Kapitel 36

Alex Herz klopfte schmerzhaft in seiner Brust, während er Amy auf seinen Armen durch die langen Gänge des Clubs trug und gleich darauf in eine Art Büro geschoben wurde. Ein mit Papieren überladener Schreibtisch auf dem eine kleine Lampe einen warmen, hellen Lichtkreis in die Dunkelheit malte, ein ledergepolsterter Drehstuhl, ein metallener Aktenschrank und eine braune, zerschlissene Couch bildeten das gesamte Mobiliar.
Vorsichtig ließ Alex Amy in die Polster des Sofas sinken, zog ein Kissen heran und schob es unter ihren Kopf. Irgendwo auf dem Weg war sie ohnmächtig geworden. Er hörte noch ihr geflüstertes „ich liebe dich“ und dann wurde sie plötzlich schwer in seinen Armen.
Nun beugte er sich besorgt über ihr bleiches Gesicht, in dem die Schminke inzwischen wie eine Clownsbemalung wirkte, und strich ihr vorsichtig über die Wange.
„Hey Schatz. Wach auf,“ flüsterte er, doch er bekam keine Reaktion. Nicht einmal ihre Augenlider zuckten. Ihr Mund war ein Stück geöffnet und als er sein Ohr ganz nahe heran brachte, fühlte er erleichtert ihren Atem an seiner Wange.
Sie ist nur ohnmächtig versuchte er sich selbst zu beruhigen. Das kann mal passieren. Nichts, worüber du dir wirklich Sorgen machen müsstest.
Doch er machte sich Sorgen. Sogar sehr große. Egal was bisher in Amys Leben geschehen war, er hatte sie noch nie unter der Last der Anspannung zusammen brechen sehen. Und auch wenn der Abend heute vielleicht eine Ausnahmesituation darstellte, so passte das hier doch so gar nicht zu ihr. Vielleicht war sie krank, ohne dass er etwas davon wusste und unbehaglich stellte er fest, dass ihm dieser Gedanke schon ein paar Mal in den vergangenen Monaten durch den Kopf geschossen war, wenn sie sich mal wieder seltsam benahm. Vielleicht Krebs? Ein Gehirntumor?
Er fühlte, wie unkontrollierte, heiße Panik über ihm zusammenschlug und vorsichtig drückte er ihre eiskalte Hand.
„Amy bitte. Wach auf,“ flehte er, während Larry neben ihn trat und ein feuchtes Tuch auf Amys Stirn platzierte.
„Gott, das hat uns gerade noch gefehlt,“ murmelte sie aufgebracht. „Die Pressefuzzies werden sie auseinander nehmen. Ich kann schon die Schlagzeilen vor mir sehen. Popsternchen bricht auf der Bühne zusammen – ist Amy Salinas dem Druck wirklich gewachsen? Gott, wie ich es hasse.“
„Halt deine verdammte Klappe Larry,“ fuhr Alex sie aufgebracht an.
„Du hast mir gar nichts ... ,“ setzte sie an, doch er übertönte sie einfach.
„Das hier ist angeblich deine Freundin. Anstatt dir also Sorgen darüber zu machen, was wie bei wem ankommt, solltest du dich lieber um sie kümmern, verdammt noch mal!“
„Tu ich doch!“ begehrte sie auf. „Aber falls du es vergessen haben solltest ... ich bin ihre Managerin, klar? Das alles hier hat auch Auswirkungen auf meine und Amys Arbeit. Also hab dich nicht so. Sie ist umgekippt, na und? Sie wird gleich wieder zu sich kommen, uns wegen unserer besorgten Gesichter auslachen und alles ist in Ordnung.“
„Du hast sie doch nicht mehr ...,“
„Wage es ja nicht so mit mir ... ,“
„Ich rede mit dir wie ich will ... ,“
„Aber zuhören kannst du scheinbar nicht ... ,“
„HEY!!“ Ausgerechnet Fishie unterbrach ihre hitzige Diskussion. Als er sich damit augenblicklich der ungeteilten Aufmerksamkeit der beiden Streithähne gegenübersah, sackte er sichtlich in sich zusammen, trotzdem deutete er auf Amy hinunter und sagte ruhig „sie wacht auf.“
Sofort beugte sich Alex wieder über Amys Gesicht und registrierte mit unglaublicher Erleichterung, dass ihre Augenlider zuckten und sich gleich darauf mit einem Ruck öffneten.
