Kapitel 50

Alex war nervös und konnte sich dies gar nicht erklären. Während er mit Keylie an seiner Seite durch die Straßen L.A.s kurvte und sich dabei versuchte an den Weg zu erinnern, war er sich ihrer Nähe überdeutlich bewusst. Beinahe so, als berühre sie ihn tief innen drin. Sehr seltsam.
Er kannte doch nun weiß Gott genug Frauen, lernte jeden Tag jede Menge Menschen kennen und immer hatte er dabei das Gefühl, sich selbst im Griff und seine Handlungen unter Kontrolle zu haben. Doch bei ihr versagte sein klarer Menschenverstand vollkommen. Er stammelte dummes Zeug, brachte dafür die Worte, die ihm beim Anblick ihres geschmeidigen Körpers in diesem Wahnsinnskleid sofort durch den Kopf geschossen waren nicht heraus und wies sie dann auch noch wenig diplomatisch darauf hin, dass er eine Freundin hatte und sie sich demnach sämtliche romantische Gefühle für diesen Abend abschminken konnte.
Dabei war dieses Treffen alles andere als freundschaftlich. Zumindest für ihn. Unentwegt versuchte er sich klar zu machen, dass dies hier nur eine Übersprungshandlung war, weil er sich heute mal wieder über Amy geärgert hatte und er nach ein bisschen Aufmerksamkeit und Zuwendung suchte. Doch im Grunde konnte er sein heftig pochendes Herz, seinen von ihr immer wieder wie magisch angezogenen Stierblick und das Kribbeln in seiner Magengegend nicht ignorieren. Er benahm sich wie ein Teenager bei seinem ersten, großen Date und der Umstand, dass ihm dies durchaus bewusst war, ließ ihn innerlich nur noch mehr Abstand von Keylie nehmen.
Schließlich war er überaus erleichtert, als sie das Ziel ihres Ausflugs endlich erreichten. Die Nähe zu Keylie und der kleine, abgeschiedene Kosmos, in dem sie sich in seinem Wagen befanden, konnte er somit endlich hinter sich lassen und vielleicht gelang es ihm ja jetzt endlich, seine Souveränität und Sicherheit wieder zu finden.
„Da wären wir,“ sagte er und lenkte den Wagen auf den bereits gut gefüllten Parkplatz hinter der Bar, die er für ihr Treffen ausgewählt hatte.
„Wo auch immer wir hier sind,“ schmunzelte Keylie und ließ sich gleich darauf von ihm aus dem Wagen helfen.
„Das wirst du gleich sehen,“ lächelte er geheimnisvoll und freute sich jetzt schon auf ihr Gesicht, wenn sie die Bar betraten.
Mit einer Hand in ihrem Rücken dirigierte er sie über den Parkplatz, um das Gebäude herum und auf den Eingang zu, vor dem sich bereits eine ansehnliche Schlange gebildet hatte.
Ohne die wartende Menge zu beachten trat er an den Türsteher heran und nickte ihm kurz zu, während dieser eine rote Samtkordel aushakte und ihnen mit einer knappen Handbewegung und einem etwas steifen Lächeln bedeutete einzutreten.
Noch bevor die gläserne Drehtür sie ins Innere des Clubs entließ, hörte er bereits die Musik. Die kubanischen Rhythmen gingen ihm sofort ins Blut, brachten sein Herz dazu, im gleichen, schnellen Takt zu schlagen und Freude auf den bevorstehenden Abend breitete sich in ihm aus. Keylie machte noch ein paar vorsichtige Schritte in die Bar hinein, dann blieb sie schließlich stehen und er betrachtete lächelnd ihr staunendes Gesicht.
Der Club bestand aus einem einzigen, luftigen Raum mit dunkler Wandvertäflung und kleinen, runden Tischen, die um eine riesige Tanzfläche gruppiert waren. Die hohe Decke ruhte auf majestätischen, weißen Säulen. Sich träge drehende Ventilatoren mit Flügeln aus dunklem Holz und hellem, geflochtenen Bast erzeugten einen kaum spürbaren Luftzug und ließ die Kerzen auf den Tischen flackern. Riesige Oleander in Terrakottatöpfen standen auf dem mit Steinplatten ausgelegten Boden und verströmten einen süßen Duft.
