Kapitel 45

Find Me Here
Speak To Me
I want to feel you
I need to hear you
You are the light
That's leading me
To the place where I find peace again.

You are the strength, that keeps me walking.
You are the hope, that keeps me trusting.
You are the light to my soul.
You are my purpose...you're everything.
(Lifehouse – Everything)

Die Worte kamen leicht und flüssig über Keylies Lippen, während ihre Hände die sanfte Melodie auf dem Flügel spielten. Sie hatte sich mit Francis darauf geeinigt, dass sie pro Abend 30 Prozent eigene Songs spielen durfte und der Rest bekannte Stücke sein sollte. Somit ließ sie immer wieder zwischen Stücken von Alberta Flack, Aretha Franklin, Christina Aguilera, Melissa Etheridge, Alanis Morissette, Alicia Keys oder auch Bruce Springsteen, Prince, Baby Face, Pearl Jam und Placebo ihre eigenen Kompositionen einfließen.
Everything hatte sie vor einigen Wochen in der Rehaklinik geschrieben. Die Schwestern hatten ihr dazu sogar den Schlüssel für die hauseigene Kapelle überlassen, in dem sich das einzige Klavier im gesamten Gebäude befand. Jedes Mal wenn sie ihre Hände auf die Tasten legte, sich irgendwo tief in sich über ihre kurzen Finger und den tättowierten Stern freute, sah sie wieder den kleinen, muffigen Raum vor sich: Die wenigen Stuhlreihen, den kleinen Altar, das Kruzifix an der Wand und das Flackern der Kerzen auf dem Klavier.
Sie hatte dort eine Ruhe gefunden, die nichts mit göttlicher Erleuchtung zu tun hatte. Vielmehr hatte sie in diesen einsamen, überaus kreativen und besinnlichen Stunden den Weg zurück zu sich selbst gefunden und ihre Gedanken und Gefühle der vergangenen Monate in Worte und Melodien verwandelt, sich damit von ihnen befreit und sich ein eigenes, neues Universum geschaffen, das in diesem Moment damals nur ihr alleine gehörte.
Jetzt andere Menschen daran teil haben zu lassen, erfüllte sie mit unglaublich viel Befriedung und auch wenn der Geräuschpegel um sie herum alles andere als leise war, so genoss sie doch die entrückten Blicke der beiden Pärchen, die jeden Abend ihrer Vorstellung an einem der vorderen Tische lauschten, das Lächeln des Barkeepers Frank, der manchmal, wenn sie seinen Lieblingssong spielte, komplett vergaß, dass er Gäste hatte, die auf ihre Bestellungen warteten und die sich geschmeidig zu der Musik bewegenden Körper, die sich regelmäßig auf der winzigen Tanzfläche vor der Bühne zusammen fanden.
Die letzten Töne des Songs verklangen in diesem Moment und Keylie nahm mit einem strahlenden Lächeln den spärlichen Applaus entgegen, der aus den verschiedensten Ecken des Clubs zu ihr drang.
Ihr blieb noch ein Song, bevor sie eine Pause von fünfzehn Minuten einlegen konnte, also legte sie erneut die Hände auf die Tasten und begann das ihr so vertraut Lied zu spielen. Bereits beim ersten Ton verließ sie gedanklich die Bar und tauchte in einem lichtdurchfluteten Musikzimmer wieder auf. Sie fühlte die Sonne auf ihrem Gesicht, hörte das elektrische Piano in ihrem Ohr und fühlte den weichen Teppich unter ihren nackten Füßen.
Sie sah Alex vor sich, wie er sich neben sie auf den Boden setzte und ihrem Spiel lauschte, sie fühlte wieder die innige Verbundenheit mit ihm, spürte seine Lippen auf ihren und seine Arme um ihren Körper.

I feel these 4 walls closing in,
my face up against the glass.
I'm looking out... hmm.
Is this my life I'm wondering
It happened so fast.
How do I turn this thing around?
Is this the bed I chose to make?
Its greener pastures I'm thinking about hmm.
Wide open spaces far away.

All I want is the wind in my hair.
To face the fear but not feel scared.

