Kapitel 49

Ganze zwei Wochen schaffte Alex es, dem Lockruf seines Handys zu widerstehen. Er traf sich mit Freunden, verbrachte sogar einen Abend mit Romina in einer Bar in der Stadt, bastelte ein wenig an seinen eigenen Songs und ließ ansonsten das Leben und die Zeit an sich vorbei ziehen, ohne sie weiter zu beachten.
Er sprach in dieser Zeit noch zwei Mal mit Amy. Das erste Mal entschuldigte er sich tatsächlich bei ihr für seinen Ausbruch bei ihrem letzten Telefonat, was allerdings im Nachhinein einen bitteren Beigeschmack auf seiner Zunge hinterließ, und das zweite Mal versuchten sie so zu tun, als sei alles in Ordnung und vollkommen normal.
Als er allerdings Amy an diesem Tag auch nach dem dritten Versuch nicht erreichen konnte, wurde ihm die Sache langsam zu bunt. Warum sollte sie machen können was sie wollte, ihn ignorieren und ihre Zeit mit anderen Männern verbringen und er hockte wie ein Mönch zu Hause?
Nach einem kurzen Zögern, das er schließlich mit einem kurzen Kopfschütteln überwand, wählte er Keylies Nummer und wartete mit angehaltenem Atem, dass sie abnahm. Vielleicht wusste sie gar nicht mehr, wer er war? Vielleicht war sie aber auch so sauer darüber, dass er sich bis jetzt nicht gemeldet hatte, dass sie gleich wieder auflegen würde, wenn sie seine Stimme erkannte.
Bevor sich seine Befürchtungen allerdings in echtes Unbehagen verwandeln konnten, wurde am anderen Ende der Leitung abgenommen.
„Hallo?“
„Hallo Keylie, hier ist Alex,“ meldete er sich und wartete mit klopfendem Herzen darauf, wie sie reagieren würde.
„Alex?“ hörte er sie verwundert fragen und ihm wurde es flau im Magen. „Wow. Damit hatte ich nicht mehr gerechnet,“ gestand sie und er versuchte vergeblich zu ergründen, ob sie irgendwie sauer auf ihn war.
„Ja, tut mir leid. Es hat etwas gedauert. Ich hatte einfach ziemlich viel um die Ohren und ... ,“
„Ist schon gut,“ unterbrach sie ihn und klang dabei, als würde sie lächeln. „Wichtig ist doch nur, dass du dich überhaupt gemeldet hast.“
„So viel Großmut habe ich eindeutig nicht verdient,“ grinste er erleichtert und angelte nach der Zigarettenpackung auf dem Couchtisch.
„Tja, dann musst du dir wohl überlegen, wie du das wieder gut machen kannst,“ schmunzelte sie
„Hm ... hast du heute Abend schon etwas vor?“ fragte er und zündete sich eine Zigarette an.
„Zufälliger Weise muß ich heute nicht arbeiten. Also ... uhm ... nein. Oder ... hätte ich mich jetzt etwas zieren sollen? Vielleicht macht man das ja heutzutage so, wenn man sich verabredet.“
Er musste leise lachen. „Nein, nein. Das ist schon vollkommen in Ordnung. Was hältst du davon, wenn ich dich um neun abhole?“
„Neun klingt großartig. Irgendein bestimmter Desscode?“
„Ich persönlich hätte gerne etwas, das mir den Atem verschlägt,“ hörte er sich sagen und schloss im nächsten Moment gequält die Augen. Noch offensichtlicher konnte er wohl kaum darauf hindeuten, dass er ein armes, alleingelassenes Würstchen war, das nach einer aufregenden Frau lechzte.
„So, so,“ schmunzelte sie.
„Aber alles andere ist mir auch recht,“ beeilte er sich zu sagen.
„Ich befürchte, es ist jetzt ein bisschen zu spät für dieses „zieh an was dir gefällt“ Geplänkel,“ stellte sie kichernd fest.
„Das befürchte ich auch,“ gab er zerknirscht zu.
„Also gut. Ich versuche mein bestes zu geben und wenn es dir nicht gefällt, dann tu wenigstens so als ob, okay?“
„Versprochen,“ grinste er.