Doch das Herzstück dieses exklusiven Clubs befand sich an der Stirnseite des Raumes und nahm die gesamte Breite der Wand ein. Eine etwa zwanzigköpfige Band saß und stand auf der Bühne und spielte mit sichtbarer Hingabe die Musik ihres Heimatlandes. Eine schwarze Sängerin stand vor einem Mikrophon und ihre dunkle, samtige Stimme schien sich über den gesamten Raum zu legen und in jede Ritze einzudringen.
Immer noch schien Keylie wie verzaubert und ihre Augen klebten wie festgefroren an der Band, während sie neben ihm stand und ihn komplett vergessen zu haben schien.
„Und?“ fragte er deshalb, schob sich etwas näher an sie heran und legte ihr wie selbstverständlich einen Arm um die Taille.
Nur mit Mühe schien sie zurück in das Hier und Jetzt zu finden, dann wandte sie ihm ihr Gesicht zu und ihre leuchtenden Augen ließ seinen Magen wie einen hektischen Gummiball auf und ab hüpfen.
„Ich will tanzen!“ stieß sie hervor und ihre Lippen schwangen sich zu einem breiten, glücklich Grinsen empor, das er warm erwiderte.
Er nickte lediglich, weil er seiner Stimme nicht mehr ganz vertraute, schob sich hinter sie, legte seine Hände auf ihre schmale Taille und schob sie so vor sich her durch die eng beieinander stehenden Tische und die vielen Menschen, die sich hier tummelten, mitten auf die Tanzfläche, wo sie die Musik mit offenen Armen willkommen hieß.
Wie selbstverständlich drehte Keylie sich in seinen Armen herum und schmiegte sich gleich darauf an ihn. Er ergriff ihre Hand, legte ihr den anderen Arm um die Taille und begann mit vorsichtigen, kleinen Schritten mit ihr zu tanzen.
Sie benötigten nicht einmal einen halben Song um ihren gemeinsamen Rhythmus zu finden. Ihre Schritte passten sich dem federleichten Takt an, ihre Körper bewegten sich in einer perfekten Einheit zu dem Gesang, von dem er kaum ein Wort verstand, der aber wie Feuer durch seine Blutbahnen wogte und er fühlte Keylies Hüften, die sich aufreizend unter seinen Fingern hin und her wiegten und die ihm ein aufgeregtes Kribbeln durch die Lenden schickte.
Mit jedem Takt wurden sie mutiger, ihre Schritte wurden ausgreifender und schwungvoller, Keylie löste sich irgendwann von ihm und mit einem kleinen Stups in ihre Seite vollführte sie eine perfekte Drehung unter seinem ausgestreckten Arm hindurch, bevor sie sich wieder an ihn schmiegte, ohne dabei auch nur eine Sekunde aus dem Takt gekommen zu sein.
Irgendwann hatte Alex das Gefühl dahin zu schweben. Raum und Zeit hatten keine Bedeutung mehr. Alles was er wahr nahm war die elektrisierende Musik, Keylies leuchtendes Gesicht, ihre wunderschönen, dunklen Augen, die seinen Blick nicht eine Sekunde lang losließen und ihr geschmeidiger Körper, der perfekt zu seinem eigenen zu passen schien. Er fühlte sich so frei und glücklich wie schon lange nicht mehr und genoss jeden Augenblick in vollen Zügen.