Wild horses I wanna be like you.
Throwing caution to the wind
I'll run free too.
Wish I could recklessly love, like I'm longing too.
Run with the wild horses, run with the wild horses!
(Natasha Bedingfield – Wild Horses)


Die beiden Frauen in der vorderen Reihe sangen bereits den Text mit, da sie diesen Song jeden Abend spielte, wenn sie auch nicht genau sagen konnte wieso. Irgendwie schien es ihr, als versetze sie dieser Song schneller und intensiver in die Vergangenheit, als jedes andere Stück.
Sie weigerte sich, Songs von Amy Salinas zu spielen, da sie dabei immer eine unglaubliche Sehnsucht, Machtlosigkeit und Traurigkeit überkam und somit war der Wild Horses Song der einzige, den sie mit Alex geteilt hatte, auch wenn das Erstehungsdatum schon so viele Jahre zurück lag.
Am Ende des Songs erhob sie sich schließlich von dem kleinen Klavierhocker, hauchte ein kurzes „Dankeschön“ in das Mikro und schlenderte dann durch die Tische, vorbei an den unterschiedlichsten Grüppchen von Menschen, hinüber an die Bar.
Frank wartete dort bereits mit einem großen Glas Wasser, in dem sich ein Spritzer Zitronensaft und zerstoßene Minzblätter befanden, und einem breiten, freundlichen Lächeln auf dem Gesicht.
„Danke Frank, du bist ein Schatz,“ lächelte sie und nahm gierig zwei Schlucke von dem kühlen Drink.
„Keine Ursache Schätzchen. Du bist heute wieder einfach umwerfend,“ gab er zurück, zupfte einen Moment an seinem knallengen, gelben T-Shirt und beeilte sich dann mit wiegenden Hüften an das entgegen gesetzte Ende der Bar zu gelangen, an der ein Gast eine Bestellung aufgeben wollte.
Lächelnd sah ihm Keylie hinterher, bis eine Stimme zu ihrer Rechten ihren Herzschlag mit einem Schlag zum Verstummen brachte.
„Netter Song,“ hörte sie die raue, männliche Stimme und noch bevor sie sich zu Alex herum gedreht hatte wusste sie zweifelsfrei, dass er sie irgendwie gefunden hatte.
„Danke,“ quetschte sie hervor und blickte in seine schokoladenbraunen Augen auf.
Ihr Herz besann sich nun doch noch auf seine eigentliche Tätigkeit, allerdings schlug es jetzt viel zu schnell, ihr Magen kribbelte, als hätte sich gerade eine ganze Armee von Ameisen darin auf den Weg gemacht und ihre Knie wurden so weich, dass sie sich krampfhaft an die Theke klammern musste, um nicht einfach vor seinen Füßen zu Boden zu sinken.
Er hatte sich kein bisschen verändert. Seine Arme, die entspannt auf der Theke verschränkt lagen, waren immer noch so stark und tättowiert wie damals, sein lächelndes Gesicht wirkte ein wenig müde, aber trotzdem freundlich und der Anblick seines muskulösen Körpers, der in einer ausgewaschenen Jeans und einem blauen Shirt steckte, löste tief in ihr ein aufreizendes Kribbeln aus.
„Irgendwo habe ich den Song schon einmal gehört,“ fuhr er fort und ließ sie dabei keine Sekunde aus den Augen.
„Schon möglich,“ nickte sie lächelnd. „Ich spiele ihn hier eigentlich jeden Abend.“
„Hm,“ machte er, warf einen kurzen Blick in sein Glas und blickte dann wieder zu ihr hinüber. „Ich bin mir ganz sicher, dass ich ihn hier noch nicht gehört habe, ich bin nämlich das erste Mal in diesem Etablissement.“
Sie wollte ihm um den Hals fallen, sich in seine Arme werfen und ihn nie wieder los lassen. Sie wollte ihm immer wieder sagen, dass sie ihn liebte und ihn vermisste, seinen Duft in sich aufnehmen, seinen Körper an ihrem fühlen und damit endlich wieder richtig zu Hause ankommen.
Stattdessen zuckte sie mit den Achseln und versuchte ihr Strahlen irgendwie einzudämmen. Was musste er denn von ihr denken, wenn sie ihn wie ein verliebter Teenager anschmachtete?
„Ich weiß nicht ... ,“ sagte sie. „Ich habe das Stück geschrieben, als ich siebzehn war. Wahrscheinlich habe ich es seitdem bereits eine Million Mal gespielt.“
„Seltsam,“ machte Alex und runzelte die Stirn. „Das gleiche behauptet meine Freundin auch.“
