Kapitel 39

Zwei Tage später saß Alex auf einer Metallbank, die überall in den langen Krankhausfluren zu finden waren, und wartete darauf, dass Amy von einer ihren zahlreichen Untersuchungen zurückkehrte. Es kam ihm so vor, als hätte er mindestens vierzig der vergangenen achtundvierzig Stunden so verbracht: Wartend, gelangweilt, angespannt, besorgt.
Sein Kopf ruhte an der Wand, die Augen fielen ihm immer wieder zu und er gähnte verstohlen. Hoffentlich war dieser endlose Untersuchungsmarathon bald vorbei, wenn er sich auch nicht ganz sicher war, welches Ergebnis ihm lieber wäre: Wenn die Ärzte irgendeine Krankheit bei Amy feststellen, oder wenn sie gar nichts fanden. Im ersten Fall hatten sie vielleicht wenigstens die Möglichkeit irgendetwas zu tun, in letzterem war es wohl sehr wahrscheinlich, dass Amy genau so bleiben würde, wie sie im Moment war und dieser Gedanke schnürte ihm immer wieder die Kehle zu.
In diesem Moment ging die Tür neben ihm auf und Amy trat heraus. Sie verabschiedete sich von jemandem, den er nicht sehen konnte und schloss dann leise die Tür hinter sich, während sie sich ihre Krankenakte, die mittlerweile auf einen beachtlichen Umfang angewachsen war, an die Brust drückte.
Sie trug pinkfarbene Jogginghosen und ein schwarzes T-Shirt, ihre Augen wirkten müde in dem blassen Gesicht und es schien, als hätte sie in der kurzen Zeit, in der sie hier waren, die Hälfte ihres Gewichts verloren. Sie wirkte auf ihn in diesem Moment so unglaublich zerbrechlich und schutzbedürftig, dass er automatisch aufstand und sie vorsichtig an sich zog.
„Und, was sagen sie?“ fragte er leise, während er ihren Rücken streichelte.
„Das übliche,“ murmelte sie. „Auf den ersten Blick können sie nichts außergewöhnliches feststellen und wir müssen die genauen Befunde abwarten.“
„Ätzend,“ murmelte er, was sie mit einem leisen Schnauben quittierte. „Na dann komm. Ich bring dich zurück auf dein Zimmer.“
„In Ordnung,“ entgegnete sie und er fühlte, wie sie an seiner Schulter nickte.
Er nahm ihr die Krankenakte ab, legte ihr einen Arm um die Schulter und führte sie den Gang hinunter. Zwei Schwestern kamen ihnen entgegen, offensichtlich in ein angeregtes Gespräch vertieft, das jedoch sofort verstummte und einem angestrengten Lächeln wich, als sie sie erkannten. Er versuchte dies zu ignorieren, doch Amy schaute provozierend in die grinsenden Gesichter und reckte kämpferisch das Kinn vor. Augenblicklich wurde ihm mulmig. In den letzten zwei Tagen hatte er die gesamte Bandbreite von Amys Charakter zu sehen bekommen. Von Weinkrämpfen, Heiterkeitsausbrüchen, über dumpfes Schweigen bis hin zu orkanartigen Wutausbrüchen war alles dabei gewesen und er konnte beim besten Willen nicht voraussagen, wie sie als nächstes reagieren würde.
Doch bevor sie den beiden Schwestern irgendeinen gehässigen Kommentar entgegenschleudern konnte, wurden sie unvermittelt von einer männlichen Stimme angesprochen.
„Amy?“
Alex und Amy fuhren gleichzeitig zu dem älteren Herrn herum, der auf einer der Bänke saß, ebenfalls eine gut gefüllte Krankenakte auf dem Schoß hielt und sich jetzt schwer von seinem Sitzplatz in die Höhe stemmte.
„Das ist doch richtig, oder? Ich habe es nicht so mit Namen, wissen sie?“ lächelte der Mann, der Alex vage bekannt vorkam, wenn er auch keine Ahnung hatte, wo er ihn einsortieren sollte.
