Kapitel 31
Alex saß auf seinem Platz in den Zuschauerrängen und blickte gespannt zur Bühne hinauf. Seine Laudatio hatte er bereits gehalten, den Preis überreicht und sich dann wieder hinter die Bühne begeben. Auf dem Weg zurück zu seiner Garderobe hatte er dann krampfhaft hin und her überlegt, was er nun tun sollte. Auf der einen Seite wollte er Amy gerne beistehen bis sie hinaus auf die Bühne trat und damit auf sich alleine gestellt sein würde, auf der anderen wollte er aber auch zu gerne ihren Auftritt aus der Sicht des Publikums mitverfolgen.
Als er sich schließlich in ihre Garderobe schob und die unübersehbare Hektik darin wahrnahm, hatte er sich entschieden. Amy saß, in einen weißen Frottebademantel gehüllt, vor einem beleuchteten Spiegel, während eine Hairstylisten und ein Mädchen für das Makeup um sie herum wuselten. Larry stand etwas Abseits und verfolgte mit Argusaugen jeden Schritt, der um ihren Schützling herum gemacht wurde.
Amy selbst wirkte etwas blass, trotz der vielen Schminke, ihre Hände nestelten unablässig an dem weichen Gürtel des Bademantels und ihre Augen wirkten unnatürlich groß und das lag nicht nur an dem dunklen Kajal, der diese mittlerweile umrahmte.
Hey mein Schatz, begrüßte er sie und hauchte ihr einen Kuß auf die Wange.
Und, wie ist es gelaufen? fragte sie aufgeregt und starrte ihn aus dem Spiegel mit aufgerissenen Augen an.
Alles bestens, keine Probleme. Aber das war zu erwarten. Den Text hätte selbst ein fünfjähriger ablesen können.
Aber ein fünfjähriger muß dabei nicht vor hunderten von Leuten stehen und wird dabei auch nicht gefilmt, stellte sie mit einem sanften Lächeln fest.
Routine, grinste er und legte ihr dann die Hände auf ihre verspannten Schultern. Sag mir lieber, wie es dir geht.
Ach, ich sterbe gleich, ansonsten ist alles bestens, gestand sie mit einem schiefen Grinsen.
Hey, ich weiß du schaffst das.
Ja, ja, ja. Das sagen sie mir alle andauernd, aber weißt du was? Es hilft leider überhaupt nichts.
Sein Lächeln wurde breiter und sein Herz weitete sich. Sie wirkte so verletzlich und ängstlich in ihrem Stuhl und mit dem halbfertigen Makeup, dabei durchströmte sie eine innere Stärke, von der sie selbst am wenigsten zu wissen schien.
Ich weiß, dass ich dir leider nichts aufbauendes sagen kann, gab er mit Bedauern in der Stimme zu. Versuch einfach daran zu denken, wie es sich bei der Probe angefühlt hat.
Du meinst dieses Gefühl, als würde ich vor Angst tatsächlich sterben? fragte sei schmunzelnd.
Nein, lächelte er. Das Gefühl, als würdest du schweben und als würde plötzlich alles was du bisher getan hast tatsächlich einen Sinn ergeben.
Ach das, nickte sie. Das hatte ich schon fast wieder vergessen.
Deshalb bin ich ja hier um dich daran zu erinnern, entgegnete er sanft und ließ seine Hände über ihre Schultern hinauf zu ihrem Hals wandern. Zärtlich streichelte er die weiche Haut und verlor sich dabei in dem tiefen Blick ihrer wunderschönen Augen.
Leider wurde er schließlich unsanft beiseite geschoben.
Wenn sie wollen, dass Amy noch vor ihrem Auftritt fertig wird, müssen sie mir jetzt ihren Körper überlassen, bemerkte die Hairstylistin mit einem Lächeln und er zog sich mit entschuldigend erhobenen Händen ein Stück zurück.
Meinst du, sie werden mich ausbuhen? fragte Amy mit leiser Stimme, die vor Angst beinahe unmerklich zitterte.
Ganz bestimmt nicht, beeilte er sich zu sagen und hätte sie am liebsten in den Arm genommen. Aber wenn er sich nicht gleich wieder einen Rüffel einfangen wollte, sollte er das wohl lieber bleiben lassen.
Versprichst du es? fragte sie.
Ich verspreche es, nickte er feierlich.
Gott, sie werden mich doch ausbuhen, stieß sie hervor und umklammerte den Gürtel ihres Bademantels noch etwas fester.