Sie schienen ewig so zu tanzen, immer wieder unterbrochen von kurzen Verschnaufpausen, in denen sie der Band applaudierten, nur um sich gleich darauf wieder aneinander zu schmiegen und erneut in den lateinamerikanischen Rhythmen einzutauchen. Schließlich erhob sich ein Teil der Band und verließ die Bühne, während ein Klavierspieler zu einer langsamen Rumba ansetzte, die von einem Kontrabass und leisen Percussion-Klängen untermalt wurde. Keylie rückte in diesem Moment noch ein Stückchen näher an ihn heran, so dass er ihre Brüste durch den dünnen Stoff seines Hemdes spüren konnte und er zwang sich dazu, einmal tief ein- und wieder auszuatmen. Ihr Kopf sank auf seine Schulter, er schmiegte seine Wange an ihre Schläfe und sein Arm drückte sie noch etwas fester an sich, während ihre ineinander verschlungenen Finger plötzlich auf seiner Brust lagen. Etwas beklommen stellte er fest, dass sie jetzt wahrscheinlich ganz genau spüren konnte, wie schnell und hektisch sein Herz schlug und aufgeregt leckte er sich über seine trockenen Lippen.
Sie bewegten sich inzwischen kaum noch vom Fleck. Langsam wiegten sie sich zu den sanften Klängen der Musik, wobei sich Alex der Nähe von Keylies Körpers überall an seinem eigenen mit jeder Nervenzelle bewusst war. Er fühlte, wie sich seine Atmung beschleunigte und seine gesamten Organe in einem heißen, beinahe schmerzhaften Verlangen zu pulsieren begannen.
Er hörte, wie Keylie an seiner Schulter etwas murmelte und so beugte er sich noch ein Stückchen weiter zu ihr hinunter und versuchte sein Ohr nahe an ihren Mund zu bringen.
„Was hast du gesagt?“ flüsterte er mit rauer Stimme.
„Das war eine wunderschöne Überraschung,“ wiederholte sie und streifte dabei wie zufällig mit ihren Lippen seine Wange, was ihm einen prickelnden Schauer über den Rücken rieseln ließ.
„Da bin ich aber froh,“ seufzte er leise, während er seinen Kopf weiterhin gesenkt hielt, um ihr so noch näher sein zu können.
Er fühlte, wie sei ihm ihre Finger entwand, sie dann ganz sanft über seine Brust hinauf zu seiner Schultern schob und sie schließlich heiß und verführerisch in seinen Nacken legte. Die Luft entwich aufgeregt durch seine Nasenlöcher, während er seinen nun freigewordenen Arm ebenfalls um ihre Hüften schlang. Ohne sein Zutun begab sich seine Handfläche auf Wanderschaft. Sanft fuhr sie die Linie ihres Rückrats hinauf, verschwand für einen Moment in ihren dichten Locken, bevor sie wieder abwärts glitt und kurz vor der sanften Rundung ihres Pos inne hielt. Er fühlte, wie sie sich unter seinen tastenden Fingern zum Rhythmus der Musik bewegte, spürte ihren heißen Atem an seiner Wange und schloss genießerisch die Augen.
„Alex?“ hörte er sie flüstern und er brachte mit einiger Mühe ein „Hm?“ zustande.
„Küss mich bitte.“
Sein Körper reagierte ohne sein Zutun. Seine Eingeweide zogen sich vor süßer Qual zusammen, während er den Kopf vorsichtig auf die Seite drehte und seine Lippen suchend über ihre Stirn streiften.
Er küsste sanft ihre Wange und fühlte dabei mit der Nasespitze die weiche Haut ihres Gesichts, dann wanderte sein Mund tiefer, suchte sehnsüchtig nach dem passenden Gegenstück zu seinen beinahe schmerzhaft brennenden Lippen und schmeckte gleich darauf den unglaublich süßen Hauch ihres Atems auf seiner Zunge. Er konnte ein leises Stöhnen nicht unterdrücken, als sein Mund endlich sein Ziel fand und zärtlich über Keylies weiche, geschwungene Lippen fuhr. Er fühlte, wie sich der Druck ihrer Finger in seinem Nacken verstärkte, spürte ihren Körper, der sich nun gezielt und eindeutig aufreizend an seinem rieb und schmeckte das Aroma ihres Mundes, als seine Zunge vorsichtig in ihn eindrang.
