Kapitel 1
Shit, brüllte A.J. und bevor der Wagen richtig zum Stehen kam, hatte er schon die Fahrertür aufgerissen und war aus dem Auto gesprungen. In windeseile war er um den Wagen herum und bei der Gestalt, die ihm da direkt vor den Kühler gelaufen war. Eine kleine Menschenmenge hatte sich bereits versammelt und er hörte entsetztes Gemurmel. Er kniete sich neben die reglose Gestallt und war geschockt, über den Zustand, in dem sich das Mädchen befand. Der alte Männermantel, der ihr viel zu groß war, starrte vor Dreck. Ihr Gesicht war mindestens genau so schmutzig und die verfilzten Haare waren irgendwann bestimmt mal blond gewesen. Aber noch schlimmer war das Blut, das ihr langsam über das Gesicht lief. Ihr linkes Bein sah irgendwie auch komisch aus, scheinbar war es gebrochen. Kev, rief er panisch, ohne aufzusehen ruf einen Krankenwagen, schnell! Ist schon passiert, entgegnete dieser ruhig und kniete sich auf die andere Seite des Mädchens. Hilflos blickten sie auf sie hinunter. Sie ist mir direkt vor den Wagen gelaufen, murmelte A.J. ich konnte nicht ausweichen. Ich weiß, sagte Kevin sanft und legte seinem Freund eine Hand auf die Schulter. Es war nicht Deine Schuld. A.J. horchte auf. Wenn selbst Kevin das sagte, musste es einfach stimmen. Warum fühlte er sich dann aber kein bisschen besser? In der Ferne hörten sie die Sirene des Krankenwagens. Gott sei Dank, jetzt wurde ihr gleich geholfen. Sie bemerkten die beiden Männer in den dunklen Mänteln nicht, die sich zu der sensationssüchtigen Menge gesellt hatten. Mit finsterem Blick starrten sie hinunter auf die bleiche Gestallt, die leblos auf dem Asphalt lag. Dann drehten sie sich wie auf ein geheimes Kommando hin um und verließen den Unfallort. Der eine der beiden zog ein Handy aus der Tasche und drückte auf die Wahlwiederholung. Sie ist vor einen Wagen gelaufen...nein, im Moment können wir nichts tun, zuviele Zeugen...ja, gut. Ohne ein weiters Wort legte er auf und sah seinen Kollegen an. Er erwartet uns und er ist nicht glücklich. Der Andere nickte. Was anderes hatte er auch nicht erwartet.
Sie erwachte, doch irgendetwas stimmte mit ihren Augen nicht. So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte sie nichteinmal einen Spalt weit öffnen. Sie hörte Schritte in ihrer Nähe und sofort stieg Panik in ihr auf. Ganz ruhig, hörte sie dann plötzlich eine ihr fremde, männliche Stimme alles ist in bester Ordnung. Sie sind in einem Krankenhaus. Sie hatten einen ziemlich heftigen Zusammenstoß mit einem Auto. Auto? Daran konnte sie sich garnicht erinnern. Gleich darauf spürte sie ein leichtes brennen in ihrer Armbeuge. Es ist besser, wenn sie noch ein wenig schlafen, hörte sie die Stimme erneut und gleich darauf versank sie wieder in der Dunkelheit.
Als sie das nächste Mal erwachte, konnte sie ihre Lider ohne Probleme öffnen. Doch sofort schloss sie sie wieder, als ihr das grelle Sonnenlicht schmerzlich in die Augen stach. Sie versuchte es erneut, jetzt vorsichtiger geworden und nach einigem Blinzeln konnte sie ihre Umgebung sogar erkennen. Sie lag in einem Bett mit Metallgittern und ihr gegenüber hing ein Bild, das eine blühende Frühlingswiese zeigte. Als sie sich aufsetzen wollte, fuhren sofort stechende Schmerzen durch ihren gesamten Körper und mit einem qualvollen Ächzen blieb sie still liegen. Scheinbar konnte sie nur ihre Augen schmerzlos bewegen. Als