vorher hättest Du noch was zu erledigen und deswegen wärest Du hier bei uns gelandet.“ Erneut schob sie sich eine Gabel voll Spagetti in den Mund und Sarah und Kristin warteten gespannt, bis sie geschluckt hatte. „Du hast von Deiner Mum erzählt. Wie sie Dich in den Schlaf gesungen hat und wie sie Dich immer getröstet hat, wenn Du malwieder von eurem Apfelbaum gefallen warst.“ Eine weiter Portion Nudeln verschwand in ihrem Mund. „Daf warf dann auf fon.“ Enttäuscht fuhr sich Sarah durchs Haar. „Bist Du sicher? Ich meine...ist da nicht noch irgendetwas. Habe ich nie gesagt, was ich hier so dringend zu erledigen habe? Oder wo genau ich herkomme? Wer ich bin?“ Sarahs Stimme klang immer verzweifelter. Kristin hob den Arm um sie zu trösten, doch Hanna war schneller. Sanft umfasste sie Sarahs Hand „Kindchen, ich kann Dir leider nicht mehr sagen. Du warst immer eine Einzelgängerin. Manchmal haben wir Dich tagelang nicht zu Gesicht bekommen. Du hast niemandem vertraut und mit niemandem geredet. Wir haben Dich so akzeptiert, wie Du warst. Glaub mir, wenn man auf der Straße lebt, lernt man als erstes sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Aber uns war allen klar, das Du eigentlich nicht zu uns gehörst. Du bist nicht so wie wir, keine nutzlose alte Pennerin, der das Leben eben einmal zu viel übel mitgespielt hat. Du warst schon immer besser als wir und sieh Dich heute an. Das da draußen ist Deine Welt, nicht dieses stinkende Loch in dem Du vorher gehaust hast.“ Sarah drückte dankbar Hannas Hand und schluckte die aufkommenden Tränen hinunter. Es war immerhin ein Anfang. Nicht viel, aber vielleicht etwas, auf dem man aufbauen konnte. „Ich danke Dir,“ sagte Sarah und lächelte. „Ach, papperlapapp,“ entgegnete Hanna schroff und zog ihre Hand zurück. Mit Hingabe widmete sie sich wieder ihren Spaghetti. Sarah warf einen Blick zu Kristin hinüber und deutete ein leichtes Nicken an. „Alles in Ordnung,“ sollte das heißen „ich komme klar.“ Missmutig stocherte Josh in seinem Salat herum. Das waren nicht die Informationen, die er sich gewünscht hatte. Genau genommen, war er jetzt genau so schlau wie vorher. Wenig später bezahlte Kristin und zu dritt strebten sie dem Ausgang zu. Josh warf ein paar Scheine auf den Tisch und folgte ihnen unauffällig. Als er nach draußen trat, verabschiedeten sich die Frauen gerade voneinander. „Nochmals vielen Dank Hanna. Du hast mir schon sehr weitergeholfen. Wenn ich irgendetwas für Dich tun kann...,“ doch sie winkte ab. „Lass mal, ich komme schon klar.“ Kristin streckte ihr die Hand entgegen „es war nett Sie kennen zu lernen.“ „Ganz meinerseits,“ entgegnete Hanna in einem gekünstelten Tonfall und Sarah lächelte traurig. Das Leben war nicht gerecht. Wenig später gingen Sarah und Kristin langsam zurück in Richtung Auto, jede in ihre eigenen Gedanken versunken. Plötzlich hörten sie Hanna hinter sich kreischen „he sie Mistkerl, was fällt ihnen ein?“ Sarah und Kristin fuhren herum. Ihnen bot sich ein groteskes Bild. Hanna hatte, vermutlich aus dem unerschöpflichen Vorrat von Krimskrams in ihrem Wagen, einen Regenschirm hervorgezaubert und drosch damit auf einen hünenhaften Mann ein, der scheinbar den Fehler begangen hatte, Hannas Einkaufswagen anzurempeln. So sehr er auch versuchte, sich vor der keifenden, kleinen Person mit ihrem Regenschirm in Sicherheit zu bringen, er schaffte es nicht, wurde er doch von der einen Seite von einem Baum, von der anderen von Hannas Einkaufswagen und im Rücken von der stark befahrenen Straße eingekeilt. Sarah und Kristin begannen über dieses lustige Bild zu lachen, bis Sarah auf einmal der Atem stockte und sie verstummte. Mit schreckgeweiteten Augen sah sie auf den Mann, der immernoch dabei war, Hannas Schläge abzuwehren. „Kristin, wir müssen so schnell wie möglich von hier weg,“ flüsterte sie und starrte dabei weiterhin mit klopfendem Herzen auf den muskelbepackten Bodybuilder aus ihrem Traum. „Was?“ Kristin hatte sie nicht verstanden und als sie nun in Sarahs blasses Gesicht blickte, wurde sie sofort ernst und fasste Sarah an der Schulter. „Sarah, was ist denn los?“ Diese Berührung löste Sarahs Erstarrung. „Lauf!“ rief sie nur und war schon herum gefahren. Sie humpelte so schnell sie konnte die Straße hinunter, die total verstörte Kristin an ihrer Seite. Immerwieder sah sie sich ängstlich um. Inzwischen hatte Hanna von ihrem Peiniger abgelassen und dieser hatte sich aus seiner Ecke herausgekämpft. Josh blickte suchend den Gehweg hinunter, bis er die beiden flüchtenden Frauen erblickte. „Fuck,“ rief er. Also hatte sie wohl doch nicht alles vergessen. Mit riesen Schritten setzte er ihnen nach. Doch schon hatten sie das Auto erreicht. „Beeil Dich Kristin, bitte!“ „Ich mach ja schon,“ antwortete diese gehetzt und suchte verzweifelt in ihrer Tasche nach den Autoschlüsseln. „Kristin schnell, er ist gleich hier,“ rief Sarah verzweifelt und lies dabei den immer näher kommenden Josh keine Sekunde aus den Augen. Endlich hatte Kristin die Schlüssel gefunden und mit einem klack öffnete sich die Zentralverriegelung. Hastig riss Sarah die Beifahrertür auf und lies sich in den Sitz fallen. Kaum hatte Kristin ebenfalls ihre Tür zugeschlagen, drückte Sarah schon den Knopf für die Verriegelung herunter. Keine Sekunde zu früh, denn krachend schlug Joshs Faust gegen Sarahs Fensterscheibe. Für einen Moment starrten sie sich tief in die Augen, dann hatte Kristin mit zitternden Händen den Motor gestartet und mit quietschenden Reifen schoss sie aus der Parklücke. Hinter ihr hupten einige wütenden Autofahrer, denen sie nur ganz knapp an der Kühlerhaube vorbei geschlüpft war. Sarah drehte sich in ihrem Sitz herum und beobachtete Josh, der mit in die Hüften gestemmten Händen dem Wagen nachsah. Dann bogen sie um die nächte Straßenecke und liesen Josh hinter sich. Erleichtert lies sich Sarah zurück in die Polster sinken. „Ich will jetzt garnichts hören,“ rief Kristin aufgebracht mit zitternder Stimme, obwohl Sarah garnichts sagen wollte. „Wir fahren jetzt zurück ins Studio und dann wirst Du mir erklären, warum ich gerade wie eine Verrückte vor einem Mr. Universum davon gerannt bin.“ Sarah schwieg. Was hätte sie auch sagen sollen? Sie wußte ja selbst nicht, wo sie diesen Mann einordnen sollte. Sie wußte nur, dass er etwas mit dem Tod ihrer Schwester zu tun hatte.

Kapitel 11