Kapitel 46

Alex starrte der zierlichen, jungen Frau mit den dunklen Locken nach, die sich geschmeidig durch die Tische der Bar schob und gleich darauf die drei Stufen hinauf auf die Bühne erklomm.
Als er die Bar vor einiger Zeit betreten hatte, war ihm zwar die Musik aufgefallen, nicht jedoch die Frau, die am Klavier saß und mit so viel Hingabe die unterschiedlichsten Songs spielte. Erst als der Refrain des Wild Horses Songs ganz langsam in sein Gehirn einsickerte, hatte er aufgesehen und das erste Mal einen genaueren Blick auf die Sängerin geworfen, die mit unübersehbarer Begeisterung vor diesem eher uninteressiert wirkenden Publikum spielte.
Etwas an der Art wie sie spielte, ihre Lippen bewegte, den Kopf im Takt mitwippen ließ und wie ihr Körper jede einzelne Note zu fühlen schien, machte ihn augenblicklich unruhig und nervös. Er fühlte sich, als hätte er eine Art Dejavuè ohne richtiges Dejavuè. Er wusste genau, dass er diese Szene nicht schon einmal erlebt hatte, ihm war klar, dass er tatsächlich das erste Mal in dieser Bar war und dass er das Mädchen am Klavier noch nie zuvor gesehen hatte. Und trotzdem ... irgendetwas an ihr war seltsam. Und das lag nicht nur an dem Song, der eigentlich von Amy stammte und ihn augenblicklich zurück in die Vergangenheit schickte, in sein Musikzimmer und zu der alten Amy, die er geliebt hatte wie keine andere Frau vor ihr. Es war einfach verrückt und gleichzeitig zwingend logisch, ohne dass er eine Erklärung dafür hatte.
Sie anzusprechen war demnach unvermeidbar gewesen. Es interessierte ihn brennend, was sie zu diesem Song zu sagen hatte. Eigentlich interessierte ihn alles an ihr brennend. Der kurze Moment, in dem er wirklich neben ihr gestanden und diese kurzen Sätze mit ihr ausgetauscht hatte, kam ihm inzwischen schon beinahe unwirklich vor. Was tat er hier eigentlich?
Er befand sich alleine in irgendeiner Bar, von der er nicht wusste, warum und wie er hier her gekommen war, sein gesamtes Gefühlsleben stand Kopf, da sich Amy in den drei Wochen, seit sie auf Tournee war, lediglich zwei Mal bei ihm gemeldet hatte und jedes Mal wenn er es bei ihr versuchte nur die Mailbox ansprang, er war verwirrt darüber, dass er sie schmerzlich vermisste und sich gleichzeitig wünschte, sie würde nie wieder zurück kommen und jetzt war da diese Frau, die einen Song aus seiner glücklichen Vergangenheit spielte und auch noch behauptete, sie hätte ihn selbst geschrieben.
Total verrückt.
Aber war denn in letzter Zeit irgendetwas normal bei ihm? Er konnte sich jedenfalls kaum noch an die Zeit erinnern, in der er glücklich und zufrieden vor sich hin gelebt hatte und ihn keine Zweifel, Ängste und Verwirrung plagten. Dieser Zustand zerrte inzwischen so sehr an seinen Gedanken, seinem inneren Gleichgewicht und seinen Nerven, dass er sich in seinem Kopf und seinem Herzen ganz wund fühlte.
Er seufzte verhalten und sah dann auf das Glas in seinen Händen hinunter. Das Aroma des Whiskys kitzelte seine Nase, die bernsteinfarbene Flüssigkeit ließ ihm das Wasser im Munde zusammen laufen und der Gedanke, dass er nur mit einem einzigen Schluck in pures Chaos stürzen könnte, empfand er als unglaublich anziehend. Irgendwie sehnte er sich nach dem großen Knall, dem totalen Absturz, alles auf Null zurück zu fahren und von ganz unten noch einmal von vorne anzufangen.
Als Alkoholiker war er dieser Versuchung schon ziemlich oft begegnet. Am Anfang hatte er ihr immer wieder nachgegeben, bis ihn das dunkle Loch, auf das er sich immer weiter zu bewegt hatte, endlich verschluckte. Danach - nach einer schmerzhaften Reise in sein eigenes Selbst - war er wie Phönix aus der Asche wieder ins Leben aufgestiegen.
Am Anfang lief alles prima. Er war froh, seiner persönlichen Hölle entkommen zu sein und freute sich an dem Zustand vollkommen klar und nüchtern und endlich wieder Herr seiner selbst zu sein. Leider hatte er dann aber bald feststellen müssen, dass seine Flügel aus Papier waren und jederzeit drohten, in Flammen aufzugehen.
