Kapitel 43

Wie befürchtet bekam Alex Amy die nächsten Wochen kaum zu Gesicht. Während er im Moment jede Menge Leerlauf hatte, weil seine Aufnahmen für das neue Album der Backstreet Boys abgeschlossen waren und es bis zu seinen nächsten Terminen noch eine ganze Weile hin war, war sie voll und ganz damit beschäftigt für die anstehende Tour zu proben, Interviews zu geben, ein weiteres Video für die nächste Singleauskopplung Fighter zu drehen und sich bei Fotoshootings für diverse Magazine ablichten zu lassen.
Wenn sie dann doch einmal einen Abend zu Hause verbrachte, verzog sie sich meist ins Musikzimmer und probte die Songs. Immer noch hatte sie mit dem ein oder anderen Track Schwierigkeiten. Einen Abend lang versuchte er ihr zu helfen, setzte sich neben sie, lauschte ihrem Gesang und versuchte ihr zu erklären, dass sie einen emotionsgeladenen Song nicht einfach so herunter singen konnte. Doch er stieß damit bei ihr auf taube Ohren. Es schien fast so, als könne sie manche Gefühle überhaupt nicht nachvollziehen und fand demnach keinen Bezug zu ihren eigenen Stücken.
Am Anfang machte Alex dies traurig. Er erinnerte sich an die vielen Male, als Amy ihre Songs hier zu Hause geschrieben hatte, wie sie ihm die halbfertigen Stücke vorsang oder einfach unter der Dusche vor sich hin trällerte und musste feststellen, dass sie damals in jedem Moment mehr Ausstrahlung und Kraft in ihrer Stimme gehabt hatte, als jetzt, wenn sie sich sichtlich abmühte den komplizierten Gesangspassagen von Walk away oder auch Soar zu folgen.
Happy Now, der Song, den sie auf der Award-Verleihung mit so viel Hingabe vorgetragen hatte, hatte es schlussendlich nicht auf das Album geschafft. Amy hatte damals zu Gunsten von Fighter darauf verzichtet und so stellte nun gerade dieser Song eine noch größere Herausforderung dar. Larry besorgte ihr eine qualitativ nicht gerade herausragende Version aus dem Internet und machte ihr klar, dass gerade dieses Lied sehr wichtig für die Tour sei.
Also schloss Amy sich zwei Tage lang im Musikzimmer ein und probte bis zum Umfallen. Als sie Alex das Ergebnis am Ende präsentierte, war er positiv überrascht. Sie hatte es geschafft, dem Titel einen anderen Klang zu verpassen, da sie gewisse Stellen komplett anders betonte, trotzdem schien dies einer der wenigen Songs zu sein, hinter dem sie voll und ganz stand und mit dem sich ihr gesamtes Talent entfaltete.
Am Ende beschloss er, dass es keinen Sinn hatte sich weiterhin Gedanken um Amy, ihr fehlendes Gefühl für die einzelnen Worte und ihre Tour zu machen. Sie wollte das alles unbedingt tun, also musste sie auch mit dem Ergebnis leben.
Zwei Wochen vor dem eigentlichen Beginn der Tour, klingelte es eines Nachmittags an der Haustür. Amy war wie immer unterwegs, diesmal um sich für die Tour mit neuen Klamotten einzudecken und damit den dezimierten Inhalt ihres Kleiderschranks wieder auf Vordermann zu bringen.
Er erwartete eigentlich keinen Besuch, demnach war er ziemlich neugierig, als er den Hausflur durchschritt und gleich darauf die Haustür aufzog.
Doch mit Larry hätte er im Leben nicht gerechnet.
„Hi,“ begrüßte sie ihn. Ihre massige Gestalt steckte in schwarzen Jeans und einem schwarzen, etwas zu engen T-Shirt und er spürte sofort wieder die alte Abneigung gegen diese Frau.
„Hallo,“ gab er also wenig begeistert zurück und dachte gar nicht daran ihr platz zu machen und sie damit ins Haus zu bitten. „Amy ist nicht zu Hause,“ fügte er noch hinzu in der Hoffnung, dass sich Larry damit wieder verziehen würde.
