Kapitel 9
Fürsorglich öffnete A.J. für Sarah die Tür und half ihr die zwei schmalen Stufen hinauf ins Aufnahmestudio. Das Erste, was Sarah ins Auge fiel, war das riesige Mischpult mit tausenden von Knöpfen und Reglern. Darüber konnte man durch ein Fenster direkt in den eigentlichen Aufnahmeraum blicken. Ein großer, blonder junger Mann sang gerade mit Hingabe und geschlossenen Augen in ein Mikrophon, das von der Decke hing. Er trug Kopfhörer und mit den Händen drückte er sie fest auf die Ohren. Kevin kam sofort auf sie zu Hi, endlich wieder auf den Beinen wie ich sehe, sagte er lächelnd und drückte sie an sich. Lächelnd erwiderte Sarah seine Umarmung yep. Zwar noch etwas wacklig, aber es wird schon. Sarah, das hier ist Brian, A.J. stellte ihr einen blonden Typ mit wundervollen babyblauen Augen und kantigen Gesichtszügen vor Hi Sarah, habe schon viel von Dir gehört, sagte er und schüttelte ihr die Hand. Sie warf eine missbilligenden Blick in A.J.s Richtung und dieser hob verteidigend die Hände nur Gutes natürlich. Und das hier ist unser Startenor Howie. Ein Mann mit dunklen Locken und herzlichem Lächeln trat auf sie zu keine Sorge, er hat nicht viel erzählt, nur das Du nett bist, aber das Du auch so hübsch bist hat er natürlich malwieder verschwiegen. Mit einem verlegenen Lächeln schüttelte sie auch ihm die Hand. Und das hier, A.J. legte einem Mann, der bisher unbeteiligt am Mischpult gesessen hatte, die Hände auf die Schultern ist Leroy. Er ist für die Technik zuständig und natürlich dafür, das wir noch besser klingen, als wir es sowieso schon tun. Sarah erwiderte Leroys festen Händedruck und musterte seine fast schwarzen Augen hinter den dicken Brillengläsern. Seine Haut hatte die Farbe von frischgebrühtem Kaffee und sein Lächeln konnte sicherlich Eisberge zum schmelzen bringen. Sarah fühlte sich sofort unheimlich wohl in dieser für sie doch eigentlich ungewöhnlichen Umgebung. Hinter Leroy ging eine schmale Tür auf und der blonde Mann, der gerade noch so wunderschön gesungen hatte, betrat den kleinen Raum. Und das ist Blondi. Aber seine Freunde dürfen ihn auch Nick nennen, stellte A.J. vor und erntete direkt einen nicht ganz sanften Hieb auf den Oberarm. Au, Den hast Du Dir redlich verdient, sagten Nick und Sarah gleichzeitig und prusteten los. Hey, ist ja klasse, dass ich die Unbekannte endlich mal persönlich kennen lerne, sagte Nick und kümmerte sich nicht weiter um A.J., der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht seinen Oberarm rieb. Wie selbstverständlich schloss er sie in die Arme. Waren das jetzt alle, oder kommen da noch mehr? scherzte Sarah und warf eine interessierten Blick in Richtung Tür, aus der Nick gerade aufgetaucht war. Nein, ich denke das wars, entgegnete Brian grinsend Oder? Schnell mal durchzählen bitte. Eins, Zwei, krähte Nick Drei, tönte A.J. Vier, kam es von Kevin Wie immer bin ich der Letzte. Fünf, sagte Howie und über seinen betrübten Blick musste Sarah lachen. Nimm's nicht so schwer Howie, versuchte sie ihn zu trösten und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. O.k., machen wir weiter? meldete sich Leroy zu Wort. Die anderen nickten. Gut, A.J., Du kannst gleich mal in Positur gehen. Dein Part von Heaven ist dran. Text liegt schon bereit. Ey, ey, Sir, entgegnete A.J. in zackigem Kasernenton und salutierte, bevor er durch die Tür verschwand. Gleich darauf tauchte er hinter der Scheibe wieder auf und drückte sein Gesicht dagegen. Sein Mund und seine Nase wurden plattgedrückt und Sarah musste über dieses groteske Bild breit grinsen nichts als Unsinn im Kopf, dachte sie und sah sich nach einer Sitzgelegenheit um. In der hinteren Ecke stand eine alte, abgewetzte Couch und vorsichtig humpelte sie zu ihr hinüber. Als sie sich erleichtert seufzend in die Polster sinken lies, stand schon Kevin mit einem kleinen Hocker in der Hand vor ihr. Hier, damit Du Deinen angeschlagenen Fuß hochlegen kannst, sagte er und schob ihn unter ihr angehobenes Gipsbein. Danke Kevin, Du bist wirklich ein Schatz. Ich weiß, entgegnete er nur mit einem verschmitzten Grinsen und gesellte sich dann wieder zu seinen Kollegen, um das Treiben hinter der Scheibe zu verfolgen. A.J. hatte sich mittlerweile die Kopfhörer aufgesetzt und nachdem Leroy einige Knöpfe gedrückt hatte, erklangen sanfte Gitarrenriffs. Sarah lehnte sich zurück und schloss die Augen, als A.J.s rauchige Stimme den Raum erfüllte. Er war wirklich unglaublich gut. Es brauchte mehrere Versuche, bis Leroy endgültig zufrieden war und A.J. seinen Platz hinter dem Mikrofon verlassen konnte. Mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht, gesellte er sich zu Sarah. Doch diese nahm ihn kaum wahr. Ihr Blick wurde von einer Gitarre gefesselt, die neben dem Sofa an der Wand lehnte. Der Körper war aus hellem Buchenholz gefertigt und der Hals glänzte in schwarzem, polierten Holz. Ein wundervolles Stück, oder? meinte A.J. der ihren Blick bemerkt hatte. Ja, ich habe selten eine so gute Arbeit gesehen, erwiderte Sarah geistesabwesend. A.J. hob überrascht die Augenbrauen. Er griff nach der Gitarre und hielt sie ihr hin. Hier, probier mal. Der Klang ist unglaublich. Sarah nahm ihren Fuß von dem Hocker und mit geübtem Griff legte sie sich das Instrument über die Knie und begann mit traumwandlerischer Sicherheit einige Akkorde zu spielen. Dazu summte sie eine Melodie und ein seliges Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Lauter bitte, sagte A.J. leise um diesen Moment der offensichtlichen Erinnerung nicht zu zerstören. Jetzt sicherer geworden begann sie mit einer gefühlvollen, glasklaren Stimme, die ihm eine Gänsehaut über den ganzen Körper jagte, zu singen:
An old man turned ninety-eight
He won the lottery and died the next day
It's a black fly in your chardonnay
It's a death row pardon two minutes too late
Isn't it ironic... don't you think
Sie holte tief Luft und beim Refrain entfalltete sich ihre ganze Leidenschaft für die Musik. Ihr Kopf wippte im Takt, ihre Finger flogen nur so über die Seiten und alle Augen waren ungläubig auf sie gerichtet. Doch das nahm sie garnicht mehr wahr, so sehr war sie in der Musik versunken.
