Kapitel 2

Am nächsten Morgen war A.J. wieder da. Sie hatte eigentlich nicht so schnell mit ihm gerechnet, doch sie freute sich sichtlich, ihn zu sehen. Hinter ihm kamen noch eine junge, blonde Frau und ein Mann mit dunklen Haaren und einer riesigen Reisetasche in der Hand ins Zimmer. „Hallo Sarah,“ begrüßte sie A.J. „das sind Kristin und ihr Mann Kevin. Kevin saß bei mir im Auto, als der Unfall passiert ist,“ fügte er noch erklärend hinzu, während ihr Kevin vorsichtig die Hand schüttelte. Danach trat Kristin an ihr Bett. „Hi Sarah, ich habe mir gedacht, ich bringe Dir ein paar Klamotten mit. Diese Krankenhausnachthemden sind so ekelhaft kratzig, oder?“ und mit diesen Worten öffnete sie schon die Reisetasche und zog einen Pyjama hervor. „Stop,“ sagte Sarah und richtete sich langsam aber sichtlich wütend in ihrem Bett auf. Für einen Moment verzog sie schmerzhaft das Gesicht, doch dann wandte sie sich mit funkelnden Augen A.J. zu. „Ich weiß ja nicht, ob Du schon einen wir-helfen-der-armen-Sarah-Fonds eingerichtet hast, aber ich brauche Eure Hilfe nicht,“ sagte sie erbost und als A.J. den Mund öffnete um etwas zu erwidern fuhr sie schnell fort „vergiss es. Ich will nichts hören. Ihr packt jetzt schön wieder Eure Sachen ein und verschwindet. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“ Kristin sah sie unbeeindruckt an „Weißt Du Sweetie, es ist mir eigentlich ziemlich egal ob Du Hilfe willst, oder nicht. Wenn ich das hier richtig sehe, ist hier sonst niemand außer uns, richtig? Also wirst Du, bis Deine eigenen Freunde wieder zur Verfügung stehen, mit uns Vorlieb nehmen müssen. Wir sind nämlich momentan das Einzige was Du hast.“ Sarah starrte sie mit offenem Mund an. Wenn sie nicht so verdammt recht hätte.... „Also, grün oder rot?“ Kristin schwenkte zwei Pyjamas vor ihrer Nase. Die beiden Männer schauten zwischen den beiden Frauen hin und her. Wer würde zuerst nachgeben? „Grün,“ sagte Sarah schließlich mit einem tiefen Seufzer und damit war die Sache entschieden. „Fein. O.k., die Männer bitte eine Runde draußen warten, bis wir Sarah neu eingekleidet haben,“ sagte sie resolut und Kevin beugte sich zu ihr hinüber und küsste sie „ich mag es, wenn Du so einen rauen Ton an den Tag legst, Baby,“ sagte er mit einem anzüglichen Grinsen und folgte dann A.J. aus dem Zimmer. Die beiden Frauen fixierten sich für einen Moment stumm. „Tut mir leid,“ sagten sie dann im gleichen Moment und kicherten. „Du zuerst,“ sagte Kristin „es tut mir leid, ich wollte nicht so kratzbürstig sein.“ „Ist schon vergessen. Mir tut es auch leid, aber Du kannst momentan jede Hilfe gebrauchen, die Du kriegen kannst.“ Während Kristin ihr dabei half, das Krankenhausnachthemd auszuziehen fragte Sarah „was hat A.J. eigentlich alles über mich erzählt?“ „Ich denke so ziemlich alles, er war noch nie gut darin, Sachen für sich zu behalten. Mal abgesehen davon, dass Du ihn ziemlich zu beschäftigen scheinst.“ „In wiefern?“ fragte Sarah, währen ihr Kristin das Pyjamaoberteil über den Kopf zog. „Er gibt sich die Schuld an dem Unfall und weder ich noch Kev noch Du können ihn davon überzeugen, dass das nicht so ist. Außerdem macht er sich Gedanken darüber, was aus Dir wird, wenn Du erstmal hier heraus kommst.“ Sarah schwang vorsichtig die Beine über die Bettkante und rutschte dabei direkt in Kristins Arme „Hoppla, nur langsam,“ sagte diese und begann ihr die Hose anzuziehen. „Ich komme mir hier gerade ziemlich dämlich vor,“ sagte Sarah, während sie auf Kristins Hinterkopf hinunterstarrte. „Das hat sich gleich wieder,“ hörte sie Kristin murmeln und schon stand sie wieder vor ihr. „Noch einmal den Hintern anheben, dann haben wir es geschafft.“ Als Sarah dann nach etlichem Ächzen und Stöhnen wieder in ihren Kissen lag, musste sie Kristin wiederwillig recht geben. Diese Krankenhausnachthemden kratzten wirklich unheimlich. Es war direkt eine Wohltat in diesem wundervollen Baumwollpyjama hier zu liegen. Und er roch so gut. Entsetzt fragte sie sich, ob diese Freude über einen einfachen Pyjama nur mit ihrer momentanen Situation zusammenhing, oder ob vielleicht tiefere Gründe dahintersteckten. Die ganze Nacht hatte sie versucht, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass sie eine Pennerin war. Heimatlos und ohne Familie. Doch sie hatte das irgendwie nicht verinnerlichen können. Es fühlte sich so falsch an. Kristin öffnete die Tür und rief die beiden Männer wieder herein. „Wow,“ sagte A.J. als er sie sah „Du siehst gleich viel gesünder aus.“ Kevin schüttelte den Kopf „das war ja wohl das Kompliment des Jahrhunderts,“ sagte er ironisch und wandte sich dann an Sarah „beachte ihn einfach nicht. Manchmal weiß er wirklich nicht, was er redet.“ Sarah lächelte. Es war schön von Freunden umgeben zu sein.

Kapitel 3