„Ich weiß,“ gab sie allerdings mit ihrer rauchigen Stimme zurück. „Lässt du mich trotzdem herein oder muß ich erst nen Hitzschlag erleiden?“
Schweren Herzens gab er den Eingang frei, während er sich gleichzeitig fragte, was Amys Managerin ausgerechnet zu ihm trieb.
Er führte sie ins Wohnzimmer, bedeutete ihr mit einer knappen Geste auf dem Sofa Platz zu nehmen und setzte sich ihr gegenüber in einen Sessel. Aus einer riesigen, ebenfalls schwarzen Umhängetasche fummelte sie gleich darauf eine Packung Zigaretten hervor und zündete sich ungefragt einen der Glimmstengel an.
„Immer noch nicht damit aufgehört?“ fragte er.
„Nein. Du etwa?“ gab sie ruhig zurück, während sie ihn mit zusammen gekniffenen Augen durch den Rauch hindurch musterte.
„Nein,“ gab er zu.
Sie schob die Zigarettenschachtel über den Tisch auf ihn zu, lehnte sich dann in die Polster zurück und verschränkte die Arme auf ihrem voluminösen Bauch.
Während er sich eine Zigarette aus der Packung fischte, fragte er „was treibt dich also hier her?“
„Amy,“ gab sie knapp zurück.
„Wie meinst du das?“ hakte er nach, bevor er die Zigarette anzündete und gleich darauf den Rauch tief inhalierte.
„Ich habe beschlossen, die Tour nicht mit ihr zu machen.“
„Wie bitte?“ stieß Alex erschrocken hervor, bekam den Rauch seiner Zigarette in den falschen Hals und begann unkontrolliert zu husten. Durch einen Schleier aus Tränen sah er Larrys angespanntes Gesicht und begriff, dass dies kein Scherz gewesen war.
„Das musst du mir erklären,“ krächzte er, erhob sich und kam gleich darauf mit zwei Gläsern Wasser aus der Küche wieder zurück.
„Sie macht mich wahnsinnig,“ fuhr Larry fort, nachdem er sich wieder gesetzt und die Hälfte seines Wassers hinunter gestürzt hatte um das unangenehme Kribbeln in seinem Hals loszuwerden.
„War es jemals anders?“ gab er zu bedenken.
„Ja. Das ist ja das Problem,“ entgegnete Larry und nahm einen erneuten, tiefen Zug von ihrer Zigarette.
„Okay ... könntest du ein paar mehr Worte um das Ganze herum machen Larry? Ich verstehe nur Bahnhof,“ stieß er hervor und spürte, wie die Wut auf diese Frau, von der er keinen blassen Schimmer hatte woher sie kam, wieder an die Oberfläche drängte.
Larry seufzte, schnippte die Asche ihrer Zigarette in den bereitstehenden Aschenbecher und ließ ihren Blick durch das Fenster hinaus in den Garten schweifen.
„Als ich Amy kennen lernte,“ begann sie schließlich mit ruhiger Stimme „war sie komplett ahnungslos, dabei aber nicht naiv. Verstehst du was ich meine?“
„Nicht so ganz,“ gestand er.
„Sie wusste genau was und wie sie es wollte, hatte aber keine Ahnung von guten Songs, wie man ein Album aufnimmt oder wie es im Musikbusiness zugeht. Sie hat sich voll und ganz auf das verlassen, was ich oder Fishie ihr vorgeschlagen haben und wie man gesehen hat, ging der Schuß komplett in den Ofen.“
„Das aus deinem Mund zu hören, tut tatsächlich gut,“ meinte Alex verächtlich.
„Ich weiß McLean. Für dich bin ich der Buhmann in dem ganzen Spiel. Aber das verstehe ich. Ich hätte an deiner Stelle wahrscheinlich genau so reagiert.“
„Ich glaube nicht, dass du ... ,“ setzte er sofort an, doch sie unterbrach ihn.
„Keine Panik. Ich weiß, dass du mich nicht besonders leiden kannst. Da stehe ich inzwischen drüber. Ich bitte dich heute einfach nur zuzuhören, okay?“
Er nickte langsam, während in seinem Magen ein angespanntes Kribbeln einsetzte. Sie steuerten hier direkt auf eine Katastrophe zu und er hätte alles dafür gegeben, wenn er nicht hätte dabei sein müssen.
