Kapitel 42

Amy saß bereits neben Jack auf dem Beifahrersitz, als Alex den Wagen erreicht, was ihn somit alleine auf die Rückbank verbannte. Den gesamten Rückweg verbrachten sie in eisigem Schweigen, während Alex’ Blick riesige Löcher in Amys Hinterkopf brannte. Er hätte zu gerne gewusst, was in ihrem Kopf vor sich ging. War sie wirklich so eiskalt und abgebrüht wie sie tat, oder fürchtete sie sich innerlich vor der Vorstellung, dass ihr Verstand komplett durchgedreht war und ihr lediglich eine heile, gesunde Welt vorgaukelte?
Ihn hätte dies jedenfalls komplett wahnsinnig gemacht und er hätte augenblicklich sämtliche berufliche Termine abgesagt. Bevor er nicht gewusst hätte, was wirklich mit ihm und seinem Kopf los war, hätten sie ihn alle mal gern haben können. Seine Gesundheit kam vor allem anderen, zumindest das hatte er in der Vergangenheit gelernt. Doch Amy schien noch lange nicht so weit zu sein.
Jack setzte sie zu Hause ab, verabschiedete sich mit einem kurzen Nicken und brauste gleich darauf die Auffahrt des Hauses hinunter. Sicherlich war der Bodyguard froh, der Gewitterfront der beiden Streithähne entkommen zu sein.
Alex schloss die Haustür auf und sah Amy nach, die ohne ein Wort an ihm vorbei rauschte und im Schlafzimmer verschwand. Seufzend ging er in die Küche, schenkte sich ein Glas Wasser ein und trank in langsamen, bedächtigen Schlucken, während er seinen Blick über das friedvolle Panorama der Stadt schweifen ließ.
Die Frage war doch, was er nun tun sollte.
Wollte er diese Beziehung noch? Wollte er mit Amy weiterhin zusammen leben und tagtäglich darauf hoffen, dass sie sich irgendwann wieder änderte und zurück fand zu dem wundervollen Mädchen, das sie einmal gewesen war? Wie sollte er weiterhin mit ihr auskommen, wenn sie so offensichtlich nicht bereit war, auch nur einen Schritt auf ihn zuzumachen? War es nicht langsam an der Zeit sie ihrem Schicksal zu überlassen und weiter zu gehen? Was hielt ihn denn noch bei ihr?
„Erinnerungen,“ murmelte er tonlos, als sein Blick durch die Terrassentüren das leuchtende Blau des Pools streifte.
Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er sie wieder in diesem furchtbar grünen Bikini vor sich sah. Er fühlte ihre prickelnden Küsse, konnte beinahe ihren Körper in seinen Armen spüren, roch ihren vertrauten Duft und hörte die Sanftheit in ihrer Stimme.
Er sollte aufhören sich irgendetwas vor zu machen. Diese Zeiten waren endgültig vorbei. Selbst wenn mit Amys Kopf tatsächlich irgendetwas nicht stimmte, so war sie doch nicht bereit, sich dem zu stellen. Somit schien er also definitiv am Ende einer Sackgasse angekommen zu sein.
Seufzend stellte er das Wasserglas beiseite, verharrte noch einen Moment beim Anblick des Pools und machte sich dann auf den Weg ins Schlafzimmer. Besser er sagte Amy gleich, was ihm so durch den Kopf ging. Vielleicht würde sie erleichtert sein, wenn diese Farce, die sie immer noch Beziehung nannten, endlich vorbei war. Vielleicht würde sie aber auch die Vorstellung, dass sie dabei war ihn endgültig zu verlieren, zur Besinnung bringen. Er war sich nur nicht ganz sicher, was er dann tun würde.
Als er die Zimmertür leise aufschob, war es dahinter unglaublich still. Er wusste nicht, was er erwartet hatte. Vielleicht, dass sie mit jemandem telefonierte, um die freudige Nachricht von den positiven Untersuchungsergebnissen mitzuteilen, vielleicht auch Musik, eine vor Wut tobende Amy. Irgendetwas. Nur kein leeres Zimmer.
„Amy?“ fragte er leise und warf einen kurzen Blick in den begehbaren Kleiderschrank. Kurz streiften seine Gedanken ihren Wutanfall als sie festgestellt hatte, dass die Hälfte ihrer Kleider nicht mehr da war, dann wandte er sich ab und trat vorsichtig auf die Badezimmertür zu.
