Kapitel 35

Keylie stand hinter der Bühne zwischen den Mitgliedern ihrer Band und fühlte sich hundeelend. Sie trug bereits die Kleider für ihren Auftritt – Jeans, schwarze Stiefel, schwarzes Top mit Glitzersteinen – war kunstvoll von einer Stylistin geschminkt und damit mit riesigen, kajalumrandeten Augen ausgestattet, ihr kinnlanges Haar war von der Kappe befreit und mit viel Hingabe erst gebürstet und dann kunstvoll zerwühlt worden und in nicht einmal fünf Sekunden würde sie mit ihrem Auftritt beginnen.
Alleine die Vorstellung, die schmale, steile Holztreppe hinauf zu gehen und sich ins Rampenlicht zu stellen, wo jeder sie sehen, hören und beurteilen konnte, ließ ihren Magen rebellieren und ihre Beine weich wie Pudding werden. Warum hatte sie sich eigentlich ausgerechnet diesen Beruf als ihren Traumjob ausgesucht? Was war daran so erstrebenswert sich vor einem Haufen ihr unbekannter aber wichtigen Menschen zum Idioten zu machen? Wahrscheinlich würden die doch sowieso nicht verstehen, was sie mit ihrer Musik ausdrücken wollte.
Zu allem Überfluss fühlte sich ihre Kehle und damit auch die für sie lebenswichtigen Stimmbänder wie ausgetrocknet und rau wie Schmirgelpapier an. Nein, sie konnte unmöglich da raus gehen und ...
„Meine Damen und Herren,“ tönte es plötzlich über ihr und sie fühlte, wie sie noch um einige Schattierungen blasser wurde. Larry hatte die Bühne betreten um sie anzukündigen und somit gab es jetzt wohl kein Zurück mehr.
Eine Hand tastete in der Dunkelheit der Kulissen nach ihrer und als sie aufsah, blickte sie direkt in die kohlefarbenen Augen ihres Drummers.
„Du bist ne Kämpferin, schon vergessen?“ lächelte er. „Die da draußen können dir nicht einmal ansatzweise das Wasser reichen. Also genieß es. Wir werden jetzt da raus gehen, unseren Spaß haben und uns keine Gedanken über das Fußvolk da unten machen, die sowieso von nix ne Ahnung haben.“
Gegen ihren Willen musste sie lächeln, was sich zwar seltsam verzerrt auf ihren vor Angst erstarrten Gesichtszügen anfühlte, trotzdem aber irgendwie angenehm und beruhigend wirkte.
„Danke,“ flüsterte sie.
Er zwinkerte ihr kurz zu und wandte seine Aufmerksamkeit dann wieder dem Ende der Treppe zu, über der irgendwo Larry stand und ungerührt mit ihrer Laudatio fort fuhr.
„ ... Platz 3 der US-Singlecharts eingestiegen und ich verrate sicherlich nicht zu viel wenn ich sage, dass Amy dies mehr als verdient hat.“ Lauter Applaus, der Keylie jede Menge Adrenalin in die Blutbahnen jagte, unterbrach Larrys Rede für einen Moment. Dann fuhr sie ungerührt mit der Selbtbeweihräucherung fort, die Keylie schon beinahe peinlich war. „Wir haben alle hart an dem neuen Album gearbeitet und ihr gesamtes Herzblut ist in die einzelnen Songs eingeflossen. Heute Abend wollen wir mit ihnen zusammen den Abschluss dieses Projekts feiern. Hier ist sie also. Live, ohne Schnörkel, Playback oder der Möglichkeit, sich hinter künstlich erzeugten Toneffekten zu verstecken.
Und wehe, sie rennen nicht noch heute Abend los und kaufen sich das Album!
Begrüßen sie sie also mit einem herzlichen Applaus, so wie sie es verdient hat.
AMY SALINAS!!“
Das war dann wohl Keylies Stichwort. Abgesehen davon hatte sie sowieso gar keine andere Chance als die Stufen der Treppe mit wackligen Beinen zu erklimmen, da ihr Drummer noch immer ungerührt ihre Hand festhielt und sie erst los ließ, als er durch einen schwarzen Vorhang hinaus auf die Bühne trat.
Keylie selbst verharrte noch einen Moment, vom Publikum nicht zu sehen, hinter dem Vorhang, während sie mit den Ohren verfolgte, wie sich die einzelnen Mitglieder ihrer Band an ihre Instrumente begab und dabei von lautem Geklatsche und Gejohle begleitet wurde.
Larry und Keylie hatten sich Ewigkeiten darüber Gedanken gemacht, wie ein Bühnenprogramm tatsächlich aussehen könnte. Da Keylie nicht einfach auf die Bühne treten wollte um übergangslos mit ihren Songs anzufangen, hatten sie sich für einen etwas ungewöhnlicheren Weg entschieden.
Dies führte dazu, dass sie nun das Mikrophon an die Lippen führte, noch bevor sie überhaupt irgendein Zuschauer zu Gesicht bekommen hatte und mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen auf ihren Einsatz wartete.
Die Eingangsmusik wurde hauptsächlich von ihrem Keyborder übernommen, der seine Tasten entsprechen programmiert hatte, so dass man im ersten Moment das Gefühl bekam, im weiten Weltraum zu schweben und dabei von Synthie-Klängen begleitet zu werden.
Die erste Strophe ihres Openers sprach sie mit ruhiger Stimme in das Mikrophon, während in ihren Ohren die Musik weiterhin so laut blieb, damit sie anschließend mit dem richtigen Ton einsetzen konnte.

