Kapitel 48
Früh am nächsten Morgen wurde Alex durch das penetrante Klingeln des Telefons aus tiefem Schlaf gerissen. Er hatte von dem Mädchen geträumt. Sie stand in einem langen, roten Seidenkleid auf einer Bühne und sang Amys Songs, während er in den Zuschauerrängen stand und zu ihr aufblickte. In seinem Traum wunderte er sich nicht einmal darüber. Es war ganz normal, dass sie die ihm vertrauten Worte mit so viel Hingabe sang und dabei alle Menschen im Raum zu überstrahlen schien.
Dann mischte sich plötzlich dieser schrillte Ton unter die Musik. In seinem Traum tastete er in der Hosentasche nach seinem Handy, während es ihm unsagbar peinlich war, dass ausgerechnet sein Telefon jetzt klingeln musste. Er fühlte die empörten Seitenblicke der anderen Gäste auf sich, während seine Bewegungen immer hektischer wurden, weil er die Quelle des enervierenden Klingelns nicht ausmachen konnte.
Und dann schreckte er zu Hause in seinem Bett in die Höhe, riss die Augen auf und stellte nach ein paar hektischen Atemzügen fest, dass es immer noch klingelte. Benommen tastete er also nach dem schnurlosen Hörer und stellte dabei mit einem Blick auf seinen Wecker fest, dass es gerade mal halb acht war. Ein Teil seines Bewusstseins schien noch nicht wirklich wach zu sein, denn er war plötzlich der Meinung, dass sich Keylie am anderen Ende der Leitung melden würde.
Hallo Traumfrau, murmelte er deshalb mit einem Lächeln, während er sich mit dem Hörer am Ohr wieder in die Kissen sinken ließ.
Heyyyy. Na das ist ja eine Begrüßung, schallte ihm gleich darauf Amys Stimme entgegen und augenblicklich war er hellwach.
Du? So früh? fragte er und rieb sich müde über das Gesicht.
Ich komme direkt von einer Party, informierte sie ihn kichernd und wirkte dabei vollkommen aufgedreht. Er meinte im Hintergrund Stimmengemurmel zu hören, war sich aber nicht ganz sicher.
Party? hakte er mit gerunzelter Stirn nach. Hast du heute frei?
Neiiiiin, lachte sie.
Und wann willst du schlafen?
Ach Alex, jetzt komm schon. Sei doch kein Spielverderber. Wir haben ein bisschen gefeiert, na und? Schlafen kann ich heute Mittag zwischen Soundcheck und einem von den Millionen Interviews zu denen mich Larry immer hinschleppt.
Ich will dir sicher nicht den Spaß verderben, verteidigte er sich. Aber ich weiß ganz zufällig, wie anstrengend so ne Tour ist, okay? Du wirst heute Mittag nicht schlafen, weil nämlich noch eine ganze Reihe anderer Termine anstehen und wenn du heute Abend auf die Bühne gehst, wirst du dich kaum noch auf den Beinen halten können.
Das ist ja wohl immer noch meine Sache, oder? gab sie, mittlerweile mehr als angespannt zurück.
Sicher, seufzte er.
Echt, du führst dich schlimmer auf als Larry oder meine Eltern.
Liegt vielleicht daran, dass ich seit über einer Woche nichts von dir gehört habe, gab er, nun ebenfalls leicht aufgebracht zurück.
Ach Baby, du weißt doch wie das ist, gurrte sie ich habe so viel zu tun, dass ich teilweise nicht einmal mehr weiß, was für einen Tag wir heute haben.
Aber Party feiern geht noch ziemlich gut, oder? gab er sarkastisch zurück und ärgerte sich gleichzeitig darüber, dass er sich auf diese Diskussion überhaupt einließ.
Was willst du eigentlich? Ich rufe dich an, weil ich deine Stimme hören möchte und dich vermisse und du machst mich blöd von der Seite an.
Habe ich dazu denn vielleicht kein Recht? Seit Tagen versuche ich dich zu erreichen, spreche aber immer nur mit deiner Mailbox und du hältst es noch nicht einmal für nötig, mich zurück zu rufen.
