Kapitel 52
Alex erwachte am frühen Morgen aus einem tiefen, totenähnlichen Schlaf und registrierte noch mit geschlossenen Augen das beruhigende Gefühl eines warmen, weichen Frauenkörpers an seiner Brust. Für den Bruchteil einer Sekunde war er sich sicher, dass er Amy in seinen Armen hielt, doch dann durchfuhren ihn die Erinnerung an die letzte Nacht wie ein Stromstoß.
Keylie, wie sie getanzt hatten, der Kuß, ihre Flucht und dann diese ... Nacht ... Keylies Sanftheit und Zärtlichkeiten und das Gefühl, sich vollkommen und ohne Bedenken in ihre Hände begeben zu können.
Gleichzeitig tauchte das Gesicht seiner Freundin vor seinem geistigen Auge auf. Er hatte Amy betrogen. Das konnte er sich nicht schönreden oder beiseite schieben. Er hatte an irgendeinem Punkt aufgehört zu denken und war wieder einmal nur dem Ruf seines kleinen Mannes gefolgt.
Leise seufzend küsste er Keylies Haar, dann hob er vorsichtig ihren Arm an, der über seiner Hüfte lag und schob sich unendlich langsam unter ihr hervor. Er betete inständig, dass sie nicht aufwachte, denn auch wenn er sich wie der letzte Mistkerl vorkam, der sich heimlich aus einem warmen Bett stahl, so sah er sich im Moment doch nicht in der Lage, Keylie zu erklären, was in ihm vorging.
Abgesehen davon, dass er sie verletzen würde, wusste er selbst nicht so genau, wie er das hier alles erklären sollte. Während er in seine Shorts schlüpfte und dann am Fußende des Bettes nach seinen Jeans griff, wanderte sein Blick hinüber zu der schlafenden Frau, die heute Nacht, ohne es zu wissen, so viele Puzzelteile seines verletzten Selbst wieder an die richtige Stelle gerückt hatte.
Ihre dunkle Lockenflut ergoss sich über die weißen Kissen, ihre nackte Schulter schimmerte sanft in dem hereinfallenden Licht der Morgendämmerung und er ertappte sich dabei, wie er ganz automatisch Keylie mit Amy verglich. Sie waren beide in seinen Augen wunderschön, Amy auf eine grazile, erhabene Weise und Keylie auf diese hübsche, weiche Art. Er versuchte sich daran zu erinnern, wann er das letzte Mal mit Amy geschlafen hatte, doch vor seinem geistigen Auge entstand lediglich die Nacht nach der Award-Verleihung, als er Amy in dem mondänen Hotelzimmer vom sofortigen Einschlafen abgehalten hatte. Er lächelte bei diesem Gedanken wehmütig. Es war so lange her, dass er nicht nur mit jemandem geschlafen, sondern dies auch eine Bedeutung für ihn gehabt hatte.
Und heute Nacht ...
Heute Nacht hatte er dieses Gefühl beinahe wieder gefunden. Obwohl er Keylie nicht wirklich kannte, fühlte er sich zu ihr hingezogen und auf eine seltsame, unerklärliche Art verbunden. Als hätte seine Seele in ihr jemanden wieder entdeckt, den er irgendwann einmal in- und auswendig gekannt hatte.
Natürlich war das ausgemachter Schwachsinn. Auch wenn er die Möglichkeit von einem früheren Leben nicht ausschloss, so war ihm dieser Gedanke in der Realität doch sehr suspekt. Die Möglichkeit, dass Keylie und er, oder zumindest ihre Seelen oder Geister oder wie auch immer man das nennen wollte, sich in einem anderen Leben schon einmal begegnet waren, war einfach zu absurd.
Kopfschüttelnd stieg er nun in seine Hosen und schloss mit ruhigen Händen die Gürtelschnalle. Keylie würde sicherlich enttäuscht sein, wenn sie aufwachte und ihn nicht mehr in ihrer Wohnung vorfand, aber er musste sich jetzt erst einmal darüber klar werden, was er wirklich wollte, bevor er sich noch weiter auf dieses Spiel mit dem Feuer einließ.
