Kapitel 40

Vier Tage befand Keylie sich nun schon wieder in ihrem alten Körper und in ihrem alten Leben. Vier endlos lange Tage ohne Alex.
Nachdem sie erst einmal richtig zu sich gekommen war, die Verwirrung und den Schmerz darüber, dass sie in einem Atemzug alles verloren hatte, was ihr wichtig gewesen war abgeschüttelt hatte, versuchte sie nach vorne zu sehen. Auch wenn ihr dies mehr als schwer fiel. Sie sagte sich immer wieder, dass sie froh sein sollte, dass sie nicht tot war. Selbst die Wunden, die sie sich bei dem Autounfall vor gut vier Monaten zugezogen hatte, waren verheilt, während ihr Körper bewegungsunfähig und ohne erkennbare Hirnaktivität dahin vegetierte. Das Leben ging somit weiter und auch wenn dieser ganze Körperwechsel sicherlich die Idee eines sehr sadistisch veranlagten Geistes gewesen war, so hatte er ihr damit doch gezeigt, was sie alles erreichen konnte, wenn sie sich nur genug anstrengte.
Die erste Devise hieß nun also, wieder auf die Beine zu kommen. Um alles andere konnte sie sich hinterher immer noch kümmern.
Demnach versuchte sie die Gedanken an Alex und die Sehnsucht nach seinen Berührungen, seiner Stimme, seinem Lächeln und seinem ihr so vertrauten Gesicht in den hintersten Winkel ihrer Gedanken zu schieben und sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.
Am Tag funktionierte dies auch zumindest ansatzweise. Ihre Eltern kümmerten sich rührend um sie, lenkten sie damit von ihren trüben Gedanken wenigstens zeitweise ab und Keylie genoss es tatsächlich das erste Mal nach langer Zeit, die beiden wieder um sich zu haben. Vor ihrem Unfall waren Besuche bei ihnen für sie eher eine Pflichtübung gewesen, doch heute hatte sie gelernt, wie wichtig ihre Familie war, wie sehr sie sich auf die beiden verlassen konnte und wie sehr sie sie liebten.
Sie begleiteten sie zu allen Untersuchungen, waren bei der Physiotherapie bei ihr, die Keylies Muskeln und Gelenke wieder dazu bringen sollten das zu tun, was sie von ihnen wollte und lasen ihr jeden Wunsch von den Augen ab.
Bereits am zweiten Tag hatte Keylie genug davon, untätig in ihrem Bett herum zu liegen, also verfrachteten sie die Schwestern in einen Rollstuhl und ihr Vater schob sie gleich darauf aus ihrem Zimmer, hinunter in die Empfangshalle und hinaus in einen riesigen Garten, dessen verschlungene Kieswege von hohen Bäumen gesäumt wurde und Keylie das erste Mal nach ihrem Aufwachen wieder frei atmen ließ.
So weit so gut.
Doch in der Nacht, wenn ihre Eltern gegangen und die Aktivitäten des Tages beendet waren, in den Fluren langsam Ruhe einkehrte und die Schwestern für die Nachtschicht eintrafen, holten sie ihre Verzweiflung und der Schmerz wieder ein.
Immer wenn sie die Augen schloss, sah sie Alex’ Gesicht vor sich, in ihren Träumen wurde sie von Erinnerungen an ihn verfolgt und jede Faser ihres Körpers schien laut und deutlich seinen Namen zu schreien. Sie fühlte sich unvollkommen, allein und einsam und die Gewissheit, dass er im Moment mit Amy zusammen war, machte das Ganze nicht wirklich besser.
Wieder und wieder fragte sie sich, wie es ihm wohl ging, ob das Verschwinden ihres Geistes Auswirkungen auf ihn und seine Beziehung gehabt hatte und ob er jetzt glücklich mit der Frau an seiner Seite war.
War ihm überhaupt aufgefallen, dass sie nicht mehr da war? Vermisste er sie und fragte sich gleichzeitig, wie das sein konnte, wo doch Amy so offensichtlich immer noch da war?
Wenn sie versuchte, sich von diesen quälenden Gedanken abzulenken, schweifte sie grundsätzlich in die Zukunft ab. Sie fragte sich, ob sie Alex jemals wieder sehen würde und wenn ja, ob er in ihr die Frau wieder erkannte, die er einmal mit so viel Leidenschaft geliebt hatte. Würde sie überhaupt den Mut aufbringen, ihm wieder gegenüber zu treten? Die Vorstellung, dass sie vor Alex stand und er sie wie eine Fremde ansehen und behandeln würde, war beinahe mehr als sie ertragen konnte. Vielleicht war es da einfach besser den Dingen ihren Lauf zu lassen und für ihn zu hoffen, dass er mit der wahren Amy glücklich wurde.