Die Welt um ihn herum begann zu verschwimmen und sich dabei immer schneller zu drehen. Die Musik zog sich in den Hintergrund zurück, während er überdeutlich Keylies hektischen Atem und ihre kleinen Seufzer registrierte, die sie zwischen ihren geöffneten Lippen hervorstieß. Seine Hände legten sich nun doch auf ihr festes Hinterteil und drängten sie so dazu, sich noch etwas fester an ihn zu drücken, während sie sich immer noch wie im Traum zu den Klängen der Musik bewegten.
Urplötzlich wurde es still um sie herum, bevor ohrenbetäubender Applaus aufbrandete. Der Mann am Klavier hatte sein Stück beendet und riss Alex damit unaufhaltsam in die Realität zurück.
Unter Aufbietung seiner gesamten, verbliebenen Kräfte legte er Keylie die Hände auf die Taille und schob sie ein Stück von sich. Er war der Meinung, wenn er ihre Körper für einen Moment voneinander trennte, könnte er vielleicht wieder klar denken, doch leider half dies recht wenig. Mit gesenktem Kopf, hektischen Atemzügen und immer noch geschlossenen Augen verharrte er vor ihr, während er ihre Finger überdeutlich auf seinen Oberarmen fühlen konnte.
„Das war vielleicht keine so gute Idee,“ hörte er sich sagen und verfluchte sich innerlich dafür, dass er sich auf diesen Kuss überhaupt eingelassen hatte. Er befand sich in einer Beziehung, verdammt noch mal, und auch wenn es mit Amy im Moment alles andere als gut lief, so hatte er trotzdem nicht das Recht, sie hier und in aller Öffentlichkeit zu hintergehen.
Nur mit großer Mühe öffnete er langsam seine Augen und blickte damit direkt in Keylies blasses Gesicht mit den sanften, roten Flecken auf ihren Wangen. Den Schmerz, der in ihren Zügen zu lesen war, konnte er beinahe körperlich spüren und er verfluchte sich erneut.
„Sicher ... tut ... tut mir leid,“ stammelte sie und trat einen Schritt zurück.
„Nein. Du kannst doch nichts ... ,“ setzte er an, doch da hatte sie sich bereits von ihm losgerissen und drängelte sich hektisch durch die umstehenden Menschen.
Wie erstarrt blieb er wo er war und starrte ihr hinterher, während sich die anderen Gäste bereits wieder zu den nun etwas schnelleren Rhythmen bewegten. Die Lücke, die Keylie in der Menschenansammlung aufgerissen hatte, schloss sich langsam wieder und somit verlor er sie schließlich endgültig aus den Augen.
Verdammt! Wie hatte er es nur so weit kommen lassen können?
Hektisch bahnte er sich nun selbst einen Weg Richtung Ausgang, während er sich verwundert fragte, warum dieser Kuss ihn so aufgewühlt hatte und warum er sich immer noch so unglaublich vertraut und natürlich auf seinen Lippen anfühlte.
Als er schließlich hinaus in die laue Abendluft trat, konnte er Keylie nirgendwo entdecken. Vielleicht hatte sie den Club gar nicht verlassen, sondern sich nur auf die Toilette zurückgezogen um sich wieder etwas zu sammeln. Er hatte sich bereits halb herum gedreht um wieder zurück in die Bar zu gehen, da sah er aus den Augenwinkeln, wie ein Stück weiter den Gehweg hinunter ein Taxi am Straßenrand hielt. Es war zu spät um sie aufzuhalten, das erkannte er, noch bevor Keylie in den Wagen stieg. Gleich darauf brauste das Taxi davon. Im selben Moment fuhr er hastig herum und rannte zu seinem eigenen Wagen. Längst hatten seine Emotionen die Kontrolle über sein Handeln erlangt. Er musste sie einholen, ihr sagen, dass es ihm leid tat und dann ... dann ...
Er schüttelte den Kopf, während er den Schlüssel ins Zündschloss rammte und mit aufheulendem Motor vom Parkplatz fuhr. Er brauchte sich nichts mehr vor zu machen. Wenn sie ihn immer noch haben wollte, würde sie ihn bekommen. Mit Haut und Haaren und allem, was dazu gehörte.

Kapitel 51