„Was ... ?“ setzte Amy an, verstummte dann aber wieder und leckte sich verstört über ihre trockenen Lippen.
„Alles in Ordnung Baby,“ sagte Alex sanft und streichelte ihr über das Haar. „Du bist umgekippt. Keine große Sache.“
„Umgekippt?“ murmelte Amy und versuchte blinzelnd die Augen offen zu halten.
„Jep. Eben noch der strahlende Popstar und im nächsten Moment bleich wie die Wand,“ grinste er, bemüht, sich seine Unruhe und die Angst nicht anmerken zu lassen.
„Popstar?“ flüsterte sie erneut, als sei sie sich nicht ganz sicher, ob sie ihn richtig verstanden hatte.
„Amy, wo sind wir?“ meldete sich Larry in diesem Moment zu Wort und beugte sich ebenfalls über Amys schmale Gestalt.
„Wo? Ich dachte ... ,“ ihre Augen huschten hektisch hin und her, erfassten erst Alex’ Gesicht, dann Larrys Gestalt und die Personen, die hinter ihr standen. „ ... ich dachte eigentlich ... ,“ setzte sie noch einmal an, dann bohrte sich ihr Blick in Alex Augen. „Was hast du jetzt wieder mit mir gemacht?“ stieß sie hervor, begann sich unter einiger Mühe aufzurappeln und sich auf ihre Ellenbogen zu stemmen.
„Was ... ich?“ fragte er verständnislos zurück.
„Tut mir leid wenn dich die Sache mit den Fotos so fertig macht, aber mir erst irgendeine Droge einzuflößen um mich ruhig zu stellen und dann hier her zu schleppen, wo auch immer sich dieses miefige Zimmer befindet, finde ich doch ein starkes Stück. Was soll das alles?“
Mittlerweile hatte sie sich in eine einigermaßen aufrechte Position gebracht, schwang die Beine über den Rand des Sofas und stützte gleich darauf den Kopf in die Hände.
„Mann, Mann, Mann. Mir dreht sich alles. Larry, hast du ne Aspirin? Gerne auch etwas stärkeres,“ murmelte sie.
Die Umstehenden waren wie zur Salzsäule erstarrt und auch Alex konnte sich nicht rühren. Was passierte hier? Wenn er sich zu Hause befunden hätte, hätte er sich einreden können, dass er eine Art Dejavù erlebte. Amy schien beinahe so verstört wie damals, als sie aus ihrem Albtraum aufgewacht war. Nur mit dem Unterschied, dass sie diesmal wusste wer er und Larry waren. Trotzdem beschlich ihn ein seltsames Gefühl von Angst. Das hier war nicht gut. Das war gar nicht gut.
„Larry? Nun mach schon. Mir platzt gleich der Schädel,“ raunzte Amy und funkelte ihre Freundin böse an.
„Bin gleich wieder da,“ nickte Larry lahm, auf deren Gesicht sich der gleiche Ausdruck von Fassungslosigkeit widerspiegelte, wie auf allen anderen der Umstehenden.
„Hey Baby,“ versuchte es Alex und schluckte den riesigen Kloß erfolgreich hinunter, der nach und nach in seiner Kehle angewachsen war. „Wie fühlst du dich?“
„Beschissen,“ gab sie knapp zurück und würdigte ihn ansonsten keines Blickes. „Wo sind wir hier eigentlich? Und, was noch viel wichtiger ist, wie bin ich hierher gekommen? Und erzähl mir nicht, dass du damit nichts zu tun hast,“ giftete sie und schenkte ihm nun ihre gesamte Aufmerksamkeit.
Sie sah eigentlich genau so aus wie immer. Ihr hübsches Gesicht, ihr Haar, das vom Liegen auf der Couch etwas zerdrückt war und ihre funkelnden Augen. Doch der harte Zug darum war anders als sonst. Da war keine Zärtlichkeit, kein Verstehen, kein Vertrauen. Alles was er in ihrem Gesicht lesen konnte war pure Verachtung.
„Dies ist deine Premierenfeier,“ gab er trotzdem bereitwillig Auskunft. „Du hast bis eben noch auf der Bühne gestanden und ... ,“ er schluckte das für mich ein Liebeslied herunter und brachte nur noch „gesungen,“ heraus.
„Gesungen?“ fragte sie ungläubig. „Aber was denn bitteschön?“
„Soar, Fighter, Beautiful ... das gesamte Programm,“ half ihr Fishie eifrig auf die Sprünge.