Zwei Mal hatten sie ihn seit dem ersten großen Zusammenbruch bereits abstürzen lassen. Immer in einem Abstand von zwei bis drei Jahren. Wenn wieder einmal eine seiner Beziehungen in die Brüche ging, wenn der Druck zu groß wurde, wenn er der Meinung war, dass das Gefüge in seinem Leben nicht mehr wirklich stimmte ... dann hatte er sich an seinen einzigen Zufluchtsort gerettet und damit auch dem Letzten in seiner unmittelbaren Umgebung klar gemacht, wie es wirklich in ihm aussah.
Und heute balancierte er wieder an der Kante dieses Abgrunds endlang, tanzte mit großen Hopsern und erhobenen Armen um ein loderndes Feuer herum und wartete darauf, dass der Funke endlich übersprang und seine Flügel sich damit in Rauch auflösten. Dann würde er das Glas ansetzen, es in einem Zug austrinken und dann so viele Gläser ordern, bis sein Kopf leer und sein Körper schwer wie Blei sein würde.
Doch ganz so weit war er noch nicht.
Er orderte bei dem Barkeeper, der ihm bereits seit betreten der Bar schöne Augen machte, ein großes Glas Cola - die richtige, echte, mit viel, viel Zucker, die vielleicht doch noch seine letzten Endorphine motivieren konnte – und steuerte mit den beiden Gläsern in der Hand einen Tisch in den vorderen Reihen an. Von hier aus hatte er einen guten Blick auf das Mädchen, das mittlerweile wieder Covers von bekannten Künstlern spielte. Er verfolgte jede ihrer Bewegungen, während er die Cola schlückchenweise und bedächtig leerte, dabei fünf Zigaretten rauchte und ein flüchtiges Lächeln über seine Gesichtszüge huschte, als er dabei an Larry dachte.
Die sanfte und gleichzeitig eindringliche Stimme des Mädchens ließ ihn schließlich nach und nach alles andere vergessen und so genoss er einfach das seltene Gefühl, im luftleeren Raum zu schweben und sich über nichts und niemand Gedanken machen zu müssen.

Als das musikalische Programm für diesen Abend endete, war es bereits nach zwei. Ungläubig stellte Alex fest, dass er zum einen bereits vier Stunden hier saß und das Whiskyglas immer noch unberührt neben ihm stand und dass das Mädchen tatsächlich die ganze Zeit gespielt und gesungen hatte. Ob inzwischen wohl ihre Finger schmerzten? Ihrer Stimme waren jedenfalls keinerlei Ermüdungserscheinungen anzuhören.
Sie verabschiedete sich von ihrem, inzwischen sichtbar dezimierten Publikum, klappte bedächtigen den Deckel des Flügels zu und begab sich an die Bar, um sich bei dem Barkeeper einen weiteren Drink abzuholen. Sein Herzschlag beschleunigte sich, als sie danach ohne Umschweife auf ihn zusteuerte, auf den freien Stuhl neben ihm deutete und fragte „darf ich?“ und sich dann wie selbstverständlich neben ihm nieder ließ.
Sie schwiegen eine Weile. Alex’ Kehle war wie zugeschnürt, was er sich überhaupt nicht erklären konnte, ebenso wie seine Pulsfrequenz, die immer noch Achterbahn fuhr.
Schließlich fiel ihm nichts besseres ein als nach seiner Zigarettenschachtel zu greifen und dem Mädchen entgegen zu halten.
„Möchtest du?“ fragte er.
„Danke, ich ... ,“
„ ... rauche nicht,“ vollendete er den Satz und fühlte sich mehr als seltsam dabei.
Ihr Lächeln wurde sofort etwas breiter und ihre funkelnden Augen musterten ihn ausgiebig.
„War das ein Trick oder lediglich die gute, alte fünfzig/fünfzig Chance?“ fragte sie grinsend.
„Ich glaube, eine Mischung aus beidem,“ gab er lächelnd zu, während er sich fragte, woher er plötzlich und mit dieser felsenfesten Überzeugung gewusst hatte, dass sie nicht rauchte.
Du bist bereits seit vier Stunden hier und hast sie noch mit keiner einzigen Kippe gesehen dachte er. So einfach ist das.
„Was hat dich hierher geführt?“ fragte sie weiter und nippte an ihrem Wasser, das komisches Grünzeug enthielt. „Allein,“ fügte sie noch hinzu und ließ ihn dabei nicht aus den Augen.
