Kapitel 38
Zwei Tage nach der so abrupt beendeten Premierenfeier betrachtete Alex seine Freundin immer noch mit Ungläubigkeit und wachsender Verzweiflung.
Nach der Rückkehr in ihr gemeinsames zu Hause hatte er sich im Wohnzimmer auf die Couch fallen lassen, während Amy eine Zigarette nach der anderen aus seiner Schachtel rauchte und eine detaillierte Aufklärung über die letzten Monate forderte.
Er hatte ihr von den Aufnahmen für ihr Album, ihrem Abend mit Romi und Maria, dem Sexskandal, der anschließenden Belagerung durch die Presse, der Award-Verleihung, ihrem Auftritt dort und dem darauf folgenden, unglaublichen Erfolg erzählt. Immer wieder hatte sie dabei den Kopf geschüttelt, ihn dabei aber nicht angesehen und war aufgebracht im Wohnzimmer auf und ab getigert.
Er wollte ihr von ihrer Beziehung erzählen, ihr klar machen, wie sehr er sie liebte und wie sich ihr Zusammenleben seither verändert hatte, doch aus irgendeinem Grund kam kein Wort davon über seine Lippen. Es widerstrebte ihm Amy und auch sich an ihr Glück zu erinnern, nur um dann vielleicht feststellen zu müssen, dass sie keinerlei Interesse daran zeigte.
Also hatte er sie mit knallharten Fakten aus ihrem Leben förmlich bombardiert und dabei immer gehofft, dass ihr irgendwann ein Licht aufgehen und sie sich an alles erinnern würde. Doch nichts passierte.
Aus den Fragen, die sie stellte und den Kommentaren, die sie abgab, konnte er klar und deutlich heraus lesen, dass ihre Erinnerung nach ihrem Streit über die veröffentlichen Knutschbilder unvermittelt abrissen. Sie wusste nicht, wie sie in der Nacht aus ihrem Albtraum aufgeschreckt war, sie hatte keine Ahnung von den Songs, die sie mit so viel Hingabe geschrieben hatte und sie wusste nicht, dass sie sich so oft und intensiv wie noch nie geliebt hatten.
Je länger er redete umso kälter wurde ihm und ohne es wirklich zu bemerken, begann er die Gefühle für sie in den hintersten Winkel seiner Gedanken zu schieben. Diese Person, die da vor ihm rauchend auf und ab schritt, sich dabei über alles und jeden beschwerte und immer wieder betonte, nicht fassen zu können, was für eine widerliche Arschkriecherin sie in den letzen Wochen gewesen war, konnte er nicht lieben. Hatte er vielleicht auch nie.
Doch dieser Gedanke führte wiederum dazu, dass er sich fragte, wie dann, verdammt noch mal, die letzten Monate die schönsten seines Lebens hatten sein können. Wenn er sich vorher schon gewundert hatte, wie Amys unglaubliche Verwandlung vom Biest zur Traumfrau vonstatten gegangen war, so fühlte er nun absolute Fassungslosigkeit ob ihrer erneuten Verwandlung. Und diesmal, soviel wurde ihm im Laufe dieser Nacht klar, würde er nichts liebenswertes an der neuen Amy finden. Sie war wieder zurückgekehrt zu ihrem Zynismus, ihrer schlechten Laune, ihrer Verschlossenheit und ihrer unverhüllten Verachtung ihm gegenüber. Wenn er überhaupt eine neue Erkenntnis aus dem Ganzen ziehen konnte, dann wohl nur, dass es erstaunlich war, wie lange und wie sehr er damals noch an ihr gehangen hatte, obwohl sie so offensichtlich nicht mehr zusammen passten.
Trotzdem war er noch nicht bereit, sie aufzugeben. Er war nun bereits zwei Mal Zeuge von Amys unglaublicher Metamorphose geworden und warum sollte dies nicht auch noch ein drittes Mal möglich sein? Sie würde irgendwann aufwachen, ihn ansehen und er würde in ihren wunderschönen Augen wieder die Liebe entdecken können, die sie für ihn empfand, er würde ihrer sanften Stimme lauschen, die ihn tröstete und ihm versicherte, dass sie wieder ganz die Alte sei und ihn liebte und dass sie nun nichts mehr trennen konnte.
