Kapitel 34
Als die Limousine schließlich vor dem Insanity vorfuhr, empfand Keylie die Anspannung, die ihren Körper und ihr Denken erfüllte, als beinahe unerträglich. Ihre Handflächen waren feucht, ihr Herz hämmerte schmerzhaft und unkontrolliert in ihrer Brust und sie meinte, nicht genug Luft zum Atmen in ihre Lungen pumpen zu können. Ihre Bedenken waren vollkommen verrückt und aus der Luft gegriffen, aber sie konnte sich einfach nicht dagegen wehren. Selbst Alex Anwesenheit, die sanfte Berührung, mit der ihr aus den tiefen Lederpolstern hinaus in das Blitzlichtgewitter der Fotografen half, konnten daran jetzt nichts mehr ändern.
Jack und Marcus standen bereits neben dem Wagen. Mit ihrem Bodyguard verband Keylie inzwischen so etwas wie ein geschäftlich-freundschaftliches Verhältnis. Während ihrer Reisen, den Terminen die sie dort wahrnehmen musste und den manchmal recht einsamen Abenden in irgendwelchen Hotelzimmern hatte er ihr immer Gesellschaft geleistet und wenn er auch nicht zu der Sorte Bester-Freund-und-Gesprächspartner zählte, so konnten sie sich doch zumindest auf einander verlassen.
Während Marcus nun an Alex Seite trat und seinen Blick düster über die aufgeregte Menge an Fotografen und Fans wandern ließ, schob sich Jack an Keylie heran und legte ihr beruhigend eine Hand zwischen die Schulterblätter.
Wird schon schief gehen, lächelte er.
Genau damit rechne ich, gab Keylie mit einem gequälten Gesichtsausdruck zurück und ließ ihre Hand dann in Alex ausgestreckte Rechte gleiten.
Wie auf Kommando setzten sie sich gemeinsam in Bewegung und so sehr sie auch mit ihrem inneren Chaos beschäftigt war, so sehr erstaunte und überwältigte sie doch der Empfang, der ihr hier geboten wurde.
Hunderte von Menschen säumten den mit rotem Teppich ausgelegten Gang, schrieen ihren oder Alex Namen, winkten, fotografierten, hielten Schilder in die Luft und sandten ihr so viel Liebe, dass sie für eine kleine Weile beinahe ihre Unsicherheit und die Angst vergaß.
Es war unglaublich, wie die Menschenmenge bei jedem ihrer öffentlichen Auftritte kontinuierlich angestiegen war. Waren am Anfang nur einzelne Personen oder kleinere Grüppchen aufgetaucht, so kamen spätestens seit Veröffentlichung der Single die unterschiedlichsten Menschen in einer beeindruckenden Anzahl auf sie zu. Inzwischen hatte sie gelernt, damit umzugehen und sie genoss jede Sekunde, die sie mit diesen, ihr fremden Menschen verbringen konnte, die ihre Musik liebten und sich darin wieder fanden.
Das, so schien es ihr, war der eigentlich Grund, warum sie Musik machte, warum sie ihre Gedanken in Texte und Melodien packte um sie hinterher ihrem Publikum zu präsentieren. Die Vorstellung, dass sie damit wirklich etwas oder jemanden erreichen konnte, hatte sie immer fasziniert und angetrieben und jetzt hautnah erleben zu dürfen, wie sich dieser Traum in Realität verwandelte, machte sie unglaublich stolz und glücklich.
Somit unterhielt sie sich nun ein bisschen mit ihren Fans, schrieb Autogramme, ließ sich unzählige Male fotografieren und bemerkte aus den Augenwinkeln, dass auch Alex ein glückliches Bad in der Menge nahm.
Als sie schließlich den Eingang des Clubs erreichten, waren sie beide unzählige Male von den unterschiedlichsten Menschen, Fans, Pressevertretern und Sensationsgierigen fotografiert, berührt und angesprochen worden und hatten damit Keylies Nervosität ein wenig eingedämmt.
Durch einen kurzen, überdachten Gang, vorbei an mindestens vier Männern mit Knöpfen im Ohr und düsteren Du-kommst-hier-nicht-rein-Blicken, gelangte ihr kleines Grüppchen an eine breite, schwere Tür aus Milchglas. Zwei weitere Männer, diesmal allerdings in Designer-Jeans und weißen T-Shirts mit dem kantigen Schriftzug des Clubs auf der Brust, öffneten lächelnd die Flügeltüren und bedeuteten ihnen mit einer galanten aber knappen Verbeugung, einzutreten.
Kaum hatte Keylie einen Schritt über die Schwelle gesetzt, blieb sie wie vom Donner gerührt und mit weit aufgerissenen Augen stehen. Das hier musste einfach ein Traum sein. Eine andere Möglichkeit konnte es unmöglich geben.