Die Aussichten dafür standen ja noch nicht einmal schlecht. Sie hatte sich erkundigt und erfahren, dass „Mirrors“ wie eine Bombe in die Top 20 der US-Charts eingestiegen war. Demnach hatte Amy keinen Grund mehr mit ihrem Leben und ihrer Karriere zu hadern und wenn sie zufrieden mit sich selbst war, würde sie vielleicht auch wieder zufrieden mit ihrer Beziehung sein.
Hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, dass Alex endlich das Glück fand, dass ihm zustand und dem Hoffen, dass sie den Klatschspalten bald entnehmen konnte, dass Alex und Amy sich getrennt hatten, verbrachte sie ihre Nächte zwischen wenig Schlaf und viel Grübeln, Weinen und Verzweiflung.
Am vierten Tag schließlich, betrat ihr Vater spät am Nachmittag Keylies Krankenzimmer. Ihre Mutter hatte heute selbst einen Arzttermin und konnte von daher nicht kommen, doch Bob Constance war direkt nach der Arbeit ins Krankenhaus geeilt, was immerhin einer Wegstrecke von fast einer Stunde entsprach.
„Na mein Hase? Wie geht es dir heute?“ begrüßte er sie, drückte ihr einen Kuß auf die Stirn und legte ihr einige Magazine auf den kleinen Nachtschrank, die er in dem Zeitungsladen im Erdgeschoss erstanden hatte.
„Ganz gut eigentlich,“ entgegnete Keylie, was zwar in Bezug auf ihren Körper der Wahrheit entsprach, ihr Gefühlschaos allerdings nicht mit einschloss.
„Das freut mich. War der Arzt heute schon da? Haben sie etwas gesagt, wann wir dich mit nach Hause nehmen dürfen?“
„Das wird wohl noch ein, zwei Wochen dauern Dad,“ bemerkte Keylie lächelnd.
Wenn ihr Vater gekonnt hätte, hätte er sie gleich nach dem Aufwachen in sein Auto gepackt und sie wieder in ihr altes Jugendzimmer verfrachtet. Er war der Meinung, dass ein Mensch nur zu Hause, in seiner vertrauten Umgebung und mit Menschen, die ihn liebten, wieder richtig gesund werden konnte.
„Was tun denn die Ärzte, was wir nicht könnten, hm?“ beschwerte er sich auch sofort. „Deine Beine ein bisschen hin und her bewegen, deine Arme über deinem Kopf verdrehen und dir jeden Morgen deine Medikamente einflößen, kann doch wirklich jeder.“
„Dad!“ lachte Keylie. „Du glaubst wirklich, mich zu verbiegen wie eine Gummipuppe, macht mich wieder gesund?“
„Nein,“ gab er schmunzelnd zu, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben ihr Kopfende. „Aber es würde uns vieles erleichtern.“
„Ich weiß,“ nickte Keylie, die inzwischen eine ungefähre Vorstellung davon hatte, wie anstrengend die letzten Monate für ihre Eltern gewesen waren. Einmal ganz abgesehen davon, dass sie jeden Tag die vielen Meilen in Kauf genommen hatten um an ihrem Bett wachen zu können, war die emotionale Belastung noch lange nicht verdaut.
„Erzähl mir, was es neues gibt,“ bat Keylie, während sie auf dem Nachttisch nach einer Packung Kekse tastete.
„Moms Arzttermin ist gut verlaufen. Der Doc sagt, sie ist so gesund wie eine Zwanzigjährige, sie solle allerdings von solchen Dingen wie Bungee-Jumping und Fallschirmspringen Abstand nehmen.“
Keylie schmunzelte, während sie versuchte ihre Finger durch reine Willenskraft dazu zu bringen, den dünnen Kekskarton zu fassen zu kriegen.
„Kannst du sie dir mit einem Gummiseil an ihren Beinen vorstellen?“ kicherte sie, lehnte sich noch etwas weiter aus dem Bett und angelte weiterhin nach der Packung.