Mit einem letzten Blick auf ihre schlafende Gestalt wandte er sich schließlich ab und strebte der Schlafzimmertür zu. Er hatte die Klinke bereits in der Hand, als ihre verschlafene Stimme an sein Ohr drang.
Du stiehlst dich also einfach heimlich davon?
Mist. Sie sollte schlafen, verdammt noch mal.
Ich weiß. Ist nicht sehr ritterhaft, gab er leise zurück und wagte es nicht, sie anzusehen.
Ich möchte keinen Ritter, ich will dich, hörte er sie sagen und gequält schloss er die Augen, während sie fortfuhr. Ich weiß, dass im Moment für dich alles etwas schwierig ist, aber ich bin der Meinung, dass ich es nicht verdient habe, dass du dich einfach so aus meinem Leben stielst.
Er wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Sie hatte ja recht. Aber manchmal neigte er eben dazu, lieber den einfacheren Weg zu gehen.
Alex?
Er war immer noch nicht in der Lage sich zu rühren. Vielleicht, wenn er einfach so hier stehen blieb, würde sie ihn irgendwann zum Teufel jagen und damit hätte sich sein ganzes Dilemma von alleine geregelt.
Ein sehr weiser Mensch hat mir einmal gesagt, hörte er erneut ihre Stimme in seinem Rücken und seltsamer Weise klang sie weder wütend noch aufgebracht. Enttäuscht vielleicht, müde und mutlos, aber trotzdem so, als empfinde sie tatsächlich etwas für ihn. Aufmerksam lauschte er auf jedes ihrer Worte und je länger er zuhörte umso seltsamer fühlte er sich.
Er hat mir gesagt, ... dass es manchmal solche Momente im Leben gibt, in denen alles in sich zusammen zu stürzen scheint. Man weiß nicht mehr so genau, wer man eigentlich ist, wo man hin will und an welchem Punkt in seinem Leben man sich gerade befindet.
Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen, während sein Gehirn fieberhaft darüber nachdachte, wo er diese Worte schon einmal gehört hatte. Ohne dass ihm dies bewusst gewesen wäre, drehte er sich langsam zu Keylie herum, die mittlerweile aufrecht im Bett saß und das Laken über ihrer Brust zusammen hielt.
Er hat mir damals versprochen, dass das irgendwann vorbei gehen wird und ich meinen eigenen Weg wieder finden werde. Und soll ich dir was sagen? Er hatte recht. In jedem Punkt.
Hab ein bisschen vertrauen. Ich mich und in dich. Mehr verlange ich gar nicht.
Er konnte nichts anderes tun als sie aus großen Augen anzustarren. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass hier etwas sehr seltsames vor sich ging. Irgendwo tief unter der Oberfläche dieses Gespräches, dieser Nacht und dieser Frau lauerte etwas, das er im Moment noch nicht greifen konnte und irgendwie machte ihm das Angst.
Du verstehst das nicht ... , brachte er mühsam heraus. Ich ... ich liebe eine andere ... oder zumindest ... , korrigierte er sich gleich selbst, während er den Schmerz in Keylies Gesichtszügen ganz deutlich lesen konnte ... habe ich sie einmal geliebt.
Und jetzt? fragte sie.
Er seufzte und schüttelte den Kopf. Ich weiß es nicht.
So langsam kam er sich doof vor, wie er da immer noch an der Tür mit der Klinke in der Hand stand, also löste er seine Finger von dem kalten Metall, durchquerte mit langsamen Schritten den Raum und ließ sich gleich darauf neben Keylie auf die Bettkante sinken. Er vermied es, sie direkt anzusehen oder sie, Gott bewahre, zu berühren. Stattdessen verschränkte er die Hände in seinem Schoß, während er sich überdeutlich des Umstandes bewusst war, dass er hier neben einer nackten Frau mit ebenfalls nacktem Oberkörper hockte und ihr zu erklären versuchte, was er für Amy empfand.