Demnach stimmte er diesmal sofort zu, als Amy verkündete, dass sie unbedingt einen Spezialisten aufsuchen wolle um sich von Kopf bis Fuß durchchecken zu lassen. Die Vorstellung, dass sie tatsächlich ernsthaft krank sein könnte, erschreckte ihn und sie gleichermaßen. Somit spielten sie beide ihren vollen Promibonus aus, um so schnell wie möglich einen Termin im hiesigen Krankenhaus bei einem Professor der Gehirnchirurgie zu bekommen.
Die zwei Tage bis zu diesem Treffen kamen Alex unglaublich lang vor. Er vermisste Amy mit jeder Faser seines Körpers und dies, obwohl sie meist direkt vor seiner Nase saß. Noch nie hatte er sich einem Menschen gleichzeitig so nahe und so fern gefühlt.
Gleich am Morgen nach ihrem Auftritt durchwühlte sie das CD-Regal und zog ihr Album Mirrors hervor. Für eine ganze Weile starrte sie mit gerunzelter Stirn auf das Cover hinunter, während er mit klopfendem Herzen darauf wartete, dass sie etwas wie genau ... daran erinnere mich sagte. Stattdessen schüttelte sie schließlich den Kopf und murmelte ich muß komplett bescheuert gewesen sein..
Wieso? fragte er wider besseren wissens nach.
Na guck dir das doch mal an, schnaubte sie und fuchtelte mit der Hülle in seine Richtung. Erstens würde ich mich niemals so duckmäuserisch und armselig auf meinem eigenen Plattencover ablichten lassen, zweitens sehen diese ganzen Spiegel sowas von lächerlich aus und zu guter letzt ... ich meine ... Gott, ich trage auf einem Foto sogar dein beschissenes T-Shirt. Wenn das nicht total daneben ist, weiß ich aber auch nicht.
Alex biss sich auf die Unterlippe, während sie sämtliche Bedeutung und Symbolik, die die frühere Amy in diese Aufnahmen gesetzt hatte, in klitzekleine Stücke schlug. Der letzte Punkt traf ihn besonders. Als ihm Amy damals den ersten Entwurf zeigte, hatte sie gelächelt und gesagt siehst du, sogar auf meinem Cover bist du mit drauf. Immer bei mir. Egal wo ich bin.
Er hatte sie an sich gezogen, sie geküsst und war der Meinung gewesen, vor Stolz und grenzenloser Liebe gleich platzen zu müssen. Doch jetzt schaffte sie es, selbst diesen Punkt ihres gemeinsamen Lebens in den Dreck zu ziehen.
Nachdem er Amy daraufhin alleine gelassen hatte, weil er nicht auch noch mit anhören wollte, wie sie über ihre wundervollen Songs herzog, erwartete ihn allerdings eine positive Überraschung. Irgendwann kam sie in die Küche gestürmt, ihr Gesicht strahlte wie ein Weihnachtsbaum und mit einer schwungvollen Piourette ließ sie sich gleich darauf neben ihn auf einen der Küchenstühle fallen.
Ich habe ja keine Ahnung, wie ich das fertig gebracht habe, verkündete sie, während sie das Album wie einen Schatz an ihre Brust drückte aber das ist das allerbeste, was ich jemals gehört habe.
Da stimme ich dir voll und ganz zu, lächelte er und so etwas wie Hoffnung keimte in ihm auf.
Welches ist die erste Single? fragte sie weiter.
Beautiful.
Hm ... , machte sie und runzelte die Stirn. Naja ... für den Anfang ist das durchaus okay.
Sein Lachen klang seltsam in seinen Ohren, vielleicht, weil er eigentlich nicht dazu aufgelegt war, aber es kam von ganz alleine über seine Lippen. Es ist auf jeden Fall okay, sagte er dann, immer noch kichernd. Immerhin ist der Song direkt auf Platz 3 der Single-Charts eingestiegen.
Nein! stieß sie aufgeregt hervor.
Oh doch, gab er grinsend zurück.
Oh mein Gott! kreischte sie, sprang von ihrem Stuhl auf, warf ihm die Arme um den Hals und gab ihm einen schmatzenden Kuß auf den Mund, bevor sie herumwirbelte und wieder hinüber ins Wohnzimmer verschwand.
Eine ganze Weile saß er regungslos auf seinem Platz und genoss das Prickeln auf seinen Lippen. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren. Vielleicht gab es doch noch einen Weg für Amy und ihn. Irgendwo in ihr musste doch diese wundervolle Frau stecken, die er so sehr liebte. Und wenn ihre einzige Verbindung im Moment ihre Musik war, so war dies doch schon einmal ein viel versprechender Anfang.