sie an sich herunter blickte, bemerkte sie die unzähligen Schläuche, die aus sämtlichen ihrer Körperöffnungen heraus zu wachsen schienen. Zu ihrer Linken ging plötzlich die Tür auf und ein freundlich dreinblickender Mann in weißem Kittel und einem Stethoskop um den Hals trat mit einem breiten Lächeln auf sie zu. Seine feuerroten Haare sahen aus, als hätte er sie das letzte mal vor einigen Tagen gekämmt und seine Augen wirkten so müde, dass sie sein aufgesetztes Lächeln Lügen straften. Aha, wir sind wach. Das ist doch ein gutes Zeichen. Ich bin übrigens ihr behandelnder Arzt, Doktor Finch. Er nahm ihre Hand und fühlte den Puls. Dabei sah er auf seine Armbanduhr und wenig später lies er ihre Hand wieder vorsichtig zurück auf das Bett sinken. Perfekt. Sie können von großem Glück reden Lady. Scheinbar haben sie außer einem gebrochenen Bein, einer ordentlichen Gehirnerschütterung und einigen Prellungen und Abschürfungen keine wirklich schlimmen Blessuren davon getragen. Etwas mehr Sorgen hat mir die Lungenentzündung und das Fieber gemacht, aber so wie es aussieht, haben wir das alles gut in den Griff bekommen. Sie starrte ihn weiterhin wortlos an. Er legte den Kopf schief und lächelte sie immernoch an. Vielleicht verraten sie mir erstmal ihren Namen? fragte er freundlich. Sie öffnete den Mund und hielt dann inne. Ihr Name? Ihr Name war...? Da war nichts. Sie hatte ihren Namen vergessen. Entsetzen breitete sich auf ihrem Gesicht aus ich kann mich nicht erinnern, krächzte sie und eine besorgte Falte erschien auf der Stirn des Arztes. Was ist das Letzte, an das sie sich erinnern können? fragte er sanft. Sie durchforstete ihr Gedächtnis, doch da war nichts. Hilflos zuckte sie mit den Schultern und spürte, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten. Ich weiß es nicht. Der Arzt seufzte und tätschelte ihr dann mitfühlend die Hand. Keine Sorge. Sie haben einen ziemlich schlimmen Schlag auf den Kopf bekommen, da kann es schonmal vorkommen, dass sie sich an nichts erinnern. Ich bin mir allerdings sicher, das sich das mit der Zeit wieder gibt. Seine aufmunternden Wort passten irgendwie nicht zu seinem besorgten Gesichtsausdruck. Sie spürte, wie die Panik wieder in ihr hochkroch. Sie wußte nicht wer sie war und wie sie hierher gekommen war. Konnte es noch schlimmer kommen? Vorsorglich werden wir einige Tests mit ihnen durchführen müssen. Aha, also doch. Sie hasste Krankenhäuser, oder? Durst, brachte sie dann mühsam hervor. Kein Problem. Er ging um ihr Bett herum und schenkte etwas Wasser aus einem Krug, der neben ihrem Bett auf einem kleinen Nachtisch stand, in ein Glas und half ihr, den Kopf zu heben. Sie nahm zwei Schlucke, wobei die Hälfte davon daneben ging und erschöpft lies sie sich wieder zurück in ihre Kissen sinken. Sie sind zusammen mit einem riesigen Rucksack eingeliefert worden. In ihren Sachen haben wir ihren Pass gefunden, sagte nun Doktor Finch und setzte sich zu ihr auf die Bettkante. So wie es aussieht heißen sie Sarah OConner. Sagt ihnen das etwas? Sie dachte darüber nach. Nein, das sagte ihr garnichts. Wieso fragte er sie eigentlich nach ihrem Namen, wenn er ihn sowieso schon kannte? Resigniert schüttelte sie den Kopf. Finch nickte, als hätte er das bereits erwartet. Kopf hoch, das wird schon wieder. In der Zwischenzeit wartet da draußen Besuch auf sie. Ein junger Mann läuft unruhig den Gang auf