Kapitel 44
Keylie stand zu Hause vor ihrem Spiegel und betrachtete sich ausgiebig von allen Seiten. Wie so oft fragte sie sich dabei, wie lange es wohl dauern würde, bis sie nicht mehr mit einem mulmigen Gefühl an einen Spiegel heran trat, einen angespannten Blick hinein warf und damit rechnete, dass sich ihr Äußeres wieder einmal komplett verändert hatte.
Vor zwei Wochen war sie in ihre eigene Wohnung und damit in ihr neues Leben als Keylie Constance zurückgekehrt.
Nach der dreiwöchigen Behandlung im Krankenhaus, dem anschließenden, fünfwöchigen Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik und weiteren drei Wochen bei ihren Eltern, wurde es für sie Zeit, sich endlich von allen Fesseln zu befreien und ihren eigenen Weg in Angriff zu nehmen.
Sie hatte nun lange genug Zeit gehabt über sich, ihr Leben und die Menschen darin nachzudenken und somit stand der Plan für die nächsten Wochen bereits fest.
Sie begann damit, sich und ihren Körper neu kennen zu lernen. Sie ließ sich ihre dicke Lockenflut auf Schulterlänge kürzen und ließ gleichzeitig feine, rot schimmernde Strähnen in ihr ansonsten rabenschwarzes Haar färben. Gemeinsam mit ihrer Mutter verbrachte sie anschließend ein ganzes Wochenende in einem Wellnesshotel, das sie von der Summe bezahlte, die die Versicherung des Truckfahrers nach ihrem Unfall gezahlt hatte.
Sie krempelte anschließend nach und nach ihren Kleiderschrank um, stellte gemeinsam mit ihrem Vater die Möbel ihrer gesamten Wohnung auf den Kopf, trennte sich von alten Dingen, die ihr nichts mehr bedeuteten und rückte die in den Vordergrund, die sie immer noch mit der veränderten Keylie Constance in Verbindung brachte.
Am Ende betrat sie schließlich an einem sonnigen Nachmittag ein Tattoo-Studio. Gerade über diesen Schritt hatte sie lange nachgedacht und sich gefragt, was sie eigentlich mit dem kleinen, schwarzen Stern zwischen Daumen und Zeigefinger ihrer rechten Hand beweisen wollte. Dass in ihr immer noch ein kleiner Rest von Amy Salinas schlummerte? Oder wollte sie damit die Erinnerungen an ihre Zeit in diesem anderen Körper aufrechterhalten? Vielleicht hatte sie sich aber auch einfach viel zu sehr an dieses kleine Symbol gewöhnt, das ihr in ihrer ersten Nacht in Alex Haus so furchtbar unheimlich vorgekommen war und später genau so zu ihr gehörte, wie ihr verändertes Gesicht, ihre zu langen Finger und die schlanke Amy-Gestalt.
Sie hatte also alles dafür getan, um sich in ihrem alten Körper wieder heimisch zu fühlen und diesmal hatte sie sich dafür weder rechtfertigen, noch in aller Heimlichkeit einer für sie fremden Person einen neuen Anstrich verpassen müssen. Sie konnte nun vollkommen Keylie sein, musste sich nicht verstecken, konnte handeln, fühlen und denken, ohne dass ihr Teile ihrer Vergangenheit fehlten oder sie schief angeguckt wurde, weil man sie so nicht kannte.
Keylie stellte fest, wie unglaublich befreiend es war, wieder sie selbst sein zu können und sie war im Nachhinein beinahe entsetzt, wie eingesperrt sie sich manchmal in Amys Körper gefühlt hatte. Sie legte die Vorsicht ab, mit der sie jeden ihrer Schritte in diesem fremden Leben gemacht hatte, sie fühlte die Freude darüber, dass sie plötzlich eine Vergangenheit hatte und diese mit anderen Menschen teilen konnte und sie genoss es, dass ihr die Menschen, die sie mit Namen ansprachen, auch wirklich bekannt waren.
Der nächste Schritt in ihrem neuen Lebensplan beinhaltete dann die Suche nach einem neuen Job. Sie hatte noch aus der Rehaklinik mit ihrem ehemaligen Chef in der Baubehörde telefoniert und ihren alten Job gekündigt. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, jemals wieder hinter ihren Schreibtisch zurück zu kehren und sich dahinter zu verschanzen um eine gute Ausrede dafür zu haben, dass sie zu ängstlich war um ihre Träume in die Tat umzusetzen.