„Wenn ich gewollt hätte, dass du dich ungefragt in die Unterhaltung einmischst, hätte ich dich gefragt,“ kam es von Amy auch prompt zurück, bevor sie sich wieder Alex zuwandte. „Was sind das für Songs? Davon höre ich zum ersten Mal. Und was mache ich auf einer Bühne? Ich habe dir doch schon so oft gesagt, dass ich nie wieder vor Publikum auftreten werde.“
Er konnte nichts weiter tun, als sie hilflos anzustarren. Ganz langsam ging ihm auf, dass für Amy scheinbar die letzten Wochen nicht stattgefunden hatten. Zumindest legte dies ihre Unkenntnis über ihre eigenen Songs verdächtig nahe.
„Aber Amy. Erinnerst du dich denn an gar nichts mehr?“ fragte Fishie und klang dabei beinahe verzweifelt.
„Ich habe dir doch gerade eben gesagt ... ,“ fuhr Amy sofort auf, wurde aber von Larry unterbrochen, die mit einem Glas mit einer sprudelnden Tablette darin zurück gekommen war.
„Hier, trink das erst einmal und dann müssen wir uns wohl mal in aller Ruhe unterhalten,“ sagte sie und drückte Amy das Glas in die Hand.
Langsam stand Alex auf und wich immer weiter vor Amy zurück, bis er mit dem Rücken gegen den Aktenschrank stieß. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, während es ganz langsam auszubluten schien. Jede Faser seines Körpers schmerzte und seine Augen klebten ungläubig und weit aufgerissen an Amy fest, die sich scheinbar nicht die Bohne daran störte, dass er sie einfach alleine ließ.
„Ehrlich Larry. Das hier ist total verrückt. Das letzte an das ich mich erinnern kann ist, dass ich mit dem da drüben,“ sie deutete in einer knappen Geste zu Alex hinüber „in eine handfeste Auseinandersetzung über diese so genannten Skandalfotos verwickelt war. Kannst du dir vorstellen, dass er mir kein Wort geglaubt hat?“
Larry warf ihm einen erstaunten und gleichzeitig hilfesuchenden Blick zu, doch er war einfach nicht in der Lage, sich irgendwie zu rühren.
„Ich hab mich schlafen gelegt und wache als nächstes hier auf. Ist das nicht total seltsam?“
„Doch das ist es,“ sagte Larry und wirkte dabei vollkommen verwirrt.
Die Tablette hatte sich mittlerweile in dem Wasserglas aufgelöst. Amy schwenkte das Glas noch zwei Mal, dann setzte sie es an und trank es mit drei schnellen, großen Zügen aus.
„Ich würde jetzt wirklich gerne wissen, was ihr hier veranstaltet. Ist das wieder so eine „wir verarschen die gutgläubige Amy“ Aktion oder was?“
„Nein,“ beeilte sich Larry zu sagen und schüttelte dabei auch noch bekräftigend den Kopf. „Ich befürchte allerdings, dir fehlen ein paar Wochen deines Lebens.“
„Ein paar Wochen meines Lebens? Wie meinst du das?“ fragte Amy angespannt und drehte das nun leere Glas in ihren Händen. Ihr Gesicht hatte wieder etwas Farbe angenommen und Alex wartete eigentlich nur darauf, dass sie gleich los lachen und ihnen erklären würde, dass sie sich nur einen schlechten Scherz mit ihnen erlaubte und alles in Ordnung sei. Sie würde aufstehen, zu ihm herüber kommen, ihn in den Arm nehmen und ihm sagen, dass es ihr leid tat und dass sie ihn liebte und dass sich nichts zwischen ihnen geändert hatte und ...
„Weißt du, welches Datum wir heute haben?“ fragte Larry statt einer Antwort und Amy runzelte die Stirn.
„Nicht so genau. Irgendetwas mit Mai?“ fragte sie hoffnungsvoll.
Larry starrte sie für ein paar Sekunde entsetzt an, dann wandte sie sich den Umstehenden zu, als könnte sie dort irgendeine Erklärung oder auch nur so etwas wie Unterstützung finden, doch die Anderen sahen genau so verstört und entsetzt aus, wie er sich fühlte.
„Nun,“ sagte Larry vorsichtig und traute sich scheinbar nicht, Amy direkt anzusehen. „Wir haben jetzt Anfang September.“
Das Klirren, mit dem Amys Glas auf dem Holzfußboden zersprang, bohrte sich schmerzhaft in Alex’ Trommelfell und er schloss gequält die Augen, um das entsetzte Gesicht von Amy nicht sehen zu müssen.