Ihm fielen darauf sofort hunderte von Erwiderungen ein, doch alle beinhalteten seltsamer Weise die gesamte, verkorkste Geschichte der letzten Wochen, also zuckte er mit den Schultern und entgegnete „Hm ... ich wollte ausgehen.“
„Das meine ich nicht,“ entgegnete sie sanft.
Er fühlte, wie sich der Grad seiner Verwirrung noch um einiges steigerte und seine Hände ohne sein Zutun zu dem Whisky vor ihm zuckten.
„Was meintest du denn genau?“ fragte er also nach, zog seine Hände von dem Glas zurück und stützte sich mit den Unterarmen auf die dunkle Tischplatte.
„Hm ... ,“ machte sie und fuhr mit dem Finger die verschlungene Holzmaserung nach. „Du warst noch nie hier und du hast auch keine Begleitung dabei, die dich eventuell hier her gelotst haben könnte. Also warum bist du heute ausgerechnet im Mayfair gelandet?“
„Das ist eine seltsame Frage,“ gestand er.
„Das wirft man mir oft vor,“ schmunzelte sie.
„Du willst also wissen, warum ich mich für diese Bar und das Alleinsein entschieden habe?“ fragte er noch einmal nach, was sie mit einem Nicken quittierte. „Ich befürchte, das ist zu kompliziert um es zu erklären.“
„Dass du hier bist, oder dass du alleine bist?“ fragte sie weiter.
„Beides.“
„Hm ... ,“ machte sie wieder.
„Wie wäre es denn für den Anfang, wenn wir uns gegenseitig vorstellen?“ grinste er. „Mein Name ist Alex. Freut mich dich kennen zu lernen.“
„Ich bin Keylie,“ lächelte sie und ergriff seine ausgestreckte Hand.
Der Gedanke durchzuckte ihn plötzlich und in Bruchteilen von Sekunden und noch bevor sie seine Hand wieder losgelassen hatte, sprudelten die Worte unaufhaltsam über seine Lippen. „Keylie?“ fragte er überrascht. „Keylie ... C-Constance?“
Er sah, wie sie augenblicklich blass wurde und ein Stück von ihm abrückte.
„Okay. Das ist jetzt wirklich unheimlich,“ stieß sie hervor.
„Du hattest einen Unfall. Richtig? Du lagst im Krankenhaus und ... ,“
„STOPP,“ sagte sie plötzlich und hielt ihm ihre Hand abwehrend vor das Gesicht. „Hör sofort auf damit. Das ... du ... das kannst du doch gar nicht ... wissen, ich meine ... ,“
„Nein, nein, entschuldige ich ... ,“ sie redeten beide wild durcheinander und brauchten eine ganze Weile um sich wieder einigermaßen zu beruhigen. Er sah, wie sie einmal tief Luft holte, sich mit der flachen Hand verwirrt über die Stirn rieb und ihn dann wieder ansah.
„Okay, erklär es mir bitte,“ sagte sie und wirkte dabei, als hätte sie die Angst vor ihm noch nicht ganz überwunden.
„Ich habe deinen Vater im Krankenhaus kennen gelernt. Oder vielmehr ... meine ... Freundin ... hat ihn ... getroffen.“ Er spürte den Widerwillen in sich aufsteigen, als er an Amy dachte und fühlte sich deshalb mehr als mies. „Er hat uns erzählt, dass seine Tochter Keylie einen Unfall hatte und im Koma liegt. Und ein paar Monate später ist er uns wieder über den Weg gelaufen. Da hat er uns dann freudestrahlend verkündet, dass du aufgewacht wärst und es dir gut geht.“
Fassungslos schüttelte sie immer wieder den Kopf und sah ihn aus ihren großen, braunen Augen an. „Wie klein doch die Welt ist,“ hauchte sie schließlich und er fragte sich, ob es tatsächlich Enttäuschung war, die er da aus ihrer Stimme heraus hörte.
„Wo ist deine Freundin jetzt?“ fragte sie weiter.
„Unterwegs.“
„Aha.“
„Und wo ist dein Freund?“
„Es gibt keinen.“
„Aha.“
Sie schwiegen erneut, bis er aus Keylies Richtung ein verhaltenes Schmunzeln vernahm. „Was für eine traurige Konversation.“
„Aber so was von traurig,“ grinste er. „Erzähl mir ein bisschen von dir,“ meinte er dann, stützte seinen Kopf in die Hand und sog dabei mit den Augen jedes Detail ihres hübsches Gesichts in sich auf.
„Was möchtest du denn wissen?“ fragte sie lächelnd zurück.