Im Club wimmelte es bereits von nach der neusten Mode gekleideten Menschen, laute Musik drang aus den Boxen, zu der sich bereits ein Teil der Anwesenden mal mehr mal weniger anmutig bewegte. Das Licht war gedämpft, dadurch strahlten die roten und weißen Leuchtioden auf dem Boden umso heller und bildeten ein kompliziertes Muster.
Als Keylie langsam den Kopf hob, sah sie auch, worauf diese Leuchtstreifen hellen Lichts hindeuteten. Die Bühne am anderen Ende des Raums lag noch im Dunkeln, doch das überdimensionale Cover ihrer CD darüber, wurde von gleißenden Spotlights beleuchtet und überstrahlte damit unübersehbar das gesamte Geschehen.
Keylie konnte immer noch nicht glauben, was tatsächlich bei dem Fotoshooting für dieses Cover herausgekommen war. Selbst als man ihr die Kontaktabzüge vorlegte, konnte sie nicht so recht fassen, dass die Bilder und Visionen, die in ihrem Kopf schon eine ganze Weile herumgespukt hatten, so treffend und glasklar von dem Fotografen eingefangen worden waren.
Und nun das Ergebnis in dieser überlebensgroßen Version in gleißendem Licht vor sich zu sehen, zauberte ihr eine Gänsehaut über den gesamten Körper, während ihr Mund aufklappte und ihre Augen einen glasigen Schimmer annahmen.
Das Cover war in weiß gehalten. Im Mittelpunkt des quadratischen Bildes hockte Keylie, die Knie angezogen, ihre Arme darum geschlungen und den Kopf gesenkt. Sie trug keine Kleider, so dass die einzelnen Wirbel ihres Rückrates deutlich zu sehen waren und sie beinahe meinte, jedes einzelne, goldene Härchen auf ihren Armen erkennen zu können.
Um sie herum standen Spiegel in jeder erdenklichen Form und Größe: Riesige, klobige Antiquitäten mit fein geschnitzten Holzrahmen, ovale Standspiegel mit Goldrahmen, kleine Handspiegel mit rosa Plastikummantelung, rechteckige Badezimmerspiegel mit runden Glühbirnen oder Halogenstrahlern und auch kleine Spiegel in aufklappbaren Puderdosen. Und jedes ihrer Spiegelbilder war anders. Die Pose blieb zwar die gleiche - eine auf dem Boden kauernde Amy Salinas aber ihre Haarfarbe wechselte von blond über braun zu rot oder auch grün. Sie trug immer verschieden Kleidung, mal ein verspielt unschuldiges Sommerkleid, mal Spitzenunterwäsche mit Strapse, mal ein aufreizendes Abendkleid und dann wieder eine schlichte Jeans und Alex Lieblings T-Shirt.
Hätte sie aufrecht zwischen diesen ganzen Abbildern ihrer Selbst gestanden, hätte man sie vielleicht als selbstverliebt oder arrogant abstempeln können, aber so wirkte die Szene, als versuche sie sich vor ihren Spiegelbildern zu verstecken und mit ihrer Nacktheit zu demonstrieren, dass nichts von dem, was man in den Spiegeln sehen konnte der wirklichen Amy entsprach.
Es ist immer wieder total faszinierend, hörte sie Alex neben sich murmeln und als sie zu ihm hinüber blickte, starrte er ebenfalls mit abwesendem Blick zu dem Plakat hinauf.
Ja, das ist es, nickte sie.
Er wandte den Kopf und schenkte ihr ein tiefes, sanftes Lächeln, doch bevor sie noch irgendetwas sagen oder tun konnte, hatte Larry sie entdeckt und kam mit ausgreifenden Schritten und einem zufriedenen Grinsen auf dem Gesicht auf sie zu.
Willkommen auf deiner Party, begrüßte Larry sie lautstark und unübersehbar gut gelaunt, hakte sich ohne zu fragen bei ihr unter und zog sie ohne Umschweife weiter in den Club hinein. Ich stell dich schnell ein paar Leuten vor, dann gehts nach hinten und du ziehst dich für deinen Auftritt um. Ich kann dir sagen, alles was in der Presse Rang und Namen hat, ist da. Wenn ich richtig gesehen habe, ist sogar dieser arrogante Schnösel vom Rolling Stone gekommen, also streng dich an.
Klar, nickte Keylie unsicher, deren Nervosität mit einem Schlag zurückgekehrt war.
Erst jetzt ging ihr richtig auf, dass all diese Menschen nur aus einem Grund heute Abend hier waren: Sie wollten sehen, ob Amy Salinas wieder hinfiel, oder ob sie es diesmal schaffte. Und nachdem sie in den letzten Monaten so einige Erfahrungen in diesem Business gesammelt hatte, war ebenfalls klar, dass den meisten hier Anwesenden ersteres lieber sein würde.