„Also gut. Dann heute Abend um neun?“
„Ja. Bis heute Abend.“
„Ich freu mich.“
„Ich mich auch.“
Noch eine viertel Stunde nachdem er aufgelegt hatte, bekam er das dämliche Lächeln nicht aus seinem Gesicht und sein Herz schlug kleine, kribbelnde Purzelbäume. Er hatte sich schon lange nicht mehr so gut und lebendig gefühlt und er beschloss den heutigen Abend zu genießen und keinen Gedanken an Amy zu verschwenden, der es sowieso egal war, was er ohne sie machte.

Es war kurz vor neun, Keylie stand am Wohnzimmerfenster verborgen hinter den Gardienen und starrte hinunter auf die Straße. Ihre Augen folgten jedem auftauchenden Scheinwerferlicht in der Hoffnung, dass sie Alex’ Wagen entdecken würde, doch bisher war er nicht aufgetaucht. Wie auch? Sie stand bereits seit einer halben Stunde hier, was selbst für den pünktlichsten Menschen viel zu früh war, und Alex gehörte eindeutig nicht zu dieser Sorte.
Sie dachte noch einmal zurück an den Moment, als sie seine Stimme am Telefon erkannt hatte. Wie ein Feuerwerk waren die Gefühle in ihrem Herzen explodiert, ihre Handflächen waren feucht geworden und mit ihrem Strahlen hätte sie eine halbe Kleinstadt mit Strom versorgen können. Sie hatte nicht gelogen als sie ihm unbedachter Weise verriet, dass sie mit seinem Anruf nicht mehr gerechnet hatte. Diese Hoffnung war mit jedem endlosen Tag, der ohne seinen Anruf verstrich, weiter geschwunden und zum Schluß hatte sie sich klar gemacht, dass er gar nicht mehr an sie dachte.
Wie sollte er auch? Für ihn war sie eine Fremde, die er zufällig in einer Bar kennen gelernt und die scheinbar keinen großen Eindruck bei ihm hinterlassen hatte.
Umso mehr freute sie sich jetzt auf diesen Abend. Sie würde ihn wieder sehen, in seiner Nähe sein und ihn berühren können. Im Moment redete sie sich noch ein, dass ihr das genug war, doch tief im Inneren wusste sie natürlich, dass auch diese paar Stunden und die flüchtige Nähe nicht ausreichten, um den Schmerz in ihrem Herzen wirklich zu lindern. Doch eins nach dem anderen.
Wenn er nur endlich auftauchen würde!
Widerwillig löste sie sich vom Fenster, durchquerte das Wohnzimmer und stellte sich im Flur noch einmal vor den bodenlagen Spiegel. Das dunkelrote Kleid schmiegte sich wie eine zweite Haut an ihren Körper, die Schuhe mit dem unverschämt hohen Absätzen ließen ihre Beine länger wirken, wenn sie damit auch immer noch nicht an Amys grazile Stelzen herankam, und ihre Augen waren aufregend dunkel geschminkt. Während sie noch einmal mit einem Kamm durch ihre Locken fuhr überlegte sie, ob sie Alex mit ihrem Aufzug tatsächlich den Atem rauben würde, konnte sich aber zu keiner eindeutigen Antwort durchringen.
Nachdem sie sich noch etwas Parfum in die Halsbeuge und auf die Handgelenke getupft hatte, wanderte sie wieder zurück zu ihrem Aussichtsposten und nahm erneut die Straße unter sich ins Visier. Wenn er nicht bald auftauchte, würde sie vor Aufregung sterben, so viel war sicher.
Es dauerte noch weitere quälende zehn Minuten, bis sie endlich seinen Wagen vorfahren sah. Er quetschte sich auf der anderen Straßenseite in eine winzige Parklücke, während sie bereits durch die Wohnung hastete, ihre Handtasche und eine feine, schwarze Strickjacke vom Sideboard im Flur nahm, das Licht löschte und so schnell es ihre hohen Absätze zuließen die Stufen im Treppenhaus hinunter hastete.
Bevor sie die Haustür aufzog, sammelte sie sich noch für einen Moment, strich mit fahrigen, zitternden Händen über den Rock ihres Kleides und zog dann mit Schwung die Tür auf. Alex war gerade dabei die erste Stufe zur Eingangstür hinauf zu steigen und blieb dann wie vom Donner gerührt stehen, als er sie erblickte.