Aber ich rufe dich doch jetzt an, verdammt noch mal, giftete sie und er hörte ihr aufgebrachtes Atmen in seinem Ohr.
Er versuchte die Wut in seinem Inneren ein wenig einzudämmen. Das letzte was er wollte war, sich an diesem frühen Morgen und immer noch halb im Schlaf mit Amy zu streiten. Nicht nur, dass er keine Lust auf Stress hatte, er würde in seinem Zustand auch noch den Kürzeren ziehen.
Tut mir leid Amy, sagte er also in einem etwas versöhnlicheren Ton. Ich vermisse dich eben und es macht mich wahnsinnig, wenn ich so lange nichts von dir höre. Und jetzt muß ich mir auch noch Sorgen darüber machen, dass du deine Kräfte überschätzt und vielleicht irgendwann wieder ... , er sprach den Satz nicht zu ende, weil er die Bilder von ihrem letzten Zusammenbruch plötzlich klar und deutlich vor Augen hatte.
Ja, ja, ich weiß, wiegelte sie ab. Alle warten eigentlich nur darauf, dass ich wieder auf der Bühne zusammen klappe. Aber ich bin nicht aus Zucker, okay? Ich will meinen Spaß haben und das so wohl auf der Bühne als auch danach. Ist das so schwer zu verstehen?
Nein. Aber es tut dir nicht gut und ich spreche aus Erfahrung wie du weißt.
Ach komm schon. Nur weil dir das Ganze irgendwann entglitten ist, muß es mir doch nicht genau so gehen.
Ja, das denken sie alle. Bis sie plötzlich eines Morgens irgendwelche Wachmacher-Pillen einwerfen und sich dabei fragen, wie es jetzt eigentlich dazu gekommen ist, brummte er.
Gott, du kannst einem aber auch jeden Spaß verderben. Und da fragst du dich, warum ich dich nicht öfter anrufe?
Was erwartest du denn von mir? gab er heftiger als beabsichtigt zurück. Ich hocke hier in diesem großen Haus alleine und habe keine Ahnung, was meine Freundin den ganzen Tag so treibt. Jedes Käseblättchen berichtet über die Tour und was du so machst und glaub mir, wenn ich nur die Hälfte davon glauben würde, müsste ich dich auf der Stelle verlassen.
Er sah plötzlich wieder die vielen Schlagzeilen vor sich, die von Amys Eskapaden, Partys und Auftritten berichteten. Immer wieder wurden darin irgendwelche Typen erwähnt, mit denen sie angeblich etwas gehabt haben sollte und er hatte jedes Mal weitergeblättert. Am schlimmsten war wohl, dass er sich darüber gar nicht mehr wirklich aufregte. Er konnte sich zwar einreden, dass die Presse einfach aus jeder Mücke einen Elefanten machte, was wahrscheinlich sogar der Wahrheit entsprach, aber im Grunde war es ihm relativ egal, mit wem Amy ihre Zeit verbrachte.
Ohhh, sind wir jetzt wieder an diesem Punkt angekommen? schnaubte Amy in diesem Moment und er schloss gequält die Augen. Bitte jetzt nicht auch noch das. Wie oft soll ich dir noch sagen, dass mit Zack nichts war? Und jetzt glaubst du also auch noch jeden Mist, der in der Zeitung steht? Mit wem bin ich denn im Moment zusammen, hm? Das würde mich wirklich interessieren.
Ich habe dir doch gerade gesagt ... , setzte er an, doch sie ließ ihn nicht ausreden.
Schon mal was von Vertrauen gehört? sagte sie schneidend. Ich reiße mir hier den Arsch auf, arbeite hart und gönne mir dafür ab und zu ne Auszeit von dem ganzen Zirkus und anstatt mich zu unterstützen meckerst du nur an mir herum. Danke, darauf kann ich Zukunft gerne verzichten.