Während er die Hand nach der Türklinke ausstreckte, beschlich ihn ein mehr als mulmiges Gefühl. In diesem Raum hatte er mit Amy inzwischen ja schon so einiges erlebt und er fragte sich, was er tun würde, wenn sie wieder einmal wie festgewachsen vor dem Spiegel stand und ihr Spiegelbild mit ungläubig aufgerissenen Augen musterte.
Unendlich vorsichtig drückte er also die Klinke hinunter und lauschte dabei auf jedes verdächtige Geräusch. Als schließlich ein leises Schluchzen an sein Ohr drang, spürte er wie unvermittelt so etwas wie Schmerz in seinem Herzen aufflammte. So viel also zu der starken, verbohrten Amy, die sich vor nichts und niemandem fürchtete.
Er drückte die Tür nun ganz auf und schob sich in den Raum dahinter. Er brauchte eine Sekunde, um Amy zu entdecken. Sie kauerte zwischen Toilette und Badewanne auf dem Boden, hatte schützend die Arme um ihre angezogenen Knie geschlungen, den Kopf darauf gebettet und weinte zum Steinerweichen.
Mit vorsichtigen Schritten durchquerte er das Badezimmer und ließ sich gleich darauf seufzend vor ihr in die Hocke sinken. Aus irgendeinem Grund traute er sich nicht, sie anzusprechen, also strich er ihr lediglich sanft über das Haar. Seinen Plan, sie darüber in Kenntnis zu setzen, dass ihre Beziehung in seinen Augen keinen Sinn mehr machte, konnte er wohl vergessen und ein wenig ärgerte er sich darüber, dass sie ihm mal wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte.
„Was ist denn los?“ fragte er schließlich sanft, nachdem ihr Schluchzen langsam verebbte.
„Ich weiß es nicht,“ hörte er sie mit erstickter Stimme murmeln. „Und genau das ist das Problem.“
Er ließ sich nun ebenfalls auf die kalten Fliesen sinken, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Badewanne und starrte zu ihr hinüber. „Vielleicht würde es dir helfen, wenn du wenigstens mir mitteilst, was in dir vorgeht. Ich gebe nämlich ehrlich zu, dass ich im Moment keinen blassen Schimmer habe.“
Langsam richtete sie sich auf, ließ ihren Kopf gegen die gekachelte Wand sinken und blickte ihn mit verquollenen, tränenverschleierten Augen an.
„Ich ... bin ... total durcheinander,“ gestand sie schließlich leise und er konnte ihr ansehen wie viel Überwindung es sie kostete, ausgerechnet vor ihm ihre Schwäche zuzugeben.
„Das halte ich unter den gegebenen Umständen für mehr als verständlich,“ entgegnete er.
„Ich habe nur das Gefühl ... ,“ setzte sie an und verstummte dann wieder.
„Das dir langsam alles entgleitet?“ vermutete er.
„So in die Richtung,“ nickte sie. „Weißt du ... es ist ... ich meine ... ,“ mit einer fahrigen Geste wischte sie sich die Tränen von der Wange, rollte dann etwas Klopapier ab und putzte sich ausgiebig die Nase. Dann seufzte sie und ließ den Kopf wieder gegen die Wand sinken. Ihr Blick war dabei ins Leere gerichtet und Alex wartete geduldig, bis sie gedanklich wieder bei ihm ankam.
„Ich habe mir das Album jetzt so oft angehört,“ sagte sie schließlich und für einen Moment hatte er Schwierigkeiten ihrem Gedankensprung zu folgen. „Das bin nicht ich. Ich meine ... sind wir doch mal ehrlich ... das, was da auf diese Scheibe gepresst wurde zeugt von unglaublich viel Talent und Hingabe und Larry hat mir erzählt, dass ich die Songs ganz alleine geschrieben hätte. Ist das nicht verrückt?“
„Ich weiß es nicht,“ gestand Alex. „Ist es das?“
„Ja, das ist es definitiv,“ betonte sie. „Ich hätte das nie im Leben fertig gebracht. Und wenn ich mich noch so sehr angestrengt hätte. Ich bin ja kaum in der Lage, die Songs einigermaßen passable nachzusingen. Da sind Tonfolgen dabei ... ,“ sie schüttelte den Kopf und drückte sich das zerknüllte Klopapierbündel gegen die Lippen. Mit zitternder Stimme fuhr sie schließlich fort. „Jetzt verrate mir mal, wie so etwas sein kann. Ich meine ... es ist, als wäre ich in diesen paar Monaten eine komplett andere Person gewesen.“
Alex senkte den Blick, damit Amy nicht die Bestätigung ihrer Aussage darin lesen konnte, doch das brauchte sie wohl gar nicht.