„Jedenfalls ... ich war damals schon knapp davor alles hinzuschmeißen. Ich meine ... du kennst doch Amy. Sie ist schwierig, launisch und leider auch nicht immer ehrlich, was mir das Leben nicht gerade leichter macht.
Ich war eigentlich der Meinung, dass nach diesem ersten Schrott-Album ihre Karriere ein Ende hätte, aber so war es nicht. Das Label war fest davon überzeugt, dass Amy das besser machen könnte. Frag mich nicht, woher sie diese Überzeugung nahmen, aber nachdem Amy am ersten Tag ins Studio geschneit kam und ... plötzlich ... na ja ... so anders war ... tja ... irgendwie ... habe ich wohl angefangen daran zu glauben, dass aus uns doch noch ein Team werden und das neue Album Erfolg haben könnte.“
„Ich verstehe,“ sagte er, wenn er im Moment auch nur eine sehr vage Vorstellung davon hatte, worauf Larry hinaus wollte.
„Die letzten Monate waren ... ,“ sie seufzte und schüttelte den Kopf, während ihr Blick erneut hinaus in den strahlenden Sonnenschein wanderte. „ ... das Beste, was ich jemals erlebt habe und das sowohl in beruflicher als auch menschlicher Hinsicht, verstehst du?“ Sie sah ihn nun wieder direkt an und er spürte, wie sich ganz langsam so etwas wie Verwirrung in ihm breit machte. Irgendwie wirkte Larry gar nicht mehr so bedrohlich und arrogant.
„Sie war plötzlich so nett und offen. Ich meine ... natürlich haben wir uns oft genug gezofft, aber eben ... auf einer ganz anderen, professionelleren Ebene. Gott, das Talent dieses Mädchens hat alles übertroffen, was ich bis dato gesehen und gehört hatte. Und nicht nur das. Wir haben es irgendwie geschafft aus einer Freundschaft, die bis dahin wohl nur in Amys Kopf existierte, etwas zu machen, was dieses Wort tatsächlich verdiente.“
Alex nickte stumm. Die Parallelen zu seiner eigenen Gefühlswelt waren ihm mehr als bewußt und es überraschte ihn, wie erleichtert er darüber war endlich jemanden gefunden zu haben, der nachvollziehen konnte, wie er sich gefühlt hatte und immer noch fühlte. Doch dass dies ausgerechnet Larry sein musste verursachte ihm nach wie vor Magenflattern.
„Tja ... und dann bricht sie bei ihrer eigenen Release-Party einfach zusammen,“ murmelte Larry mehr zu sich selbst, verharrte einen Moment bewegungslos, bevor sie sich vorbeugte und ihre Zigarette mit Nachdruck im Aschenbecher ausdrückte. „Seit dem ist nichts mehr so, wie es vorher war ... oder nein, eigentlich ist das nicht richtig,“ korrigierte sie sich sofort. Ihr Blick schien ihn nun zu durchbohren und er fühlte sich darunter unwohl und auf die Größe einer Ameise zusammengeschrumpft. „Seitdem ist sie wieder ganz die Alte. Die alte Amy, die ich nicht wirklich ausstehen konnte, die alte Amy, die immer nur sich selbst sieht und ein riesiges Ego hat, von dem ich nicht weiß, worauf sich das stützt. Ich will das nicht mehr. Ich habe keine Lust mich jeden Tag von ihr anschnauzen zu lassen für Dinge, für die ich nichts kann. Sie hört weder auf mich noch auf Fishie, ihr gesangliches Talent lässt schwer zu wünschen übrig und ich habe einfach das Gefühl, ich sollte das Schiff verlassen, bevor es endgültig unter geht.“
„Hm,“ machte Alex, weil er vollkommen sprachlos war. Warum war ihm eigentlich nie aufgefallen, welcher Mensch sich unter der rauen, kantigen Larry-Schale befand? „Und warum kommst du damit jetzt ausgerechnet zu mir?“ brachte er schließlich heraus.
