Kapitel 4
Er hatte sie ein paar Tage lang nicht gesehen, da sie mit Terminen bis oben hin eingedeckt gewesen waren. Doch heute hatten sie frei und beschwingt war er zum Krankenhaus gefahren. Als er nun ihr Zimmer betrat, sah er, wie sie sich mit einem ihrer Turnschuhe abmühte. Neben ihr stand der gepackte Rucksack und Kristins Reisetasche. Hi, was ist denn hier los? er konnte sie gerade noch auffangen, als sie unbeholfen von der Bettkante rutschte So ein Mist. Ich werde heute entlassen und seit einer halben Stunde versuche ich diesen blöden Schuh anzuziehen, rief Sarah verzweifelt. Komm her, ich helfe Dir, sagte er, nahm ihr den Schuh aus den Händen und kniete sich vor ihr nieder. Sarah kicherte das sieht schwer nach Aschenputtel aus, findest Du nicht? Hi, hi, das kitzelt, sei vorsichtig. Wenn Du nicht gleich aufhörst so rumzuzappeln wird das heute nichts mehr, sagte A.J. gutmütig und hielt sie entschlossen am Knöchel fest. Mit einiger Mühe zog er ihr schließlich den Schuh über den Fuß und band die Schnürsenkel zu. Erleichtert lies er sich dann zu ihr auf die Bettkante sinken. Gemeinsam betrachteten sie ihren Gipsfuß, der aus dem aufgeschnittenen Hosenbein ihrer Jeans hervorlugte. Irgendwelche neuen Erinnerungen? fragte er Nichts wichtiges, sie schüttelte den Kopf ich weiß wie die Central Station in Manhatten aussieht und ich habe ein Bild von einem großen Haus mit Kiesauffahrt und baumbestandenen Vorgarten im Kopf, aber das ist auch schon alles. Wieder schwiegen sie. Haben die Tests irgendetwas ergeben? Sarah schüttelte den Kopf rein organisch bin ich o.k., nur das mein Hirn eben wie leergefegt ist. Doktor Finch ist der festen Überzeugung, dass sich das wieder gibt. Und Du? Ich weiß es nicht. Ich hoffe es. Sarah spielte nervös mit dem Zipfel der Bettdecke. Vielen Dank übrigens, dass Du die Rechnung hier bezahlt hast. Ich habe mich schon über das Einzelzimmer und das gute Essen gewundert, bis mich Doc Finch aufgeklärt hat. Ich zahle es Dir bestimmt zurück, versprochen. Jetzt schüttelte A.J. den Kopf ich will kein Geld von Dir. Schließlich bin ich schuld daran, dass Du jetzt mit einem Gipsbein durch die Gegend laufen musst. So ganz stimmt das nicht und das weißt Du. ICH bin DIR vor den Wagen gerannt, also trifft Dich keine Schuld. Ergo werde ich für meine Rechnung selbst aufkommen. Beruhigend legte er ihr eine Hand auf den Arm Ich will das aber nicht, o.k.? Es ist schon in Ordnung so. Für eine Weile starrten sie sich an, dann wandte Sarah geschlagen den Blick ab. Wenn Du es so willst, bitte. Nachdem dieses Thema beendet war fragte er Wo willst Du jetzt hin? Sarah zuckte mit den Schultern keine Ahnung, da wird sich schon etwas finden. Ihr lockerer Tonfall konnte nicht über die Angst in ihrem Gesicht hinwegtäuschen. Wenn Du möchtest, könntest Du erstmal bei mir wohnen, er hob schnell beschwichtigend die Hände, als sie energisch den Kopf schüttelte und zu einer Antwort ansetzte sag nicht gleich nein. Es ist doch nur vorübergehend, bis Du wieder auf die Beine gekommen bist, ungewollt wanderte sein Blick dabei hinunter zu ihrem Gipsbein. Eine kleine Ewigkeit sagte sie garnichts. Sarahs Gedanken drehten sich schnell im Kreis. Auf der einen Seite hatte er natürlich recht, sie hatte keine Ahnung,was sie jetzt machen und wo sie hin sollte. Andererseits wollte sie seine Freundlichkeit nicht noch weiter in Anspruch nehmen. Er hatte schon genug für sie getan. Mal ganz abgesehen davon, dass sie ihn überhaupt nicht kannte. Wer weiß, vielleicht war er ja auch so eine Art Psychopath? Doch gleich darauf verwarf sie den Gedanken wieder. Nicht A.J.. Sie wußte, dass sie ihm vertrauen konnte, doch sollte sie wirklich mit ihm gehen? Sie warf ihm einen prüfenden Seitenblick zu. Wenigstens für ein paar Tage, entschied sie. O.k., sagte sie schließlich mit einem tiefen Seufzer aber ich werde nicht in Deinem Bett schlafen oder sonst etwas Abartiges mit mir machen lassen. A.J. sah sie entgeistert an, dann lachte er. Er hielt sich den Bauch und das ganze Bett wackelte unter seinem Lachanfall. Schließlich