Kapitel 41

Ein paar Tage nachdem Amy das Krankenhaus wieder hatte verlassen dürfen, hatten sie erneut einen Termin bei dem behandelnden Professor. Die Untersuchungsergebnisse lagen nun komplett vor und sie würden heute endlich erfahren, ob Amy tatsächlich kerngesund war oder ihr doch irgendetwas fehlte.
Nachdem die Ärzte bei ihrem dreitägigen Aufenthalt erst einmal nichts ungewöhnliches festgestellt hatten, wirkte Amy erleichtert, was dazu führte, dass sie Alex gegenüber beinahe umgänglich wurde. Sie konnten sich wie zwei normale Menschen unterhalten, sie gingen sogar einen Abend gemeinsam zum Essen aus und versuchten dabei irgendwie so zu tun, als sei die Situation, in der sie sich befanden, vollkommen normal.
Doch für Alex war nichts mehr normal. Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er Amy verstohlen von der Seite musterte und sich fragte, wo ihre liebevolle, zärtliche, verständnisvolle Art hingekommen war. Auch wenn sie ihn im Moment nicht mehr anfeindete oder ihm Vorwürfe machte, so lebten sie doch eher wie flüchtige Bekannte zusammen. Amy tat wozu sie gerade Lust hatte, was ihn meistens nicht mit einschloss.
Sie verbrachte einen ganzen Tag mit Larry um sich auf den neusten Stand ihrer Karriere bringen zu lassen und kehrte strahlend und mit der Information zurück, dass demnächst eine große Tour anstand und sie damit mehrere Wochen in den USA unterwegs sein würde. Auch eine Europa-Tour schloss das Label nicht aus und Amy überschlug sich beinahe vor Tatendrang und Erfolgsfantasien.
Das einzige, was diesem Ganzen noch im Wege stand, waren die abschließenden Untersuchungsergebnisse und so wirkte sie nun verständlicher Weise mehr als angespannt, als Jack den Wagen auf den Parkplatz des Krankenhauses lenkte.
Ihre Hände umkrampften den Riemen ihrer Handtasche ganz fest, ihre Lippen waren zu einem schmalen, bleichen Strich zusammen gepresst und Alex konnte förmlich ihren hämmernden Herzschlag hören, der in der kleinen Kuhle unter ihrem Hals pulsierte.
Ihm lag bereits auf der Zunge, irgendetwas wie „das wird schon“ oder „mach dir keine Sorgen, sie haben bestimmt nichts gefunden“ zu sagen, doch da er inzwischen wusste, dass Amy auf diese gut gemeinten Floskeln keinen Wert legte, verkniff er sich diese lieber.
Zwei Fotografen waren ihnen bis zum Krankenhaus gefolgt und während Amy an Alex Seite dem Eingang entgegen hastete, baute sich Jack vor ihnen auf und machte ihnen unmissverständlich klar, dass sie jetzt besser Leine ziehen sollten.
Der Weg bis zum Büro des Professors war ihnen inzwischen vertraut. Schweigend durchschritten sie die langen Gänge, fuhren mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock hinauf und meldeten sich dann bei der Sekretärin an. Keine fünf Minuten später wurden sie in das Büro gebeten. Die junge, attraktive Sekretären erklärte ihnen, dass der Professor bei einem Patienten aufgehalten worden sei, aber auf dem Weg hier her wäre und bot ihnen etwas zu trinken an. Nachdem sie beide dankend ablehnten, zog sie sich leise zurück und schloss die Tür hinter sich.
Etwas unschlüssig standen Alex und Amy in dem großen Büro, das einen wunderschönen Ausblick über den Krankenhauspark bot. Vor einem mit Papieren überladenen, wuchtigen Schreibtisch aus dunklem Holz standen zwei Ledersessel, in denen sie schließlich zögernd Platz nahmen.
