Kapitel 47
Das leise Brummen des Motors hüllte Keylie wie eine warme, flauschige Decke ein und sie fühlte, wie sich in ihrem Inneren ganz langsam eine angenehme Ruhe ausbreitete. Während sie mit Alex in der Bar gesessen und geredet hatte, war ihre Herzfrequenz selten unter Maximum gesunken. Sein Anblick, seine Nähe und seine raue Stimme hatten sie gefangen genommen und die Sehnsucht ein wenig in den Hintergrund gedrängt, mit der sie nun schon so viele Wochen lebte.
Als dann so unvermittelt Erkennen in seinen Augen aufgeflammt war und er von ihrem Krankenhausaufenthalt sprach, war ihr für einen Moment das Herz in die Hose gerutscht, bevor es mit doppelter Intensität weiter schlug. Für eine kleine Ewigkeit war sie davon überzeugt gewesen, dass er sich an alles erinnern konnte. Dass er wusste, was damals geschehen war, dass er sie gleich in den Arm nehmen und ihr sagen würde, wie sehr er sie vermisst hatte. Doch als er ihr dann lediglich von dem Zusammentreffen mit ihrem Dad berichtete, hatte sich augenblicklich eine wahnsinnige Enttäuschung in ihr breit gemacht.
Er wusste nicht wer sie war und er hatte demnach auch keine Ahnung davon, wie nahe sie sich einmal gestanden hatten. Im Laufe ihres Gesprächs hatte sie es geschafft, diese bedrückenden Gedanken zu verdrängen, doch nun, in dem dunklen Innenraum des Wagens, so nahe bei ihm auf dem Beifahrersitz und keine zwei Blocks von ihrer Wohnung entfernt, flammte dieses Gefühl unvermittelt wieder in ihr auf.
Sie hatten sich durch einen Zufall wieder gefunden, doch ihre Berührungen gingen über ein kurzes Händeschütteln nicht hinaus, seine Gefühle für sie waren nicht mehr da und ihre Verbindung, die einmal so stark gewesen war, existierte nicht mehr. Beinahe wünschte sie sich, sie hätten sich nicht wieder gesehen, denn die Distanz, die zwischen ihnen klaffte, war beinahe mehr, als sie ertragen konnte.
Da wären wir, sagte sie schließlich und deutete auf das vierstöckige Wohnhaus, das am Ende der Straße aus der Dunkelheit auftauchte.
Gleich darauf hielt Alex davor am Straßenrand an und stellte den Motor ab.
Etwas beklommen fragte sie sich, was sie jetzt tun sollte. Aussteigen? Sitzen bleiben? Ihn in ein Gespräch verwickeln? Sich einfach zu ihm hinüber beugen und ihn küssen?
Letzteres klang sehr verheißungsvoll, aber sie hatte so eine Ahnung, dass ihm das nicht wirklich gefallen würde. Also schwieg sie, verschränkte die Hände in ihrem Schoß und traute sich nicht ihn anzusehen.
Das war wirklich ein schöner Abend, hörte sie ihn neben sich leise sagen.
Ja, fand ich auch, nickte sie, während ihr Blick hinaus und zum Hauseingang hinüber wanderte.
Vielleicht können wir das ja mal wiederholen, fuhr er fort.
Sehr gerne, nickte sie und wandte nun doch den Kopf.
Seine Hände lagen nach wie vor locker auf dem Steuer, doch sein Blick ruhte sanft und unergründlich auf ihr.
Wahrscheinlich passiert dir das jeden Abend, grinste er.
Was genau meinst du? fragte sie irritiert zurück.
Dass dich irgendein Idiot anquatscht.
Sie musste lächeln. Nein. Erstens bist du kein Idiot und zweitens sind die meisten schon gegangen, wenn ich mein Programm beende.
Die haben keine Ahnung, was ihnen entgeht, stellte er fest und aus seinem Mund klang dies wie ein Ritterschlag.
Vielleicht, gab sie schulterzuckend und immer noch mit diesem dämlichen, glücklichen Lächeln auf den Lippen zu.
Ganz bestimmt sogar. Ganz ehrlich. Ich kenne mich ein bisschen in der Gesangsbranche aus und du hast auf jeden Fall eine Menge Talent. Ich mag deine Songs und deine Stimme und das Gefühl, mit dem du singst.