Nein, werden sie nicht, kam ihm Larry zuvor und obwohl er sich über eine Einmischung gerade von dieser Person ärgerte, so war er doch froh, dass sich Amy nicht nur auf seine Worte verlassen musste.
Woher wollt ihr das denn so genau wissen, hm? Es wäre schließlich nicht das erste Mal.
Wo sie recht hatte, hatte sie recht. Er erinnerte sich nur ungern an diesen Auftritt, der für seine Begriffe Jahrmillionen zurück lag. Damals hatte sie in einem kleinen Club auf einer Bühne gestanden, weil sie eine andere Location nicht voll bekommen hatten, und hatte ihr bestes gegeben, während sich das meist schon schwer angetrunkene Publikum über sie lustig machte. Beinahe hätte er sich an diesem Abend in eine Schlägerei begeben, einfach nur um Amy zu beschützen, doch so weit war es nicht gekommen. Vorher war sie von der Bühne gestürmt und hatte verkündet, dass sie nie wieder irgendwo auftreten würde.
Diesem Vorsatz war sie auch treu geblieben. Bis heute.
Baby, sagte er nun also sanft, riskierte, dass er sich erneut den Zorn der Stylisten zuzog und trat wieder an Amy heran. Damals ist vorbei. Du bist heute eine andere. Sowohl als Sängerin, als auch als Mensch. Du wirst da raus gehen und es allen zeigen. Davon bin ich überzeugt. Und sollte sich irgendjemand tatsächlich bemüßigt fühlen, seinen ungerechtfertigten Kommentar abzugeben, werde ich ihm persönlich ein blaues Auge verpassen.
Sie musste gegen ihren Willen leise kichern und er fühlte sich sofort etwas besser.
Das möchte ich sehen, schnaubte Larry hinter ihm.
Ich auch, fügte Amy grinsend hinzu.
Wartet es nur ab. Mein rechter Haken ist gefürchtet.
Ja, man braucht sich ja nur diesen Zack anzusehen, stimmts? bemerkte Larry spitz.
Aufgebracht fuhr er zu ihr herum. Erwähne nie wieder diesen Namen in meiner Gegenwart, knurrte er.
Wieso nicht? Ich fand es große Klasse, dass dem Typ mal einer gezeigt hat, wo es lang geht, gab Larry unbeeindruckt zurück.
Hey! schaltete sich Amy in diesem Moment ein. Könnt ihr eure Streitigkeiten bitte auf später verlegen? Das kann ich im Moment nämlich überhaupt nicht gebrauchen.
Für einen Moment funkelte er Larry noch wütend an, dann wandte er sich wieder Amy zu und atmete einmal tief durch. Er durfte sich nicht provozieren lassen. Schon um Amys Willen.
In Ordnung, nickte er schließlich. Hör zu ... uhm ... ist es für dich okay, wenn ich mir deinen Auftritt von meinem Platz aus ansehe?
Du meinst, du wirst nicht hier bleiben? fragte Amy und wirkte dabei noch etwas blasser.
Nur, wenn es für dich okay ist. Ich kann natürlich auch hier bei dir bleiben und ... ,
Nein, unterbrach sie ihn und legte ihm eine eiskalte Hand auf den Arm. Geh du nur. Ist vielleicht ganz gut so. Einer weniger, der mich nervös machen kann.
Ich mache dich nervös? fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.
Zerstör mir nicht mein soeben errichtetes Lügengebäude, schmunzelte sie.
Oh ... natürlich, grinste er zurück und streichelte ihr noch einmal über die Schulter, bevor ihn eine Hand erneut rigoros zur Seite schob. Aber nur, wenn es für dich wirklich okay ist, betonte er noch einmal.
Es ist vollkommen okay ... irgendwie. Außerdem kannst du so hautnah mitbekommen, wie das Publikum reagiert.
Er fühlte sich plötzlich, als verrate er sie. Warum blieb er nicht einfach bei ihr, brachte sie bis hinter die Bühne und verfolgte von dort ihren Auftritt? Sie konnte ein bisschen Zuspruch weiß Gott gebrauchen.
Vielleicht sollte ich doch nicht ... , setzte er an, wurde aber erneut von Larry unterbrochen. Sie hat doch gesagt, dass es okay ist. Jetzt guck nicht wie ein Baby sondern mach dich vom Acker, sonst werden wir hier nie fertig.
Er hatte bereits den Mund für eine heftige Erwiderung geöffnet, als ihn Amy bremste. Sie hat recht Alex. Geh du nur. Ich komme schon klar.
Wirklich?
Wirklich, lächelte sie.