Waited a long time for this
Feels right now
Allow me to introduce myself
Want you to come a little closer
I'd like you to get to know me a little bit better
Meet the real me

Als sie schließlich mit dem Gesangspart einsetzte, trat sie endlich durch den schwarzen Vorhang und hinaus in gleißendes Licht, das ihr für einen Moment die Sicht nahm.
Die laute Begeisterung des Publikums bekam sie nur noch am Rande mit. Wie immer hatte sie ihr eigenes Selbst hinter der Bühne zurückgelassen und überließ nun der selbstsicheren, stimmgewaltigen, starken Sängerin Amy Salinas den Raum, den sie brauchte.

Sorry you can't define me, sorry I break the mold
Sorry that I speak my mind, sorry don't do what I'm told
Sorry if I don't fake it, sorry I come so real
I will never hide what I really feel
No way, oh.

Den letzten Part sprach sie erneut ins Mikrophon.

So here it is
No hype, no gloss, no pretense
Just me
Stripped
(Christina Aguilera – Stripped Intro)

Und dann explodierte rechts und links von ihr ein kleines Feuerwerk und sie war endgültig auf ihrer Reise ins Unbekannte angekommen.
Den kleinen Zettel mit der Setlist, der mit weißem Klebeband auf dem Boden befestigt war, benötigte sie eigentlich nicht, trotzdem war sie froh, dass sie einen kurzen Blick darauf werfen konnte und sich somit noch für ein paar Sekunden um den Anblick der tobenden Masse vor der Bühne herumdrücken konnte.
Doch als sie schließlich aufblickte und in die aufgeregten, leuchtenden Gesichter sah, wurde ihr plötzlich ganz warm uns Herz und Alex stolzer Blick, der für sie einen Moment gefangen hielt, tat sein Übriges.
Sie fand ihren Einsatz zum nächsten Song ohne Probleme und auch wenn sie sich mit Soar eher für ein ruhigeres Stück entschieden hatten, so ging das Publikum doch exstatisch mit. Sie konnte es fast nicht glauben, als sie eine Gruppe Mädchen in engen, kurzen Cocktailkleidern dabei beobachtete, wie sie bereits jedes Wort mitsagen und das, wo dieser Titel doch noch gar nicht erschienen war. Aber dies war wohl eine der Auswirkungen des Internets und der damit einhergehenden, rasend schnellen Verbreitung von Musik. Auch wenn es Keylie wahrscheinlich für immer ein Rätsel bleiben würde, wie ihre Songs dort gelandet waren.

When they push, when they pull
Tell me can you hold on
When they say you should change
Can you lift your head high and stay strong

Will you give up, give in
When your heart's crying out "that is wrong"
Will you love you for you at the end of it all

Now in life there's gonna be times
When you're feeling low
And in your mind insecurities seem to take control
We start to look outside ourselves
For acceptance and approval
We keep forgetting that the one thing we should know is

Don't be scared
To fly alone
Find a path that is your own
Love will open every door

See in your hands the world is yours
Don't hold back and always know
All the answers you will unfold
What are you waiting for
Spread your wings and soar
(Christina Aguilera – Soar)