Nervös zupften Alex’ Finger an den Lederbändern um seine Handgelenke, während er immer wieder einen schnellen Blick zu Amy hinüber warf und sich fragte, wie sie sich wohl gerade fühlte. Die beiden Sessel standen so weit auseinander, dass er nicht einfach zu ihr hinüber langen und sie berühren konnte. Dazu hätte sie ebenfalls die Hand nach ihm ausstrecken müssen und für einen flüchtigen Moment schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass dies beinahe ein Sinnbild für ihre momentane Beziehung darstellte: Er alleine konnte die Kluft zwischen ihnen nicht überwinden und Amy machte im Moment keinerlei Anstalten, um ihm auf diesem Weg entgegen zu kommen.
Bevor er sich allerdings weiter in solch sinnlose Gedanken verstricken konnte, wurde hinter ihnen die Tür geöffnet und der Professor rauschte herein. Alex schätzte ihn auf Mitte vierzig, erste silberne Strähnen zeigten sich in dem ansonsten dunkelbraunen Haar und eine randlose Brille verlieh ihm ein distinguiertes Aussehen, was allerdings die legeren Jeans unter seinem weißen Arztkittel etwas dämpfte.
„Entschuldigen sie die Verspätung,“ lächelte er und schüttelte erst Amy und dann Alex die Hand, bevor er sich hinter seinem Schreibtisch nieder ließ, einen kleinen Piepser aus der Brusttasche hervorzog und ihn neben sich auf die polierte Schreibtischplatte legte.
„Wenn sie mir gleich sagen, dass ich kerngesund bin, kann ich durchaus darüber hinweg sehen,“ entgegnete Amy mit einem angestrengten Lächeln.
„Tja, da wollen wir doch mal nachsehen, nicht wahr?“ gab der Professor zurück, zog eine dicke Aktenmappe zu sich heran und entnahm ihr einige Röntgenbilder.
Er klemmte diese an einen großen, weißen Kasten an der Wand, wandte ihnen damit den Rücken zu und schaltete gleich darauf die Leuchtstoffröhren dahinter ein.
Alex war der Meinung, es gleich nicht mehr aushalten zu können. Hätte der Arzt nicht einfach sagen können „ja, es ist alles in Ordnung. Auf Wiedersehen.“? Aber nein, jetzt stand er mit gerunzelter Stirn und hinter dem Rücken verschränkten Händen vor den Aufnahmen von Amys Innenleben und musterte diese aufmerksam. In Alex keimte der Verdacht auf, dass vielleicht doch nicht alles in Ordnung sein könnte. Immerhin ging er davon aus, dass der Professor zumindest schon einmal einen Blick in Amys Akte geworfen hatte und somit bereits wusste, wie es um ihre Gesundheit stand.
„Also ... ,“ machte der Professor schließlich und drehte sich wieder zu ihnen herum. „Auf den Bildern ist jedenfalls nichts verdächtiges zu erkennen.“
Amy und Alex stießen gleichzeitig einen erleichterten Seufzer aus, doch der Arzt sprach ungerührt weiter.
„Leider erklärt dies immer noch nicht, warum ihnen gute vier Monate ihres Lebens fehlen. Für solche Gedächtnislücken kann es mehrere Gründe geben.“ Während er redete, ging er wieder um seinen Schreibtisch herum, ließ sich gleich darauf in seinen Sessel sinken und faltete die Hände auf der Tischplatte. „Eine organische Ursache können wir jedenfalls mit ziemlicher Sicherheit ausschließen, bleibt also eine psychische.“
Amy starrte den Arzt an, als sei er nicht mehr ganz bei Trost. „Psychisch? Was soll denn das bedeuten? Dass ich komplett durchgedreht bin?“
„So würde ich es nicht ausdrücken,“ entgegnete der Professor mit einem sanften Lächeln. „Es ist möglich, dass es in ihrer Vergangenheit ein Ereignis gab, das so schwerwiegend für sie war, dass sie es komplett verdrängt und sich sozusagen eine neue Identität zugelegt haben.“
„Unmöglich,“ stellte Amy mit fester Stimme fest.
„Sind sie sich da mal nicht so sicher,“ tadelte der Arzt sanft. „Natürlich muß es ihnen so vorkommen, als hätte so etwas nie statt gefunden. Trotzdem sollten sie sich vor Augen halten, dass für sie die letzten vier Monate nicht existieren, obwohl sie sie nachweislich erlebt haben und dies noch dazu mit einer kompletten Persönlichkeitswandlung einhergegangen ist.“
„Aber mein Leben war vorher perfekt!“ widersprach Amy heftig.