An diesen Gedanken klammerte er sich die nächsten Tage ganz fest, und erstaunlicher Weise konnte er tatsächlich einen letzten Rest davon bis zu ihrem Termin im Krankenhaus retten.
Amy war eindeutig angespannt und mehr als nervös, als sie auf dem kleinen Privatparkplatz hinter dem Krankenhaus aus dem Wagen stiegen. Obwohl ihnen die Krankenhausleitung versichert hatte, dass Amys Anwesenheit absolut vertraulich behandelt werden würde und ihnen ein Plastikkärtchen für den versteckten Hintereingang zur Verfügung stellte, begleitete sie Jack vorsichtshalber. Er trug Amys kleine, schwarze Reisetasche, die alles enthielt, was sie die nächsten drei Tage und Nächte brauchen würde, und ging ihnen mit wachsamem Blick voraus.
Amys kalte Hand lag beruhigend anschmiegsam in Alex Linken und obwohl er vor den Untersuchungen und vor allen Dingen vor dem Ergebnis genau so viel Angst wie sie selbst hatte, fühlte er sich ihr an diesem Morgen näher als in den letzten zwei Tagen. Sie gab ihm das Gefühl, dass er wichtig für sie war, dass sie seine Anwesenheit beruhigte und dass er ihr eine Stütze sein konnte, obwohl sie sich so offensichtlich auseinander gelebt hatten.
Gott sei Dank stellte sich ihnen keiner der neugierigen Reporter in den Weg, die die letzten Tage ihr Haus förmlich belagert hatten. Amys Zusammenbruch bei der Release-Party hatte ihnen neuen Stoff geliefert und es schien, als wollten sie nun auch noch jede restliche Kleinigkeit aus dieser Story quetschen. Umso erleichterter war Alex gewesen, als Jack die Meute schließlich mit einigen halsbrecherischen Manövern abgehängt hatte und sie unbehelligt das Krankenhaus erreichten.
Als sie nun durch die Sicherheitsschleuse den Gebäudekomplex betraten, wurde Amys Griff um seine Hand noch etwas fester.
Wir schaffen das schon Baby, sagte er leise und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.
Wir? gab sie mit hochgezogenen Augenbrauen zurück. So weit ich informiert bin, geht es hier einzig und alleine um meinen verqueren Kopf. Ich wüsste also nicht, warum du dir Gedanken machen solltest.
Er biss sich auf die Zunge, um ihr nicht einen entsprechenden, gemeinen Kommentar entgegen zu schleudern. Sie hatte Angst und sie war verzweifelt, da reagierte man schon mal angespannt und ungerecht.
Die Station, in der Amy untergebracht sein würde, lag in einem eigenen Flügel des Krankenhauses. So weit Alex informiert war, gab es hier etwa zwanzig Betten für gutbetuchte Privatpatienten, eine neue, moderne Abteilung für plastische Chirurgie und eine eigene Küche, die einen renommierten Sternekoch beschäftigte. So weit so gut.
Die Untersuchungen und eventuell anstehenden Eingriffe würden allerdings in dem für alle zugänglichen, öffentlichen Trakt erfolgen, der mit einem Zugang auf jedem der drei Stockwerke verbunden war.
Auch die Inneneinrichtung unterschied sich hier gravierend von dem restlichen Teil für Normalsterbliche. Alles was gut und teuer war, schien hier verarbeitet worden zu sein. Die Empfangshalle war mit rosa Marmor ausgelegt, die Möbel bestanden allesamt aus dunklem Tropenholz und waren mit weichem, schwarzen Nappaleder gepolstert.
Während Amy neben Jack auf einer der Bänke platz nahm, wandte Alex sich an den Empfang, hinter dem ihm ein junger Mann freundlich entgegen lächelte.
Mr. McLean, schön, dass sie da sind, begrüßte er ihn, bevor Alex auch nur den Mund geöffnet hatte. Das Zimmer für Miss Salinas ist bereit und selbstverständlich nach ihren Wünschen ausgestattet. Ich schicke gleich jemanden für ihr Gepäck.
Alex kam sich vor wie im falschen Film. Das hier war doch ein Krankenhaus und kein Hotel, oder? Etwas unbehaglich dachte er daran, wie viel ihn das hier wohl kosten würde und ob sich Amy bewusst war, in welchen Luxus sie sich hier verirrt hatte. Wenn die Behandlung allerdings auch so exklusiv wie die Unterbringung war, würde er sich sicherlich nicht beschweren. Wozu hatte er denn das ganze Geld, wenn er damit nichts nützliches anfangen konnte?