Kapitel 8

Sarah erwachte und blickte direkt auf die Überreste ihres fulminanten Abendessens, die mittlerweile nicht mehr so lecker aussahen. Ihr rechter Arm war eingeschlafen und begann protestierend zu kribbeln, als sie sich vorsichtig bewegte. Ein gequältes Grunzen lies sie aufblicken. Sie lagen auf der Couch, A.J. hatte einen Arm um sie gelegt und schlief immernoch tief und fest. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, richtete Sarah sich auf. Sie hatten sich am Abend zuvor, jeder mit einem riesigen Teller voller Spaghetti und einem Glas Rotwein bewaffnet, auf die Couch verzogen und nachdem sie so satt waren, dass keiner von ihnen noch einen Schritt hätte machen können, hatten sie sich aneinander gekuschelt und geredet. Dabei musste sie wohl eingeschlafen sein. Jeder Knochen im Leib tat ihr weh, als sie sich nun erhob und leise in Richtung Badezimmer humpelte. Bevor sie die Tür hinter sich schloss warf sie noch einen kurzen Blick auf den friedlich schlummernden A.J.. Er hatte einen Arm über sein Gesicht gelegt und seine Haare standen verstrubbelt in alle möglichen und unmöglichen Richtungen ab. Der andere Arm, der sie gerade noch festgehalten hatte, lag nun auf seinem Bauch. Sein T-Shirt war ihm bis zur Brust hinauf gerutscht und sie konnte die schwarze 69 sehen, die sich um seinen Bauchnabel rankte. Sie schluckte und wiederstand dem Impuls, zu ihm hinüber zu gehen und diese Stelle sanft zu küssen. Mit einem missbilligenden Stirnrunzeln drehte sie sich abrupt um und schloss leise die Badezimmertür hinter sich. Was war denn das nun wieder? Romantische Gefühle konnte sie jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Und was hieß da eigentlich Romantik? Damit hatte das Chaos in ihrem Kopf eigentlich überhaupt nichts zu tun. Eher mit der animalischen Lust nach Sex. Sie schüttelte energisch den Kopf um das Bild, das gerade vor ihrem inneren Auge entstand, zu verscheuchen und wandte sich ihrem Spiegelbild zu. Der Anblick dieses immernoch recht fremden Gesichts lies sie weiterhin innerlich zusammenzucken, doch sie war längst nicht mehr so geschockt davon, wie das letzte Mal, als ihr A.J. den Spiegel vorgehalten hatte. Der blaue Fleck auf ihrer Stirn hatte mittlerweile die Farbe von schleimigen Schlingpflanzen angenommen und wenn sie mit den Fingern über die Stelle fuhr, spürte sie immernoch die riesige Beule. Vorsichtig löste sie das Pflaster und besah sich die etwa drei Zentimeter lange Narbe, die mit fünf Stichen säuberlich genäht worden war. Wenn sie die Haare ein wenig mehr ins Gesicht fallen lies, würde sie garnicht mehr zu sehen sein. Nachdem sie ihre morgendliche Inspektion beendet hatte, sauber und mit gekämmten Haaren wieder aus dem Bad trat, blickte sie direkt in A.J.s verschlafene Augen. „Guten Morgen, gut geschlafen?“ fragte sie grinsend. „Hm...ich fühle mich, als hätte ein Bulldozer auf meiner Brust übernachtet. Du weißt nicht zufällig woher das kommt?“ fragte er mit einem schelmischen Grinsen auf dem Gesicht. „Na warte,“ rief Sarah entrüstet und so schnell es ihr eingegipstes Bein zuließ, war sie bei ihm an der Couch und hieb mit einem Kissen auf ihn ein. „Ahhrg, Gnade,“ rief A.J. lachend und versuchte sich gegen die auf ihn niederprasselnden Schläge zur Wehr zu setzen. Als er merkte, das er damit keinen großen Erfolg hatte, packte er kurz entschlossen Sarahs Handgelenke und zog sie zu sich hinunter auf die Couch. Fest umfasste er ihre schmale Taille und so sehr sie sich auch wehrte, kam sie doch nicht von ihm los. Atemlos blieben sie dann wenig später still liegen. „O.k., ich gebe auf,“ sagte Sarah schließlich immernoch schwer atmend und war sich A.J.s Nähe dabei nur all zu bewusst. „Versprochen? Keine Schläge mehr?“ „Versprochen.“ „Großes Pfadfinderehrenwort?“ „Ich schwöre,“ entgegnete Sarah lachend und hob zwei Finger in die Luft. „Zeig mir die andere Hand. Nicht das Du die Finger überkreuzt, man kann ja nie wissen,“ und er griff nach ihrem freien Arm. Er hielt ihn soweit hoch, dass er ihre Finger sehen konnte. Seine andere Hand lag weiterhin auf ihrem Bauch. „O.k., das lasse ich gerade so gelten,“ sagte er dann nach einem prüfenden Blick und sanft hauchte er einen Kuss auf ihre Fingerspitzen. Wie ein elektrischer Schlag raste ein Kribbeln von Sarahs Fingerspitzen bis hinunter in ihrem Bauch und erschrocken über diese heftige Reaktion richtete sie sich auf. „Ich werde mich dann mal umziehen,“ murmelte sie hastig und verschwand in ihrem Zimmer. Enttäuscht sah A.J. ihr nach. Er hätte noch stundenlang mit ihr auf der Couch liegen können. Sie fühlte sich so gut an und sie roch noch dazu so gut, dass es ihm fast die Sinne raubte. Mit einem Seufzer setzte er sich auf und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Das lief irgendwie alles in die verkehrte Richtung.