„So würde ich das nicht unbedingt sagen,“ gab Alex zu bedenken und ärgerte sich gleich darauf über seinen unbedachten Kommentar, da Amy ihn sofort mit einem tödlichen Blick bedachte.
„Ich hatte ein paar Schwierigkeiten wie jeder normale Mensch auch,“ zischte sie in seine Richtung.
„Amy. Es bringt doch nichts, dir etwas vorzumachen,“ entgegnete er vorsichtig. „Die Sache mit dem Album, die ganzen Journalisten, die ... ,“
„Das war doch nichts,“ behauptete sie und ballte die Fäuste in ihrem Schoß.
„Nichts?“ gab er aufgebracht zurück. „Du hast dich komplett in dein Schneckenhaus zurückgezogen und uns das Leben zur Hölle gemacht. Das nennst du „nichts“?“
„Ich ... ,“ setzte Amy an, doch der Professor unterbrach sie.
„Stress kann manchmal tatsächlich ein Auslöser für derartige Gedächtnislücken sein. Natürlich ist der ganze Ablauf nach wie vor sehr ungewöhnlich.“
„Das können sie laut sagen,“ schnaubte Amy. „Aber ich bin nicht verrückt und ich hatte auch nicht mehr Stress als sonst. Ja, das mit dem Album war schon ein ziemlicher Tiefschlag, aber deshalb vergesse ich doch nicht einfach ein paar Monate meines Lebens. Abgesehen davon lag das alles zu diesem Zeitpunkt schon ein gutes Jahr zurück.“
„Es ist aber trotzdem sehr auffällig, dass du ausgerechnet dann zurück kommst, wenn plötzlich alles wieder bestens läuft,“ gab Alex zu bedenken und fragte sich gleichzeitig, warum er nicht einfach den Mund hielt. Alles was er jetzt sagte, würde ihm Amy später doppelt und dreifach zurückzahlen.
„Ohne weitere Untersuchungen können wir jedenfalls keine eindeutige Aussage treffen,“ meldete sich der Professor wieder zu Wort. „Ich habe einen Kollegen, der sich auf Fälle wie ihren spezialisiert hat. Er würde gerne einige Tests mit ihnen durchführen, wenn sie nichts dagegen haben.“
„Ich habe aber etwas dagegen,“ gab Amy bestimmt zurück. „Ich habe in nächster Zeit ziemlich viele Termine und Verpflichtungen. Außerdem werde ich bald auf Tournee sein und kann somit unmöglich hier her kommen. Das verstehen sie sicher.“
Der Arzt senkte für einen Moment den Blick hinunter auf die Tischplatte und Alex war sich ziemlich sicher, dass er im Moment das gleiche dachte wie er: Wenn Amy ihre Karriere wichtiger war als ihre Gesundheit, konnte man da wohl nichts machen.
„Ich verstehe,“ nickte der Professor schließlich. „Aber sie sollten trotzdem noch einmal darüber nachdenken. Wenn ich das richtig sehe, setzten sie sich in nächster Zeit einer gehörigen Menge Stress aus und ich glaube nicht, dass irgendjemandem damit gedient ist, wenn sie mitten in einem großen Konzert wieder zusammen brechen und nicht mehr wissen, wer und wo sie eigentlich sind.“
Alex schluckte trocken und senkte den Blick beschämt auf die Hände in seinem Schoß hinunter. Ihm war bei den Worten des Professors sofort der Gedanke durch den Kopf geschossen, dass er Amys Zusammenbruch sogar gerne in Kauf genommen hätte, wenn sie danach wieder die Frau sein konnte, die er im Moment so schmerzlich vermisste.
„Ich weiß ihre Besorgnis zu schätzen,“ gab Amy kühl zurück. „Aber ich fühle mich dieser Situation durchaus gewachsen. Ich glaube demnach nicht, dass es irgendeinen Grund zur Beunruhigung gibt. Sollte dennoch irgendetwas in diese Richtung vorfallen, werde ich wohl mit ihrem Kollegen sprechen müssen. Aber erst dann.“
„Wie sie meinen,“ gab der Arzt zurück, doch ihm war anzusehen, dass er von Amys Vorschlag nicht das Geringste hielt.
