Kapitel 58
Alex lehnte an der Wand des Fahrstuhls und hatte die Augen geschlossen. Sein Herz schlug laut und schnell in seiner Brust, während er noch einmal über diesen absolut verrückten Tag nachdachte.
Als er heute Morgen in Keylies Bett aufgewacht war, hatte er nicht einmal ansatzweise geahnt, was ihm noch bevorstand. Erst Keylies beängstigende Andeutungen über diese Frosch-Geschichte, seine Flucht, der Entschluss, zu Amy zu fliegen und seine Beziehung mit ihr irgendwie auf die Reihe zu bekommen, Keylies unerwartete Anwesenheit in der Music Farm, sein anschließendes Gespräch mit Amy, das Ende ihrer Beziehung und zum Schluß dieser unglaubliche Auftritt von Keylie.
Es hatte seltsam angemutet sie so sichtlich unvorbereitet auf der Bühne zu sehen. In ihren Jeans und dem schlichten, schwarzen Träger-Top wirkte sie so verletztlich vor all den kreischenden Fans und im Licht der gnadenlosen Schweinwerfer, dass er am liebsten zu ihr gerannt wäre um sie ganz fest in seine Arme zu schließen.
Er hatte jedem ihrer Worte gelauscht und dabei die Gänsehaut gar nicht mehr von seinem Körper bekommen. Es war unglaublich, wie gut sie war und in Anbetracht der letzten Ereignisse, konnte er sogar ein bisschen von Amy in ihrer Stimme und ihrem Auftreten erkennen. Auch wenn ihn dies mehr verwirrte, als er zugeben mochte.
Tja, und dann hatte er Keylie aus den Augen verloren. Sie war von der Bühne herunter gesprungen und fluchtartig irgendwo dahinter verschwunden und als er selbst den Weg dorthin gefunden hatte, hatte ihm Larry erklärt, dass Keylie bereits zurück in ihr Hotel gefahren war.
Es hatte ihn einige Mühe gekostet heraus zu finden, in welchem Hotel Keylie abgestiegen war, doch ettliche Telefonate später, hatte er es schließlich gefunden.
Und nun war er also auf dem Weg zu ihr. Er hatte keine Ahnung, wie Amy wohl dazu stand, dass er keine vier Stunden nach dem Ende ihrer Beziehung bereits auf dem Weg zu Keylie war, aber so wie ihre Trennung verlaufen war, war er sich ziemlich sicher, dass sie sich das bereits dachte. Nicht umsonst hatte sie ihm ja wohl vor Augen geführt, in wen er sich damals tatsächlich verliebt hatte.
Der Fahrstuhl kam mit einem sanften Ruck zum Stehen, Alex trat aus der Kabine und wandte sich nach links den Gang hinunter, der sich beinahe endlos vor ihm auszubreiten schien. Eine nie gekannte Nervosität breitete sich in diesem Augenblick in seiner Magengegend aus.
Was, wenn Keylie ihn gar nicht mehr haben wollte? Vielleicht hatte sie erkannt, dass sie durch den Schlussstrich unter ihre Vergangenheit auch einen Schlussstrich unter ihre Gefühle zu ihm ziehen musste. Vielleicht war sie aber auch so gekränkt darüber, dass er sie heute morgen einfach so Knall auf Fall verlassen hatte, dass sie gar nicht mehr mit ihm reden wollte. Alles war möglich.
Als er ihre Zimmertür schließlich erreichte, wusste er nicht, ob er wirklich klopfen oder nicht lieber doch so schnell wie möglich das Weite suchen sollte. Vielleicht sollte er ihnen beiden noch ein bisschen Zeit geben, Gras über diese ganze, verfahrene Seelenwanderungsgeschichte wachsen zu lassen und später, vielleicht in zwei, drei Wochen noch einmal bei ihr anfragen, wie sie denn nun zu ihm stand.
Doch gleich darauf schüttelte er den Kopf. Er konnte keinen weiteren Tag mehr ohne sie verbringen. Das war die ungeschminkte Wahrheit. Also hob er die Hand, klopfte vorsichtig an ihre Zimmertür und hielt die Luft an. Zu spät viel ihm ein, dass er nicht den blassesten Schimmer einer Ahnung hatte, was er jetzt zu ihr sagen sollte. Mit Hey Baby, ich liebe dich kam er diesmal wahrscheinlich nicht sehr weit.