It's like rain on your wedding day
It's a free ride when you've already paid
It's the good advice that you just didn't take
Who would've thought... it figures
Mr. Play It Safe was afraid to fly
He packed his suitcase and kissed his kids good-bye
He waited his whole damn life to take that flight
And as the plane crashed down he thought
"Well, isn't this nice."
And Isn't this ironic ... don't you think?
It's like rain on your wedding day
It's a free ride when you've already paid
It's the good advice that you just didn't take
Who would've thought... it figures
Well life has a funny way of sneaking up on you
When you think everything's okay and everything's going right
And life has a funny way of helping you out when
You think evertyhing's gone wrong and everything blows up
In your face
A traffic jam when you're already late
A no-smoking sign on your cigarette break
It's like 10,000 spoons when all you need is a knife
It's meeting the man of my dreams
and then meeting his beautiful wife
And isn't it ironic... don't you think
A little too ironic.. and yeah I really do think...
It's like rain on your wedding day
It's a free ride when you've already paid
It's the good advice that you just didn't take
Who would've thought... it figures
Well life has a funny way of sneaking up on you
And life has a funny funny way of helping you out
helping you out
Der letzte Akkord verklang und für einige Sekunden war es totenstill in dem kleinen Raum, dann begann Kevin anerkennend zu klatschen und die Anderen stimmten ein. Verwirrt, als erwache sie aus einer Art Traum, blickte Sarah in die Runde. Habe ich tatsächlich eben gespielt und gesungen? fragte sie mit ungläubig aufgerissenen Augen an A.J. gewandt. Tja Prinzessin, Du kannst Dein Talent einfach nicht leugnen, entgegnete er und lächelte liebevoll auf sie hinab. Immernoch fassungslos schüttelte Sarah den Kopf. Es kam einfach so über mich, sagte sie, mehr zu sich selbst auf einmal haben sich meine Finger und mein Mund von alleine bewegt. Und dann hatte A.J. das Gefühl als ginge die Sonne auf, als ein freudestrahlendes Lächeln auf Sarahs Lippen erschien. Oh Mann, das war wirklich der Hammer, sagte sie und die Umstehenden begannen zu lachen. Das war wirklich spitze, stimmte ihr Brian zu hast Du das schonmal professionell versucht? Ihr Lächeln verschwand. Ich weiß es nicht. Stille senkte sich über den Raum. Aber das währe ein Punkt, wo man ansetzen könnte, meinte schließlich A.J. nachdenklich. Wie meinst Du das? fragte Sarah. Naja, vielleicht gibt es tatsächlich irgendwo eine Plattenfirma oder sowas, die eine vermisste Künstlerin vermisst. Währe doch möglich. Sarah schüttelte den Kopf meinst Du nicht, das die mich längst gesucht hätten. Wer weiß, vielleicht hatten sie kein Glück. Warum sollten wir nicht den umgekehrten Weg nehmen und zur Abwechslung mal sie suchen? Sarah zuckte mit den Schulter. Ich weiß nicht. Wir haben ja noch nicht einmal eine Ahnung, wo genau wir suchen sollen. Es gibt bestimmt unzählige Plattenlabel in Amerika. Ich habe ja noch nicht einmal eine Ahnung, wo ich eigentlich her komme. Kleiner Pessimist, tadelte Kevin gutmütig. Kev hat recht, meldete sich Howie zu Wort denke positiv. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. O.k., ihr habt ja recht, Sarah hob abwehrend die Hände. Kevin hatte schon sein Handy aus der Hosentasche gezogen und tippte eine Nummer ein. Hi Clarice. Wie gehts, wie stehts? er drehte sich um und verließ den Raum. Sechs äußerst gespannte Gesichter starrten auf die Tür, die er hinter sich geschlossen hatte. Wen hat er da jetzt angerufen? fragte Sarah in die Stille hinein. Clarice gehört zu unserem Plattenlabel, erklärte A.J. und ihre Kontakte im Musikbusines sind legendär. Wenn sie nichts herausfindet, kann es keiner. In diesem Moment betrat Kevin wieder das Studio. Sie hört sich um, sagte er aber es kann etwas dauern. Gut. Dann machen wir mal weiter, o.k.? meinte Brian und klatschte aufmunternd in die Hände. Sarah runzelte die Stirn. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass ihr nicht gefallen könnte, was Clarice über sie in Erfahrung brachte.
Kapitel 10