Nachdem die letzten, beinahe nach Gospel anmutenden Töne verklungen waren, nahm Keylie sich Zeit, um ihr Publikum zu begrüßen. Sie konnte hinterher nicht mehr sagen, wie und was sie von sich gegeben hatte, aber es schien gut anzukommen, wenn man nach der Lautstärke des Beifalls ging.
Als nächstes stand Fighter an, was bereits als zweite Singleauskopplung gehandelt wurde und spätestens nach der ersten Strophe war sie vollkommen in ihrem Element. Sie machte sich keine Gedanken mehr darüber was wohl wie beim Publikum ankam, ob sie einen guten Eindruck hinterließ, ob man ihr ihre Texte abkaufte oder ihre Musik mochte. Sie stand hier oben, weil sie Spaß daran hatte, weil es ihr Lebensinhalt geworden war und weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass ihr irgendeine andere Beschäftigung so viel Befriedigung verschaffen konnte.
Hintereinander folgten nun einige Songs, die sie gemeinsam mit Larry und Fishie ausgewählt hatte und nachdem die letzte Zeile von der aktuellen Single Beautiful verklungen war, tobte das Publikum vor der Bühne. Lautstark forderten sie eine Zugabe und Keylie wusste, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen war.
Mit einem kurzen Blick bedeutete sie ihren Musikern nach hinten an das Schlagzeug zu treten.
„Wir machen es jetzt,“ flüsterte sie, während hinter ihr der Club bebte.
„Jetzt? Larry wird tot umfallen,“ bemerkte der Gitarrist.
„Das ist mir, ehrlich gesagt, ziemlich egal,“ grinste Keylie.
„Wie du willst,“ entgegnete er schulterzuckend und schlurfte zurück an seinen Platz, während Keylie den restlichen Bandmitgliedern noch einmal aufmunternd zulächelte und sich dann wieder an den vorderen Rand der Bühne begab.
Sie schlenderte einen Moment an der äußeren Kante entlang, bis sie direkt vor Alex stehen blieb, der von Jack, Marcus, Johnny, Larry und Fishie umstanden wurde. Mit einem zärtlichen Lächeln auf den Lippen hob sie das Mikro an die Lippen.
„Meine Managerin wird mich jetzt sicherlich gleich umbringen,“ verkündete Kelyie und als sie Larrys entsetztes Gesicht sah, das auf der Stelle jegliche Farbe verlor, musste sie leise lachen. „Aber das hier ist mir unglaublich wichtig und somit muß sie da wohl durch.“
Das Publikum lachte höflich, war aber augenscheinlich zu gespannt auf das, was jetzt kam, als dass es sich wirklich gehen lassen konnte.
„Wie hier alle sicherlich wissen, habe ich in den letzten Monaten so einiges mitgemacht. Ich möchte mich nicht beschwere,“ fügte sie schnell und mit Nachdruck hinzu. „Immerhin habe ich das hier alles frei gewählt und ich kann ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich das alles gerade heute Abend genieße und wie dankbar ich jedem einzelnen von ihnen für diesen herzlichen Empfang bin.“
Der Applaus dröhnte laut und anhaltend in ihren Ohren und sie benötigte eine ganze Weile um den aufgeregten Mob wieder einigermaßen unter Kontrolle zu bringen.
„Trotzdem gibt es einige Menschen, die diesen Abend genau so sehr verdient haben wie ich. Sie haben sich, um es mal umgangssprachlich auszudrücken, den Arsch aufgerissen um mir das alles hier zu ermöglichen.
Da ist zum einen Fishie, der genialste Produzent auf Gottes weiter Welt, der immer an mich geglaubt hat und sich mit mir auf alle noch so dämlichen Experimente eingelassen hat.“
Sie sah, wie der Angesprochene vor der Bühne augenblicklich rot anlief und sich noch kleiner machte, als er sowieso schon war.
„Und dann natürlich Larry, meine Freundin, Managerin und Pressesprecherin in einem. Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr sie dafür geackert hat, damit ich heute Abend hier oben stehen kann. Danke Larry. Für deinen Glauben an mich, deine ehrliche Art und deine seltsame Art von Humor.“
Keylie konnte es kaum glauben aber es schien ihr, als glitzerten in Larrys Augenwinkeln plötzlich Tränen auf. Schnell fuhr sie fort.
„Dann sind da natürlich noch mein Bodyguard Jack, meine Band Brainless Wankers, die Plattenfirma Soul-Records und alle, die an diesem Wahnsinns-Projekt mitgeholfen haben. Ich werde euch niemals genug für eure Hilfe und Unterstützung danken können. So viel ist sicher.“
Erneuter Applaus brandete auf, zusammen mit einem ohrenbetäubenden Pfeifkonzert. Nachdem sich auch dieser Aufruhr wieder gelegt hatte, setzte Keylie erneut an.
„Und dann ist da noch der Mensch, der mich die ganze Zeit uneingeschränkt begleitet und unterstützt hat, obwohl ich manchmal ... nun ja ... nicht gerade pflegeleicht sein kann,“ grinste sie und warf Alex einen liebevollen Blick zu. Er lächelte breit, hatte die Hände in den Hosentaschen versenkt und starrte zu ihr auf.
„Alex war für mich da, als selbst ich nicht mehr an mich geglaubt habe. Er ist meine Stärke, meine Inspiration, mein Leben und meine große Liebe.“ Erneut sah sie ihm fest in die Augen. „Ich liebe dich,“ hauchte sie und sie konnte von seinen Lippen das „ich dich auch“ ablesen.
„Somit, dachte ich mir, hat er seinen eigenen Song verdient.“
Die Reaktionen auf diese Ankündigung waren so unterschiedlich, dass Keylie für einen Moment die allgemeine Verwirrung darüber, dass kein weiterer Song im Programm vorgesehen war, das blanke Entsetzen auf Larrys Gesicht, Alex’ glühende Wangen und die verräterisch glitzernden Augen genoss. Dann drehte sie sich zu ihrer Band herum und gab dem Drummer mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass er loslegen konnte.
Er hob die Arme in die Luft, vergewisserte sich, dass seine Bandmitglieder alle aufmerksam zu ihm hinüber blickten, schlug sie dann in langsamen Rhythmus aneinander und zeigte Keylie zum Abschluss mit einem Kopfnicken ihren Einsatz an.
Während sie die ersten Worte sang, sich dabei wieder Alex näherte und ihn keine Sekunde aus den Augen ließ, hatte sie das Gefühl, noch nie etwas ähnlich intensives, so viel Dankbarkeit und Glückseligkeit empfunden zu haben.
Sie versank in seinen dunklen Augen, saugte jede Kontur seines geliebten Gesichts in sich auf und konnte beinahe seinen Herzschlag fühlen, der sich mit ihrem vermischte und sie zu ein und derselben Seele zusammen schweißte.