„Kenne ich sie?“ fragte Amy spitz und Alex spürte, wie ihr Griff um seine Taille etwas fester wurde.
Klar, auf die Ansprache von irgendwelchen Fans oder neugierigen Zeitungslesern hatte er auch keine große Lust, aber dieser Mann wirkte irgendwie nicht so, als würde er zu einer dieser beiden Kategorien gehören.
„Entschuldigen sie,“ beeilte sich der Mann zu sagen. „Wir haben uns vor einigen Monaten kennen gelernt. Als sie sich an der Hand verletzt hatten, wissen sie noch? Und ein paar Tage später haben wir in der Cafeteria zusammen einen Kaffee getrunken.“
Amy starrte erst den Mann an und wandte sich dann mit fragend in die Höhe gezogenen Augenbrauen an Alex. Dieser überlegte inzwischen fieberhaft. Als Amy sich verletzt hatte? Das musste der Abend gewesen sein, als sie sich in den Finger schnitt, genau einen Tag, nachdem sie aus ihrem Albtraum aufgeschreckt war.
„Richtig,“ stieß er unvermittelt hervor und spürte, wie sein Herz aufgeregt in seiner Brust zu klopfen begann. „Amy hatte sie mit ihren Eltern verwechselt, nicht wahr?“
Der Mann nickte und wirkte dabei leicht verlegen. „Bob Constance,“ stellte er sich Alex dann vor und reichte ihm die Hand.
„Alex McLean,“ nickte Alex, während er die dargebotene Hand schüttelte und wandte sich dann Amy zu. „Weißt du nicht mehr? Wir sind in die Notaufnahme gefahren, weil du dich geschnitten hattest und ... ,“ er verstummte, als er ihren düsteren Blick auffing. Natürlich. Sie erinnerte sich nicht mehr. „T-Tut mir leid Schatz,“ stammelte er und ärgerte sich dabei über sich selbst.
„Ich habe ihnen damals von meiner Tochter Keylie erzählt,“ fuhr Bob Constance fort, der scheinbar das herannahende Gewitter zwischen dem Paar vor sich nicht bemerkte. „Sie lag nach einem schweren Autounfall im Koma. Und sie werden es nicht glauben, aber vor drei Tagen ist sie plötzlich aufgewacht. Ist das zu glauben?“
„Unglaublich,“ nickte Amy ohne jede Begeisterung.
„Das freut mich wirklich für sie,“ lächelte Alex, der nur noch daran denken konnte, wie er seine Freundin am schnellsten von hier weg brachte, bevor sie vor den Augen dieses armen Mannes explodierte. „Würden sie uns jetzt bitte entschuldigen? Wir haben noch einige Termine.“
„Sicher. Ich hoffe, ihre Hand ist wieder gut verheilt,“ meinte er mit einem kurzen Kopfnicken auf Amy.
„Ja, das ist sie,“ antwortete Alex an ihrer Stelle. „War nur eine kleine Schnittwunde. Es war schön, sie wieder zu sehen Bob.“
„Gleichfalls. Vielleicht laufen wir uns ja die nächsten Tage noch einmal über den Weg. Keylie hat jetzt eine unglaubliche Menge an Untersuchungen vor sich.“
„Das könnte durchaus möglich sein, allerdings fahren wir morgen schon wieder nach Hause. Nur ein paar Routineuntersuchungen, verstehen sie?“ Beeilte Alex sich zu sagen und hoffte dabei inständig, dass nichts von diesem Gespräch an die Presse gelangte. „Grüßen sie ihre Frau und ihre Tochter von uns, ja?“
„Mach ich.“
„Auf Wiedersehen.“
Und damit drehte sich Alex herum und schob Amy vor sich her den Gang hinunter.
