Kapitel 5

Wenig später bog A.J. in die Tiefgarage eines mehrstöckigen Hauses ein. Vorsichtig half er Sarah aus dem Wagen und lies sie dann schwankend stehen um ihre Sachen aus dem Kofferraum zu holen. Er schulterte ihren Rucksack und hängte sich die Reisetasche über die Schulter, dann kam er zu Sarah zurück. Sie stand immernoch an der offenen Tür und hielt sich am Rahmen fest. „Meinst Du, Du schaffst es bis zum Fahrstuhl?“ fragte er besorgt und betrachtete skeptisch ihren Gipsfuß. „Kein Problem,“ entgegnete Sarah bestimmter, als sie sich eigentlich fühlte. „Komm her, ich helfe Dir. Stütz Dich auf mich.“ „Ich schaffe das schon alleine,“ entgegnete sie grob und begann schon in Richtung Fahrstuhl zu humpeln. A.J. schüttelte über ihre Sturheit nur den Kopf und folgte ihr langsam. Auf der Hälfte des Weges blieb sie keuchend stehen. Um sie herum drehte sich alles. Scheinbar hatte sie ihren Kreislauf doch etwas überschätzt. „Das packst Du schon,“ machte sie sich in Gedanken Mut „Du bist lange genug hilflos in diesem blöden Bett gelegen. Währe doch gelacht, wenn er Dir jetzt auch noch beim Laufen helfen müsste.“ „Alles o.k.?“ drang seine Stimme leise zu ihr durch. „Geht schon,“ entgegnete sie knapp und sah dann in Richtung Fahrstuhl. Warum mußte das noch so weit sein? War sie überhaupt schon ein Stück vorwärts gekommen? Entschlossen sammelte sie das bischen Kraft, daß sie noch hatte und humpelte weiter. Ihr linker Fuß schien eine Tonne zu wiegen und schmerzte mittlerweile wieder beträchtlich. Verbissen biß sie die Zähne zusammen. Nur noch ein kleines Stückchen. Es währe sicherlich alles gut gegangen, wenn sie nicht plötzlich gestolpert währe. A.J. konnte sie im letzten Moment auffangen und blickte mit diesem hab-ich-es-Dir-nicht-gesagt-Ausdruck in den Augen in ihr blasses Gesicht. „O.k. Prinzessin, das reicht jetzt,“ sagte er bestimmt. Er lies den Rucksack und die Tasche von seinen Schultern gleiten und hob sie hoch. „Ich dachte immer ich bin stur, aber Du übertriffst mich bei weitem,“ und mit diesen Worten trug er sie mühelos die letzten Meter bis zum Fahrstuhl und stellte sie dann sanft wieder auf die Füße. Erschöpft lehnte sie sich an das kühle Metall der Fahrstuhltür. A.J. lief zurück um ihre Sachen zu holen und wenig später betraten sie gemeinsam den Fahrstuhl. Er angelte einen Schlüssel aus der Hosentasche, steckte ihn in ein kleines Schloß und drückte dann den obersten Knopf. Die Fahrstuhltüren schlossen sich und lautlos sauste die Kabine nach oben. Einige Sekunden später öffneten sich die Türen und Sarah blickte direkt in ein gemütlich eingerichtetes, riesiges Wohnzimmer. Achtlos warf A.J. ihre Sachen neben die Fahrstuhltür auf den Boden und half ihr dann hinüber zu einer unheimlich bequem aussehenden Couch. Mit einem erleichterten Seufzer lies sie sich darauf sinken und legte ihren Gipsfuß vorsichtig auf den kleinen Holztisch vor ihr ab. Ihr gegenüber befand sich ein großer, offener Kamin, indem momentan allerdings kein Feuer brannte. Davor lagen riesige Sitzkissen und Polster auf einem cremefarbenen, flauschigen Teppich. Zu ihrer Rechten, blickte sie durch Fenster, die vom Boden bis zur Decke reichten und einen atemberaubenden Blick über Manhatten boten. Hinter sich hörte sie A.J. rumoren und als sie sich ungelenk umdrehte, sah sie ihn in der Küche stehen und eine Kessel mit Wasser aufsetzen. Die beiden Räume waren durch eine helle Holztheke getrennt, vor der ettliche Barhocker standen. Links davon führte eine Treppe nach oben. Sie kuschelte sich wieder bequem zurück in die Polster und fuhr mit ihrem interessierten Rundblick fort. Etwas zu ihrer Linken erregte ihre Aufmerksamkeit und unter leisem Stöhnen stand sie auf und humpelte hinüber zu der Wand, an der komische Dinge in goldenen Rahmen hingen. „Oh, Du hast meine Plattensammlung schon entdeckt,“ sagte A.J. plötzlich hinter ihr. „Was ist das?“ fragte sie interessiert. „Das sind Auszeichnungen, die wir für unsere Arbeit erhalten haben,“ sagte er und blickte sie interessiert an. Er wartete, suchte nach einer Regung, die ihn erkennen lies, daß sie sich erinnerte. Sie lies ihren Blick nocheinmal über die goldenen CDs auf schwarzem Grund schweifen und schüttelte dann den Kopf „Ich weiß, das sollte mir irgendetwas sagen. Backstreet Boys...irgendwie kommt mir das bekannt vor. Aber...ich weiß nicht...es macht irgendwie nicht klick.“ Hilflos sah sie ihn an. „Ist schon in Ordnung,“ beruhigend strich er ihr über den Arm. Dann nahm er ihre Hand und sein Blick wanderte liebevoll über die Collection an der Wand. „Ich bin in einer ziemlich bekannten Band. Eigentlich eine Schande, daß Du uns auch vergessen hast,“ sagte er lachend. „Sing mir etwas vor,“ bat sie lächelnd. „Hm...,“ er legte den Kopf schief und begann dann leise zu singen