Na toll! giftete er, richtete sich kerzengerade in seinem Bett auf und drückte sich den Hörer ganz fest ans Ohr. Jetzt bin ich wieder an allem schuld, ja? Ich gönne dir deinen Spaß nicht, ich werfe dir vor, dich mit anderen Männern zu treffen und überhaupt bin ich unmöglich, was? Vielleicht versuchst du dir ein einziges Mal vorzustellen wie ich mich dabei fühle.
Du bist weit weg und hast deinen Spaß, was mich nicht mit einschließt. Ich gönne dir das, klar. Aber so ab und zu wäre es doch schön, wenigstens ein kleines bisschen deiner Aufmerksamkeit abzubekommen. Aber das ist scheinbar zu viel verlangt.
Und wie stellst du dir das vor? Mittlerweile brüllte sie beinahe in den Hörer. Soll ich hier alles stehen und liegen lassen wenn der feine Herr mal wieder der Meinung ist, sein ödes Leben nicht mehr ertragen zu können?
Du kapierst es nicht, oder? brüllte er zurück. Ich will dich und nicht irgendein Püppchen, das ab und zu mal bei ihrem Freund anruft, damit sie sicher gehen kann, dass er auch noch da ist wenn sie wieder nach Hause kommt. Auf deine Pflichtanrufe kann ich gut und gerne verzichten!
Pflichtanrufe?? Du spinnst doch. Ich hätte mich genau so gut noch ne halbe Stunde hinlegen können, aber stattdessen habe ich dich angerufen um zu hören, wie es dir geht und was du so machst. Aber alles was ich von dir zu hören bekomme sind irgendwelche Vorwürfe. Glaubst du wirklich, dass mich das dazu bringt, dich öfter anzurufen?
Wenn du mich öfter angerufen hättest, würden wir dieses Gespräch gar nicht führen, gab er bissig zurück.
Weißt du was? Ich habe überhaupt keinen Bock auf diese Scheiße. Ruf mich einfach an, wenn du wieder runtergekommen bist, zischte sie und legte dann einfach auf.
Für einen Moment starrte er das Telefon in seiner Hand noch an, weil er nicht fassen konnte, dass sie ihn so einfach abserviert hatte, dann holte er aus und warf den Hörer mit voller Wucht quer durchs Zimmer. Er knallte gegen die Wand und das krachende Splittern verkündete ihm, dass er sich demnächst ein neues Telefon zulegen musste. Doch das war ihm in diesem Moment herzlich egal.
Er war so unglaublich wütend, dass er aufgebracht die Decke zurück schlug, aus dem Bett sprang, durch den Flur hastete und sich erst einmal eine Zigarette in der Küche anzündete. Aufgebracht tigerte er zwischen Wohnzimmer und Küche auf und ab und wusste dabei nicht wohin mit seinen Emotionen, die ihn drohten zu verschlingen.
Wie konnte sie nur? Warum behandelte sie ihn wie den letzten Idioten? Kapierte sie denn nicht, dass alles was er sich wünschte ein bisschen Liebe und Aufmerksamkeit war? Sie konnte doch seinetwegen so viel feiern wie sie wollte. Wenn sie hinterher ihre Show ordentlich hinbekam, sollte sie seinetwegen die Nächte durchtanzen. Alles was er wollte war, dass sie dabei ab und zu an ihn dachte. War das tatsächlich zu viel verlangt?
Irgendwann löste sich seine Wut langsam in seinem Zigarettenrauch auf und machte einer seltsamen Leere und Taubheit platz. Was tat er hier eigentlich? Er hatte doch schon vor Amys Tour gewusst, dass ihre Beziehung im Grunde nicht mehr existierte. Sie hatte es doch selbst gesagt: Sie konnte sich im Moment nicht auf beides konzentrieren.
Und doch hatte er irgendwie gehofft, dass sie die Entfernung näher zusammen bringen würde, so verquer sich das auch anhörte. Er hatte gedacht, dass sie vielleicht irgendwann feststellen würde, dass sie ihn vermisste und damit immer noch liebte. Aber wie man eben mal wieder ganz deutlich gesehen hatte, war es ihr herzlich egal, wie es ihm ging.