Keylies Herz klopfte so vehement in ihrer Brust, dass sie meinte, er müsse es hören können, ihre Augen bohrten sich in seine dunklen, die sie lächelnd von oben bis unten musterten und ihre Füße gehorchten ihr nicht mehr. Wie versteinert stand sie auf dem Treppenabsatz und wartete darauf, dass er irgendetwas sagen oder tun würde.
„Wow,“ brachte er schließlich heraus und streckte ihr einladend die Hand entgegen. „Ich hätte nicht gedacht, dass du das mit dem „mir den Atem rauben“ so ernst nimmst.“
Irgendwie schaffte sie es, ihre zitternden Beine dazu zu bringen, die Stufen hinunter zu steigen und seine Hand zu ergreifen.
„Ich habe mir auf jeden Fall Mühe gegeben,“ lächelte sie.
„Hm,“ nickte er bestätigend und schien sich keinen Schritt vom Eingangsbereich entfernen zu wollen.
Immer noch hielt er ihre Hand fest, sie konnte sehen, wie sich seine muskulöse Brust unter seinem engen Hemd langsam hob und senkte und seine überaus männliche Ausstrahlung machte sie ganz schwindelig. Sie vermisste ihn so sehr und musste in diesem Moment schmerzhaft feststellen, dass seine pure Anwesenheit dieses Gefühl nur ansatzweise von ihren Schultern nahm. Sie war ihm nahe, aber doch nicht bei ihm.
„Wollen wir?“ fragte sie deshalb schnell, nachdem er sich anscheinend immer noch nicht von ihrem Anblick losreißen konnte.
„Sicher,“ nickte er sofort, umschloss ihre Finger noch etwas fester und führte sie dann über die Straße zu seinem Wagen hinüber.
Er hielt ihr die Tür auf, half ihr beim Einsteigen und umrundete dann den Jeep. Keylie beobachtete jede seiner Bewegungen, versuchte ihre leeren Alex-Speicher mit so vielen Erinnerung wie möglich zu füllen, damit sie die nächsten Tage und Wochen irgendwie überstehen konnte, und spürte dann seine Präsenz beinahe körperlich, als er sich neben sie auf den Fahrersitz schob.
„Wo fahren wir hin?“ fragte Keylie, bemüht möglichst locker zu klingen.
„Das ist eine Überraschung,“ grinste Alex, während er den Wagen startete und dann vorsichtig aus der Parklücke setzte.
„Hm ... gibst du mir einen kleinen Tipp?“
„Nein,“ entgegnete er und sein Grinsen wurde noch breiter.
„Das macht mir ja beinahe Angst,“ gestand sie lächelnd.
„Braucht es nicht,“ beruhigte er sie sofort. „Ich kann dir zumindest so viel verraten, dass ich glaube, dass es dir dort gefallen wird.“
„Du glaubst? Du kennst mich doch gar nicht. Vielleicht finde ich es dort ganz furchtbar und langweile mich zu Tode.“
„Sollte das passieren, wird das wohl das letzte Mal gewesen sein, dass wir zusammen ausgehen,“ gab er ernst zurück und in Keylie zog sich alles zusammen.
„Hey, war nur Spaß,“ hörte sie ihn gleich darauf kichern und seine warme Hand auf ihrem Arm durchdrang das hektische Herzklopfen, das in ihren Ohren rauschte. „Ich bin mir sicher, dass es dir dort gefällt und wenn nicht, suchen wir uns einfach etwas anderes, in Ordnung?“
„In Ordnung,“ nickt sie und schämte sich dafür, dass man ihr scheinbar ihr Entsetzen so deutlich hatte ansehen können.
Es entstand eine kleine Pause, in der er seine Hand von ihrem Arm nahm und wieder auf das Lenkrad legte. Sein Blick war konzentriert auf die Straße vor ihnen gerichtet, so, als suche er nach dem richtigen Weg.
„Du hast wirklich geglaubt, ich würde dich nicht mehr wieder sehen wollen?“ durchbrach er schließlich das angespannt Schweigen und Keylie wäre am liebsten im Boden versunken.
„Ich ... uhm ... weiß nicht so genau,“ stammelte sie und hoffte, dass man ihre glühenden Wangen in der Dunkelheit des Innenraums nicht sehen konnte.
