Kapitel 7
Sie saßen nebeneinander auf den Hockern vor der Theke. Jeder hielt eine dampfende Tasse mit den Händen umklammert, als wollte er daraus etwas Wärme ziehen, die ihnen in der letzten halben Stunde abhanden gekommen zu sein schien. Schweigend starrte Sarah in die Schwärze des Kaffees, als könnte sie dort die Antworten auf ihre Fragen finden. Sie war immernoch von einem Gefühl der Angst erfüllt, von der sie nicht sagen konnte, woher sie kam. Sie fühlte förmlich die Bedrohung als schwarze Wolke über ihr hängen und es machte sie fast wahnsinnig nicht zu wissen, wie diese Gefahr konkret aussah. Irgendwo in ihrem Innern pochte außerdem der dumpfe Schmerz über den Tod ihrer Schwester, doch sie hielt ihn gut versteckt. Irgendwie wußte sie, dass sie sich nicht gehen lassen durfte. Sie musste wachsam bleiben, damit sie eventuell schnell reagieren konnte, sollte es nötig sein. Immerwieder tauchten die Bilder ihres Traumes, besser gesagt ihrer Erinnerung, vor ihrem geistigen Auge auf. Krampfhaft versuchte sie etwas zu finden, das sie weiter brachte, das ein wenig Licht in die dunkle Leere in ihrem Kopf bringen konnte. Das Gesicht des Mannes im weißen Anzug kam ihr irgendwie vertraut vor, doch sie konnte ihm keinen Namen zuordnen. Hätte sie die anderen Beiden auf der Straße getroffen, hätte sie geschworen, dass sie sie noch nie im Leben vorher gesehen hatte. Sie sah die riesige Bibliothek vor sich, doch sie wußte nicht, wie es außerhalb dieses Raumes aussah. Sie seufzte laut und fuhr sich in einer Geste, die vollkommene Resignation ausdrückte, über das Gesicht. So kam sie nicht weiter. Erzähl mir von Deinem Traum, sagte A.J. leise und blickte sie über den Rand seiner Kaffeetasse hinweg an. Ich weiß nicht, ob das was bringt. Ich zermartere mir schon das Hirn und es kommt nichts dabei heraus. Versuch es einfach. Vielleicht fällt mir ja was ein, oder durch das Erzählen kommen andere Erinnerungen hoch. Ein Versuch ist es doch wert. Sie warf ihm einen skeptischen Blick zu und begann dann doch mit leiser Stimme zu erzählen ich saß in einem Schrank und blickte durch die Lammelen in einen großen Raum voller Bücher. Eine Bibliothek? Ja Du Schlaumeier, eine Bibliothek. A.J. hob abwehrend die Hände he, ich versuche nur mir ein Bild zu machen. Ist schon in Ordnung. Also, ich blickte in diese Bibliothek und plötzlich ging die Tür auf und meine Schwester wurde von zwei Kerlen hereingezerrt. Erinnerst Du Dich, ob Du die Typen schoneinmal gesehen hast? Sarah schüttelte den Kopf nein. Auf der Straße währe ich wohl an ihnen vorbei gelaufen. Wie sahen sie aus? Der eine war ziemlich schmächtig und hatte eine Glatze, der Andere war recht groß und muskelbepackt. Er hatte ein kantiges Gesicht und extrem buschige Augenbrauen. Hm, könnte wohl auf viele Leute passen. Stimmt genau. Aber eins sage ich Dir, wenn sie mir irgendwo über den Weg laufen, würde ich sie auf der Stelle wieder erkennen, darauf kannst Du Gift nehmen. Wie zur Bestätigung trank A.J. einen Schluck von seinem Kaffee und wartete dann, dass Sarah fortfuhr sie hielten Eve fest... Eve? Meine Schwester, Oh, sorry, hab ich wohl nicht mitgedacht. Weiter. Jedenfalls sah sie schon ziemlich schlimm aus. Sie hatten...sie wohl...geschlagen... Sarah schluckte und sah angestrengt in ihre Kaffeetasse. Was ist dann passiert, drängte A.J. sie sanft zum weiter Sprechen Da war noch ein dritter Mann und der hat sie bedrängt. Er wollte wissen, wo sie die Diamanten hat. Diamanten? A.J. verschluckte sich beinahe an seinem Kaffee Ich weiß das hört sich alles ziemlich seltsam an, verteidigte Sarah sich aber so war es, ich schwöre es. Er wollte die Diamanten und als sie ihm nicht gesagt hat, wo sie sind, hat er sie erschossen. Schweigen senkte sich über den Raum. Sarah versuchte die furchtbaren Bilder aus ihrem Kopf zu verscheuchen und A.J. war noch dabei, das gerade eben gehörte zu verarbeiten. Zum wiederholten mal dachte er daran, was er sich hier eigentlich ins Haus geholt hatte. Verstohlen warf er einen Blick zu ihr hinüber. Sie war sehr blass und hatte die Lippen fest aufeinander gepresst. Ihre Hände zitterten, was sie versuchte durch das krampfhafte festhalten an der Kaffeetasse zu unterdrücken, doch es gelang ihr nicht wirklich. Langsam stand er auf und machte einen Schritt auf sie