Weißt du ... Amy ist ein ziemlich schwieriger Charakter, begann er, während ihm das Rascheln der Laken verriet, dass sich Keylie zurück in die Kissen hatte sinken lassen.
Vor einer ganzen Weile hatte sie etwas mit einem anderen Typen und ich war im Grunde so weit gewesen, mich von ihr zu trennen. Wir passten einfach nicht mehr zusammen, haben uns nur noch angegiftet und ... na ja ... irgendwie unsere Gefühle aus den Augen verloren.
Er seufzte schwermütig, drehte sich auf der Bettkante ein Stück in Keylies Richtung und sah nun doch auf sie hinab. Sie hatte den Kopf leicht schräg gelegt und sah ihn aufmerksam an. Sie versuchte zu verstehen, das sah er ganz deutlich und er rechnete es ihr hoch an, dass sie dazu in der Lage war, nachdem er sich eigentlich heimlich, still und leise hatte verdrücken wollen.
Eines Nachts ist sie dann aus einem Albtraum aufgewacht und ab diesem Tag war sie ... ein ... vollkommen anderer Mensch.
Inwiefern? hakte Keylie beinahe flüsternd nach und er bemerkte ein eigentümliches Glitzern in ihren Augen, das er nicht deuten konnte.
Sie war wie ausgewechselt. Äußerst ... liebenswert und ... rücksichtsvoll und ... keine Ahnung. Ich habe gelernt, sie wieder zu lieben. Intensiver als in den ganzen zwei Jahren davor. Es war wie ein Traum, verstehst du?
Sie nickte langsam und er hatte das seltsame Gefühl, dass sie genau wusste, wovon er sprach, was ihn zusätzlich verwirrte.
Diese vier Monate waren ... die glücklichsten meines Lebens ... , die letzten Worte hatte er mehr zu sich selbst gesprochen und er fühlte sich gleichzeitig mehr als schlecht, dass er ausgerechnet Keylie, die ganz offensichtlich mehr als bloße Freundschaft für ihn empfand, seine Gefühle für eine andere Frau in solch deutlichen Worten beschrieb. Doch wenn er sie damit getroffen hatte, ließ sie sich zumindest nichts davon anmerken. Also fuhr er fort und merkte, je länger er redete, wie gut es ihm tat endlich einmal diese vielen, verwirrenden und widersprüchlichen Gedanken in seinem Kopf laut auszusprechen.
Dann ist sie eines Abends plötzlich auf der Bühne zusammen gebrochen. Ich hatte solche Angst um sie, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Sie hing in meinen Armen, war bleich wie die Wand und ich dachte die ganze Zeit nur, dass sie vielleicht krank ist und diese vollkommene Veränderung ihrer Persönlichkeit Warnsignale waren, die ich einfach nicht wahrhaben wollte.
Er hielt erneut inne, weil er in den Gefühlen von damals wie gefangen war. Sein Herz klopfte schnell und schmerzhaft in seiner Brust, während er daran dachte, wie er mit einem Wimpernschlag alles verloren hatte, was ihm einmal wichtig gewesen war.
Und dann? hörte er Keylie weiter fragen und er versuchte sich zusammen zu reißen.
Als sie wieder aufgewacht ist, war sie erneut wie ausgewechselt. Als hätten unsere gemeinsamen vier Monate niemals statt gefunden. Sie konnte sich an nichts mehr aus dieser Zeit erinnern, sie hat sich wieder in sich selbst zurückgezogen und mich und alle anderen aus ihrem Herzen ausgesperrt.
Was hast du dann getan?
Wir sind zusammen zu einem Arzt gegangen, fuhr er fort und zuckte leicht erschrocken zusammen, als sich Kelyie neben ihm plötzlich abrupt aufrichtete.
Wirklich? Was hat er gesagt? fragte sie und klang dabei vollkommen atemlos.
Er hat nichts gefunden. Rein organisch ist sie vollkommen gesund, erklärte er und beobachtete dabei aufmerksam Keylies Gesicht. Das Feuer, das bis eben noch in ihren Augen geglüht hatte, erlosch augenblicklich, sie presste die Lippen fest aufeinander und ihr Gesicht verzog sich vor Enttäuschung.