„You are my fire
the one desire
believe when I say
I want it that way

But we are two worlds apart
can’t reach to your heart
when you say
that I want it that way

Tell me why
ain’t nothin’ but a heartache
tell me why
ain’t nothin’ but a mistake
tell me why
I never wanna hear you say
I want it that way“

Sarah lauschte ihm fasziniert. Sie konnte ihren Blick nicht von seinem Gesicht abwenden und seine raue Stimme verursachte ihr eine wohlige Gänsehaut. Als er dann aprubt aufhörte, spürte sie Enttäuschung in sich aufsteigen. Wie hatte sie soetwas wundervolles vergessen können? „Das war wunderschön,“ hauchte sie. „Danke.“ irrte sie sich, oder wurde er verlegen? Erneut lies er seinen Blick über die Auszeichnungen an der Wand gleiten als plötzlich das Pfeifen des Wasserkessels die Stille unterbrach. „Ups, Tee ist fertig,“ lächelte er und war schon in die Küche verschwunden. Sarah humpelte zurück zur Couch und wenig später saßen sie sich, jeder mit einer dampfenden Tasse Tee in den Händen, gegenüber. „Erzähl mir mehr über die Backstreet Boys,“ sagte Sarah und blies vorsichtig in den heißen Tee. „Hm...also wir sind zu fünft und machen das jetzt schon eine ganze Weile. Kevin kennst Du ja schon...,“ „Was? Der auch?“ A.J. mußte über ihren entsetzten Gesichtausdruck lachen „jaaa, der auch. Dann ist da noch Brian oder auch B-Rock. Er und Nick, das ist der Jüngste, sind ziemlich durchgeknallt und stellen dauernd irgendetwas an.“ „Da hast Du bestimmt nie etwas mit zu tun, oder?“ fragte Sarah und grinste scheinheilig „Ich doch nicht,“ rief A.J. in gespielter Entrüstung und lachte. „Und zu guter Letzt ist da noch Howie. Er ist sowas wie der ruhende Pol in der Band. Sich mit Howie zu streiten ist so gut wie unmöglich.“ „Und Du? Welchen Platz nimmst Du ein?“ „Ich denke ich bin der durchgeknallte Rebell oder sowas ähnliches. Ich bin eben so wie ich bin und lasse mich nicht verbiegen. Das hat mir auch schon so manchen Ärger eingehandelt.“ „Verstehe,“ Sarah nippte vorsichtig an ihrem Tee und verbrannte sich auch gleich darauf die Zunge. „Du liebst Deine Arbeit, hm?“ „Sehr. Ich möchte niemals etwas anderes tun. Auf der Bühne zu stehen und zu singen...das ist die Erfüllung für mich. Den Rest drumm herum könnte man ruhig weg lassen, aber das Singen ist auf jeden Fall mein Lebensinhalt.“ Irgendetwas klingelte in Sarahs Kopf, doch sie konnte nicht den Finger darauf legen. „Was ist?