Kapitel 37

Keylie befand sich an einem dunklen, beängstigenden Ort, von dem sie nicht wusste, wie sie dort hingekommen war. Sämtliche ihrer Sinneseindrücke schienen auf eigenartige Weise gelähmt zu sein, als befände sie sich eingesperrt in einem engen Schrank. Die Geräusche um sie herum waren gedämpft, vermischten sich lediglich zu einem anhaltenden, sanften Rauschen und waren somit für sie nicht einzuordnen, das Atmen fiel ihr schwer, als befände sich nicht genug Sauerstoff in der Luft, ihre Fingerspitzen kribbelten, fühlten aber keinen konkreten Gegenstand und ihr gesamter Mund fühlte sich pelzig und aufgedunsen an.
Trotzdem versuchte sie zu sprechen. Sie wollte auf sich aufmerksam machen, nach Hilfe rufen, Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen. Doch alles was sie zustande brachte, war ein kurzes Zucken ihrer Lippen und ein weiterer, angestrengter Atemzug.
Das sanfte Rauschen um sie herum veränderte plötzlich die Tonlage. Was eben noch sanft und stetig gewesen war, klang nun hektisch und angespannt und erhöhte damit Keylies Pulsschlag. Dann spürte sie unvermittelt eine Berührung auf der Wange, was sämtliche Muskeln in ihrem Körper dazu brachte, sich schmerzhaft anzuspannen, ohne dass sie sich wirklich hätte rühren können. Das Rauschen wurde lauter und schien sich zu zerfasern. Einzelne Geräusche begannen sich aus dem Einheitsbrei zu schälen: Das schnelle Trappeln von Füßen, ein seltsames Klappern von Metall auf Metall und ein immer wiederkehrendes, rhythmisches Zischen.
Und dann war da plötzlich eine weibliche Stimme, direkt neben ihrem Ohr. „Keylie?“
Sofort begann sie hektisch nach Luft zu schnappen, ihre Augenlider flatterten, ließen sich aber nicht öffnen und ihre Finger zuckten unkontrolliert. Gleichzeitig begann ihr Gehirn wieder zu arbeiten und überschüttete sie damit augenblicklich mit tausenden von Fragen.
Wo bin ich?
Was ist passiert?
Wer ist das?
Wo ist Alex?

Und dann fiel es ihr mit einem Schlag wieder ein: Die Release-Party, das überdimensionale Cover an der Wand über der Bühne, ihr Auftritt, Alex’ Lächeln, seine Arme um ihren Körper und dann das schwarze Loch, in das sie hinein gestürzt war.
Ihr Mund formte ein einziges Wort, so fein und durchscheinend wie eine Spinnwebe. „Alex?“ Dann versank sie wieder in tiefer Dunkelheit.

„Und sie ist tatsächlich gestern Nacht aufgewacht?“
„Zumindest hat sie eine eindeutige Reaktion auf unsere Ansprache gezeigt.“
„Was bedeutet das?“
„Das können wir im Moment noch nicht beurteilen. Das EEG zeigt zumindest seitdem eine immense Gehirntätigkeit, was einem Wunder gleichkommt.“
Die Stimmen schwebten substanzlos um Keylie herum und schienen von allen Seiten gleichzeitig zu kommen. Sie versuchte den Sinn des Gesagten zu verstehen, doch so sehr sie sich bemühte, sie kam einfach nicht dahinter.
Kannte sie diese Personen? Wo war sie? Was war mit ihr geschehen?
„Keylie?“ hörte sie wieder eine der Stimmen. Diesmal schien sie ganz aus ihrer Nähe zu kommen.
Sie versuchte sich darauf zu konzentrieren und gleichzeitig irgendeinen Teil ihres Körpers zu bewegen. Nachdem ihre Gliedmaßen nicht reagierten, versuchte sie es mit ihren Augenlidern. Überdeutlich wurde sie sich jeder Muskelfaser bewusst, die sich dort befand, und wie ein Puppenspieler begann sie versuchsweise an einzelnen Punkten zu ziehen.
„Oh mein Gott,“ hörte sie die Stimme erneut. „Sie wacht tatsächlich auf!“
Sie fühlte, wie sich das obere und untere Augenlied ihres rechten Auges protestierend von einander lösten, als hätte sie jemand zusammengeklebt, grelles Licht überflutete augenblicklich ihren Sehnerv und mit einem leisen, gequälten Stöhnen schloss sie den kleinen Spalt in die Freiheit wieder.
„Keylie?“ meldete sich die andere Stimme nun zu Wort, während sie gleichzeitig etwas kaltes auf ihrem Handrücken spürte. „Wenn sie mich hören können, versuchen sie zu blinzeln.“
Ein Blinzeln brachte sie zwar nicht zustande, aber das kurze Zucken ihrer Augenlider schien schon auszureichen.
„Sehr gut,“ lobte die Stimme, die einem Mann zu gehören schien und unverkennbar aufgeregt klang.
„Oh mein Gott,“ hörte sie die andere, weibliche Stimme erneut, bevor sich ein leises Schluchzen hinein mischte.
Was war hier nur los? Und wo war Alex?
Sie benötigte ihre gesamte Kraft und Konzentration um seinen Namen hervorzustoßen, allerdings konnte sie das heisere Flüstern selbst kaum verstehen.
„Was hat sie gesagt?“ fragte die Frau, die inzwischen ziemlich verschnupft klang.
„Ich habe es nicht genau verstanden. Alex? Kann das sein?“
„Alex? Wir kennen niemanden mit diesem Namen. Vielleicht hat sie etwas anderes gemeint?“
Während die Stimmen um sie herum noch darüber diskutierten, was genau Keylie ihnen versuchte mitzuteilen, driftete sie ganz langsam wieder davon. Jemand mit dem Namen Alex war ihnen nicht bekannt? Wie konnte das sein? Was bedeutete das?