Das ... ist nicht ... gut, stammelte sie, ließ sich wieder in die Kissen sinken und starrte an die Decke.
Nein, ist es nicht, nickte er. Sie hat darauf bestanden, ihre Tour zu machen und unsere Beziehung bis zu ihrer Rückkehr auf Eis zu legen. Im Moment ist ihr scheinbar alles andere wichtiger als ich, aber ich ... wie soll ich das sagen ... ich habe die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass sie sich wieder ändern kann. Ich weiß, das klingt total verrückt und als klammere ich mich an die Vergangenheit, aber ich habe gesehen, was alles möglich ist. Ich weiß, was tief in ihr verborgen schlummert und so lange ich noch irgendwo in mir einen letzten Rest Glauben daran finde, dass sie wieder zu mir zurück kehrt, kann ich nicht ... , er verstummte und biss sich auf die Unterlippe.
Ich verstehe, entgegnete Keylie tonlos.
Hey, sagte er leise und tastete nach ihren kalten Fingern, die zu einer Faust geballt auf der Bettdecke lagen. Das soll aber nicht heißen, dass ich dich nur benutzt habe, okay?
Klar, nickte sie und klang dabei wenig begeistert.
Im Ernst Keylie. Irgendetwas verbindet uns. Ich habe keine Ahnung was das ist oder warum ich so empfinde, aber jedes Mal wenn ich dich ansehe ... ist da ... ich weiß auch nicht ... irgendetwas.
Irgendetwas? fragte sie verwirrt. Wie meinst du das?
Ich kann dir das nicht erklären. Ich verstehe es ja noch nicht einmal selbst. Ich weiß nur, dass wir ... dass du ... etwas außergewöhnliches bist. Und wenn diese ganze seltsame Geschichte mit Amy nicht wäre, würde ich mich jetzt nicht aus deinem Bett stehlen, würde ich bei dir bleiben und darauf hoffen, dass wir ... ich weiß auch nicht ... , er verstummte, weil ihm die Worte ausgegangen waren beziehungsweise ihm die Worte die ihm einfielen so etwas wie gemeinsam alt werden oder wir uns für immer lieben werden oder niemals wieder verlassen in dieser Situation äußerst unpassend erschienen.
Und warum versuchst du es nicht herauszufinden? fragte Keylie leise, richtete sich erneut in eine sitzende Position auf und kam ihm mit ihrem Gesicht ganz nahe. Wenn ich das richtig verstehe, lässt Amy dich im Moment ganz schön in der Luft hängen, was ich ihr irgendwie noch nicht einmal wirklich verübeln kann, wenn sie in den letzten Monaten so viel mitgemacht hat.
Weil das Betrug ist, sagte er bestimmt und weil ich damit nicht besser bin als sie.
Das verstehe ich, nickte Keylie sofort. Aber was hindert uns daran, ein bisschen Zeit miteinander zu verbringen? Warum können wir uns nicht einfach ab und zu sehen und uns dabei besser kennen lernen?
Du weißt, dass das nicht funktionieren würde, sagte er sanft und strich ihr eine ihrer dunklen Haarsträhnen hinter das Ohr.
So? Ich weiß nur, dass du im Moment unglücklich in deiner Beziehung bist und dass du nach etwas suchst, was einmal gut und richtig gewesen ist. Vielleicht suchst du aber an der falschen Stelle.
Ich rechne dir deine Loyalität zu Amy wirklich hoch an und ich kann verstehen, dass du dir die Vergangenheit zurück wünschst. Aber vergangenes ist nun mal genau das: Es ist vorbei. Die Situation hat sich verändert.
Genau dessen bin ich mir nicht ganz sicher, gestand er. Angenommen sie kommt nach ihrer Tour nach Hause und will wirklich an unserer Beziehung arbeiten? Wir haben es schon einmal geschafft, aus einem Tief wieder heraus zu finden und warum sollte dies nicht ein zweites Mal funktionieren?