“ wie immer hatte er ihrem Gesicht angesehen, das etwas nicht stimmte. „Ich weiß es nicht. Komisch, irgendetwas ist da, aber ich kann es nicht greifen.“ „In welcher Beziehung? Die Musik? Das Singen? Die Band?“ Frustiert schüttelte Sarah den Kopf „ich weiß es einfach nicht. Gott, das ist furchtbar.“ A.J. rutschte ein Stückchen näher und legte ihr freudschaftlich den Arm um die Schulter „das wird schon. Mach Dich nicht verrückt.“ Er bekam nur einen lauten Seufzer als Antwort. Mißmutig starrte Sarah vor sich hin. „Was hälst Du davon, wenn ich Dir jetzt erstmal Dein Zimmer zeige?“ „Klingt garnicht schlecht,“ entgegnete sie und brachte ein klägliches Lächeln zu stande. „O.k., dann bitte hier entlang.“ A.J. ging ihr voraus und wante sich nach links. Im Gehen sah er sich noch einmal kurz besorgt nach ihr um, doch sie schien wieder vollkommen in Ordnung zu sein. Neben dem Fahrstuhl öffnete er eine Tür und sie standen in einem lichtdurchfluteten Raum, in dem ein riesiges Himmelbett fast den gesamten Platz einnahm. „Wow, das währe ja einer Prinzessin würdig,“ stellte Sarah bewundernd fest und fuhr mit den Fingern über eine kleine Eichenkomode. „Dein Reich,“ entgegnete A.J. lächelnd mit einer ausholenden Handbewegung. „Hier ist Dein Bad,“ er öffnete eine weitere Tür „und hier kannst Du Deine Sachen unterbringen.“ „Danke, das werde ich Dir nie vergessen,“ sagte sie leise und sah zu Boden. „Hey, die Kratzbürste wird doch nicht etwa sentimental,“ versuchte er zu scherzen und kam zu ihr herüber. Sanft zog er sie in seine Arme. „Mach Dir keine Sorgen. Wir kriegen das schon hin.“ Sie wußte nicht warum, doch sie glaubte ihm. Langsam befreite sie sich aus seiner Umarmung und blickte sehnsüchtig auf das Bett. „Ich hätte ja nicht gedacht, daß ich das so schnell nocheinmal sagen würde, aber ich glaube ich würde mich jetzt gerne hinlegen.“ „Kein Problem, ich hole nur schnell Deine Sachen und dann hast Du erstmal Ruhe vor mir, in Ordnung?“ Sarah nickte und setzte sich auf das weiche Bett. Als A.J. mit den Taschen zurückkam, hatte sie sich bereits ihren Turnschuh vom Fuß gestreift und sich auf dem Bett zusammengerollt. A.J. trat zu ihr und zog energisch die Tagesdecke unter ihr hervor. „So wirst Du erfrieren,“ sagte er und führsorlich deckte er sie zu. „Danke,“ murmelte Sarah schläfrig. Bevor A.J. das Zimmer verließ blickte er noch für einen Moment auf die zierliche Gestalt, die hier in seinem Bett lag. Dann schüttelte er den Kopf, verließ das Zimmer und schloß leise die Tür.