Jetzt wusste sie, was ihre Träume wert waren, wie viel sie ihr bedeuteten und dass sie alles dafür tun würde, um sie wahr werden zu lassen. Sie brauchte die Musik in ihrem Leben und es reichte ihr einfach nicht mehr, heimlich in ihrem Kämmerlein Songs zu schreiben, die niemand jemals zu hören bekam und sich dabei einzureden, dass sie lediglich auf den einen großen Moment wartete, in dem sie entdeckt wurde.
Dabei ging es ihr noch nicht einmal um dieses viel zitierte reich und berühmt sein. Als Amy Salinas hatte sie am eigenen Leib erfahren, wie grausam und verletzend diese Art von Status sein konnte und sie wollte auf keinen Fall in diese Tretmühle zurück.
Was ihr wichtig war, war das Gefühl etwas Eigenes zu schaffen, sich durch die Musik auszudrücken und damit die Emotionen aus ihrem Inneren hinaus zu lassen, wo sie weniger schmerzhaft und zerstörerisch waren. Zu singen bedeutete für sie, sich von innen heraus zu reinigen. Sie stopfte ihren gesamten Gedanken- und Gefühlsmüll in ihre Songs, verpackte sie in einer passenden Melodie und schnürte das Packet mit dem richtigen Rhythmus zusammen.
Was ihr jetzt also noch fehlte war ein Ort, an dem sie genau diese kleinen Keylie-Constance-Päckchen an ihre Zuhörer verschenken konnte.
Einige Nächte hintereinander streifte sie durch Los Angeles und suchte nach dem passenden Platz, nach dem Ort, der ihr ein neues, berufliches zu Hause bieten konnte. Sie besuchte Jazz-Keller, Clubs und Bars, ging sogar ins Theater um zu sehen, ob sich ihr vielleicht dort eine Alternative bot und erreichte schließlich, nach fast einer Woche, das Ende ihrer Reise.
Das Mayfair lag in einer kleinen Nebenstraße, eingezwängt zwischen schmalen Wohnhäusern und gegenüber einer Wäscherei und einem kleinen Cafe. Man erreichte die Kellerbar über einige Stufen, die von der Straße zum Eingang hinunter führten. Das Fenster daneben ließ selbst am Tag nur wenig Licht herein, doch Keylie genoss den Anblick von auftauchenden Füßen, die langsam die Stufen hinunter schritten und dabei nach und nach den restlichen Menschen freilegte, der sich darüber befand.
Innen verfügte das Mayfair über erstaunlich hohe Decken. Eine breite Treppe mit weiteren fünf Stufen führte hinter dem Eingang in die eigentliche Bar hinunter. Kleine, runde Tische, altmodischen Tischlampen mit Fransenschirmen, tiefe, schwarze Sessel, sich träge an der Decke drehende Ventilatoren, die mit dunklem Holz getäfelte Bar und die kleine Bühne mit dem schwarzen, glänzenden Flügel darauf verliehen dem Club eine angenehme, gediegene aber dennoch gemütliche Atmosphäre.
Keylie hatte sich hier sofort wohl und zu Hause gefühlt. Jeden Abend spielten ein oder mehrere Künstler auf der kleinen Bühne alles über Jazz bis hin zu Pop, Soul oder auch klassischen Stücken. Sie hatte mit dem Besitzer gesprochen, ein großer, schlanker Kanadier namens Francis Copper, hatte ihm einige ihrer eigenen Stücke vorgespielt und war vom Fleck weg engagiert werden.
Und so trat sie nun drei Mal in der Woche im Mayfair auf, vor Menschen, die ihre Unterhaltung selten unterbrachen um ihrem Spiel zu lauschen, die aber hinterher trotzdem auf sie zukamen und ihr zu ihrem Auftritt gratulierten.
Ihr eigentliches Ziel war es, genug Geld für eigene Probeaufnahmen zusammen zu bekommen. Sie wollte eine Demo-CD aufnehmen und sich damit bei kleineren Lables vorstellen. Doch dafür musste sie noch viele, viele Abende im Mayfair spielen, was sie seltsamer Weise nicht wirklich beunruhigte. Sie hatte ihren Traum klar vor Augen, hatte sie ihn doch bereits in abgewandelter Form gelebt. Sie wusste, sie konnte es schaffen und wie viel Zeit bis dahin verging, war für sie erst einmal zweitrangig.
Blieb also nur noch die Sache mit Alex. Die großen, braunen Augen ihres Spiegelbilds bekamen sofort einen sanften, traurigen Ausdruck, als ihre Gedanken seinen Namen streiften. Sie vermisste ihn nach wie vor mit jeder Faser ihres Körpers und liebte ihn noch immer, als sei keine Zeit vergangen. Sie sah Nacht für Nacht sein hübsches Gesicht vor sich, hörte seine wundervoll raue Stimme, erwiderte im Schlaf sein herzliches Lächeln und sehnte sich so sehr nach seinen Berührungen, dass es beinahe körperlich schmerzte.