Keylie senkte den Blick und schien über irgendetwas nachzugrübeln. Alleine dass sie dieses Gespräch hier führten, dass sie ihn noch nicht angeschrieen, Vorwürfe gemacht oder angefangen hatte zu weinen, machte ihn mehr als nervös, trotzdem war er mehr als gespannt darauf, was sie jetzt gleich sagen würde. Irgendwie und das war mal wieder so ein Gefühl, von dem er sich nicht erklären konnte, woher er es kam war er davon überzeugt, dass es wichtig war, dass er jetzt ganz genau zuhörte.
Als ich im Koma lag, hörte er sie schließlich leise sagen. Hatte ich einen ziemlich plastischen Traum. Ich fühlte mich in ihm unglaublich geborgen und geliebt. Ich hatte endlich das gefunden, was ich mir schon immer gewünscht hatte.
Er sah, wie sie schluckte und er widerstand dem Drang, sie einfach in den Arm zu nehmen.
Als ich nach vier Monaten dann wieder aufgewacht bin, ist dieser Traum zerplatzt wie eine Seifenblase. Plötzlich war ich zurück in der Realität und wurde mit den nackten, kalten Tatsachen konfrontiert.
Ich musste erkennen, dass Träume nicht wahr werden können. Es bringt leider nichts, sich in das Leben und die Gedanken von anderen Menschen zu stehlen und ihr Glück zu empfinden. Das hat einen ganz bitteren Beigeschmack.
Spätestens an diesem Punkt wurde ihm langsam mulmig. Obwohl ihre Worte eigentlich keinen Sinn für ihn ergaben, spürte er tief in sich ein instinktives Verstehen, das seinen Herzschlag beschleunigte und seine Hände zittern ließ.
Aber eines, habe ich dadurch gelernt, fuhr sie fort, hob nun den Blick und sah ihm direkt in die Augen. Erfolg und Ruhm, diese ganzen materiellen Dinge um uns herum, sind nichts wert. Sie befriedigen dich vielleicht für eine ganze Weile, aber du wirst nie wirklich glücklich sein, weil dir der Mensch fehlt, mit dem du das alles teilen kannst.
Amy stellt eure Beziehung hinter ihre Karriere. Bis zu einem gewissen Grad ist das sogar verständlich, aber kein Wesenszug, der zu dir passt und den du brauchst.
Die Wahrheit, die er schon so lange unbewusst in seinem Herzen fühlte, durch ihren Mund zu hören, tat überraschend weh. Er schluckte hart, senkte den Blick und verkrampfte seine Finger ineinander.
Wenn du an die vier Monate mit der veränderten Amy zurückdenkst, fuhr sie ungerührt fort. Welchen Eindruck hattest du da? War ihre Karriere das einzig wichtige? Wo standst du in dieser Zeit?
Direkt neben ihr, flüsterte er kaum hörbar. Ich war ein Teil davon.
Hm, hörte er sie zustimmend murmeln. Du warst damals glücklich mit ihr, fuhr sie beinahe flüsternd fort und als er aufsah, hatte sie den Blick gesenkt und schien mehr zu sich selbst zu sprechen. Ihr wart eine Einheit, habt euch gegenseitig unterstützt und wart füreinander da.
Woher willst du das wissen? fragte er mit rauer Stimme und fürchtete sich gleichzeitig vor ihrer Antwort.
Ein Lächeln huschte flüchtig über ihr Gesicht, dann zuckte sie mit den Schultern und sah ihn wieder an. Ich kann es in deinen Augen lesen, ich höre es in dem, was du sagst und ich spüre es, wenn du mich umarmst oder mich küsst.
Das ergibt keinen Sinn, widersprach er.
Ich weiß. Und trotzdem ist es genau so. Du hast recht Alex. Es gibt eine Verbindung zwischen uns, die uns leider niemand wirklich erklären kann. Aber vielleicht ist das einfach Schicksal und wir sollten uns nicht dagegen wehren, meinst du nicht?
Ich halte nicht viel von Schicksal, gab er zu.