Sie wusste nicht, wie lange sie diesmal weg gewesen war, doch als sie diesmal dem Bewusstsein entgegenstrebte, fühlte sie sich schon nicht mehr ganz so kraftlos und von allem losgelöst. Als hätte sie endgültig den letzten Schritt in die Realität gewagt.
Ihre Augen protestierten immer noch gegen ihre Bemühungen sie zu öffnen, doch schließlich mussten sie sich fügen. Blinzelnd und unter einiger Kraftanstrengung öffnete Keylie die Augenlider einen winzigen Spalt und versuchte irgendetwas um sich herum zu erkennen. Doch sie nahm lediglich einige Schattierungen von hell und dunkel wahr, in denen sich wabernde Schatten hin und her bewegten.
„Hallo mein Schatz,“ hörte sie es gleich darauf zu ihrer Linken und stellte dabei fest, dass ihr diese Stimme irgendwie bekannt vorkam. „Wie fühlst du dich?“
„Aber Bob,“ mischte sich eine weitere Stimme ein. „Selbst wenn sie dich hören kann, kann sie dir nicht antworten.“
„Gestern hat sie auch gesprochen,“ verteidigte sich die männliche Stimme.
„Aber nur ein einziges Wort ohne Sinn,“ gab die weibliche zu bedenken.
„Mom? Dad?“ hauchte Keylie und war selbst davon überrascht, dass die Worte, die sich eigentlich nur in ihrem Kopf gebildet hatten, über ihre Lippen nach draußen drangen.
„Wir sind hier mein Liebling,“ hörte sie ihre Mum hervorstoßen, während das Brummeln ihres Vaters „klar, sie kann mich weder hören noch antworten“ sie begleitete.
Keylie versuchte erneut ihre Augen zu öffnen. Das Licht schien inzwischen nicht mehr ganz so grell zu sein und aus den sich bewegenden Schatten schälten sich ganz langsam die Konturen zweier Gesichter, die sich zu ihrer Linken dicht über das Bett beugten.
„Bob. Ruf eine Schwester oder einen Arzt. Schnell!“ sagte ihre Mutter gerade, während sie mit einem glücklichen Lächeln auf sie hinunter blickte.
„Schon geschehen,“ lächelte ihr Vater zurück, während er Keylies Hand vorsichtig drückte.
„Wo ... ,“ setzte Keylie an, leckte sich einmal über die ausgedörrten Lippen und versuchte es dann noch einmal. „Wo ... bin ... ich.“
„Du bist in einem Krankenhaus Liebling,“ antwortete ihre Mutter, deren Wangen feucht glitzerten. „Du hattest einen schrecklichen Unfall und warst ... ,“
„Dafür haben wir doch später noch genug Zeit,“ unterbracht Keylies Vater, während er seiner Frau beschwichtigend einen Arm um die Schulter legte. „Wir sollten sie jetzt erst einmal nicht zu sehr aufregen, meinst du nicht?“
„Du hast ja recht,“ nickte diese langsam. „Ich kann ... es nur immer noch nicht ... fassen, dass ... ,“
„Ich weiß,“ lächelte Bob Constance, bevor er sich wieder Keylie zuwandte. „Wie fühlst du dich mein Schatz?“
Ja, wie fühlte sie sich? Eine gute Frage. So sehr ihr Körper auch weiterhin seine Mitarbeit verweigerte, so schnell und reibungslos arbeitete ihr Gehirn. Nach und nach versuchte sie also das unübersichtliche Puzzle aus Informationen zusammen zu setzen, das sie hier umgab.
Sie befand sich in einem Krankenhaus und ihre Eltern waren bei ihr. Konnte es sein, dass ihr Zusammenbruch auf der Bühne doch schwerwiegender gewesen war, als sie bisher angenommen hatte? Aber wo war Alex? Und warum kannten ihre Eltern ihn n- ...
Die Erkenntnis überschwemmte sie plötzlich und mit solch gewaltiger Macht, dass sie der Meinung war sofort aus dem Bett springen zu müssen. Ihr Oberkörper bäumte sich auf, ein geqäulter Laut drang dabei aus ihrem Mund und Tränen schossen ihr in die Augen.
Sie war wieder zurück. Sie war zurück in ihrem alten Leben und in ihrem alten Körper. Sie war wieder Keylie Constance! Sie hatte einen Autounfall gehabt, ihr Baby verloren und war am Ende verletzt hier in diesem Bett gelandet. Doch das alles war für sie im Moment nebensächlich.
Der wirklich schlimme Gedanke, der sie beinahe wahnsinnig machte, war, dass Alex keine Ahnung davon hatte, dass sie überhaupt existierte und dass sie damit seine Liebe unwiederbringlich verloren hatte.
Das Schluchzen schmerzte in ihrem wunden Hals, ihr Körper schien in lodernden, sengenden Flammen zu stehen und ihr Herz explodierte mit einem nervenzerfetzenden Reißen in tausend Teile.
Sie wollte nur noch sterben. Also ließ sie sich von ihren aufgebrachten Eltern zurück auf das Bett drücken, schloss die Augen und weinte, während ihr Körper unkontrolliert zitterte und sich dabei in schmerzhaften Krämpfen wand.

Kapitel 38