„Ist dir aufgefallen, dass ich dich gar nicht danach gefragt habe, wie es zu der Zeit ... zwischen ... uns ... gelaufen ist?“
„Doch,“ nickte er und traute sich immer noch nicht, sie an zu sehen.
„Ich habe das genau aus diesem Grund nicht getan. Ich weiß mittlerweile, dass du irgendwie ... also ... dass wir glücklich waren. Was ... ich meine ... das ist beinahe noch erschreckender als diese Songs, von denen ich nicht weiß, woher sie kommen. Warum streiten wir jetzt die ganze Zeit, giften uns an ... ich ... du ... du machst mich immer so wütend.“
„Das ist doch aber gar nicht meine Absicht,“ versuchte er sich zu verteidigen und hob nun endlich den Blick. Ihre Augen schwammen in Tränen und es schien ihm, als sehe sie ihn das erste Mal nach ihrem Zusammenbruch auf der Bühne wirklich an.
„Weißt du, warum ich so wütend bin?“ fragte sie weiter, was ihn dazu veranlasste den Kopf zu schütteln. „Weil ich das Gefühl habe, dass du mich die letzten Monate mit ... mit ... einer ... anderen, perfekteren Frau betrogen hast.“
Er hatte bereits den Mund geöffnet, um irgendetwas darauf zu erwidern, wenn er auch keine Ahnung hatte, was er sagen sollte, doch sie kam ihm zuvor.
„Ich weiß, wie verrückt sich das anhört, okay? Aber ich kann diese Gedanken und Gefühle nicht abstellen. Wenn du von der Vergangenheit sprichst, hast du plötzlich dieses Leuchen in den Augen und wirkst, als würdest du an eine Frau denken, die du über alles liebst. Und wenn du mich dann wieder ansiehst, erlischt dieses Leuchten und du siehst in mir nur noch Amy das Biest.“
„Das stimmt so nicht ganz,“ versuchte er es, doch sie unterbrach ihn erneut.
„Doch, es ist genau so. Versuch nicht es zu leugnen, denn deine Augen sprechen Bände. Ich will gar nicht wissen, was in den letzten Monaten alles zwischen ... uns ... zwischen ... dir und dieser anderen Frau ... passiert ist. Ich möchte nur, dass du begreifst, dass ich nun mal so bin wie ich bin und du mich nicht zu etwas formen kannst, was du vielleicht einmal in mir gesehen hast. Die letzten Wochen war ich nicht ich. Und wenn du dir das noch so sehr wünschst. Ich meine ... Herr Gott, selbst ich wünsche mir, ich könnte wieder so sein.
Du solltest Larry und Fishie mal hören, wie sie von der „alten“ Amy schwärmen. Das grenzt schon beinahe an Götzenanbetung. Und weißt du, wie ich mich dabei fühle? Wie das letzte Stück Dreck.“ Ein wütendes Glitzern war in ihren Augen erschienen und sie schüttelte immer wieder den Kopf, als können sie selbst nicht glauben, was da gerade um sie herum passierte.
„Wenn das alles so schlimm für dich ist und es dich so sehr belastet, warum hast du dann die Behandlung abgelehnt, die dir der Professor angeboten hat?“ fragte Alex weiter.
Sie schwieg eine Weile, während sie wieder ein Stück in sich zusammen zu sinken schien und ihr Blick wieder glasig wurde.
„Ich möchte nicht ... ,“ setzte sie an, verstummte dann und probierte es noch einmal neu. „Stell dir mal vor, er findet tatsächlich irgendetwas in meinem Kopf. Irgendein Ereignis oder eine Begebenheit, an die ich mich jetzt gar nicht mehr erinnere. Und stell dir weiterhin vor, er kann den Zustand der letzten Monate wieder herstellen. Was wird dann aus mir? Aus der Amy, die jetzt hier sitzt? Ich werde die Tour nicht machen können, ich werde meine Karriere verlieren und vielleicht werde ich wieder eines Tages aufwachen und feststellen, dass ich die letzten Wochen gelebt habe, ohne es zu merken.“
„Aber genau das will er doch verhindern,“ widersprach Alex. „Du kannst doch nicht so tun, als sei alles ganz normal und den Kopf in den Sand stecken. Du merkst doch selbst, wie seltsam diese ganze Geschichte ist. Willst du wirklich riskieren, dass das alles noch einmal von vorne anfängt?“
„Im Moment möchte ich einfach die einmalige Chance nutzen, die mir diese Geschichte geboten hat. Ist das so verkehrt? Ich stehe im Moment an einem Punkt, an dem ich alles erreichen kann, von dem ich schon mein ganzes Leben lang träume. Würdest du das an meiner Stelle tatsächlich aufgeben? Sei ehrlich.“
„Ich weiß es nicht Amy,“ gestand er widerwillig. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie das alles für dich ist und wie du dich im Moment fühlst. Ich weiß nur, dass mir der Umstand Angst macht, dass du vielleicht tatsächlich krank bist oder gewisse Aspekte deines Lebens und deines Wesens einfach verdrängst, nur um auf einer Bühne stehen zu können. Ist es das wirklich wert?“
„Für mich ist es das,“ nickte sie.