Was tat sie hier eigentlich, verdammt? Sie kannte ihn doch in- und auswendig. Sie wusste wie er dachte, fühlte und handelte, sie kannte seine Vorlieben, wusste was er nicht mochte und wie sich seine Küsse anfühlten. Warum fühlte sie sich also nun, als säße sie neben einem Fremden und mache jeden Schritt in die falsche Richtung? So unsicher in seiner Gegenwart hatte sie sich das letzte Mal vor Monaten gefühlt, als sie urplötzlich mitten in der Nacht neben ihm aufgewacht war und nicht wusste, wer und wo sie war.
„Ich gebe zu, dass ich lange darüber nachgedacht habe,“ hörte sie ihn sagen und überrascht wandte sie den Kopf.
Sie standen an einer roten Ampel und sein Blick war starr geradeaus gerichtet.
„Wie meinst du das?“ hakte sie nach.
„Naja,“ nur widerwillig, wie es schien, löste er seinen Blick von der Straße vor sich und wandte sich Keylie zu. „Ich bin in einer Beziehung, verstehst du? Ich war mir nicht sicher, ob ich unter diesen Vorraussetzungen wirklich mit dir ausgehen sollte.“
„Ist das hier denn ein Date im eigentlichen Sinne?“ fragte sie weiter und spürte, wie sich ihre Kehle ganz langsam verengte.
„Ich weiß es noch nicht so genau,“ gestand er und musterte sie dabei aufmerksam.
Irgendwie schaffte sie es, sich von dem intensiven Blick seiner dunklen Augen loszureißen und wieder auf die Straße hinaus zu sehen.
„Ich meine ... ,“ fuhr er fort. „Der Abend mit dir letztens hat mir sehr gefallen, sonst hätte ich dich nicht angerufen. Es ist nur ... ich glaube ... ,“ ein Hupen hinter ihnen erinnerte ihn daran, seine Aufmerksamkeit wieder der Ampel zu widmen, die mittlerweile in sattem Grün leuchtete. Schnell legte er einen Gang ein und fuhr weiter.
„Ich glaube,“ nahm er den Faden schließlich wieder auf. „Dass ich dir ... uhm ... keine unnötigen Hoffnungen machen will, verstehst du? Gott, führen wir dieses Gespräch gerade tatsächlich?“ lachte er unsicher und schüttelte dabei den Kopf.
„Ja, das tun wir und das ist sicherlich auch ganz gut so,“ würgte Keylie hervor, während in ihr der Drang beinahe übermächtig wurde, ihn kopflos anzuschreien.
Sie wollte ihm die ganze, verdammte Geschichte erzählen, dabei kein Detail auslassen und ihm klar machen, wie sehr sie sich einmal geliebt hatten. Er würde erkennen, dass er nicht zu Amy gehörte sondern zu ihr und sie würden glücklich bis an ihr Lebensende ... und so weiter, und so weiter.
Doch das kam natürlich nicht in Frage. Wer war sie denn, dass sie sein Glück zerstörte, ihn aus seiner Realität heraus riss und hinterher vielleicht feststellte, dass er sie in dieser neuen, nicht weniger realen Welt gar nicht mehr haben wollte?
„Nun gut,“ hörte sie ihn neben sich sagen. „Nachdem das ja jetzt irgendwie geklärt ist, wobei ich betonen möchte, dass ich mich selten so dämlich angestellt habe, können wir ja jetzt den Abend genießen. Was meinst du?“
„Das klingt gut,“ nickte sie und brachte sogar ein einigermaßen echt wirkendes Lächeln zustande.
„Gott sei Dank,“ seufzte er theatralisch, schenkte ihr noch einen seiner berüchtigten, warmen drei-Sekunden-Blicke und lenkte dann den Wage von der Hauptstraße in eine nicht weniger belebte Seitenstraße.
Keylie fröstelte. Wenn der Abend so weiter lief, würde sie sich wahrscheinlich am Ende wünschen, dass er nie stattgefunden hätte. Vielleicht war es tatsächlich besser, mit ihrer Verzweiflung und dem Schmerz alleine fertig zu werden, anstatt sich von ihm immer wieder daran erinnern zu lassen, dass er eine andere Frau liebte.

Kapitel 50