Einige Zeit später saßen sie schweigend an der Theke und genehmigten sich ein üppiges Frühstück. Sarah goss gerade Ahornsirup über ihre Pfannkuchen als A.J. fragte „hast Du Lust nachher mit ins Studio zu kommen? Wir sind gerade bei Aufnahmen für ein neues Album und ich könnte mir vorstellen, dass Dir ein bisschen Ablenkung ganz gut tun würde.“ Sarah hatte sich inzwischen eine gehörige Portion Pfannkuchen in den Mund geschoben, so dass sie nur mit großen Augen begeistert nicken konnte. A.J. lächelte. Ein kleiner Tropfen Ahornsirup lief an ihrem Kinn hinab und bevor sie auch nur die Hand heben konnte, hatte er er ihn schon sanft mit dem Zeigefinger weggewischt. Genüsslich leckte er sich den Finger ab „mhm, ich liebe Ahornsirup.“ Sarah nickte wissend und mit einem leichten Lächeln auf dem Gesicht widmete sie sich wieder ihrem Pfannkuchen. A.J. warf ihr noch einen kurzen Seitenblick zu, dann verspeiste er den Rest seines Rüheeis und schob dann seinen Teller weit von sich. „Uff, nach gestern Abend hätte ich eigentlich nicht gedacht, das ich jemals wieder etwas essen könnte.“ „Na komm, so schlecht war die Pasta nun auch nicht,“ entgegnete Sarah mit ernstem Blick und musste gleich darauf über A.J.s gekränkten Gesichtsausdruck lachen. „Ich meinte eigentlich eher die Menge, als die Qualität,“ sagte er mit einem leicht beleidigten Unterton. Sarah lacht noch lauter „Hey, ich wußte garnicht, dass Du so empfindlich bist. Natürlich war es phänomenal. Lass Dich bloß nicht von mir ärgern.“ A.J. schüttelte den Kopf. So langsam schien aus ihm ein echter Vollidiot zu werden. Wenn sie ihn schon so sehr verwirrte, dass er einen Scherz nicht mehr von der Wahrheit unterscheiden konnte, schien es schlimmer zu stehen, als er bisher angenommen hatte. Er räusperte sich um die Fassung wieder zu gewinnen und stand dann auf. „Abfahrt in zehn Minuten,“ sagte er knapp und verschwand die Treppe hinauf. Sarah sah ihm nach. Aus ihm wurde sie einfach nicht schlau. Seufzend erhob sie sich ebenfalls und wenig später standen sie im Fahrstuhl und waren auf dem Weg in die Tiefgarage.

Josh beobachtete mit müden Augen aber hellwachem Verstand das Haus gegenüber. Er hatte in der Nacht nicht viel Schlaf gefunden. Immerwieder hatte er Möglichkeiten, die Kleine doch noch schnell zu fassen, im Kopf hin und her gewendet und sie dann doch wieder verworfen. Solange sie mit diesem Typ zusammenhing, hatten sie wenig Chancen. Als er nun A.J.s Wagen aus der Tiefgarage kommen sah, richtete er sich wie elektrisiert in seinem Sitz auf und lies den Motor an. Mit einem schnellen Seitenblick auf seinen Partner stellte er fest, dass dieser ebenfalls kerzengerade aufgerichtet in seinem Sitz saß und mit den Augen das dunkle Auto verfolgte. Vorsichtig fädelte sich Josh einige Wagen hinter A.J. in den Verkehr ein und folgte ihm mit einigem Abstand durch die halbe Stadt. Einmal dachte er schon, er hätte sie verloren, doch dann tauchten sie eine Ecke weiter unvermittelt wieder vor ihm auf. Erleichtert atmete er auf, als sie auf den riesigen Parkplatz eines heruntergekommenen Gebäudekomplexes einbogen. Langsam hielt er am Straßenrand an und beobachtete, wie die Beiden ausstiegen und durch einen Seiteneingang in dem Haus verschwanden. Er blickte sich suchend um und fand einen freien Parkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite, von dem aus er einen guten Überblick über den gesamten Parkplatz und den Eingang hatte. Als er den Motor abstellte lies er sich seufzend zurück in die Polster sinken. Erneut konnten sie nichts anderes tun als warten.

Kapitel 9