Trotzdem hatte sie es nicht über sich gebracht einfach zu seinem Haus zu fahren und an der Tür zu klingeln. Spätestens auf der Hälfte der Wegstrecke war sie immer wieder umgekehrt und hatte dabei über sich selbst und ihre Unfähigkeit geschimpft.
Es könnte doch im Grunde ganz einfach sein: Sie fuhr zu ihm, klingelte und erzählte ihm, dass sie für ein paar Monate den Körper seiner Freundin in Besitz genommen hätte. Natürlich würde er ihr erst einmal nicht glauben und denken, er hätte eine durchgeknallte Verrückte vor sich. Sie würde ihm dann von ihren gemeinsamen Erlebnissen berichten, von dem knappen, grünen Bikini, der der Grund dafür war, dass er sie zärtlich Frosch nannte, von dem Abend nach der Award-Verleihung, in der er sie mit so viel Hingabe vom Schlafen abgehalten hatte und von den vielen, intensiven Gesprächen deren Details nur Amy und er selbst kennen konnten.
Dann würde sie ihm von der Nacht erzählen, in der sie aus ihrem Albtraum aufschreckte und nicht mehr wusste, wer und wo sie war. Sie würde ihm sagen, dass die Zeit mit ihm die schönste ihres Lebens gewesen sei, dass sie ihn immer noch wie wahnsinnig liebte und sie beinahe durchgedreht war, als sie aus dem Koma erwachte und feststellte, dass er nicht mehr bei ihr war.
So einfach und doch so kompliziert.
Zum einen war sie sich trotz allem nicht sicher ob er ihr glauben würde. Welcher vernünftig denkende Mensch würde schon die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es so etwas wie Seelenwanderung gab? Dass es möglich war, für eine ganze Weile den eigenen Körper zu verlassen und in einem neuen wieder aufzuwachen?
Zum anderen hatte sie der Presse entnommen, dass Amy und Alex immer noch zusammen waren. Sie befand sich inzwischen auf Tour mit ihrem Erfolgsalbum Mirrors, während er zu Hause blieb und sich auf das Erscheinen seines Albums mit den Backstreet Boys vorbereitete. Sie waren also augenscheinlich glücklich miteinander, wenn im Moment auch räumlich getrennt. Sollte sie also wirklich dort hin gehen und in diese Beziehung eindringen, nur weil es ihr dann besser ging?
Und zu guter letzt war ihre alte Angst wieder an die Oberfläche getreten. Hatte Alex wirklich sie Keylie geliebt, oder vielleicht doch nur die etwas nettere Version von Amy? Was brachte es ihr denn, wenn sie ihn zwar davon überzeugte, dass sie für eine ganze Weile in Amys Körper an seiner Seite gelebt hatte, sie sich dabei aber niemals sicher sein konnte, dass er sie wirklich als eigenständiges Wesen betrachtete?
Nie wieder wollte sie mit ihm zusammen sein und sich dabei fragen, wen oder was er in ihr sah. Sie wollte, dass er sich in Keylie Constance verliebte und nicht in eine Frau, die irgendwann einmal Amy Salinas gewesen war.
Dies alles hinderte sie also daran, zu ihm zu fahren und ihm gegenüber zu treten. Das Problem war nur, dass ihr noch kein annehmbarer Plan B eingefallen war. Sie musste ihn wieder sehen, so viel stand fest, aber wie sollte sie das anstellen, wenn sie dabei lediglich Keylie Constance sein durfte, er noch in einer Beziehung steckte und ihrer beider Leben keinen gemeinsamen Nenner aufwiesen?
Erneut warf Keylie einen Blick in den bodenlangen Spiegel in ihrem Flur, strich mit den Händen das schlichte, schwarze Kleid glatt, dass knapp über ihrem Knie endete und versuchte ein möglichst unbeschwert wirkendes Lächeln zustande zu bringen. Sie war Keylie Constance, mit jeder Faser ihres Köpers. Alles was sie sehen konnte gehörte ganz alleine ihr und die restlichen Problem, die auf ihrem Weg noch vor ihr lagen, würde sie auch noch in den Griff bekommen. Sie musste einfach Geduld haben und durfte nichts überstürzen.
Sie straffte sich, griff nach der schwarzen Handtasche, die auf der Kommode neben dem Spiegel stand, löschte das Licht und machte sich auf den Weg zu ihrer Arbeitsstelle. Ein bisschen Musik würde ihr jetzt sicherlich gut tun.