Doch all diese Gedanken verflüchtigten sich, als schließlich die Tür vor ihm aufschwang. Ihre wunderschönen, braunen Augen wurden mit einem Schlag riesen groß, ihr schlanke Körper steckte in einem kurzen, weißen Frotteebademantel und in ihre Gesichtszüge hatte sich die Müdigkeit eingegraben. Sie hatte heute schließlich auch so einiges mitgemacht.
Hallo, würgte er schließlich hervor, doch sie schien zu verblüfft um irgendetwas darauf erwidern zu könnnen. Lässt du mich rein? fragte er deshalb mit einem sanften Lächeln, was sie erschrocken zusammen zucken ließ.
Schnell nickte sie mit dem Kopf, trat einen Schritt zur Seite und ließ ihn hinein in das kleine Zimmer, in dem es nach angenehm frischem Duschgel und ihrem wundervollen Parfum roch.
Dein Auftritt heute war einfach phänomenal, sagte er, weil ihm auf die Schnelle nichts besseres einfiel.
Danke, sagte sie leise, räumte ein paar Kleider von einem Sessel und bedeute ihm, sich zu setzen.
Während er Platz nahm, krabbelte sie auf das Bett, zog die Knie dicht an ihren Körper, wobei sie darauf achtete, dass der kurze Frotteestoff nicht zu viel enthüllte, und schlang dann die Arme fest darum.
Für einen Moment nahm er sich die Zeit, sie einfach nur anzusehen. Ihr Haar schien frisch gebürstet und legte sich in sanften Wellen um ihr hübsches Gesicht, ihre feingliedrigen Finger hatten sich so fest um ihre Knie gekrampft, dass die Knöchel weiß hervortraten und in ihren Augen lag ein gehetzter Ausdruck, den er sich nicht wirklich erklären konnte.
Was willst du hier? fragte sie ihn schließlich und der kühle Ton in ihrer Stimme ließ ihm das Blut in Adern gefrieren.
Ich wollte mit dir reden, brachte er dennoch einigermaßen ruhig hervor.
Hm ... ich verstehe. Hör zu, du brauchst gar nichts weiter zu sagen. Ich gönne euch euer Glück, okay? Aber erwarte bitte nicht von mir, dass ich dir vor Freude um den Hals falle.
Er runzelte für einen Moment komplett verwirrt die Stirn, bis ihm so langsam aufging, was sie ihm mit diesen seltsamen Sätzen sagen wollte. Sie war der Meinung, er und Amy hätten sich versöhnt. Natürlich! Das erklärte auch, warum sie so kalt und abweisend auf der anderen Seite des Raumes saß und sich nicht so recht traute, ihn anzusehen.
Keylie ... , setzte er an, erhob sich aus seinem Sessel und ging langsam zu ihr hinüber. Vorsichtig ließ er sich neben sie auf die Bettkante nieder, was nur dazu führte, dass sie jetzt auch noch die Lippen fest aufeinander presste und die Schultern hochzog, als können sie ihn so abwehren.
Amy und ich sind nicht mehr zusammen, sagte er leise und beobachtete dabei ihr Gesicht.
Der Ausdruck darin wechselte von Unverständnis, zu Überraschung, über Unglaube bis hin zu zaghafter Hoffnung.
Das ist nicht dein Ernst, flüsterte sie und heftete ihren Blick wieder auf ihn.
Doch, das ist mein voller Ernst. Wir ... wir haben festgestellt ... nun ja ... dass wir uns eigentlich nicht mehr wirklich lieben.
Das sah aber ganz anders aus, als ihr euch begrüßt habt, gab sie zu bedenken.
Ich weiß, nickte er. Ich glaube, wir waren beide überracht, wie das Gespräch dann ausgegangen ist.
Ein beinahe wehmütiges Lächeln schlich sich auf seine Lippen. Wie konnte es sein, dass er sich Amy näher dabei gefühlt hatte mit ihr Schluß zu machen, als die letzten Wochen davor, als sie noch eine Beziehung führten?
Und ... uhm ... was tust du jetzt hier? fragte sie zaghaft.
Kannst du dir das nicht denken? gab er leise zurück.
Sie schüttelte langsam den Kopf. Ich kann im Moment gar nicht mehr denken.
Er musste leise schmunzeln. Willkommen in meiner Welt.
Im Ernst Alex. Was tust du hier? Ich ... dachte ... ich meine ... , sie verstummte und senkten den Blick.
Er seufzte verhalten und tastete dann nach ihren kalten Finger, die sich immer noch um ihre Knie krampften, als hätte sie Angst ihre Beine würden sich gleich selbständig machen und ohne ihr Zutun einfach davon laufen.