und ab und wartet seit Tagen darauf, dass ich ihn zu ihnen lasse. Wie sieht es aus, Lust auf Gesellschaft? Ohne darüber nachzudenken schüttelte sie den Kopf, sie hatte momentan keine Lust auf noch ein fremdes Gesicht. Doch dann dachte sie nocheinmal darüber nach. Vielleicht konnte er ihr ja sagen wer sie war. Entschlossen nickte sie warum nicht. O.k., sagte Doktor Finch amüsiert über ihren schnellen Sinneswandel wenn etwas sein sollte, drücken sie nur auf den kleinen roten Knopf neben ihrem Bett, dann ist sofort jemand bei ihnen, o.k.? Danke. Keine Ursache, und mit diesen Worten erhob er sich und verließ das Zimmer. Für einen Moment war sie alleine und krampfhaft versuchte sie in ihrem Kopf eine Erinnerung zu finden. Irgendetwas musste doch da sein. Doch unerklärlicher Weise fand sie nur den Geruch von frisch gebackenem Apfelkuchen und das Bild einer kleinen Spieluhr, auf der eine Ballerina im rosa Tütü ihre Kreise drehte. Das war alles. Ansonsten gähnende Leere. Erneut ging die Tür auf. Als sie in die Richtung blickte, trat gerade ein sehr nervös wirkender, junger Mann durch die Tür. Seine wasserstoff blonden Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab und um seinen Mund rankte sich ein ordentlich gestutzter Bart. Er trug eine dunkle Sonnenbrille, sodass sie seine Augen nicht erkennen konnte. Als er verlegen an das Bett herantrat, roch sie den angenehmen Duft seines Aftershaves. Hi, sagte er leise, dann zuckte er zusammen und nahm hastig seine Sonnenbrille ab. Sie blickte direkt in seine dunklen Augen, die von den längsten Wimpern umrahmt waren, die sie jemals gesehen hatte. Kein Wunder, schoß es ihr durch den Kopf momentan hast Du nur die Vergleichsmöglichkeit mit Doktor Finch und diese paar hellen Härchen waren ja wohl nicht der Rede wert. Hallo, entgegnete sie dann schließlich und beobachtete amüsiert, wie er scheinbar nach Worten rang. Also...ähm...oh Mann, das ist garnicht so einfach. Ich mache es Dir leichter, sagte sie und hatte dabei wirklich Mitleid mit ihm ich habe keine Ahnung, wer ich bin und somit auch keinen blassen Schimmer wer Du bist. Also, keine Sorge, solltest Du irgendetwas angestellt haben. Ich kann mich sowieso an nichts erinnern, die letzten Worte waren nur noch als undeutliches Krächzen aus ihrem Mund gekommen. Sie brauchte dringen noch einen Schluck zu trinken. Könntest Du? fragte sie und zeigte dabei auf den Krug neben ihrem Bett. Oh, sicher, schnell ging er um das Bett herum und führte gleich darauf ein Glas Wasser an ihre Lippen. Diesmal klappte das mit dem Trinken schon etwas besser. Zumindest sabberte sie nicht alles wie ein Kleinkind daneben, dafür verschluckte sie sich und bekam einen Hustenanfall. Hilflos stand A.J. neben ihr. Was sollte er bloß tun? Ihr Gesicht lief schon rot an. Gerade hatte er die Hand nach dem roten Knopf ausgestreckt um eine Schwester zu rufen, da beruhigte sie sich wieder. Erschöpft lies sie sich zurück in die Kissen sinken. Er war überrascht, was unter dem ganzen Schmutz hervor gekommen war. Ihre Haare waren gewaschen und zu einem dicken Zopf geflochten, der ihr locker über die Schulter fiel und es war tatsächlich honigblond. Auf ihrer Stirn prangte ein riesiger blauer Fleck, der nur halb durch ein großes, weißes Pflaster verdeckt wurde. Ihr Bein lag bis zum Knie eingegipst auf einem Kissen und die Schläuche liesen sie noch zerbrechlicher