Kapitel 33

Drei Monate später stand Keylie vor dem vorläufigen Höhepunkt ihres neuen Lebens. Das Album war fertig gestellt, sie hatte einen wahren Promotionmarathon absolviert und die Kritiker überschlugen sich bereits jetzt vor Begeisterung. Aus Amy der Versagerin, war Amy Salinas, der Popstar geworden und Keylie war zu Recht stolz auf diese Leistung.
An diesem Abend sollte die Releaseparty für ihr Album „Mirrors“ stattfinden und seit Tagen fand sie deshalb keinen Schlaf. Bisher hatte sich ihr gesamtes Denken und Handeln nur auf diesen einen Tag ausgerichtet, doch nun, da dieser gekommen war, fühlte sie sich unglaublich ängstlich und aufgewühlt.
Was, wenn trotz der bereits jetzt positiven Resonanz, das Album nicht ankommen würde?
Was, wenn es wieder in den Läden versauerte?
Was, wenn sie keinen Erfolg hatte und ihre ganze Arbeit damit umsonst gewesen war?
Die Fragen quälten sie Nacht für Nacht und auch wenn Alex ihr immer wieder versicherte, dass alles hervorragend lief und es ein Ding der Unmöglichkeit war, dass ihr Album auch dieses Mal floppte, so konnten sie seine Worte nicht wirklich beruhigen. Selbst als die erste Singleauskopplung „Beautiful“ aus dem Stand auf Platz 3 der US-Charts einstieg und sich die Vorbestellungen für das Album bei den verschiedenen Online-Anbietern in ungeahnte Höhen schraubten, blieben ihre Ängste und Zweifel. Es war bisher einfach alles viel zu glatt gelaufen.
Angefangen bei den Aufnahmen der Songs. Es hatte weder von Larrys noch Fishies Seite Einwände gegen irgendetwas gegeben, das sie vorschlug. Die Stücke waren so aufgenommen worden, wie sie sich das vorstellte, ihre Texte stammten Wort für Wort aus ihrer Feder, an den Melodien hatte sie gemeinsam mit Fishie und der Band gefeilt, bis sie perfekt waren und zu guter Letzt hatte sich dies alles sehr harmonisch und ohne größere Schwierigkeiten zusammen gefügt.
Dann war da noch ihre Affäre mit Zack. Immer mal wieder war diese Geschichte von den Medien aufgewärmt worden, doch sie hatte nie wieder diese zerstörerische, intensive Kraft entwickelt. Zack selbst hatte sie nur noch einmal auf einer Party gesehen, doch sie hatten beide einen direkten Kontakt vermieden, wofür Keylie ihm beinahe dankbar war. Scheinbar hatte er endgültig begriffen, dass sie mit ihm nichts mehr zu tun haben wollte und die dunkelhäutige, braunäugige Schönheit an seiner Seite zeigte ganz klar, dass er sich bereits anderweitig orientiert hatte.
Keylies Beziehung zu Alex hatte sich in den letzten Wochen immer weiter gefestigt. Auch wenn sie sich selten sahen, da sie beide ständig Termine überall im Land wahrnehmen mussten, so war doch ihre Verbindung stark und unerschütterlich. Alleine seine Stimme am Telefon zu hören, zu wissen, dass er uneingeschränkt hinter ihr stand und sie liebte, so wie sie war, mit all ihren Keylie-Constance-Fehlern, machte sie so glücklich, dass sie es kaum in Worte fassen konnte.
Nach und nach und ohne, dass Keylie es wirklich merkte, hatten ihr Körper und ihr Geist eine neue Einheit gebildet. Die Person Amy Salinas war nun ein perfektes Ganzes. Da war kein Zögern mehr, wenn Keylie in einen Spiegel blickte, es gab keine Unsicherheiten, weil sie der Meinung war, dass Alex Amy liebte und ihren neuen Geist damit nicht erkannte, selbst mit Amys Vergangenheit hatte Keylie sich mittlerweile arrangiert und Fragen zu ihrem dissaströsen Start in der Musikbranche beantwortete sie mittlerweile beinahe gelangweilt.
Alles in allem war ihr Leben also beinahe schmerzhaft perfekt und auch wenn sie sich unglaublich wohl und glücklich darin fühlte, blieb doch in ihrem Hinterkopf immer die Angst. Etwas, das so gut und richtig war, hatte einfach nicht für Ewig bestand. Für Keylie war dies eine unumstößliche Tatsache und als sie sich dies erst einmal klar gemacht hatte, lebte sie jeden Tag so intensiv wie möglich.