musste Sarah in sein Gelächter einstimmen. Tut mir leid, brachte sie schließlich keuchend hervor war nicht so gemeint...aber, ein erneuter Lachkrampf schüttelte sie ist schon in Ordnung, versuchte es A.J.und kam dann auch nicht weiter. Als Doktor Finch mit den Entlassungspapieren in der Hand die Tür öffnete, fand er zwei kichernde Teenager mit Lachtränen im Gesicht auf dem Bett liegend vor. Was ist denn hier los? erneut prusteten die beiden los und es dauerte eine Weile, bis sie sich einigermaßen beruhigt hatten. Ich bekomme hier und hier eine Unterschrift, sagte Doktor Finch schließlich entnervt und verschwand kurz aus dem Zimmer, um mit einem Rollstuhl zurückzukehren. Er nahm die Papiere in Empfang und Sarah stand wackelig auf. Wenn ich richtig informiert bin, hatte ich eine Jacke oder soetwas ähnliches, oder? fragte sie in die Runde. Doktor Finch öffnete einen Schrank und zog einen alten, grauen Mantel hervor. Wow, sagte Sarah entsetzt der hat auch schonmal bessere Tage erlebt. Ich schlage vor, wir werden zu Hause eine feierliche Feuerbestattung für ihn abhalten, was hältst Du davon? Das ist das Mindeste, was wir noch für ihn tun können, scherzte Sarah und schlüpfte in den Mantel, in dem sie zu versinken schien. Er war zwischenzeitlich gereinigt worden, doch er roch immernoch muffig. Erneut fragte sich Sarah, ob das tatsächlich das Leben war, das sie freiwillig vor dem Unfall geführt hatte. Laut Doktor Finch gab es nichts, was er über ihre Vergangenheit herausfinden konnte. Keine Familie, keine Freunde, keine Adresse, keine Sozialversicherungsnummer. Wirklich keine guten Voraussetzungen. Vorsichtig lies sie sich nun in den Rollstuhl sinken. Doktor Finch reichte ihr ein kleines Päckchen. Ihre Medikamente für die nächsten Tage. Keine Sorge, wie schon gesagt werden ihre Erinnerungen sicherlich bald wieder kehren. Aber eine Garantie gibt es dafür nicht, oder? fragte Sarah. Der Arzt seufzte keine Garantie, nein, aber ich bin trotzdem davon überzeugt... Sparen Sie sich den Rest, viel im Sarah ins Wort. Kannst Du bitte meinen Rucksack und die Reisetasche nehmen? fragte sie dann an A.J. gewannt. Er schulterte den Rucksack und stellte die Reisetasche auf ihren Knien ab. Du kannst auch ruhig was tun, sagte er grinsend und schob sie hinaus aus dem Zimmer. Sein Wagen parkte direkt vor der Tür im Halteverbot und als er den Rucksack und die Reisetasche im Kofferraum verstaut hatte, half er Sarah aus dem Rollstuhl und umständlich buxierte er sie auf den Beifahrersitz. Bitte anschnallen und mit dem Rauchen anfangen, sagte er grinsend, zündete sich eine Zigarette an und als er Sarahs gierigen Blick bemerkte, bot er ihr auch eine an. Bis eben habe ich nicht gewußt, daß ich rauche, stellte sie fest und warf einen interessierten Blick auf den Glimmstengel in ihrer Hand. Du hast bestimmt nicht viel geraucht, meinte A.J. und startete den Wagen Sonst hättest Du das bestimmt schon früher gewußt. Obwohl, vielleicht erklärt das Deine Kratzbürstigkeit. Entzugserscheinungen. Für diese Bemerkung erntete er einen finsteren Blick von Sarah, das er mit einem strahlenden Lächeln beantwortete. Dann lenkte er den Wagen langsam vom Parkplatz. Kaum waren sie auf die Straße abgebogen, hielt schon ein dunkelblauer BMW an dem Platz, an dem eben noch A.J.s Wagen gestanden hatte. Josh und Bo stiegen aus und ein untersetzter Mann mit langer Lockenmähne und ausgewaschener Jeansjacke kam sofort auf sie zugerannt. Sie sind gerade weggefahren. Wenn wir uns beeilen kriegen wir sie noch. Idiot, fuhr Josh ihn an und lief schon um den Wagen herum. Mit quietschenden Reifen raste er A.J. hinterher. Bo und Mr. Prachtmähne blieben mit tief in den Hosentaschen vergrabenen Händen zurück. Doch es war schon zu spät. Weit und breit war nichts mehr von A.J.s Wagen zu sehen. Na gut Freundchen, sagte Josh laut die Runde ging an Dich. Aber wir kriegen Euch. Versprochen, und mit diesen Worten legte er den Rückwärtsgang ein und fuhr zurück zu seine Kollegen. Sie hatten seine Adresse, sie konnten es also ruhig angehen lassen.
Kapitel 5