wirken, als er sie in Erinnerung hatte. Doch das beeindruckendste war ihr Gesicht. Ihre Gesichtszüge waren dauernd in Bewegung und untermalten jede ihrer Bemerkungen und Gedanken mit dem entsprechenden Augenaufschlag oder Zucken ihres Mundwinkels. Ihre Augen schillerten in dem faszinierendsten Grün, das er jemals gesehen hatte und er war sich sicher, dass sie ihm damit mühelos bis auf den Grund seiner Seele blicken konnte. Was ist? Ist das was Du siehst so furchterregend, dass Du mich anstarren musst? fragte sie grinsend und registrierte befriedigt, wie er zusammenzuckte. Doch im selben Moment erschrak sie. Sie hatte tatsächlich keine Ahnung, wie sie aussah. Vielleicht war sie ja tatsächlich ein entstelltes Monster, das man nur anstarren konnte. Hektisch fuhr sie mit der Hand über ihr Gesicht. Den Schmerz in ihrem Arm, der vehement dagegen protestierte, beachtete sie garnicht. O.k., scheint nichts Schlimmes zu sein. Zwei Augen, eine Nase, ein Mund, keine Unebenheiten die auf irgendwelche hässlichen Beulen schließen lassen, dachte sie. Dann warf sie wieder einen Blick zu dem jungen Mann hinüber. Er starrte sie an, als sei sie nicht ganz bei Trost und als würde er im nächsten Moment vor dieser Verrückten die Flucht ergreifen. Schnell lies sie die Hand sinken. Tut mir leid, wie schon gesagt erinnere ich mich an nichts, versuchte sie ihr komisches Verhalten zu erklären ich weiß noch nichteinmal, wie ich aussehe, dieser letzte Satz klang einfach nur noch kläglich und sie hasste sich dafür. Warte, das haben wir gleich, sagte er schnell und warf einen kurzen Blick durch das Zimmer. Als er nicht fand was er suchte, wandte er sich nach rechts und öffnete die Tür zum Badezimmer. Für einen Moment hörte sie ihn darin herumhantieren, dann kam er mit einem großen Spiegel, den er scheinbar gerade von der Wand genommen hatte, wieder zurück an ihr Bett. Vorsichtig stellte er ihn auf ihren Knien ab und sah sie fragen an. Sie hatte Angst, ihre Augen von seinem Gesicht zu lösen und stattdessen in ihre eigenes zu sehen, doch irgendwann konnte sie es nicht mehr aushalten. Langsam lies sie den Blick zu ihrem Spiegelbild hinüber wandern. Eine Fremde starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Mein Gott, stieß sie aus und schlug die Hand vor den Mund. Na, na, er nahm den Spiegel herunter und stellte ihn vorsichtig neben ihrem Bett ab. Dann setzte sich zu ihr auf den Bettrand. So schlimm ist das doch garnicht. Du bist doch hübsch, es hätte wirklich schlimmer kommen können. Aber... ihre Hand zeigte dorthin, wo eben noch der Spiegel gewesen war. Ich kenne dieses Gesicht nicht, verstehst Du? Wer bin ich? Erneut stiegen Tränen der Verzweiflung in ihr auf. Das war bestimmt alles nur ein böser Albtraum, aus dem sie gleich erwachen würde. Hey, sanft drückte er ihre Hand das wird bestimmt wieder, er wußte nicht was er noch sagen sollte. Na toll McLean, dachte er ausgerechnet hier und jetzt bist Du sprachlos. Wer bist Du eigentlich? fragte sie schließlich, um nicht länger über sich selbst nachdenken zu müssen. Mein Name ist A.J. McLean und so wie es aussieht bin ich wohl schuld daran, dass Du jetzt hier liegst und Dich an nichts erinnern kannst, er wirkte ehrlich zerknirscht. Sie seufzte Der Arzt sagt, das mein Name Sarah OConner ist, also nehme ich mal an, dass das stimmt, sagte sie mit einem sarkastischen Unterton. Einen Moment