„Wenn ich sie also richtig verstanden habe, bin ich organisch vollkommen gesund, richtig?“ fragte Amy noch einmal nach.
„Richtig,“ nickte der Professor.
„Gut. Dann vielen Dank für ihre Mühe Herr Professor.“
Amy erhob sich und schüttelte dem Mann über seinen Schreibtisch hinweg die Hand. Alex blieb also nichts anderes übrig, als es ihr gleich zu tun und sich mit einem entschuldigenden Lächeln bei dem Arzt zu bedanken.
Wenig später standen sie wieder in dem lagen Krankenhausflur.
„Sagt der doch tatsächlich ich wäre verrückt,“ murmelte Amy neben ihm kopfschüttelnd, während sie den Fahrstühlen zustrebten.
„Meinst du nicht, er kennt sich mit so etwas besser aus als du oder ich?“ gab Alex zu bedenken.
„Ich möchte mal eines klar stellen,“ sagte Amy, blieb abrupt stehen und funkelte ihn böse an. „Ich bin vollkommen klar im Kopf. Nur, weil ich mich an die letzten Wochen nicht erinnern kann heißt das nicht, dass ich vollkommen durchgeknallt bin, klar? Mit meinem Kopf ist alles in bester Ordnung und niemand, ich wiederhole niemand, darf sich anmaßen, daran zu zweifeln.“
„Ist ja schon gut,“ gab Alex, inzwischen ebenfalls wütend zurück und hob abwehrend die Hände. „Aber komm hinterher nicht und jammer mir die Ohren voll, weil du die Tour unterbrechen musst.“
„Ich werde diese Tour machen, ob dir das nun passt oder nicht.“
„Das will dir doch auch gar keiner nehmen.“ Er war inzwischen lauter geworden und kümmerte sich dabei nicht um die befremdlichen Blicke, die ihnen einige Schwestern und Patienten zuwarfen. „Aber du bist womöglich ernsthaft krank. Verstehst du das nicht? Nur weil sie auf den Bildern nichts gefunden haben heißt das noch lange nicht, dass du kerngesund bist. Ich habe einmal den Fehler gemacht und alles so weiterlaufen lassen, ich möchte nicht, dass mir dies ein zweites Mal zum Vorwurf gemacht wird, klar?“
„Oh ja. Alles klar. Es geht hier wie immer nur um dich. Du willst aus der Nummer raus, weil du ein schlechtes Gewissen hast. Aber nicht mit mir mein Lieber,“ schleuderte sie ihm entgegen, drehte sich auf dem Absatz herum und betrat den Fahrstuhl.
Die Türen hatten sich hinter ihr längst geschlossen, bevor er sich auch nur in der Lage sah, wieder tief Luft zu holen. Wie konnte ein einzelner Mensch nur so verbohrt und widerspenstig sein? Verstand sie denn nicht, dass er sich Sorgen um sie machte? Dass ihn der Gedanke, dass mit ihr tatsächlich etwas nicht stimmte, beinahe wahnsinnig machte?
Langsam ging er den Flur hinunter und zog gleich darauf die Tür zum Treppenhaus auf. Vielleicht würde ihn ein bisschen Bewegung so weit abkühlen, dass er Amy nicht gleich erwürgte, wenn er sie unten am Wagen traf. Wie hatte er es nur zwei lange Jahre mit ihr aushalten können? Mit jeder Sekunde wurde ihm dies unbegreiflicher. Die letzten vier Monate klammerte er dabei aus und als er am untersten Treppenabsatz ankam, wurde ihm klar, dass genau das das Problem war.
Er hatte erkannt und live miterlebt, wie es in einer Beziehung sein konnte, in der man sich liebte und ohne Wenn und Aber zueinander stand. Im Moment glich seine derzeitige Beziehung eher dem dritten Weltkrieg. Da wurde ohne Rücksicht auf Verluste taktiert, gelogen, geschwiegen und verletzt. Warum das alles? Welchen Sinn hatte diese Beziehung denn eigentlich noch?

Kapitel 42