Ich bin hier, sagte er leise weil ich dich liebe. Und weil ich mit dir zusammen sein möchte.
Er sah, wie sich ihre Atmung beschleunigte, während er vorsichtig ihre Hand von ihrem Bein löste und sich seine Finger mit ihren verschlangen.
Aber ... , setzte sie an, schluckte dann sichtlich und sah dann zu ihm auf. Tränen schwammen in ihren Augen und er fragte sich erschrocken, was er jetzt schon wieder falsch gemacht hatte. Du liebst nicht mich, gab sie beinahe flüsternd von sich. Du liebst die Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die du mit einer veränderten Amy geteilt hast. Das war nicht ich, verstehst du? Also ... ich meine ... das war schon irgendwie ich und dann doch wieder nicht.
Er schüttelte den Kopf. Nein, das ist nicht wahr. Ich liebe dich, Keylie Constance.
Woher willst du das wissen? Du kennst mich doch gar nicht. Alles was du liebst, ist in der Vergangenheit zurück geblieben. Ich bin nicht mehr die strahlende Amy, die mit Fishie und Larry irgendwelche Songs geschrieben hat. Ich bin nicht dieses grazile Wesen, das in einem giftgrünen Bikini trotzdem umwerfend aussah. Und ich ... , ihre Stimme versagte, während die ersten Tränen über ihre Wange kullerten.
Vorsichtig rutschte er noch ein Stück weiter an sie heran und schlang die Arme um ihre Schultern. Er fühlte das Beben ihres Körpers als er sie an sich drückte und küsste sanft ihr Haar.
Keylie. Ich liebe dich. Und nur dich. Ich liebe das Mädchen, dass in dieser Bar am Klavier gesessen hat und Wild Horses spielte. Und ich liebe das Mädchen, dass mich tatsächlich dazu gebracht hat und ohne dass ich sie kannte, einen Abend lang vor einem gefüllten Whiskyglas zu sitzen und keinen Schluck davon zu trinken. Ich liebe das Mädchen, das mit mir in dieser kubanischen Bar getanzt hat und mit der ich danach eine atemberaubende Nacht verbracht habe.
Und ich liebe auch das Mädchen, dass damals diesen Vorschlag zu einem Wettrennen zum Pool gemacht hat, die sich trotz ihres Unbehagens in diesen winzigen, grünen Fetzen geworfen hat und damit wie eine Königin an mir vorbei stolziert ist. Ich liebe die Frau, die diese ganzen wundervollen Songs geschrieben hat, die morgens im strahlenden Sonnenlicht gesesssen und bis zum Umfallen arbeitete.
Ich liebe DICH. Sämtliche Facetten deines Wesens und nicht nur eine Momentaufnahme, verstehst du?
Unvermittelt schlang sie die Arme um seinen Nacken und drängte sich noch näher an ihn. Ihr Gesicht verschwand in seiner Halsbeuge, er fühlte ihre Lippen, die eher zufällig sein Ohr streiften und ihren heißen, hektischen Atem, der ihm eine Gänsehaut über den gesamten Körper schickte.
Ist das wirklich wahr? hauchte sie.
Ja, das ist wahr, nickte er. Ich beweise es dir sogar.
Wie willst du das denn anstellen? fragte sie, löste sich von ihm und starrte ihn aus kugelrunden, feuchten Augen an.
Ganz einfach, lächelte er, umfasste ihr hübsches Gesicht mit seinen Händen und zog sie zu sich heran. Nämlich so, hauchte er und drückte dann seine Lippen auf ihre.
Ihr Kuß war so wundervoll vertraut und fremd zu gleich, ihre Lippen fühlten sich unbeschreiblich weich an und ihre Zunge, die er gleich darauf mit seiner eigenen ertastete, ließ ihn hektisch nach Luft schnappen. Das war es, wonach er so lange gesucht und sich gesehnt hatte. Endlich fühlte er sich wieder vollkommen und an einem Stück und er konnte kaum glauben, dass ihn das Schicksal schlussendlich doch noch zu ihr geführt hatte.
Vielleicht würden sie nie eine wirkliche Antwort auf diese ganzen, seltsamen und unerklärlichen Umstände finden, aber im Moment war ihm, als würde er auf einer weichen, schäumenden Welle davon gleiten, da erschienen ihm Antworten mehr als unwichtig. Er hatte Keylie in seinen Armen. Mehr brauchte er nicht um glücklich zu sein.
The End