war es still im Raum. Wie ist das denn überhaupt passiert? Wer von uns beiden hat denn nicht aufgepasst? Er war überrascht. Eigentlich hatte er mit wüsten Beschimpfungen gerechnet, statt dessen fragte sie IHN, wer denn nun wirklich schuld hatte. Also ehrlich gesagt, bist Du wie von Furien gehetzt auf die Straße gerannt, antwortete er also wahrheitsgemäß. Eben war vor mir nichts anderes als die Straße und im nächsten Moment standest Du direkt vor meiner Kühlerhaube. Sie runzelte die Stirn. Klingt irgendwie komisch, oder? fragte sie. Das kannst Du laut sagen, aber ich schwöre Dir, das es genau so gewesen ist, verteidigte er sich. Ist o.k., sagte sie schnell, irgendwie wußte sie, das er die Wahrheit sagte. Und da war noch etwas anderes, etwas bedrohliches, aber bevor sie den Gedanken greifen konnte, war er schon in den Weiten ihres leeren Gehirns verschwunden. Sie überlegte kurz, dann fragte sie kannst Du mir sonst noch etwas über mich sagen? Ich meine...ich weiß auch nicht...irgendetwas was mir weiterhelfen könnte? A.J. zuckte mit den Schultern nicht wirklich. Wir haben uns vorher noch nie gesehen. Du sahst nur...wie soll ich sagen...ziemlich mitgenommen aus. Was bedeutet ziemlich mitgenommen? Hm, wenn ich es vorsichtig ausdrücken sollte, hat Dir wohl die morgendliche Dusche gefehlt, sie sah ihn verständnislos an und wenn Du es gerade heraus sagst? Du warst ziemlich schmutzig. Sowohl Du, also auch Deine Klamotten. Schmutzig? wieder spürte sie die altbekannte Panik in ihr aufsteigen. Das klang überhaupt nicht gut. Ja, und leise fügte er hinzu als würdest Du auf der Straße leben. Entgeistert sah sie ihn an. Keine Familie oder Freunde sondern ein Platz unter der Brücke? Sie schüttelte den Kopf das kann nicht sein. Ich meine, ich fühle mich garnicht wie eine Pennerin. Wie fühlst Du Dich denn? fragte er und konnte sich ein mitfühlendes Lächeln nicht verkneifen ich weiß nicht, sagte sie und er hörte die Verzweiflung in ihrer Stimme. Eine Weile beobachtete er einfach ihr Gesicht, auf dem sich die verschiedensten Emotionen spiegelten. Angst, Verzweiflung aber auch Wut und Kampfgeist. Er war sehr gespannt, was sie als nächstes sagen würde. Der Doc hat gesagt, dass ich einen Rucksack bei mir hatte, kannst Du mal nachsehen, ob Du ihn irgendwo findest? Sicher. Er stand auf und öffnete nacheinander alle Schranktüren. Im letzten fand er, was er suchte. Er zog ein Monstrum von Rucksack hervor und ging damit zurück zu ihrem Bett. Mach ihn auf. Mal sehen, was wir so finden, sagte sie aufgeregt. Als erstes legte er den Schlafsack beiseite, der feinsäuberlich zusammengerollt oben auf geschnallt war, dann öffnete er den obersten und größten Reißverschluss. Als erstes holte er mehrere Kleidungsstücke hervor. Ein paar Jeans, zählte er auf und legte die Sachen achtlos auf ihr Bett zwei T-Shirts, blau und rot, ein monstermäßig dicker Pullover in undefinierbarer Farbe, Unterwäsche, als er ihren BH hervorholte grinste er anzüglich und legte in mit spitzen Fingern ganz oben auf den Berg, der sich langsam auf ihren Beinen türmte das hier sieht aus wie ein Kulturbeutel oder soetwas, er drückte ihr eine kleine, schwarze Tasche in die ausgestreckten Hände. Mit großer Mühe versuchte sie, den Reißverschluss zu öffnen, doch als er ihr helfen wollte, fuhr sie ihn nur an ich kann das alleine, und so sah er ihr weiterhin dabei zu, wie sie