„Und ich?“ fragte er. „Unsere Beziehung? Wie viel ist die dir wert?“
Sie seufzte leise, was seinen Magen dazu brachte, sich schmerzhaft zusammen zu ziehen.
„Im Moment ist alles so schwierig,“ gestand sie. „Es fällt mir schwer, mich auf alles gleichzeitig zu konzentrieren. Ich ... ich meine ... ,“ sie senkte den Blick hinunter in ihren Schoß und murmelte kaum hörbar „ich brauche dich ... und ich liebe dich auch noch ... irgendwie ... „
„Irgendwie,“ schnaubte er verächtlich.
„Ich weiß es im Moment nicht so wirklich,“ gab sie, nun wieder mit normaler Stimme zu. „Zwischen uns ist schon so lange alles irgendwie ... verfahren.“
„Soll ich dir sagen, wie es im Moment für mich ist?“ fragte er und war sich dabei bewusst, dass seine Stimme ziemlich kalt klang.
Sie nickte langsam.
„In den letzen Monaten waren wir uns so nahe wie noch nie. Wir haben alles miteinander geteilt. Und damit meine ich auch alles. Unsere Gedanken, unsere Erfolge und Erfahrungen. Wir haben uns geliebt. In jeder Bedeutung dieses Wortes.“
Er sah, wie sie heftig schluckte, doch er konnte einfach nicht mehr an sich halten. Zu lange gingen ihm diese Gedanken jetzt schon im Kopf herum und es drängte ihn, sie endlich vor ihr auszubreiten. Vielleicht würde es ihnen helfen, vielleicht würden sie aber auch endgültig alles zerstören.
„Ich vermisse dich. Ist das nicht verrückt? Du sitzt hier vor mir, aber bist trotzdem nicht wirklich da. Ich vermisse das Mädchen, mit dem ich die letzten Monate verbracht habe. Und das aller schlimmste dabei ist, dass das du warst. Verstehst du mich? Irgendwo in dir drin ist genau dieses Mädchen noch vorhanden. Das weiß ich ganz genau. Aber irgendwie bringst du es fertig, diese Person komplett zu unterdrücken. Das ist das, was mich so wütend macht und warum ich mir wünsche, du würdest ins Krankenhaus gehen und den Ärzten die Chance geben, dir zu helfen.“
Sie hatte wieder angefangen zu weinen. Diesmal allerdings lautlos. Die Tränen rollten über ihre Wangen und sie starrte ihn aus großen, ungläubigen Augen an.
„Amy,“ sagte er schließlich sanft und schob seine Hand vorsichtig über ihre auf ihren Knien. „Ich liebe dich. Daran hat sich nichts geändert. Aber so wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Das siehst du doch genau so, oder?“
Sie nickte langsam.
„Also müssen wir irgendetwas tun.“
„Du meinst wohl, ich muß irgendetwas tun,“ gab sie zurück, während sie ihm ihre Hand entzog und sich erneut in das Klopapier schnäuzte.
„Nein. Ich glaube, dass wir beide daran arbeiten müssen. Ich muß versuchen nicht mehr wütend auf dich zu sein und du musst ein bisschen Nähe und Liebe in deinem Leben zuzulassen. Du kannst nicht erwarten, dass du hinter einer dicken Schutzmauer sitzt, alle Menschen um dich herum vor den Kopf stößt und sie trotzdem bei dir bleiben.“
Sie schüttelte resigniert den Kopf und entgegnete „ich befürchte, dafür habe ich im Moment nicht die Kraft. Ich möchte diese Tour unbedingt machen und du weißt doch am besten, wie es dabei zugeht. Ich kann nicht auf Knopfdruck auf lieb und nett umschalten. Schon gar nicht, wenn ich in nächster Zeit weit weg von zu Hause zwischen lauter fremden Menschen bin und eine Show auf die Beine stellen soll, die mir jetzt schon über den Kopf wächst, weil die Songs eigentlich eine Nummer zu groß für mich sind.“
„Aber das versuche ich dir doch die ganze Zeit zu erklären,“ sagte Alex geduldig. „Die Songs können dir gar nicht über den Kopf wachsen, weil es nämlich deine eigenen sind. Du musst das nur so akzeptieren und dich trauen. Du hast sie geschrieben, eingesungen und jede Menge Energie in sie hinein gesteckt. Versuch dieses Gefühl wieder zu finden.