„Weil ich von dir hören möchte, dass ich mir das alles nicht nur einbilde,“ entgegnete sie mit Nachdruck und beugte sich dabei ein Stück in seine Richtung. „Weil ich will, dass du mir sagst, dass ich nicht gerade dabei bin komplett den Verstand zu verlieren und dass ich damit recht habe, dass Amy sich innerhalb von ein paar Monaten zwei Mal komplett verändert hat.“
Alex seufzte. „In allen Punkten stimme ich dir voll und ganz und hundertprozentig zu.“
Larry schloss für einen Moment die Augen, ließ ebenfalls einen abgrundtiefen Seufzer hören und murmelte „vielen Dank lieber Gott.“ Dann richtete sie den Blick ihrer stechenden, grauen Augen wieder auf ihn. „Kannst du also verstehen, warum ich nicht vorhabe, diese Tour mit ihr zu machen?“
Er nickte widerwillig, beugte sich dann in ihre Richtung und stützte die Ellenbogen auf die Knie. „Trotzdem kannst du sie jetzt unmöglich hängen lassen.“
„Oh doch, ich kann. Und jeder Mensch, der nur den Hauch einer Ahnung von so etwas wie Egoismus oder Selbstwertgefühl hat, würde das gleiche tun.“
Alex schüttelte den Kopf. „Larry, bitte. Im Moment ist alles, was sie noch einigermaßen aufrecht hält, diese Tour. Sie steckt all ihre Energie und ihr Herzblut da rein. Du kannst ihr nicht den Boden unter den Füßen wegziehen.“
„Ja. Genau mit dieser Einstellung habe ich die letzten Wochen verbracht,“ nickte sie. „Immer wieder habe ich mir gesagt, dass ich ihr das nicht antun kann, dass sie mich braucht und ich zumindest die Tour noch mit ihr machen sollte. Aber weißt du was? Ich scheiße darauf!“
„Larry, mal ehrlich. Dieses Album und jetzt die Tour sind doch genau so dein Erfolg wie ihrer. Wenn du es nicht für Amy tun willst, dann tu es für dich. Stell dir doch mal vor wie das aussieht, wenn in deiner Agenda steht, dass du deinen Schützling so kurz vor einer Tour im Stich gelassen hast. Das kannst du doch nicht wirklich wollen.“
Sie schüttelte den Kopf und fischte eine weitere Zigarette aus der Packung. „Ich will jedenfalls nicht mehr Amys Hampelmann sein,“ entgegnete sie und blies eine dicke, graue Rauchwolke an die Decke. „Ich habe genug Kontakte, um auch ohne Amy zu recht zu kommen.“
Alex Herz klopfte rasend schnell in seinem Brustkorb. Er wollte sich Amys Reaktion auf Larrys Entscheidung lieber gar nicht vorstellen. Ihr Gespräch vor ein paar Wochen stand ihm in diesem Moment wieder deutlich vor Augen: Amys Verzweiflung, ihre Bitte, sie die Tour noch machen zu lassen, bevor sie ihre Beziehung wieder in Angriff nahmen, ihre Unsicherheit, was ihr Talent und die neuen Songs anging ... Larrys Ausstieg würde sie fertig machen und wie er Amy kannte, würde sich das in ihrem Fall mit viel Wut und Gezeter äußern.
„Tu ihr das nicht an,“ sagte er noch einmal eindringlich. „Wenn ich dir irgendwie helfen kann, dann sag es. Aber bitte ... lass sie nicht einfach im Regen stehen.“
„Warum tust du das?“ fragte Larry mit gerunzelter Stirn.
„Warum tue ich was?“ fragte er zurück.
„Sie verteidigen. Dich hinter sie stellen.“
„Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht. Mir geht es ähnlich wie dir. Ich vermisse die liebevolle, kreative, nette Amy,“ er senkte kurz den Blick, weil er sich darüber klar werden wollte, ob er Larry tatsächlich erzählen sollte, was in ihm und ihrer Beziehung gerade vor sich ging. Doch nachdem ihm Larry mit so viel Ehrlichkeit und Offenheit entgegengetreten war und dies auch noch, obwohl sie genau wusste, dass er ihr schon immer skeptisch gegenüber gestanden hatte, war er ihr dies wohl irgendwie schuldig.
„Bevor es mit dem neuen Album losging, war ich ebenfalls kurz davor das Handtuch zu werfen,“ gestand er also.