„September?“ kreischte sie mit sich überschlagender Stimme. „Larry ernsthaft ... wenn das ein beschissener Scherz sein sollte, dann sag es mir lieber gleich. Ich bin nämlich im Moment ziemlich nahe an einer Herzattacke, klar?“
„Glasklar,“ nickte sie. „Aber es ist leider tatsächlich so. Wir haben in den vergangenen Monaten dein neues Album aufgenommen, du hattest einige Promotiontermine, du bist bei den National-Society-Awards aufgetreten und hast sie alle platt gemacht und ... nun ja ... die Sache mit ... Zack ... ist auch vom Tisch.“
Alex konnte sich leider nicht dagegen wehren, dass seine Augenlider sich wieder öffneten um nichts von Amys Reaktion auf diesen unseligen Namen zu verpassen. Sie starrte Larry mit großen Augen an, ihre Atmung ging hektisch und abgehackt und sie wirkte beinahe noch blasser als in ohnmächtigem Zustand.
„Das ist nicht dein Ernst,“ hauchte sie.
„Doch, ist es,“ nickte Larry und ließ Amy dabei keine Sekunde aus den Augen.
„Aber ... das ... hätte ich doch ... mitbekommen ... ,“ sie verstummte, biss sich auf die Unterlippe, die gefährlich angefangen hatte zu zittern und krampfte die Hände in ihrem Schoß zusammen.
Ungefragt keimte Mitleid in Alex’ Eingeweiden auf. Was tat er eigentlich hier in dieser Ecke? Vor ihm saß Amy - seine überalles geliebte Freundin – und verstand ganz offensichtlich die Welt nicht mehr. Er sollte ihr lieber beistehen, anstatt sich hier hinten zu verstecken und die Aufklärungsarbeit Larry zu überlassen.
Entschlossen stieß er sich also von den Metallschubladen in seinem Rücken ab und trat langsam auf Amy zu.
„Hey mein Schatz,“ sagte er sanft und ließ sich vorsichtig neben ihr auf der Couch nieder. „Wir kriegen das schon irgendwie hin,“ fügte er hinzu, auch wenn er keine Ahnung hatte, was hier gerade ablief und wie er das wieder „hin kriegen“ wollte, legte ihr aber trotzdem tröstend einen Arm um die Schultern.
„Sagt Larry die Wahrheit?“ hauchte Amy und sah ihn dabei mit großen, in Tränen schwimmenden Augen an.
„Ja,“ nickte er.
„Aber ... ,“
„Ich weiß,“ sagte er zärtlich und zog sie noch etwas näher zu sich heran.
Er spürte ihren anfänglichen Widerstand, doch dann gab sie schließlich nach und ließ ihren Kopf an seine Schulter sinken.
„Das ist total verrückt,“ hörte er sie murmeln.
„Ja. Genau so verrückt wie vor einigen Wochen, als du aufgewacht bist und dich nicht mehr an mich erinnern konntest.“ Die Worte entwichen seinem Mund, bevor er sie aufhalten konnte und noch während Amy sich in seinen Armen anspannte wusste er, dass er das jetzt besser nicht gesagt hätte.
„Was soll das heißen?“ fragte sie aufgebracht, richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und funkelte ihn wütend an.
„Ich wollte nur ... ,“ setzt er an, doch sie fuhr ihm ins Wort.
„Soll das heißen, ich hatte schon einmal so einen Aussetzer?“
„So ... ähnlich ... ,“ gestand er und fühlte nun die Blicke aller Anwesenden auf seinem Gesicht brennen.
„Und was hast du dann getan? Ich meine ... waren wir bei einem Arzt ... oder ... oh mein Gott,“ sie schlug die Hände vor das Gesicht und krümmte sich auf ihrem Platz zusammen.
„Du wolltest nicht zu einem Arzt,“ verteidigte er sich. „Du hast darauf bestanden, dass alles in Ordnung ist und ... na ja ... warst ... so ... anders ... dass ich ... nun ja ... ,“ er hielt in seinem Gestammel inne, weil er sich plötzlich bewusst wurde, wie sich das anhören musste, was er da gerade sagen wollte. Er war mit Amy nicht zu einem Arzt gegangen, weil sie plötzlich so verträglich und liebenswert gewesen war. Er hatte diesen neuen Mensch nicht verlieren wollen. Deshalb hatte er sich über seinen gesunden Menschenverstand hinweg gesetzt und bekam jetzt die Quittung dafür.