Kaum waren sie um die nächste Ecke gebogen blieb Amy abrupt stehen, fuhr zu ihm herum und funkelte ihn wütend an. „Kannst du mir bitte schön mal erklären, was das eben sollte?“
Alex seufzte abgrundtief und schüttelte den Kopf. „Einen Tag nachdem du aus deinem Albtraum aufgewacht bist, hast du dich geschnitten und ich musste dich hier her in die Notaufnahme bringen,“ erklärte er, fasste dabei nach ihrer Hand und drehte die Handfläche nach oben. „Siehst du, da ist noch die Narbe.“
Mit großen Augen starrte Amy auf die feine, rote Linie, die sich fast über die gesamte Länge ihres Zeigefingers zog.
„Wir haben darauf gewartet, dass du dran kommst und da ist dieser Mann mit seiner Frau an dir vorbei gelaufen. Du ... bist ... aufgesprungen und ihnen hinterher gerannt. Dabei hast du sie ... ,“ er stockte, weil er nicht wusste, ob er ihr wirklich noch mehr erzählen sollte, doch Amys Blick, mit dem sie ihn förmlich durchbohrte, ließ ihm keine andere Wahl. „ ... du hast sie mit „Mom“ und „Dad“ angesprochen. Sie waren ziemlich verwirrt, weil sie dich nicht kannten und nachdem du bei ihnen angekommen warst, hast du scheinbar ebenfalls deinen Irrtum bemerkt.“
„Aber der Typ sieht noch nicht einmal ansatzweise wie mein Vater aus,“ gab Amy zu bedenken.
„Ja. Genau das habe ich mir damals auch gedacht.“
„Und hast trotzdem nichts unternommen,“ stellte Amy bitter fest.
„Amy. Bitte. Ich habe dir jetzt schon so oft gesagt, dass du das nicht wolltest. Du hast dich mit Händen und Füßen gewehrt, wenn ich das Wort „Arzt“ nur in den Mund genommen habe.“
„Na und? Ich war doch ganz offensichtlich geistig komplett neben der Spur. Was hätte ich denn noch tun sollen? Mich nackt ausziehen und auf einem imaginären Elefanten reiten?!“
„Ich ... ,“
„Ach, steck’s dir sonst wohin,“ giftete sie, drehte sich herum und rauschte davon.
Wie versteinert stand er einsam und verlassen in dem langen Gang und sah ihr hinterher. Seine Hände umkrampften den Aktendeckel, so dass seine Knöchel weiß hervortraten, seine Zähne knirschten, weil er sie fest aufeinander biss und es hätte nicht viel gefehlt und er hätte die Krankenakte wutentbrannt gegen die Wand geschleudert. Am schlimmsten war der Gedanke, dass sie vielleicht recht hatte, wenn er sich dies auch nicht eingestehen wollte.
Wenn er jetzt im Nachhinein noch einmal über die vielen seltsamen Vorkommnisse nachdachte, war es für ihn unbegreiflich, wie er dies alles so einfach hatte hinnehmen können. War Amys positive Veränderung und die Gefühle für sie, die in ihm wieder aufgeflammt waren, wirklich eine Entschuldigung dafür, dass er die so offensichtlich vor ihm liegenden Warnsignale einfach ignoriert hatte? Konnte er ihr wirklich böse sein, dass sie ihm genau dies vorwarf?
Ganz langsam begann er sich wieder zu entspannen und mit schlurfendem Schritt folgte er ihr. Er verspürte zwar keinerlei Lust, sich jetzt mit ihr auseinander zu setzen, doch sein Pflichtbewusstsein siegte über seinen verletzten Stolz. Er würde noch abwarten, was die Untersuchungsergebnisse brachten, danach würde er weiter sehen. Wenn sie tatsächlich kerngesund war, blieb eigentlich nicht viel, was ihn noch bei ihr hielt. Doch dieser Gedanke schickte augenblicklich eine Salve solch glühenden Schmerz durch seine Eingeweide, dass er für einen Moment aus dem Tritt kam und beinahe gestrauchelt wäre.
Was machte er sich hier eigentlich vor? Er liebte sie, wenn sie auch im Moment nicht mehr dem Wesen ähnelte, in das er sich verliebt hatte. Er war noch lange nicht so weit, sie einfach aufzugeben. Egal wie unmöglich sie sich auch benahm.

Kapitel 40