Während er Sarahs Tasse in die Küche räumte, die Stereoanlage anschaltete und leise das Radio laufen lies, dachte er über dieses seltsame Mädchen nach, das nebenan schlief. Sie hatte auf seine Eröffnung, daß er in einer bekannten Band spielte, nicht so reagiert, wie er es gewohnt war. Normalerweise brach bei seinem Gegenüber eine unübersehbare Hektik aus. Die Einen bekamen vor Erfurcht kein vernünftiges Wort mehr heraus, die Anderen wurden auf einmal übertrieben nett und freundlich. Sie hatte einfach nur darüber nachgedacht, ob sie die Backstreet Boys kannte und hatte sich in keiner Weise verändert. Er hatte durchaus gemerkt, daß sie das Lied gemocht und er sie wohl mit seiner Stimme beeindruckt hatte, doch das war o.k.. Schließlich ging es hier doch um seine Musik und nicht um ihn persönlich. Ihr durchdringender Blick hatte ihn allerdings nervös gemacht. War ihm das schon jemals passiert? Er konnte sich jedenfalls nicht daran erinnern. Er hatte sich ein bischen in seine Anfangszeit zurückversetzt gefühlt, als sie noch allen beweisen mußten, daß sie auch wirklich gut singen und nicht nur gut aussehen konnten. Er seufzte. Sie brachte sein Leben, besser gesagt seine Gedankenwelt, ganz schön durcheinander. Das Telefon klingelte und er beeilte sich abzunehmen, damit Sarah nicht geweckt wurde. „Yep,“ meldete er sich „Hi, wie ist es heute gelaufen?“ „Danke Nick, mir geht es auch gut und es ist gut gelaufen. Sie schläft jetzt nebenan.“ „Du hast sie tatsächlich mit nach Hause genommen?“ „Natürlich, was denkst denn Du?“ „Hast Du Dir das wirklich gut überlegt Bone? Ich meine, wir wissen nichts über sie. Vielleicht ist sie ja eine Kriminelle oder sowas.“ „Nick, Deine Besorgnis in allen Ehren, aber Du bist ihr noch nie begegnet, sonst wüßtest Du, daß sie in Ordnung ist.“ „Hey, ich kenne Deine schnelle Begeisterung für Frauen, Du brauchst mir nichts erzählen. Warscheinlich könnte sie mit einem Messer in der Hand vor Dir stehen und Du würdest es nicht mal bemerken, sofern sie gut gebaut und ihren Namen einigermaßen deutlich aussprechen kann.“ „Nick!“ A.J. war empört „jetzt gehst Du aber wirklich zu weit. Es stimmt, daß ich eine Schwäche für das weibliche Geschlecht habe, aber gutes Aussehen allein hat mich noch nie gereizt und das weißt Du ganz genau,“ am anderen Ende der Leitung hörte er es leise kichern „reg Dich doch nicht so auf. War doch nur Spaß.“ „Ha,ha,“ entgegnete A.J. sarkastisch „Hey Bone, wenn Du sagst sie ist in Ordnung, dann werde ich Dir das wohl glauben müssen.“ A.J. war überrascht. Dann dämmerte es ihm „Du hast mit Kevin gesprochen,“ stellte er fest und mußte gleich darauf grinsen, als er einen überraschten Laut auf der anderen Seite hörte. Für einen Moment blieb es still. „J-Ja, ich habe mit ihm gesprochen und er sagt, sie ist o.k..“ „Du bist so leicht zu druchschauen Bro,“ lachte A.J.. „Ist doch egal wer mich schlußendlich überzeugt hat. Fest steht nur, wenn Kevin der Meinung ist, daß man ihr vertrauen kann, bin ich es auch.“ „Na dann ist ja alles in Ordnung. Ich überlege, ob ich sie morgen mit ins Studio bringen soll. Währe doch nicht schlecht, wenn ihr Euch selbst von ihrer Ehrlichkeit überzeugen könntet.“ „Der erste vernünftige Vorschlag seit langem von Dir, ich bin überrascht,“ scherzte Nick. „Hm, ich weiß, manchmal kann ich richtig genial sein.“ „Gut, dann sehen wir uns also morgen?“ „Wird sich wohl nicht vermeiden lassen.“ „Charmant wie immer.“ „So bin ich nunmal.“ „Na dann...see ya.“ „Yep, bis morgen.“ Er legte auf und starrte noch einen Moment lächelnd auf das Telefon. Wenn Nick nicht überall seine Nase dabei haben konnte, war er nicht glücklich.

Kapitel 6