In diesem Moment meldete sich eine leise, schon immer harmoniesüchtige Stimme in seinem Kopf. Aber sie hat dich doch angerufen. Und bevor sie überhaupt etwas Nettes sagen konnte, bist du schon auf sie losgegangen.
Mit einem Seufzen beendete er seine aufgebrachte Wanderung und ließ sich schwer auf das Sofa fallen. Die Müdigkeit war wieder zurückgekehrt und leise stöhnend rieb er sich die Augen. Hatte er vielleicht doch überreagiert?
Immerhin war Amy weit weg von zu Hause und musste eine Tour überstehen, mit der sie auch noch die letzten Kritiker davon überzeugen musste, dass sie Talent besaß und ihr erstes Album der Vergangenheit angehörte. Dies allein war schon Kraftanstrengung genug und jetzt kam er auch noch und forderte Aufmerksamkeit.
Nein. Er würde sich jetzt nicht wieder alles schön reden. Seit über einer Woche hatte er keinen Pieps von ihr gehört und sie hatte sich dafür noch nicht einmal entschuldigt oder versucht ihn davon zu überzeugen, dass sie ihn vermisste. Wie immer war es nur um sie und ihre Bedürfnisse gegangen und so langsam hatte er die Schnauze voll davon.
Sein Blick streifte unvermittelt das Handy, das auf dem Couchtisch lag und ihn unschuldig anzulächeln schien. Das Mädchen von gestern Keylie - fiel ihm wieder ein und in ihm wuchs das Bedürfnis den Hörer in die Hand zu nehmen und sie anzurufen. Es hatte ihm gut getan mit ihr zu reden, denn er hatte dabei endlich wieder das Gefühl gehabt, tatsächlich zu existieren. Sie hatte ihn mit ihren dunklen Augen angesehen während sie mit ihm sprach, sie hatte ihm zugehört und ihn ernst genommen und sie hatte diese warme, herzliche Ausstrahlung, die wie Balsam für seine Seele war.
Seine Hand zuckte bereits zu dem kleinen Telefon, doch dann stoppte er mitten in der Bewegung. Was tat er hier eigentlich?
Erstens war es noch viel zu früh um irgendwelche wildfremden Menschen aus dem Bett zu holen. Zweitens brachte ihn Keylie auch nicht wirklich weiter. Er suchte im Moment einfach nach ein bisschen Herzlichkeit und Wärme und es widerstrebte ihm, sie dafür auszunutzen. Und drittens befand er sich immer noch in einer Beziehung und wenn er sich weiterhin mit dieser Keylie traf, hätte Amy endlich einmal einen richtigen Grund um auf ihn sauer zu sein.
Kopfschüttelnd erhob er sich, würdigte das Handy keines Blickes mehr und schlurfte zurück ins Schlafzimmer. Vielleicht konnte er ja noch ein paar Stunden schlafen und wenn er dann wach und ausgeruht war, konnte er sich immer noch überlegen, wie er jetzt mit Amy verfahren sollte.
Die Gedanken an Keylie schob er dabei in den hintersten Winkel seines Gehirns. Sich eine andere Frau zu suchen, die ein wenig sein Ego streichelte wäre zu einfach und noch dazu unfair Amy und Keylie gegenüber. Er benötigte erst einmal Klarheit in seinem Gefühlschaos, bevor er auch nur daran denken konnte, sich wieder mit einer anderen Frau zu treffen.
Mit schweren Gliedern krabbelte er gleich darauf in sein Bett, zog sich die Decke bis zum Kinn hoch und rollte sich dann auf der Seite zusammen. Die Augen fielen ihm augenblicklich zu und es dauerte keine Minute, da wurde seine Atmung ruhig und gleichmäßig.
Auf dem Weg zwischen Wachsein und Tiefschlaf traf er unvermittelt auf Keylie, die lächelnd auf ihn wartete. Er fühlte, wie endlich so etwas wie Linderung in seinem wunden Herzen einkehrte und so ließ er sich bereitwillig an die Hand nehmen und tief in das Land der Träume führen, wo er sich endlich wieder sicher und geborgen fühlen konnte.