Genau so sehe ich das mit unserer Beziehung. Du bist doch immer noch die selbe Amy. Du hast nur ... wie soll ich das sagen ... deine netten, talentierten und liebenswerten Seiten weg gesperrt.“
„Vielen Dank für den Hinweis, dass ich im Moment unmöglich bin,“ schnaubte sie.
„Du weißt genau, wie ich das meine,“ gab er genau so ungehalten zurück.
Sie biss sich auf die Lippen und schüttelte den Kopf. „Können wir nicht einfach ... abwarten, wie es mir nach der Tour geht?“
„Und dann? Was soll sich deiner Meinung nach ändern?“
„Ich weiß es nicht,“ gestand sie leise schniefend. „Aber ich möchte mich im Moment nicht zwischen dir und meiner Karriere entscheiden. Alles worum ich dich bitte ist ein bisschen Zeit. Gib mir die Chance heraus zu finden, was wirklich an Talent in mir steckt. Danach verspreche ich dir, mit der gleichen Hingabe und Energie daran zu arbeiten, dass wir beide uns wieder näher kommen.“
Er schüttelte den Kopf und seufzte leise. Dieser Deal klang in seinen Ohren mehr als faul. Abgesehen davon, dass sie ihre Karriere vor ihre Beziehung stellt, was er zumindest ansatzweise verstehen konnte, konnte er sich nicht vorstellen, dass es ihnen etwas nützte, wenn sie jetzt noch weiter auseinander drifteten. Wenn sie so lange unterwegs war, verloren sie wahrscheinlich endgültig die letzte Verbindung, die sie im Moment noch zusammen hielt.
Andererseits ... was hatte er schon zu verlieren? Schlimmer als jetzt konnte es kaum werden und wenn sie der Meinung war, unbedingt diese Tour machen zu müssen um heraus zu finden, wer sie war, dann konnte er ihr diesen Wunsch doch eigentlich nicht abschlagen. Außerdem würde ihnen ein bisschen räumlicher Abstand vielleicht ganz gut tun.
„Also gut,“ nickte er schließlich widerwillig. „Du machst die Tour und danach sehen wir weiter. Aber bitte ... komm mir hinter nicht mit irgendwelchen Ausreden oder dass noch weiter Termine anstehen oder dass du erst noch ein Album machen musst oder sonst irgendeinem Schwachsinn.“
„Ich verspreche es,“ nickt sie beinahe feierlich, was seine Mundwinkel mit einem kurzen, lächelnden Zucken quittierten.
Sie schwiegen beide eine Weile und starrten vor sich hin. Irgendwie war das hier ganz anders gelaufen, als er sich das vorgenommen hatte. War er nicht mit dem Vorsatz in das Schlafzimmer gegangen, diese Beziehung zu beenden? Aber wenn auch nur die kleinste Chance bestand, dass sie wieder zu der alten Amy zurückfand, die er so sehr geliebt hatte, dann lohnte sich diese Wartefrist auf jeden Fall.
Er spürte, wie sie sich neben ihm bewegte und als er zu ihr hinüber sah, hatte sie sich bereits ganz nahe an ihn heran geschoben.
„Würdest du ... ,“ sagte sie leise, biss sich dann auf die Lippen und sprach nicht weiter.
„Natürlich,“ lächelte er sanft, breitet die Arme aus und fühlte gleich darauf ihren Körper, der sich zwischen seine Beine schob und sich an ihn schmiegte.
Er schloss die Augen und drückte sie fest an sich. Er fühlte, wie sein Herzschlag augenblicklich in die Höhe schnellte und sich in seinem Inneren eine angenehme Wärme ausbreitete. Alleine der Umstand, dass Amy diesen einen Schritt auf ihn zugemacht hatte machte ihm deutlich, dass er sich richtig entschieden hatte. Vielleicht war Zeit tatsächlich alles was sie brauchten. Hatte nicht jeder, echte Frieden mit einem Waffenstillstand begonnen?

Kapitel 43