„Oh, deine Mom war damals ein heißer Feger,“ grinste ihr Dad. „Ich befürchte, nichts und niemand hätte sie davon abgehalten, es wenigstens mal zu versuchen. Warte ich helfe dir,“ verkündete er dann, nachdem sich Keylie immer noch abmühte, die Packung ordentlich zu fassen zu bekommen. Das Problem war nicht etwa die Entfernung, denn der Karton stand durchaus in Reichweite, sondern die Unbeweglichkeit ihrer Finger, die sich noch nicht wieder vollkommen daran gewöhnt hatten, dass sie nicht mehr 24 Stunden am Tag untätig auf der Bettdecke herum lagen.
„Nein Dad,“ bremste Keylie ihn sofort. „Ich schaffe das auch alleine. Wäre doch gelacht, wenn ich mich von so einer dämlichen Kekspackung unterkriegen lassen würde.“
„Meinetwegen. Aber beschwer dich hinterher nicht bei mir, dass du verhungerst,“ gab Bob Constance schulterzuckend zurück, während er aufmerksam Keylies Bemühungen verfolgte.
Schließlich krampften sich ihre schlaffen Finger um den schmalen Karton und mit einem triumphierenden Grinsen zog sie ihn gleich darauf zu sich heran.
„Siehst du, geht doch. Ich muß also nicht verhungern.“
„Na Gott sei ... ,“
Das letzte Wort ging in dem lauten Klatschen unter, mit dem die Magazine auf dem Boden fielen.
„Super. Nicht verhungert aber vollkommen uninformiert,“ schmerzte Keylie halbherzig, die vor lauter Frust über ihre offensichtliche Unfähigkeit am liebsten irgendetwas gegen die Wand geschleudert hätte.
„Mach dir nichts daraus mein Schatz,“ sagte Bob, während er sich nach den Magazinen bückte und sie wieder einsammelte. „Das kommt auch wieder in Ordnung. In ein paar Wochen bist du wieder ganz die Alte.“
„Ich hoffe es Dad. Das macht mich noch wahnsinnig. Ich kann nicht alleine aufstehen geschweige denn laufen, selbst mich anzuziehen ist unglaublich anstrengend. Essen geht mittlerweile sogar, wofür ich echt dankbar bin.“
„Schade. Damit nimmst du deiner Mutter das Gefühl, wieder einen Säugling im Haus zu haben,“ grinste ihr Vater und legte die Magazine zurück auf den Nachttisch.
Bevor Keylie irgendetwas darauf erwidern konnte, wechselte er allerdings abrupt das Thema.
„Hey, die kenne ich doch,“ sagte er verwundert und zog das nun zu oberst liegende Magazin zu sich heran.
„Wen?“ fragte Keylie interessiert und beugte sich ein Stück nach vorne um besser sehen zu können.
Das Titelbild zeigte das Gesicht von Angelina Jolie in Großaufnahme, darüber versprachen Schlagzeilen die neusten Bilder ihrer Kinder im Heft abzubilden und das Geheimnis um die neusten Modetrends aus Paris zu lüften.
„Du kennst Angelina Jolie?“ fragte Keylie skeptisch.
„Wen?“ fragte ihr Vater mit gerunzelter Stirn zurück, was Keylie zum Lachen brachte.
„Die Frau da auf dem Titelbild,“ informierte sie ihn und tippte zur Bekräftigung auf Angelinas zierliche Nase.
„Nein, doch nicht die. Die da,“ entgegnete er und deutete auf einen kleines Foto am unteren Ende des Covers. Die Bildunterschrift verkündete Amy Salinas in Klinik eingeliefert - Wie ihr Freund AJ McLean ihr in ihren schwersten Stunden beisteht.
Um Keylie begann sich augenblicklich alles zu drehen und ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Bisher hatte sie es erfolgreich vermieden irgendwelche Artikel über Amy oder Alex zu lesen, doch jetzt sprang ihr dieses Foto buchstäblich ins Gesicht. Das Bild war von hinten geschossen worden. Sie erkannte Jack, der ein paar Schritte vor Amy und Alex auf den Hintereingang eines Gebäudes zuging. Sie schluckte schwer, als sie die ineinander verschlungenen Finger von Amy und Alex erkannte. Wie hatte sie auch jemals daran denken können, dass er die wahre Amy plötzlich nicht mehr lieben könnte? Das hier bewies doch ganz eindeutig, dass sie immer noch zusammen waren.
„Was meinst du damit, dass du sie kennst?“ fragte Keylie nach und selbst in ihren Ohren klang ihre Stimme seltsam angespannt.
„Ich habe sie damals getroffen, als du hier eingeliefert wurdest,“ erklärte ihr Dad und schlagartig waren die Bilder in Keylies Kopf wieder da.