„Tatsächlich?“ fragte Larry überrascht. „Wenn ich Amy gehört habe, war immer alles in bester Ordnung. Zwar wohl ab und zu etwas nervig, aber sie hatte ihren Plan und wollte davon auch nicht abweichen.“
„Was für einen Plan?“
Zu seinem Erstaunen bemerkte er, wie Larrys Wangen eine sanfte Röte annahmen und er schluckte heftig in banger Erwartung, was nun wieder kam.
„Willst du die ungeschminkte Wahrheit oder soll ich sie ein bisschen netter verpacken?“ fragte sie mit einem schiefen Grinsen.
„Die volle Wahrheit bitte,“ presste er hervor.
„Sie hat dich benutzt.“
Jedes einzelne Wort brannte sich schmerzhaft in Alex’ Gehirn und bohrte sich glühend in sein Herz. Benutzt? Warum überraschte ihn dies eigentlich nicht wirklich?
„Du hattest die Kontakte und das Geld, damit sie ein eigenes Album aufnehmen konnte. Leider hat ihr das bei ihrem ersten Versuch nicht wirklich geholfen. Also musste sie bei dir bleiben und es noch einmal versuchen. Deshalb auch die Sache mit Zack. Dieses Arschloch ist vom gleichen Kaliber. Ich weiß nicht so genau, was die beiden geplant hatten aber glaub mir, du hättest dabei ganz sicher verloren.“
Seine Kehle war wie zugeschnürt, seine Hände tasteten von ganz alleine nach der Zigarettenschachtel und seine zitternden Finger hatten einige Mühe, die Flamme des Feuerzeugs an die Zigarettenspitze zu führen.
„Du kannst dir also meine Verwunderung vorstellen, als sich die Gewitterwolken ganz langsam verzogen und aus euch tatsächlich ein richtiges Paar wurde.“
Er nickte langsam und versuchte an ihre schöne Zeit zurück zu denken. Sie war nicht dieses berechnende Biest, wie Larry sie darstellte. Sie war seine geliebte Amy. Die Frau, mit der er den Rest seines Lebens verbringen wollte. Nun ja ... im Moment sah die Sache natürlich ganz anders aus, aber damals ...
„Sie hatte sich so sehr verändert Larry,“ sagte er leise. „Ich habe sie angesehen und war verliebt. Bis über beide Ohren.“
Larry nickte langsam. „Ich weiß, was du meinst. Während den Aufnahmen für das neue Album war es, als hätte ich eine komplett andere Frau vor mir. Ich glaube, ich habe noch nie mit jemandem so gut zusammen gearbeitet. Und Fishie geht es genau so. Sie hat das Beste aus uns allen herausgeholt. Fishie und die Band haben sich förmlich überschlagen um die Songs zu etwas ganz besonderem zu machen und ich ... nun ja ... sie hat mir vertraut und hat zu mir gehalten. Das ist etwas, was ich bisher sehr selten erlebt habe.“
Sie schwiegen beide einen Moment, in Erinnerung an die wunderschöne, talentierte Frau, die einige Monate ihres Lebens so überaus lebenswert gemacht hatte.
„Und jetzt ist sie einfach nicht zum aushalten,“ stellte Larry schließlich grimmig fest.
„Du hast ja recht,“ nickte Alex. „Aber ich kann dir versichern, dass Amy sich durchaus über die Tour und das Album Gedanken macht. Sie ist auf Grund ihrer Gedächtnislücken verunsichert und versucht alles richtig zu machen. Du weißt doch, wie sie dann sein kann. Lieber erst zuschlagen und dann sehen, wie man weiter kommt.“
„Aber muß ich mir das wirklich gefallen lassen?“ fragte Larry aufgebracht zurück. „Du sitzt nur hier und wartest, dass sie wieder zurück kommt, ich hingegen verbringe den ganzen Tag mit ihr und glaub mir, ich bin manchmal ganz kurz davor sie einfach mit bloßen Händen zu erwürgen.“
„Ich verstehe dich ja Larry. Trotzdem bin ich der Meinung, dass du sie nicht so einfach im Stich lassen kannst. Sag ihr klipp und klar, was du denkst, mach diese Tour noch mit ihr und löse danach meinetwegen den Vertrag mit ihr auf.“
Kopfschüttelnd starrte Larry vor sich hin. Ihre Finger zupften nervös am Saum ihres T-Shirts und Alex fiel auf, dass er diesen unerschütterlichen Fels noch nie so verletzlich und unsicher erlebt hatte. Vielleicht, und das gestand er sich nur ungern ein, hatte er einfach nie richtig hin gesehen.