„Ich will es gar nicht wissen,“ murmelte Amy zwischen ihren Fingern hindurch.
Hilflos sah er zu Larry hinüber, doch die zuckte nur mit den Schultern. Was hätte sie auch sagen können? Das hier war genau so verrückt, wie es eine Katastrophe war. Abgesehen von seinem Herzen, das drohte in tausend Teile zu zerspringen weil er ahnte, dass er seine Freundin gerade für immer verloren hatte, kam es einem Super-Gau gleich, wenn sich Amy an nichts erinnerte, was in den letzten Monaten passiert war.
Ihre Karriere, so schien es im Moment zumindest, war gefährlich am schwanken, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Wenn er sich überlegte, wie viel Energie und Herzblut Amy in ihre Songs und in ihren Erfolg gesteckt hatte und dass sie dies alles vergessen zu haben schien, wurde ihm ganz übel. Und das um ihretwillen.
„Okay ... Auszeit,“ befand Larry schließlich. „Alex, du bringst Amy besser nach Hause und ich werde mir irgendetwas für die Presse einfallen lassen. Fishie? Jack? Kümmert ihr euch darum, dass sie ungesehen hier heraus kommt?“
Die beiden angesprochenen nickten sofort.
„Gut. Amy?“
Nur mühsam, so schien es, hob sie den Kopf. „Wir sehen uns morgen, okay? Vielleicht brauchst du einfach eine Nacht tiefen, gesunden Schlafs und alles kommt wieder ins richtige Lot, hm?“
Amy nickte langsam, sah dabei aber nicht so aus, als hätte sie wirklich mitgekriegt, was Larry von ihr wollte. Alex selbst bezweifelte stark, dass sich Amys Gedächtnislücken bis morgen geschlossen hatten, doch so wie es aussah, hatte er keine andere Wahl als aufzustehen und sie nach Hause zu bringen.
Wenn er ehrlich war, verursachte ihm der Gedanke mit Amy alleine zu sein, ganz schöne Magenschmerzen und er schämte sich sofort dafür. Eben noch hatte sie ihm vor der gesamten Welt ihre grenzenlose Liebe in einem absolut unglaublichen Song gestanden und kaum kündigten sich Schwierigkeiten an, wollte er sie am liebsten hängen lassen.
Also riss er sich zusammen, streckte ihr die Hand entgegen und zog sie gleich darauf vom Sofa. Vorsichtig legte er ihr die Arme um die Taille und drückte sie an sich. Ihr Körper versteifte sich augenblicklich, obwohl sie ihm die Arme um den Hals schlang, und es kostete ihn eine unglaubliche Überwindung, sie nicht sofort vor Enttäuschung wieder von sich zu stoßen.
Amy hing in einer Zeitschleife, das sollte er sich wohl besser immer wieder ins Gedächtnis rufen. Sie hatte die vielen Wochen, die sie damit verbracht hatten ihre Beziehung zu kitten, neu aufzubauen und daraus etwas Einmaliges zu machen, nicht erlebt. Zumindest konnte sie sich offensichtlich nicht daran erinnern und somit brauchte er Geduld. Sehr viel Geduld. Doch im Moment schien es ihm beinahe unmöglich, diese aufzubringen, weil er sich zu sehr nach dem sehnte, was er verloren hatte. Es kam ihm so vor, als hätte ihn Amys Geist mit einem Mal verlassen und er musste sich zusammen reißen um nicht hier und jetzt in Tränen auszubrechen. Noch nie, so schien es ihm, hatte er sich so mutlos und verloren gefühlt. Oder doch ... wenn er genauer darüber nachdachte. Damals ... bevor Amy mitten in der Nacht neben ihm in die Höhe geschreckt war, bevor sie anfing, ihre eigenen Songs zu schreiben, bevor sie sich plötzlich ihm gegenüber öffnete, bevor er seine Liebe für sie wieder entdeckt hatte ... damals hatte er sich ähnlich gefühlt.
„Lass uns gehen,“ sagte sie dicht an seinem Ohr und ohne erkennbare Emotion.
„Sicher,“ nickte er, ließ sie los und wandte sich von ihr ab der Tür zu.
Geduld ermahnte er sich erneut. Du musst nur Geduld haben. Amys Geist ist noch irgendwo in ihr. Sie muß ihn nur wieder finden.

Kapitel 37