Ein Faustschlag in den Magen hätte sie nicht härter treffen können. Zum ersten Mal erkannte sie, was die Unruhe bedeutete, die sie seit ihrem Erwachen aus dem Koma nicht mehr los gelassen hatte. Sie war immer da gewesen, unterschwellig, schwer zu greifen und ohne jeden Grund. Ein Gefühl von Rastlosigkeit, eine Ahnung von Unsicherheit, ein Schatten von etwas, das sich immer wieder in die Dunkelheit zurückzog, wenn sie danach greifen wollte.
Zum ersten Mal in den langen Wochen ihres neuen Keylie-Constance-Leben hatte sie hier den Beweis vor Augen, dass die Erinnerungen an ihren Ausflug in einen anderen Körper, ihre Beziehung zu Alex und alles, was damit zusammen hing nicht nur einer lebhaften Komafantasie entsprang. Ja, Amys Songs hätten sie eigentlich davon überzeugen sollen, immerhin kannte sie jeden Ton, jede noch so kleine Nuance und jede einzelne Silbe des Textes, trotzdem war ein Rest Zweifel geblieben, der ihr aber erst jetzt in diesem Moment, als Alex ein Ereignis ansprach, das sie beide gemeinsam erlebt hatten, bewusst wurde.
Sie wusste nicht was sie darauf sagen sollte. Für ihn hatte Amy Salinas Wild Horses geschrieben und den Umstand, dass der Titel nie veröffentlicht worden war und somit aus seiner Sicht niemals sein heimisches Musikzimmer verlassen hatte, konnte sie ihm unmöglich in ein paar kurzen Worten erklären.
„Schätzchen, deine Pause ist vorbei,“ rettete sie in diesem Moment Frank. Am liebsten wäre sie über die Theke gesprungen und hätte ihn geküsst, stattdessen bedankte sie sich, nickte Alex noch einmal kurz zu und kratzte dann die letzten Reste ihrer Kraft zusammen um sich von der Theke abzustoßen und wieder hinauf auf die Bühne zu gehen.
Den gesamten Weg durch die Bar spürte sie seinen Blick in ihrem Rücken, war seine Präsenz so nachdrücklich, als befände er sich auf Tuchfühlung mit ihr.
Als sie sich schließlich wieder an das Klavier setzte zitterten ihre Hände so sehr, dass sie sich nicht sicher war, ob sie überhaupt spielen konnte und ihrer Stimme traute sie sowieso nicht mehr.
Er war hier! Alex war hier und hatte sie angesprochen. Das erste Mal hatte er der wahren Keylie Constance gegenüber gestanden, was in ihrem Kopf einen wahren Strudel von Glücksgefühlen, Panikschüben und purer Euphorie auslöste.
Und wie immer flüchtete sie sich in einen Song, in die passenden Worte, die andere für ihre derzeitige Situation gefunden hatten.

And it's been awhile
Since I could hold my head up high
And it's been awhile
Since I first saw you
And it's been awhile
Since I could stand on my own two feet again
And it's been awhile
Since I could call you

And everything I can't remember
As fucked up as it all may seem
The consequences that I've rendered
I've stretched myself beyond my means

And it's been awhile
Since I can say that I wasn't addicted
And it's been awhile
Since I can say I love myself as well
And it's been awhile
Since I've gone and fucked things up just like I always do
And it's been awhile
But all that shit seems to disappear when I'm with you

And everything I can't remember
As fucked up as it all may seem
The consequences that I've rendered
I've gone and fucked things up again

Why must I feel this way?
Just make this go away
Just one more peaceful day!

And it's been awhile
Since I could look at myself straight
And it's been awhile
Since I said I'm sorry
And it's been awhile
Since I've seen the way the candles light your face
And it's been awhile
But I can still remember just the way you taste

And everything I can't remember
As fucked up as it all may seem to be I know it's me
I cannot blame this on my father
He did the best he could for me

And it's been awhile
Since I could hold my head up high
And it's been awhile
Since I said I'm sorry
(Staind – It’s been awhile)

Kapitel 46