Somit stellte die heutige Veröffentlichung ihres neuen Albums, das im Grunde ihr erstes eigenes war, einen weiteren Meilenstein dar. Das Event war in den letzten Wochen und Monaten von Larry minutiös und bis ins letzte Detail geplant und arrangiert worden. Dabei hatte sie sich einer kleinen aber aufstrebenden Eventagentur bedient, die sich um die Buchung der Location - einer der zur Zeit angesagtesten Clubs mit dem klangvollen Namen „Insanity“ – kümmerten, hatte gemeinsam mit ihnen die Gästeliste zusammengestellt und eine ganze Menge Pressevertreter eingeladen. Das Rahmenprogramm stand fest, Limousinen waren geordert, das Essen bestellt und der Innenraum des Clubs auf Amy Salinas Bedürfnisse eingerichtet worden, was eine kleine Bühne mit einschloss.
Somit war also für alle Eventualitäten gesorgt und trotzdem zog sich Keylies Magen jedes Mal schmerzhaft zusammen, wenn sie an die bevorstehenden Stunden dachte. Mittlerweile saß sie neben Alex in einer schwarzen Limousine, die sie quer durch die Stadt zum Veranstaltungsort brachte, während Larry, Fishie, Johnny, Jack und Marcus mit einem weiteren Wagen voraus gefahren waren.
Sie hatte sich für Jeans, hochhackige Sandalen und ein rotes Top entschieden, das im Nacken geknotet wurde und sowohl einen aufreizenden Blick auf ihr Dekollte als auch ihren nackten Rücken gewährte. Ihre Haare hatte sie vor einigen Wochen aus einer Eingebung heraus wesentlich kürzer schneiden lassen, was ihr zusätzlich das Gefühl gab, die letzten Reste von Amy aus ihrem Körper zu vertreiben. Somit bogen sich nun die Strähnen ihres dunklen Haares unter der roten Kappe, von der sie nicht genau wusste, warum sie diese unbedingt hatte tragen wollen, nach außen und legten ihren geschmeidigen, langen Hals frei.
Eigentlich war sie also bestens vorbereitet und trotzdem konnte sie das Gefühl der Panik, das ganz langsam von ihrem Verstand Besitz ergriff, nicht zurück drängen.
„Hey,“ drang in diesem Moment Alex’ liebevolle Stimme zu ihr durch und mit einem Lächeln blickte sie zu ihm hinüber. „Alles klar?“ fragte er und drückte ihre Finger noch etwas fester, die seit der Abfahrt mit seinen verschlungen in ihrem Schoß ruhten.
„Geht so,“ gestand sie und wandte den Blick wieder von ihm ab und durch die getönte Scheibe nach draußen, wo die hell erleuchtete Stadt an ihnen vorbei rauschte.
„Wahrscheinlich ist es ganz normal, dass du nervös bist, aber du brauchst dir wirklich keine Gedanken machen,“ redete er weiter.
„Hm,“ nickte sie abwesend und versuchte immer noch einen direkten Blickkontakt zu vermeiden. Er konnte in ihren Augen lesen wie in einem offenen Buch und wenn er die Panik darin sah, würde er sich nur Sorgen um sie machen. Das konnte er und auch sie heute Abend eigentlich gar nicht gebrauchen.
„Fröschlein,“ hörte sie ihn plötzlich leise und nahe an ihrem Ohr murmeln und sie musste unwillkürlich lächeln. „Es wird alles gut gehen. Vertrau mir.“
„Ich hoffe du hast recht,“ gab sie genau so leise zurück und schloss dann genüsslich die Augen, als seine Lippen sanft ihren Hals streiften.
„Natürlich habe ich recht. So wie immer,“ schmunzelte er, legte ihr einen Arm um die Schulter und zog sie noch ein Stück näher zu sich heran.
Eine Weile schwiegen sie, während sie seinen Blick förmlich auf ihrem Gesicht brennen spüren konnte, dann versuchte er es noch einmal.
„Wirklich Amy. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Wir sind alle da: Fishie, Larry, Jack, ich ... wir passen schon darauf auf, dass alles glatt läuft.“
„Sicher,“ nickte sie schnell. „Es ist nur ... ,“ sie verstummte und schüttelte den Kopf.
„Es ist nur was?“ fragte er sanft nach, legte ihr eine Hand unter das Kinn und zwang sie so, ihn anzusehen. Seine Stirn legte sich augenblicklich in beunruhigte Falten, als er den erschöpften Zug um ihre Augen sah und sein Griff um ihre Schulter wurde fester.