For all those times you stood by me
For all the truth that you made me see
For all the joy you brought to my life
For all the wrong that you made right
For every dream you made come true
For all the love I found in you
I'll be forever thankful baby
You're the one who held me up
Never let me fall
You're the one who saw me through through it all

You were my strength when I was weak
You were my voice when I couldn't speak
You were my eyes when I couldn't see
You saw the best there was in me
Lifted me up when I couldn't reach
You gave me faith 'coz you believed
I'm everything I am
Because you loved me

You gave me wings and made me fly
You touched my hand I could touch the sky
I lost my faith, you gave it back to me
You said no star was out of reach
You stood by me and I stood tall
I had your love I had it all
I'm grateful for each day you gave me
Maybe I don't know that much
But I know this much is true
I was blessed because I was loved by you

You were my strength when I was weak
You were my voice when I couldn't speak
You were my eyes when I couldn't see
You saw the best there was in me
Lifted me up when I couldn't reach
You gave me faith 'coz you believed
I'm everything I am
Because you loved me

You were always there for me
The tender wind that carried me
A light in the dark shining your love into my life
You've been my inspiration
Through the lies you were the truth
My world is a better place because of you

You were my strength when I was weak
You were my voice when I couldn't speak
You were my eyes when I couldn't see
You saw the best there was in me
Lifted me up when I couldn't reach
You gave me faith 'coz you believed
I'm everything I am
Because you loved me

I'm everything I am
Because you loved me
(Celine Dion – Because you loved me)