Du brauchst dich nicht bei mir einzuschleimen, gab Keylie verlegen zurück, während sie hoffte, dass die Dunkelheit ihre glühenden Wangen verbarg. Ich mag dich auch so.
Sie hörte, wie er neben ihr leise lachte. Ich bin nur ehrlich, das ist alles.
Hm.
Sie schwiegen einen Moment, während Keylie überlegte, ob sie ihm die Frage stellen sollte, die ihr schon den ganzen Abend durch den Kopf ging. Das Whiskyglas in seiner Hand hatte sie - vorsichtig ausgedrückt - ziemlich erschreckt. Was tat er also alleine in einer Bar mit seinem größten Feind vor der Nase?
Darf ich dich etwas fragen? brachte sie schließlich heraus und hörte dabei ihren Herzschlag unangenehm laut in ihren Ohren rauschen.
Sicher, nickte er.
Bist du ... ich meine ... bist du glücklich?
Gott, das hörte sich laut ausgesprochen ja noch dämlicher an als in ihrem Kopf.
Er wirkte für einen Moment verblüfft, hatte sich aber gleich wieder unter Kontrolle. Seine Antwort kam dann schnell und wirkte wenig aufrichtig. Ich denke schon.
Hm, machte Keylie erneut und wusste dann nicht mehr, was sie sagen sollte.
Wie kommst du darauf?
Ich weiß nicht, gab sie schulterzuckend zurück. Du hast auf mich manchmal den Eindruck gemacht als ... beschäftige dich irgendetwas.
Als sie sich wieder traute ihn anzusehen, hatte er den Blick durch die Windschutzscheibe hinaus auf die Straße gerichtet. Seine Hände umkrampften nun das Lenkrad ganz fest und seine Lippen bildeten einen kleinen, schmalen Strich.
Alex? fragte sie leise.
Hm? kam es abwesend zurück.
Alles in Ordnung?
Ja ... klar ... , nickte er, löste seine Hände vom Steuer und ließ sie in seinen Schoß sinken.
Für einen Moment trafen sich ihre Blicke und sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er versuchte ihre rasenden Gedanken hinter ihrer Stirn zu lesen.
Dann sollte ich wohl langsam mal ... , sagte sie wenig begeistert und tastete bereits nach dem Türgriff.
Ja, es ist schön spät, hörte sie ihn murmeln und die Enttäuschung darüber, dass er sie nicht aufhielt, durchflutete augenblicklich jeden Winkel ihres Körpers.
Vielen Dank fürs Fahren. Bis ... irgendwann, lächelte sie tapfer und öffnete nun endgültig die Tür.
Gern geschehen, gab Alex zurück.
Sie nickte ihm noch einmal zu, dann schob sie sich vom Beifahrersitz hinaus auf die Straße und schlug gleich darauf die Tür hinter sich zu. Den Türgriff los zu lassen, sich herum zu drehen und auf den Hauseingang zuzugehen kostete sie ihre gesamte Selbstbeherrschung und als sie schließlich langsam die Stufen zur Eingangstür hinauf stieg hatte sie das Gefühl, als würde ihr Herz erneut aus ihrer Brust gerissen. Wieder ließ sie ihn hinter sich zurück, wieder gab es kein Morgen, keine Zukunft und kein Miteinander für sie.
Sie versuchte den Kloß aus Tränen hinunter zu schlucken, der sich bei diesen Gedanken in ihrer Kehle sammelte, doch so wirklich gelang ihr das nicht. Mit zitternden Händen wühlte sie in ihrer Tasche nach dem Hausschlüssel.
Keylie? hörte sie es plötzlich hinter sich und erschrocken fuhr sie zu Alex herum.
Er stand auf der untersten Stufe, hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben und blickte zu ihr auf. Wieso hatte sie nicht gehört, wie er ausgestiegen war?
Ja? fragte sie etwas atemlos, während sie bewegungslos über ihm stand, die eine Hand immer noch in ihrer Handtasche, während die andere sich daran klammerte, als sei dies das einzige, was sie noch aufrecht hielt.
Ich habe das vorhin durchaus ernst gemeint. Ich würde dich gerne wieder sehen, sagte er und wirkte dabei so ernst, als müsse er ihr gleich verkünden, dass sie an einer unheilbaren Krankheit litt.