Er fühlte sich zwar immer noch nicht besser und auch keineswegs überzeugt, aber wenn er nicht wie ein Vollidiot dastehen wollte, musst er jetzt wohl oder übel gehen.
Nun gut. Ich sitze direkt vor der Bühne, du weißt ja wo. Und ich werde dich die ganze Zeit im Auge behalten, okay?
Okay, nickte sie, während ihr Lächeln noch um einiges breiter wurde und ihm somit ein wenig von seinem Schuldgefühl nahm.
Er hatte sie noch einmal geküsst, ihr viel Glück gewünscht und hatte sich dann in einer der vielen Umbaupausen zu seinem Platz führen lassen.
Nun saß er hier zwischen Marcus und Fishie und fühlte sich so nervös, als würde er selbst gleich auf die Bühne treten und singen. Das hier war eine große Sache für Amy, ihre Plattenfirma, sämtliche Beteiligten an ihrem Album, ihre Beziehung und auch für ihn. Dieser Abend würde entscheiden, ob sie beide die Vergangenheit hinter sich lassen und von vorne anfangen konnten, oder zurück in ihre Welt aus Schweigen und unausgesprochenen Vorwürfen katapultiert werden würden.
In diesem Moment trat der Moderator der Show auf die Bühne. Während das Licht hinter ihm ausging und er seine einstudierte Ansage zu Amys Auftritt zum Besten gab, wanderte er langsam den kurzen Steg hinunter und damit auf das Publikum zu.
Vielleicht werden sich einige wenige von ihnen noch an die nun folgende Künstlerin erinnern, begann er und Alex wartete angespannt, welche Gemeinheiten und Seitenhiebe nun kommen würden. Auch wenn man es nicht für möglich halten sollte, so hat diese Sängerin doch vor gut einem Jahr bereits ein Album auf den Markt gebracht. Ich schätze, es spricht nicht wirklich für die Qualität, dass es sich so gut wie nicht verkaufte. Höfliche Lacher folgten und Alex ballte die Fäuste in seinem Schoß. In letzter Zeit ist sie allerdings wieder in den Schlagzeilen aufgetaucht. Hat irgendjemand die Fotos NICHT gesehen? fragte er und lachte über seinen eigenen Scherz am lautesten. Nun ... heute ist Amy Salinas jedenfalls hier um uns zu beweisen, dass sie mehr kann als nackt gut auszusehen. Und so ganz im Vertrauen ... wenn sie nur halb so gut singen kann, wie sie gebaut ist, haben wir wohl so einiges zu erwarten, nicht wahr?
Erneut brandete halbherziges Gelächter um Alex herum auf, während er die Zähne fest aufeinander biss und sich nur mit äußerster Willenskraft auf seinem Platz halten konnte.
Nur die Ruhe Mann, hörte er Marcus neben sich flüstern, eine seiner riesigen Pranken legte sich dabei beruhigend auf seinen Arm und Alex war kurz davor, laut los zu schreien. Das hier war mehr als unfair.
Hier ist sie also. Begrüßen sie mit mir und mit einem herzlichen Applaus ... AMY SALINAS!
Der Moderator verschwand schnell von der Bühne und Alex Aufmerksamkeit richtete sich auf den hinteren Teil, in dem in diesem Moment ein Spotlight erstrahlte und Amy in überirdisches Licht tauchte.
Ihm stockte augenblicklich der Atem. Noch nie, so schien es ihm, hatte er ihre Gestalt so eindringlich wahrgenommen. Ihr schlanker Körper steckte in einem blutroten Kleid aus fließender Seide, zwei Bänder in ihrem Nacken hielten den tiefen Ausschnitt an Ort und Stelle und der Saum des Rockes schmiegte sich anmutig um ihre nackten Knöchel. In ihr Haar war ein Band von der gleichen Farbe wie die ihres Kleides eingeflochten worden und ihre stark geschminkten Augen schienen ihn selbst auf diese Entfernung verschlingen zu wollen.
Wow, hörte er Fishie neben sich benommen flüstern. Besser hätte er es im Moment wahrscheinlich auch nicht ausdrücken können.
In diesem Moment setzte das leise Spiel der Gitarre ein und obwohl er den Song inzwischen schon einige Male gehört hatte, so ließ ihm der sanfte Klang jetzt sämtliche Haare zu Berge stehen. Um ihn herum konnte er leises Getuschel hören, scheinbar waren noch nicht alle der hier Anwesenden so in Amys Bann wie er, aber er machte sich nun keinerlei Sorgen mehr. Sie würde sie alle in Grund und Boden singen und sollte auch nur einer den Saal heute Abend verlassen, ohne so etwas wie Bewunderung oder sogar Scham über das eigene Verhalten zu empfinden, würde er einen Besen fressen.