Noch während sie die letzte Strophe sang wurde ihr eines mit so brutaler Deutlichkeit bewußt, dass sie beinahe vergaß den nächsten Refrain zu singen.
Alex war der Grund warum sie hier war.
Eine andere Erklärung konnte es gar nicht geben.
Die Musik, ihre Texte, das Leben, das sie nun führte, die Leute die sie kennen gelernt hatte und die Schwierigkeiten, mit denen sie hatte kämpfen müssen und die sich schlussendlich zum Guten gewandelt hatten, waren nur Nebenprodukte von etwas, das viel Größer als sie selbst oder der ganze Erfolg war.
Alex hatte ihr gezeigt was es bedeutete wirklich zu lieben und sich sicher zu fühlen, unabhängig davon, was sie tat, wie sie aussah oder wie viele Fehler sie beging. Er hatte zu ihr gehalten, obwohl ihre Ausgangsposition in dieser Nacht, die für ihre Begriffe Millionen Jahre zurück lag, nicht die beste gewesen war. Er liebte sie, egal wie das alles hier ausging.
Und genau dieses Gefühl hatte sie in ihrem gesamten Leben als Keylie Constance so schmerzhaft vermisst, dass sie sich aus lauter Verzweiflung auf solche Typen wie Zack eingelassen hatte. Und sie befürchtete, dass es Amy ähnlich ergangen war, dass sie dieses überwältigende Gefühl von Vollkommenheit in dieser unvollkommenen Welt auch noch nicht kennen gelernt hatte.
Eine grenzenlose Erleichterung senkte sich über ihr Glücksgefühl und den Stolz über ihre Leistungen. Vielleicht war dies alles nicht die richtige Antwort, die der Kosmos für dieses seltsame Szenario vorgesehen hatte, aber für sie klangen ihre Argumente plausibel und logisch. Zumal sie jedes einzelne Wort mit ihrem Herzen fühlen konnte. Sie hatte die Wahrheit gefunden, die die ganze Zeit in ihr selbst gelegen hatte.
Noch während der letzte Ton des Songs verklang und Alex sich anschickte, einfach zu ihr auf die Bühne hinauf zu klettern ohne sich dabei um die hektische Larry zu scheren, die versuchte ihn noch an seinem Gürtel zu fassen zu kriegen, spürte Keylie, wie ihr schwindlig wurde.
„Gott Baby. Das habe ich eindeutig nicht verdient,“ hörte sie Alex murmeln, während er sie vor allen Anwesenden und mitten auf der Bühne in eine feste Umarmung zog.
„Doch hast du,“ murmelte Keylie, die sich von Sekunde zu Sekunde unwohler fühlte.
Ein leises Rauschen begann in ihren Ohren zu vibrieren und steigerte sich in rasender Geschwindigkeit zu einem schmerzhaften Orkan. Ihr Gehirn schien gegen die Schädeldecke zu pochen und mit einem leisen Stöhnen presste sie eine Hand gegen die Stirn.
„Amy? Alles in Ordnung?“ hörte sie Alex’ besorgte Stimme durch das anhaltende Rauschen in ihrem Kopf.
„Hm,“ murmelte sie, während der Boden unter ihren Füßen bedrohlich zu schwanken begann.
„Du bist bleich wie ein Gespenst,“ sagte er und nun konnte sie die Angst in seiner Stimme ganz deutlich hören.
„Was hat sie denn? Ist alles in Ordnung?“ hörte sie eine weitere Stimme in ihrer Nähe, die wahrscheinlich zu einem ihrer Bandmitglieder gehörte.
„Ich glaube, ich muß mich setzen,“ brachte sie unter einiger Anstrengung hervor, als auch schon ihre Beine nachgaben und sie in Alex’ Armen dem Boden entgegen sank.
„Hey, hey, hey,“ hörte sie ihn murmeln, während sie undeutlich wahrnahm, dass er ihr einen Arm in den Rücken und einen unter ihre Kniekehlen schob und sie hochhob.
Das aufgeregte Gemurmel des Publikums bekam sie gar nicht mehr richtig mit. Sie fühlte, wie Alex sie von der Bühne trug und vorsichtig die schmale Holztreppe hinunter stieg.
„Was ist mit ihr?“ hörte sie gleich darauf Larrys entsetzte Stimme, während die Welt um sie herum in grellen Farbtönen explodierte.
„Ich weiß es nicht. Vielleicht war das alles ein bisschen zu viel Aufregung für sie,“ hörte sie Alex’ dunkle, raue Stimme wie aus weiter Ferne.
Sie krampfte ihre Finger in sein Shirt, während sie versuchte ihren Kopf zu heben und damit ihre Lippen so nahe wie möglich an sein Ohr zu bekommen.
„Ich liebe dich,“ hauchte sie und fühlte, wie ihr Herzschlag unkontrolliert davon raste.
Sie wagte nicht die Augen zu öffnen, trotzdem schien sie ein Strudel aus wirbelnden Bildern und durcheinander schreienden Stimmen zu verfolgen, während sie immer weiter in das Zentrum des Sturms gezogen wurde und sie damit unaufhaltsam von diesem Ort wegdriftete.
Sie hörte nicht mehr, was Alex antwortete. Ihr letzter bewusster Gedanke war, dass sie nun schlussendlich doch noch gefallen war, dann nahm sie nur noch einen lauten Knall wahr, der ihre Ohren klingeln ließ, und stürzte mit unglaublicher Geschwindigkeit in eine bodenlose, pechschwarze Leere, die sie mit Haut und Haaren verschlang.

Kapitel 36