Ich ... , setzte sie an, verstummte dann aber wieder, weil sie nicht wusste, was sie darauf sagen sollte. Sie war davon ausgegangen, dass er, wenn überhaupt, irgendwann wieder im Mayfair auftauchen würde. Dieser Gedanke hatte sie zwar nicht befriedigt, aber wenigstens ein bisschen beruhigt. Was wollte er also jetzt von ihr?
Würdest du mir deine Telefonnummer geben? fragte er und wirkte plötzlich verlegen wie ein kleiner Schuljunge.
Innerlich schlug sie sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Natürlich! So lief das doch heutzutage, oder? Man traf sich irgendwo, unterhielt sich ein bisschen und tauschte dann die Telefonnummern aus.
Klar, gab sie etwas verspätete zurück und stieg die paar Stufen zu ihm wieder hinunter, während er bereits in der Hosentasche nach seinem Handy kramte.
Er klappte das Display mit einer Hand auf, tippte einen Moment auf den Tasten herum und reichte ihr dann das kleine Telefon. Als sie es an sich nahm, blinkte bereits der Curser in dem Feld Telefonnummer. Sie hatte einige Mühe mit ihren zitternden Fingern die richtigen Zahlen einzutippen, doch schlussendlich erschien die komplette Zahlenkombination im Display. Sie laß sie noch zwei Mal um sicher zu gehen, dass sie sich nicht vertippt hatte und drückte dann ohne darüber nachzudenken auf Okay. Die Nummer verschwand und wurde durch ihren Namen ersetzt. Keylie (Mayfair) leuchtete plötzlich auf und der Umstand, dass er sich eine kleine Notiz zu ihrem Namen gemacht hatte, ließ schon wieder Enttäuschung in ihr aufflammen. Sie versuchte sich allerdings nichts anmerken zu lassen, während sie ihm das Telefon zurückgab. Immerhin hatte er jetzt ihre Nummer und er hatte sie auch noch freiwillig danach gefragt.
Vielen Dank, lächelte er, verstaute das Handy ohne hinzusehen wieder in seiner Hosentasche und machte dann keinerlei Anstalten, zu seinem Wagen zurück zu gehen.
Unschlüssig blieb Keylie ebenfalls wo sie war. Was jetzt?
Ich sollte jetzt wohl endlich verschwinden, was? grinste er.
Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht so genau, gestand sie.
Na, das klingt doch nach einem viel versprechenden Anfang, schmunzelte er und ehe sie es sich versah, hatte er sich zu ihr hinüber gebeugt und ihr einen sanften Kuß auf die Wange gehaucht. Bis bald, murmelte er und verharrte noch einen Moment so nahe vor ihr, dass in ihr das Bedürfnis erwachte, ihm kopflos ihre Lippen auf den Mund zu drücken.
Doch kurz bevor sie diesen flüchtigen Gedanken in die Tat umsetzen konnte richtete er sich auf, trat von der Treppe hinunter auf den Bürgersteig und ging dann rückwärts zu seinem Wagen. Dort angekommen hob er die Hand, winkte er ihr ein letztes Mal und wandte sich dann endgültig von ihr ab. Er umrundete den Wagen, stieg ein und startete den Motor.
Endlich schaffte es auch Keylie sich aus ihrer Erstarrung zu lösen. Sie stieg die Stufen zur Eingangstür hinauf, fand diesmal mit einem Griff ihren Hausschlüssel und trat gleich darauf in den dunklen Hausflur. In dem Moment, in dem sich die Tür hinter ihr schloss, hörte sie, wie Alex Gas gab und davon brauste.
Eine ganze Weile stand sie in der Dunkelheit, presste ihre erhitzte Stirn gegen den kühlen Türrahmen der Haustür und versuchte ihr wie wild klopfendes Herz zu beruhigen.
Sie hatte Alex wieder gesehen, er hatte ihre Telefonnummer und vielleicht würde er sich tatsächlich in den nächsten Tagen bei ihr melden. Das war auf jeden Fall etwas, womit sie heute Morgen noch nicht gerechnet hatte. Eigentlich sollte sie sich also freuen.
Doch alles was sie fühlte war der Schmerz darüber, dass er wieder fort war und sie heute Nacht wieder alleine in ihrem viel zu großen Bett schlafen musste. Vielleicht war sie undankbar, vielleicht hatte sie ihn gar nicht verdient, aber das war ihr in diesem Moment herzlich egal.
Sie liebte ihn.
Er sie aber nicht mehr.
Das waren die harten Tatsachen.