Der Abend als sie sich geschnitten hatte, ihre Eltern im Krankenhaus, das Gefühl, als sie sich klar machte, dass sie sie nicht erkannten und dann am nächsten Tag ihr zufälliges Zusammentreffen mit ihrem Vater in der Cafeteria des Krankenhauses.
Es war schon verrückt. Er kannte zwar Amy Salinas, hatte aber zu dieser Zeit mit seiner eigenen Tochter gesprochen.
„Und gestern habe ich sie auch wieder getroffen,“ fuhr ihr Vater fort und diesmal traf sie diese Mitteilung wie ein Faustschlag in die Magengrube. Amy war hier? Und Alex?
„E-Echt?“ brachte sie irgendwie hervor. Gott sei Dank schien ihr Vater zu sehr auf das Foto in seinem Schoß konzentriert zu sein um ihre Aufregung zu bemerken, denn er fuhr selenruhig fort.
„Ja. Echt. Ihr Freund war auch dabei. Dieser Alex oder AJ, wie es hier heißt. Sie wirkte ein bisschen blass und ... na ja ... ich glaube, sie hat sich nicht mehr wirklich an mich erinnert. Aber was erwarte ich alter Mann auch,“ befand er dann abschließend und schenkte Keylie ein breites Grinsen. „ich bin eben nicht mehr so attraktiv wie früher. Da hätte sie mein Gesicht ganz bestimmt nicht vergessen. Gott, wenn ich gewusst hätte, dass sie berühmt ist, hätte ich dir ein Autogramm von ihr besorgt.“
„Das ... ist ... nicht nötig,“ stammelte Keylie, die die ganze Zeit nur daran denken konnte, dass sie Alex so unglaublich nahe gewesen war ohne es zu wissen.
„Ist mit dir alles in Ordnung mein Schatz?“ fragte ihr Vater plötzlich, legte das Magazin unbeachtet zur Seite und erhob sich von seinem Platz. „Du sieht ganz blass aus,“ stellte er fest und streichelte ihr sanft über die Wange.
„Nein, nein, mir geht es gut. Ist wohl nur der Kreislauf,“ beeilte Keylie sich zu sagen, während sie tiefer in die Kissen sank und für einen Moment die Augen schloss.
„Hm, das gefällt mir gar nicht. Ich glaube, ich werde mal eine Schwester kommen lassen, die ... ,“
„Nein Dad,“ wehrte Keylie ab, öffnete die Augen und versuchte ihr rasendes Herz zu beruhigen. „Erzähl mir lieber von deiner Begegnung mit gleich zwei prominenten Personen. Das muß ja irre aufregend gewesen sein.“
„Ach was,“ winkte ihr Dad ab, der sich nur widerwillig, wie es schien, wieder hinsetzte. „Sie war ziemlich ruhig dieses Mal, er hat die meiste Zeit geredet.“
„Was hat er gesagt?“ fragte Keylie aufgeregt und richtete sich in ihren Kissen auf.
„Ach du je ... nicht wirklich viel. So belangloses Blah Blah eben. Wieso? Bist du an dem Kerl interessiert?“ grinste ihr Vater breit und wackelte mit den Augenbrauen.
„Ach was,“ wehrte Keylie ab und ließ sich wieder in die Kissen fallen. „Ich finde es nur so aufregend, das ist alles.“
„Hm,“ brummelte ihr Vater und musterte sie dabei aus wissenden Augen.
„Sind sie noch hier? Vielleicht begegne ich ihnen ja bei einer meiner Therapieausflüge,“ sagte Keylie und versuchte dabei so gefasst wie möglich zu klingen.
„Ich glaube er sagte, dass sie heute wieder nach Hause fahren. Sie sind also höchstwahrscheinlich schon weg.“
„Oh,“ hauchte Keylie und konnte ihre Enttäuschung nun nicht mehr verbergen.
Alex war hier gewesen und sie hatte ihn verpasst. Wäre dies ein romantischer Liebesfilm, wären sie sich bestimmt auf einem der Flure über den Weg gelaufen und er hätte sofort erkannt, dass da der Geist seiner Freundin an ihm vorbei geht. Sie wären sich in die Arme gefallen, hätten sich gegenseitig ihre grenzenlose Liebe gestanden und hätten glücklich bis an ihr Lebensende zusammen gelebt.
Vielleicht waren sie also doch nicht vom Schicksal füreinander bestimmt und diese Erkenntnis schmerzte Keylie mehr, als alle bisherigen zusammen.

Kapitel 41