Okay ... hm ... , sie musterte ihn eingehend und in der Tiefe ihres Blickes lauerte etwas, vor dem er am liebsten einfach davon gelaufen wäre. Doch stattdessen blieb er stocksteif sitzen und starrte unnachgiebig zurück. Ein paar Wochen nachdem Amy aus ihrem Albtraum aufgewacht ist, habt ihr den ersten, gemütlichen, gemeinsamen Abend seit langem zu Hause verbracht. Aus irgendwelchen Gründen kam sie auf die Idee, ein Wettrennen zum Pool zu veranstalten. Du hast natürlich gewonnen und als sie auftauchte, trug sie dieses Nichts von grünem Bikini und ... du hast sie ... deshalb ... immer Frosch genannt.
Eine eiskalte Faust legte sich während ihrer Worte um sein Herz und drückte es immer weite und unnachgiebig zusammen. Er hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, seine Glieder wurden taub und in seinem Kopf rauschte es unangenehm.
Woher ... , krächzte er und schüttelte immer wieder den Kopf.
Ich weiß es einfach, verstehst du? Ich ... ,
Nein! wehrte er ab und sprang wie von der Tarantel gestochen in die Höhe. Das ist unheimlich Keylie. Ich ... woher weißt du das? Du hast ... kennst du Amy? Hast du mit ihr gesprochen? Was ist das hier? Ein abgekartetes Spiel?
Die Welt um ihn herum begann sich immer schneller zu drehen, seine Atmung ging abgehakt und unkontrolliert und eine unglaubliche Angst stieg aus den Tiefen seiner Eingeweide auf. Worauf, oder besser gesagt, auf wen, hatte er sich hier eingelassen?
Alex, sagte sie sanft und rührte sich Gott sei Dank keinen Zentimeter. Ich kann dir das nicht erklären, weil ich es selbst nicht verstehe. Ich möchte dir damit nur sagen, dass du dich nicht täuschst wenn du glaubst, dass wir eine Verbindung zueinander haben.
Geh zurück zu Amy. Hoffe weiterhin darauf, dass sie sich wieder ändert. Vielleicht wirst du glücklich. Vielleicht auch nicht. Aber rede dir bitte nicht ein, dass das hier ... , sie macht eine ausholende Handbewegung, die ihn vor ihr zurück zucken ließ ... einfach irgendeine Laune oder so etwas wie eine Ablenkung ist.
Du bist verrückt, stieß er hervor, fuhr auf dem Absatz herum und rannte so schnell ihn seine Beine tragen konnten durch den Flur, sammelte dabei hektisch seine Kleider ein und stand gleich darauf in dem kalten, dämmrigen Treppenhaus.
Nur die Ruhe, versuchte er sich selbst gut zuzureden, während er in seine Schuhe schlüpfte, sich das Hemd überstreifte und dann wie von Furien gehetzt die Stufen hinunter hastete.
Erst als er in seinem Wagen durch die friedlich im Morgengrauen daliegende Stadt brauste, beruhigte sich sein Herzschlag ein bisschen und er hatte das Gefühl, dass er endlich wieder frei atmen konnte.
Der nächste Gedanke ließ ihn unvermittelt und so hart auf die Bremse treten, dass die Reifen quitschend mitten auf einer Kreuzung zum Stehen kamen.
Sie ist nicht verrückt und sie hat Amy auch nie getroffen. Sie weiß es einfach.
Das Hupen von mehreren Fahrzeugen holte ihn schließlich wieder zurück in die Realität. Mit einem entschuldigenden Winken trat er wieder auf das Gaspedal und fuhr diesmal langsam und bedächtig nach Hause.
Was oder wer Keylie auch immer war, er musste lernen, sich von ihr fern zu halten. Sie brachte sein sowieso schon angespanntes Nervenkostüm und seine rasenden Gedanken nur noch mehr durcheinander und das konnte er im Moment überhaupt nicht gebrauchen.
Gleichzeitig fühlte er bei diesen Gedanken den Schmerz in seinem Herzen aufflammen. Keylie nie wieder sehen? Unmöglich.