versuchte, den Beutel zu öffnen. Schließlich hatte sie es geschafft und kippte den Inhalt einfach zu den anderen Sachen auf das Bett. Zuerst schien nichts Aufregendes dabei zu sein, doch sie griff nach etwas und zog ein Medaillon an einer silbernen Kette hervor. Sie hatte Mühe mit dem Verschluss und nach einigen vergeblichen Versuchen reichte sie ihm das Schmuckstück mit wütendem Gesichtsausdruck. Er drückte auf einen kleinen Knopf und schon sprang der obere Teil des Medaillons auf. Eine Frau, diesem seltsamen Mädchen wie aus dem Gesicht geschnitten , lächelte ihn an. Sieht aus wie Deine Mutter, sagte er und reichte ihr das Medaillon mit dem Bild darin. Nein, das ist meine Schwester, entgegnete Sarah ohne darüber nachzudenken. Ihr Kopf ruckte nach oben und sie blickte ihn mit überrascht aufgerissenen Augen an. A.J. musste über ihren Gesichtsausdruck lachen siehst Du, die Erinnerungen kommen von ganz alleine wieder. Erneut starrte Sarah auf das winzige Bild, doch es warf mehr Fragen auf, als das es Antworten für sie hatte. Sie ist meine Schwester, aber mehr weiß ich nicht, sagte sie mehr zu sich selbst ich habe keine Ahnung wo sie ist oder wie sie heißt. Verdammt, enttäuscht warf sie das Amulett zu den anderen Sachen und blickte wieder zu A.J. hinüber. Machen wir weiter, mal sehen, was Du noch so findest. Gehorsam fuhr er damit fort, den Inhalt des Rucksackes auf ihr Bett zu türmen. Als nächstes zog er einen kleinen Gaskocher hervor, danach folgte eine ziemlich zerfledderte Straßenkarte von Manhatten, Messer, Gabel, Löffel, sorgfältig in ein erstaunlich sauberes Tuch eingewickelt und ein paar Turnschuh, die auch schon bessere Tage gesehen hatten. Mit spitzen Fingern und gerümpfter Nase stellte er sie unter ihr Bett. Dann begann er die unzähligen kleinen Taschen und Fächer des Rucksackes zu untersuchen. Er förderte ein Messer mit einem Griff aus Olivenholz und einer unheimlich scharfen Klinge, ein rotes Plastikfeuerzeug, Nähgarn und ein paar Schnürsenkel zu tage. Die letzte Tasche enthielt den interessantesten Inhalt. Vorsichtig holte er einen kleinen Gegenstand, der in Zeitungspapier eingewickelt war, hervor und reichte ihn Sarah. Mit zitternden Fingern packte sie ihn aus und hatte gleich darauf eine kleine Spieluhr in der Hand. Obenauf lächelte sie eine Ballerina in einem rosa Tütü an, die Arme zu einer Pirouette erhoben. Vorsichtig fuhr Sarah mit den Fingern über das feine Porzellan. Daran kann ich mich erinnern, sagte sie leise. Ich weiß nur nicht wieso. Kannst Du Dich erinnern, woher Du sie hast? Sie schüttelte den Kopf Ich hatte einfach nur dieses Bild vor Augen, sie drehte die Spieldose in den Händen und fand an der Rückseite einen kleinen Schlüssel. Vorsichtig zog sie die Spieluhr auf. Eine feine Melodie, wie von der Harfe eines Engels gespielt, erklang. Für Elise, oder? A.J. nickte. Sie hörte noch eine Weile auf den beruhigenden Klang der Spieldose, doch es kehrten keine weiteren Erinnerung zurück. Entschlossen stellte sie das kleine Kunstwerk auf den Nachttisch neben ihrem Bett. Das hier sind dann wohl die letzten Stücke, sagte A.J. und hielt ihr eine kleine, schwarze Brieftasche und ihren Pass entgegen. Den nun leeren Rucksack stellte er auf dem Boden ab und beobachtete Sarah, wie sie langsam den Geldbeutel durchsuchte. Zehn Dollar und...vierundfünzig Cent, zählte sie auf ansonsten gähnende Leere. Sie lies