„Geht es dir gut? Bist du wieder ganz gesund?“
„Ja,“ nickte sie. „Wieder vollkommen und an einem Stück.“
„Das freut mich.“
„Es war ziemlich seltsam nach so langer Zeit aufzuwachen und ... damit ... wieder in der Realität anzukommen,“ meinte sie beinahe flüsternd.
„Kann ich mir lebhaft vorstellen,“ gab er zu und hatte wieder Amy vor Augen, die in seinen Armen zusammen brach und danach wie ausgewechselt schien.
„Wie geht es deinen Eltern? Ich fand deinen Vater sehr nett,“ fuhr er fort und wäre am liebsten bis ans Ende seines Lebens mit diesem fremden Mädchen hier sitzen geblieben. Irgendwie schien sie ganz sanft und stetig in dem ganzen Chaos um ihn herum zu pulsieren, auch wenn er sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, warum das so war.

Eine gute Stunde später waren sie die letzten Gäste in dem ansonsten leeren Lokal. Als ihre Konversation erst einmal in Gang gekommen war, konnte sie nichts und niemand mehr stoppen. Sie unterhielten sich, als hätten sie noch nie etwas anderes getan, versanken in Diskussionen über Musik, das Leben und die Liebe und vergaßen somit alles andere um sich herum. Die Sessel waren inzwischen um sie herum zusammen geschoben worden, der Barkeeper Frank hatte ihnen vor einer viertel Stunde die letzten Getränke gebracht und danach Feierabend gemacht und als die Musik aus den Lautsprecherboxen nun endgültig verstummte, legte sich eine eigentümliche Stille über Alex und Keylie.
„Ich befürchte, wir werden von Francis gleich gewaltsam auf die Straße gesetzt,“ grinste Keylie und trank den letzten Rest von ihrem Minzewasser, während das Glas Whisky immer noch unberührt vor ihm auf dem Tisch stand.
„Ich glaube, ich könnte es darauf ankommen lassen,“ gestand Alex, der noch überhaupt keine Lust verspürte, sich von Keylie zu trennen.
„Wie sieht es aus ... uhm ... wirst du den noch trinken?“ fragte sie und deutete auf den Whisky hinunter.
„Nein,“ entgegnete er und schüttelte zur Bestätigung den Kopf. „Ich denke, heute lasse ich das lieber sein.“
„Ist wohl auch besser so,“ lächelte sie unergründlich und ihn beschlich augenblicklich das seltsame Gefühl, dass sie in diesem Moment genauestens über ihn und seine Sucht bescheid wusste.
Ist ja auch nicht verwunderlich schallt er sich in Gedanken. Jede Zeitung in L.A. hat darüber berichtet. Sie weiß bestimmt wer ich bin.
„Okay. Dann sollten wir uns wohl langsam auf den Heimweg machen,“ verkündete sie schließlich, griff nach dem Whiskyglas und erhob sich mit diesem und ihrem eigenen, leeren Glas von ihrem Stuhl.
„Sieht so aus,“ nickte er.
Langsam folgte er ihr durch das Lokal, beobachtete, wie sie um den Tresen herum ging, ihr eigenes Glas in die Spüle stellte und sich anschickte den Whisky hinterher zu schütten.
„Halt,“ bremste er sie im letzten Moment.
Fragend schaute sie zu ihm auf.
„Ich würde das gerne ... also ... selbst machen,“ sagte er und wusste, wie absolut dämlich sich das anhören musste. Doch sie lächelte nur und reichte ihm das immer noch volle Glas.
Ohne weiter darüber nachzudenken stemmte er sich auf die Bar hinauf, streckte den Arm aus und ließ dann ganz langsam den Whisky im Spülbecken versickern. Er fühlte dabei Keylies Blick auf seinem Gesicht brennen, versuchte allerdings, sich nicht weiter darum zu kümmern. Wieder einmal waren seine Flügel vom Feuer verschont geblieben und er war sich auch im Klaren darüber, dass ihn diesmal lediglich dieses seltsame, interessante und hübsche Mädchen vor dem Absturz gerettet hatte.
„Kann ich dich irgendwo hin mitnehmen?“ fragte er, während er ihr durch die Bar hindurch zum Ausgang folgte.
„Wenn es dir nichts ausmacht wäre das große Klasse,“ entgegnete sie. „Busse fahren ja um diese Zeit leider nicht mehr.“
„Ist gar kein Problem,“ versicherte er schnell und fühlte, wie sein Herz vor Freude schneller zu schlagen begann. Immerhin hatte er nun noch mindestens eine halbe Stunde herausgeschlagen, die er weiterhin mit ihr verbringen konnte.

Kapitel 47