zu. Nicht... wehrte sie ohne aufzublicken ab sonst fange ich gleich wieder an zu heulen. Weinen ist manchmal nicht das Schlechteste, sagte A.J. leise und streichelte sanft über ihren Arm. Mit einem Ruck stand sie auf und funkelte ihn wütend an ich will aber nicht mehr weinen, schrie sie ihm entgegen und schon kullerten die ersten Tränen über ihre Wangen ich habe die letzten Monate genug geweint, genug Angst gehabt. Ich will endlich, das alles wieder so wird wie früher. Das Eve wieder nach Hause kommt und wir endlich wieder eine Familie sein können. A.J. sah sie entgeistert an. Monate? Nach Hause? Sarah, red weiter. Versuch Dich zu erinnern, sagte er aufgeregt, als hätte er ihre Wut überhaupt nicht wahrgenommen. Verblüfft sah sie an. Wie in Trance sprach sie weiter wir wohnten auf dem Land. Meine Mutter ist Grundschullehrerin, mein Vater arbeitet bei einer Firma die...die...Mist, ich...der Name fällt mir nicht ein, vor Anstrengung hatte sie die Stirn gerunzelt und die Hände zu Fäusten geballt. Atemlos stand A.J. ihr gegenüber und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an, als könne er ihr so helfen, die Erinnerungen wieder zurück zu holen. Enttäuscht lies Sarah die Luft, die sie die ganze Zeit angehalten hatte entweichen und senkte den Blick. Es ist vorbei. Wie weggeblasen. Mit einer hilflosen Geste wischte sie sich die Tränen von den Wange. Es war zum Verrückt werden. Hast Du irgendetwas gesehen? fragte A.J. Wie meinst Du das? Vielleicht Euer Haus, wie es dort aussieht. Oder das Gesicht Deiner Mutter, irgendetwas. Sarah dachte einen Moment darüber nach. Kornblumen, sagte sie dann ich erinnere mich an ein riesiges Feld voller Kornblumen und wie es geleuchtet hat, wenn die Abendsonne darauf schien. Es muss ganz in der Nähe von unserem Haus sein...aber...das war's dann auch schon. Für einen Moment starrten sie sich an, dann unterbrach Sarahs unüberhörbar knurrender Magen die Stille. Ein leichtes Lächeln zeigte sich auf A.J.s Gesicht das klingt schwer nach Pasta alla McLean, sagte er und das Grinsen wurde noch breiter, als sich Sarahs Magen erneut zu Wort meldete. Mit einem missbilligenden Blick sah Sarah auf ihren flachen Bauch hinunter klingt wirklich grässlich und ehrlich gesagt, habe ich tatsächlich einen Mordshunger. Ist doch unglaublich, wie sich der Körper überhaupt nicht um Katastrophen schert, oder? A.J. lachte meine Mum sagt immer, mit einem vollen Magen lässt es sich besser denken, und schon war er auf dem Weg um die Theke herum und hantierte gleich darauf mit Töpfen und Pfannen. Sarah hatte ihren Platz auf dem Barhocker wieder eingenommen und sah ihm dabei zu, wie er Wasser aufstellte und aus dem Kühlschrank Tomaten, Salami und Knoblauch hervor holte. Sieht nach einer interessanten Mischung aus, bemerkte sie, als er aus einem Schrank ein Glas Oliven und Champions hervorholte. Wenn schon, denn schon, entgegnete er grinsend. Seine routinierten Handgriffe beruhigten sie mehr, als es ein ausführliches Gespräch es gekonnt hätte und als der verführerische Duft nach Tomaten und Oregano durch den Raum zog, erlaubte sie sich ein zaghaftes Lächeln.
Währenddessen saßen Josh und Bo frustriert vor dem Backsteingebäude und blickten starr die Fassade hinauf. Ich wette, die haben gerade jede Menge Spaß da oben und wir sitzen hier unten und frieren uns den Arsch ab, bemerkte Bo ärgerlich. Josh zündete sich eine weitere Zigarette an, bestimmt die dreißigste seit sie ihren Beobachtungsposten eingenommen hatten. Wir sollten Frank und Sam Bescheid geben. Sie sollen die Nachtschicht übernehmen. Ein bisschen Schlaf kann uns nicht schaden. Morgen sehen wir weiter. Irgendwann müssen sie da mal raus kommen. Bo hatte schon sein Handy gezückt und eine halbe Stunde später näherte sich ein brauner Dodge. Josh blendete kurz die Scheinwerfer auf und wenig später hielt der Wagen neben dem Fahrerfenster. Josh kurbelte die Scheibe herunter und lehnte sich, mit dem Ellenbogen auf dem Türrahmen gestützt, ein Stück nach draußen. Bisher ist alles ruhig, informierte er seinen Gegenüber. Ich will sofort wissen, wenn sich etwas tut, ansonsten sind wir morgen früh um sieben wieder hier um Euch abzulösen. Der Andere nickte und als Josh aus der Parklücke gefahren war, sah er im Rückspiegel, wie der Dodge seinen Platz einnahm.
Kapitel 8