In diesem Moment hob sie das Mikrofon an ihre kirschroten, vollen Lippen und ihre atemberaubende Stimme füllte augenblicklich jeden Winkel dieses riesigen Saales aus. Gleichzeitig machte sie den ersten Schritt Richtung Publikum.
Sie schritt erhobenen Hauptes und hatte dabei die Ausstrahlung einer Königin, gleichzeitig wirkte sie aber auch wie ein verletztes Tier, das seine Wunden leckte. Vielleicht war es das, was das Gemurmel um ihn herum endgültig verstummen ließ, vielleicht auch die Eindringlichkeit in ihrer Stimme, vielleicht aber auch der Umstand, dass sie barfuß den kurzen Catwalk herunter kam und dabei den versammelten Pressevertreter und dem Publikum gleichermaßen fest in die Augen sah.
put me up
draw a letter on my skin
with your blood
scream it out loud
there is so much to laugh about
show me to everyone
with your finger pointing at my shame
make some stories up
I am the witch that you blame
Als sie zum Übergang zwischen Strophe und Refrains kam, wurde ihre Stimme noch ein Stück anklagender, sie beugte sich weit über den Bühnenrand und sang ihnen ihre Verachtung mit Vehemenz direkt ins Gesicht.
All the misery you feel
you pass on to me
Happy now?
I am down on the ground
Happy now?
Like you wanted
Are you happy now?
Erneut zogen sich die übrigen Instrumente zurück um der einzelnen Gitarre Raum zu geben, Amy richtete sich wieder auf und sang anschließend die zweite Strophe mit kämpferisch vorgerecktem Kinn.
beat me up
throw your rude insults against my face
you're so sure
I am the worsed piece of this human race
love can't be forced as you know
your thought of revenge makes you blind
you wish me hell on earth
all those bad things are on your mind
All the misery you feel
you pass on to me
Happy now
I am down on the ground
Happy now
Like you wanted
Are you happy now?
Während des Gitarrensolos drehte sie dem Publikum unvermittelt den Rücken zu und wanderte mit langen, federnden Schritten zurück in die Mitte ihrer Band. Sie warf den Kopf von einer Seite auf die andere und wurde eins mit dem hämmernden Beat. Als sie die letzten Zeilen sang, schienen sämtliche Wut, der Schmerz und ihre Verachtung aus ihr heraus zu fließen und sich über jeden der hier Anwesenden zu legen.
Sein Herzschlag hämmerte so heftig in seiner Brust, dass er es über die laute Musik in seinen Ohren hören konnte, eine ganze Armee von Schmetterlingen hatte sich seines Magens bemächtigt und sein gesamter Körper lechzte danach sie an sich zu ziehen und alle unanständigen Dinge mit ihr zu tun, die ihm gerade durch den Kopf gingen.
In your pain you blame me
Let me go and forget
forget
me.
Happy now
I am down on the ground
Happy now
Like you wanted
Are you happy now?
(Die Happy Happy Now)
Der letzte Ton verklang zusammen mit ihrem letzten, rauen Stöhnen und er musste heftig und immer wieder schlucken um sein Verlangen nach ihr irgendwie einzudämmen.
Erst der aufbrandende Applaus um ihn herum riss ihn aus seiner Starre und zurück in das Hier und Jetzt. Als er sich blinzelnd umsah, fühlte er sich, als sei er gerade aus einer Trance erwacht und zu seiner grenzenlosen Verwunderung stellte er fest, dass um ihn herum die ersten Zuschauer aufgestanden waren. Sie klatschten, pfiffen und brüllten Worte der Bestätigung und er beeilte sich, ihrem Beispiel zu folgen. In diesem Moment konnte er sich kaum vorstellen, dass sich noch irgendein anderes Lebewesen auf diesem Planeten so gut, stolz und euphorisch fühlen konnte. Amy vielleicht, aber diese war bereits wie ein Geist in der erneuten Dunkelheit der Bühne verschwunden.
Nichts und niemand konnte ihn jetzt noch auf seinem Platz halten. Mit Nachdruck bahnte er sich einen Weg durch die Sitzreihen, während sich das Publikum um ihn herum nur ganz langsam beruhigen ließ, und rannte beinahe den langen Gang hinunter, der ihn hinter die Bühne und damit zu Amy führen würde. Er musste sie berühren. Jetzt und sofort. Einfach nur um ihm zu beweisen, dass sie tatsächlich kein Geist war, sondern ihm gehörte. Ihm ganz allein.