„Weißt du, was das schlimmste an dem Ganzen ist?“ fragte sie schließlich und sah ihn nun wieder an.
Er schüttelte den Kopf, weil es einfach ziemlich viele schlimme Aspekte an dieser ganzen Geschichte gab. Sie hat dich benutzt. Nein, er sollte jetzt nicht daran denken. Sonst würde er Larry am Ende doch noch darin bestärken, Amy im Stich zu lassen.
„Das schlimme ist, dass ich mir manchmal denke, wenn ich sie jetzt hängen lasse, wenn ich ihr den ganzen Mist einfach vor die Füße schmeiße und richtig gemein zu ihr bin, dann bricht sie vielleicht wieder zusammen und wenn sie aufwacht, ist alles so wie früher.“ Mit jedem Wort wurde ihre Stimme ein bisschen leiser und die letzten waren schließlich nur noch ein heiseres Flüstern.
„Ich weiß genau was du meinst,“ gab er genau so leise zurück und fühlte sich dabei gleichzeitig unglaublich schlecht und mehr als erleichtert.
Für eine Weile sahen sie sich stumm in die Augen und schufen damit eine Verbindung, die vielleicht schon immer da gewesen war, die sie aber beide bisher absichtlich übersehen hatten.
„So sitzen wir also beide hier,“ fasste Larry schließlich, wieder mit normaler Stimme zusammen. „Wir können sie eigentlich nicht mehr wirklich leiden, klammern uns aber an die Vergangenheit. Glaubst du, dass das wirklich richtig ist?“
„Ich glaube, dass Amy noch eine Chance verdient hat,“ gab er zurück.
„Hm,“ machte Larry und zündete sich erneut eine Zigarette an.
„Hey, nur fürs Protokoll. Irgendwann werden dich die Dinger umbringen,“ bemerkte er mit einem kurzen Kopfnicken auf ihren brennenden Glimmstengel.
„Sterben müssen wir alle sowieso irgendwann,“ gab sie mit einem leisen Lächeln zurück und zog mit einem provozierenden Blick in seine Richtung an der Zigarette.
„Wie du meinst. Aber sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“
„Die Botschaft ist angekommen,“ nickte sie.
„Was wirst du nun also tun?“ fragte er, lehnte sich in den Polstern zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und genoss es, endlich einem Menschen gegenüber zu sitzen, der genau wusste, was momentan in ihm vorging.
„Wenn ich das so genau wüsste,“ entgegnete sie seufzend. „Weißt du ... irgendwie ist es sehr erleichternd, das Ganze mal losgeworden zu sein. Andererseits könnte ich kotzen wenn ich mir vorstelle, die nächsten Monate ununterbrochen mit dieser anstrengenden Version von Amy zusammen sein zu müssen.“
„Das verstehe ich. Wirklich! Aber ... um der Vergangenheit willen ... oder weil du einfach ein guter Mensch bist ... bitte ... lass sie nicht ausgerechnet jetzt hängen.“
Sie seufzte erneut. „Ich muß darüber nachdenken.“
„Es sind nur noch zwei Wochen bis zum Start der Tour,“ gab Alex zu bedenken.
„Ja. Danke, das weiß ich auch, okay?“ gab sie grummelnd zurück.
„Ich meine doch bloß ... ,“ setzte er an und hob entschuldigend die Hände.
„Ich weiß, ich weiß. Ich muß mich beeilen. Gott, wie ich das hasse. Warum kann man nicht einfach immer das machen, wonach einem gerade der Sinn steht?“
„Weil du dann nicht viel besser wärst als Amy,“ gab er mit einem schiefen Lächeln zurück.
„Gott. Alles, bloß das nicht,“ entgegnete sie, was ihn zum Schmunzeln brachte. Gleichzeitig überlegte er, wie es nun eigentlich dazu gekommen war, dass er sich ausgerechnet mit seiner Erzfeindin über Amy lustig machte. Und das auch noch, ohne ein all zu großes, schlechtes Gewissen dabei zu haben.

Kapitel 44