die Hände in den Schoß sinken und blickte über das Chaos, das nun auf ihrem Bett herrschte. Das ist also mein Leben? Ein paar ziemlich ramponierte Klamotten, ein bisschen Krimskrams, eine wunderschöne Spieldose und knapp elf Dollar. Nicht besonders berauschend. A.J. war ihrem Blick gefolgt. Wer sagt, dass das hier alles ist? fragte er. Ich meine, vielleicht hast Du irgendwo ein tolles Haus, mit nem Ferrarie vor der Tür und einem eigenen Gärtner. Das kannst Du doch garnicht wissen. Sarah lächelte schwach netter Versuch McLean, aber vergiss es. Das Alles passt doch zu dem ersten Eindruck, den ich auf Dich gemacht habe. Ein Mädchen von der Straße, dass sich einfach so vor ein Auto wirft, mit den Resten ihres wahrscheinlich ziemlich kümmerlichen Lebens auf dem Rücken. A.J. schüttelte den Kopf. Jetzt und hier in diesen blütenweißen Laken und sauber, wirkte sie auf ihn keineswegs wie jemand von der Straße. Sie war kultiviert, wirkte sogar etwas aristokratisch, wie sie da so saß und versuchte eine aufrechte Haltung zu bewahren. Er konnte das einfach nicht mit der Vorstellung der betrunkenen und verwahrlosten Penner in Einklang bringen. Irgendetwas ist faul an dieser ganzen Geschichte, faste er seine Gedanken in Worte. Das alles passt lange nicht so einfach zusammen. Ihr Gespräch wurde durch das Aufgehen der Tür unterbrochen. Doktor Finch trat ein und runzelte bei dem Anblick des Chaos auf Sarahs Bett missbilligend die Stirn. Ich glaube, das reicht dann für heute, sagte er an A.J. gewannt. Die Patientin braucht Ruhe. Also packen sie diesen ganzen Kram wieder ein und verabschieden sie sich. In fünf Minuten komme ich wieder und ich hoffe, dass dann dieses ganze Zeug verschwunden ist. Ohne ein weiters Wort drehte er sich um und verließ den Raum. Sarah und A.J. sahen sich an und rollten mit den Augen. Dann mussten sie lachen er erinnert mich stark an meinen früheren Mathelehrer, sagte A.J. und war schon dabei, die ganzen Sachen zurück in Sarahs Rucksack zu stopfen. Das Medaillon nahm sie an sich und versuchte, es sich um den Hals zu legen. Leider hatte sie keinen besonders großen Erfolg damit, da ihre Arme schmerzten und sie sie nicht weiter als bis zur Brust heben konnte. A.J. nahm ihr die schmale Kette ab und als sie ein wenig den Kopf hob, streifte er sie vorsichtig über ihren Kopf. Fest schloss sie eine Hand um das Medaillon und beobachtete A.J. weiter dabei, wie er die restlichen Sachen in dem Rucksack verstaute. Als alles wieder eingepackt war, stellte er ihn zurück in den Schrank. Dann stand er vor ihrem Bett und blickte lächelnd auf sie hinunter. Ich würde Dich gerne wieder besuchen kommen, wenn ich darf. Sarah zuckte mit den Schultern tu, was Du nicht lassen kannst, entgegnete sie schroff. Innerlich war sie glücklich, das er wiederkommen würde. Sie wußte nur nicht, ob es gut war, sich an jemanden festzuhalten, den sie eigentlich nicht kannte und der wahrscheinlich nur aus Schuldgefühlen wieder kam. A.J. nickte. Immerhin hatte sie nicht nein gesagt. Na dann, bis demnächst, sagte er und konnte sich nicht dazu durchringen zu gehen. Doktor Finch nahm ihm die Entscheidung ab. Erneut kam er ins Zimmer geschneit und schob A.J. resolut aus der Tür. Auf wiedersehen, rief ihm Sarah etwas verspätet hinterher, dann schloss sich die Tür und sie war wieder allein mit sich und ihren nicht vorhandenen Erinnerungen.
Kapitel 2