„Ich habe einfach ... ein ganz komisches Gefühl,“ gestand sie also. „Ich weiß, dass alles bestens vorbereitet ist und dass das Album sicherlich gut ankommen wird aber ... das ... ach, ich weiß auch nicht,“ sie wandte sich frustriert von ihm ab, weil sie nicht erklären konnte, was in ihr vorging.
Da war ein unbestimmtes Kribbeln, ein Ziehen in der Magengegend, etwas, das ihr laut und deutlich zurief, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmte, aber sie konnte nicht den Finger darauf legen, was das nun sein sollte.
„Dein Bauchgefühl versucht dich gerade irre zu machen,“ fasste Alex ihre Verwirrung in Worte und sie nickte zögernd.
„Hm ... ,“ machte er. „Kannst du dich erinnern, wie dein Bauchgefühl vor ein paar Monaten ausgesehen hat? Als du nachts aufgewacht bist und mich nicht erkannt hast?“
Keylie schluckte. Gerade daran wollte sie im Moment eigentlich nicht erinnert werden. Trotzdem nickte sie langsam.
„Damals hat dir dein Bauchgefühl gesagt, dass ich dir etwas böses will, dass du mir nicht vertrauen kannst. Und sieh uns heute an. Manchmal hat ein Bauchgefühl überhaupt nichts zu bedeuten. Du bist nervös, was wohl mehr als verständlich ist, aber du irrst dich, wenn du mit einer Katastrophe rechnest.“
Leise seufzend lehnte sie den Kopf an seine Schulter und schloss die Augen.
„Ich wünschte, ich könnte das auch so locker sehen,“ gestand sie. „Aber das kann ich nicht. Ich sterbe gleich vor Angst und dabei sollte ich mich doch gerade auf den heutigen Abend freuen wie eine Schneekönigin, oder? Ich meine ... die ganze Arbeit hat mich doch letztlich hier her geführt. Hierauf habe ich die letzten Monate hingearbeitet.“
„Und das wie eine Besessene,“ bestätigte Alex grinsend.
„Siehst du? Aber am liebsten würde ich den heutigen Abend einfach überspringen. Das ist doch nicht normal.“
Alex lachte leise. „Das ist Lampenfieber mein Schatz. Da kannst du gar nichts dagegen tun.“
„Meinst du?“ fragte sie unsicher, hob seine Hand an ihre Lippen und hauchte einen Kuss darauf.
„Ich bin davon überzeugt,“ bekräftigte er, während sie fühlte, wie seine Fingerspitzen ihren Nacken streichelten.
Erneut seufzte sie. „Warum arbeite ich nicht bei einer Bank oder im Kindergarten oder so irgendetwas? Das wäre wesentlich verträglicher für mein Nervenkostüm.“
„Weil du dort eingehen würdest wie ne Blume ohne Wasser,“ stellte Alex schmunzelnd fest. „Du brauchst dieses Gefühl von Aufregung und Angst, auch wenn du dir das gerade im Moment nicht vorstellen kannst.“
„Ja, das kann ich mir wirklich nicht vorstellen,“ schnaubte sie, fühlte sich aber bereits ein bisschen besser.
„Ich weiß,“ lachte er, beugte sich ein Stück in den Polstern vor und gab ihr einen schmatzenden Kuß auf die Lippen. „Vertrau mir,“ sagte er dann noch einmal. „Wenn wir heute Nacht nach Hause kommen hast du den Abend deines Lebens hinter dir und du wirst dich vor Freude und Stolz kaum einkriegen können. Also zumindest habe ich das vor.“
Keylie lachte leise. „Wo auch immer du deinen Optimismus hernimmst, er reicht für uns beide, so viel ist sicher.“
„Ich habe ja auch genug Inspiration,“ grinste er und wackelte dabei bezeichnend mit den Augenbrauen.
„Hm, schon klar,“ grinste Kelyie zurück, umfasste sein Gesicht mit beiden Händen und küsste ihn zärtlich auf seinen lächelnden Mund. „Ich liebe dich,“ hauchte sie gleich darauf und küsste ihn erneut.
„Ich dich auch,“ gab Alex zurück, nachdem er wieder zu Atem gekommen war.
„Was mache ich mir also Sorgen?“ murmelte Keylie, während sie fühlte, wie Alex Hände eine prickelnde Spur auf ihrem nackten Rücken hinterließ.
„Eben. Sag ich doch.“

Kapitel 34