Kapitel 29

Zwei Wochen später stand Keylie auf dem Balkon ihrer Suite im 28. Stock des New York Plaza Hotels und ließ ihren Blick über die Stadt zu ihren Füßen schweifen. Die hohen Gebäude um sie herum strahlten eine unglaubliche Ruhe aus, während in den Straßenschluchten dazwischen das Leben geschäftig pulsierte. Die Sonne schien und wärmte ihr Gesicht, in dem ihre müden Augen gar nicht schnell genug alles in sich aufzunehmen vermochten.
Sie konnte kaum fassen, dass sie tatsächlich hier war, denn obwohl es ihr manchmal vorgekommen war, als vergehe die Zeit überhaupt nicht, fragte sie sich inzwischen, wo die letzten 14 Tage eigentlich geblieben waren. Sie hatte mit der Band bis zum Umfallen an dem neuen Song gearbeitet und dazwischen mit den Aufnahmen für zwei weitere Stücke begonnen. Larry hatte sie in dieser Zeit kaum zu Gesicht bekommen, da diese sich voll und ganz darauf konzentrierte, ihre Zukunft zu planen. Stillschweigend waren sie übereingekommen, dass jeder von ihnen das tat, was er am besten konnte: Keylie Songs schreiben und Larry den Rest darum herum organisieren.
Vor zwei Stunden hatten sie dann den Boden New Yorks betreten und seit dem hörte das aufgeregte Kribbeln in Keylies Magengegend gar nicht mehr auf. Seit sie mit Alex am Flughafen in Los Angeles aus dem Taxi gestiegen war, fühlte sie sich eigentlich permanent als würde sie träumen. Larry und Johnny Wright hatten ein Flugzeug für die gesamte Crew gechartert und Keylie konnte gar nicht glauben, wie viele Personen sich mit ihr gemeinsam auf den Weg gemacht hatten.
Zum einen waren da natürlich Larry und Johnny, dann Alex’ Bodyguard Marcus, ein riesenhafter zwei Mal zwei Meter Mann mit dunkler Hautfarbe und einem breiten, sympathischen Lächeln, ein paar Betreuer, Stylisten, ihre eigene Security, die aus Jack und zwei seiner Mitarbeitern bestand, ihre fünfköpfige Band und nicht zu letzt Fishie, der noch nervöser als sie selbst zu sein schien. Alles in allem waren sie also mit über dreißig Mann angereist und sie hatte beinahe ein schlechtes Gewissen, dass sie sich mit Alex diese unglaubliche Suite teilen dufte, während der Rest in wesentlich kleineren Einzelzimmern nächtigte. Wobei diese immer noch so luxuriös waren, dass es Keylie buchstäblich den Atem raubte.
Sie seufzte leise und schloss für einen Moment die Augen. Dieser Abend war so unglaublich wichtig für sie und ihre Karriere, dass ihr richtig gehend übel wurde wenn sie sich vorstellte, wie sie auf der Bühne stand und vor einem Millionenpublikum ihren Song sang. Sie war doch nur Keylie Constance - oder Amy Salinas, wie man es sehen wollte – und somit nichts besonderes. Womit hatte also ausgerechnet sie diese Ehre und Auszeichnung verdient?
„Bitte spring nicht,“ hörte sie plötzlich Alex leise kichernd hinter sich, bevor sich seine muskulösen Arme von hinten um ihre Taille schlangen und er seine Nase in ihrer Halsbeuge versenkte.
„Schade. Mein schöner Plan durch meinen frühen Freitot so berühmt wie Kurt Cobain zu werden, hast du gerade zunichte gemacht,“ schmunzelte sie und schmiegte sich vertrauensvoll an ihn.
„Hab ich ein Glück.“
„Na, ich weiß nicht.“
„Doch, ganz bestimmt,“ schnurrte er leise und seine Lippen streiften dabei sanft ihren Hals.
Eine Weile schwiegen sie und ließen ihren Blick bis zum Horizont schweifen.
„Wir sollten hier einziehen,“ lächelte Keylie schließlich. „Ich glaube, hier gefällt es mir.“
„Ja, New York ist wirklich etwas ganz besonderes,“ stimmte Alex ihr zu.
„Und der heutige Tag auch,“ fügte Keylie hinzu.
„Höre ich da leichte Panik in deiner Stimme?“ schmunzelte er, während er sie noch etwas fester an sich drückte.
„Ein bisschen,“ gab Keylie zu. „Ich meine ... stell dir das doch mal vor ... ich stehe da oben auf der Bühne, unten im Zuschauerraum sitzen lauter berühmte Persönlichkeiten, die in einer Woche genau so viel mit ihrer Musik verdienen, wie ich bisher in meinem ganzen Leben und urteilen über mich. Und das auch noch in nur vier Minuten. Ich finde, ich habe jedes Recht panisch zu sein.“
Sie spürte, wie er ihre Taille umfasste und sie sanft zu sich herum drehte. Sie blinzelte gegen die hellen Sonnenstrahlen an, während sie zu ihm aufsah und sie alleine der Blick in seine dunklen, von diesen unglaublich dichten Wimpern umrahmten Augen wesentlich ruhiger werden ließ.
„Du bist so gut,“ sagte er eindringlich „dass sie ihre eigenen Erfolge und ihr ganzes, beschissenes Geld für vier Minuten komplett vergessen werden.“
„Ich wünschte, ich hätte etwas mehr von deiner Überzeugung,“ lächelte Keylie schwach.
„Hm ... ich könnte ja mal versuchen, ein bisschen davon auf dich zu übertragen,“ grinste er breit, dann senkten sich seine warmen, weichen Lippen auf ihre hinunter.
Zu erst ließen seine federleichten, kleinen Küsse auf ihren Lippen die Panik in ihr durchscheinend wie einen Geist werden, als der Druck seiner Lippen fester und fordernder wurde, begann sie sich langsam in Wohlgefallen aufzulösen und als schließlich seine Zunge mit einem schnellen Schlag in ihren Mund eintauchte, verdrängte das heiße Feuer in ihren Lenden endgültige sämtliche negativen Gedanken aus ihrem Gehirn. Sie hatte Alex, mehr brauchte sie nicht.
Sie fühlte, wie er sie noch dichter zu sich heran zog, seine Hände streichelten über ihren Rücken, verschwanden für einen Augenblick unter ihrer weichen, kurzen Kapuzenjacke, bevor sie wieder darunter auftauchten und sich stattdessen auf die Rundungen ihres Pos legten.
„Wenn du einfach bis zum Auftritt so weiter machen könntest ...“ murmelte sie benommen dicht an seinen Lippen, was ihm ein leises Kichern entlockte.
Erneut schob sich seine Zunge in ihren Mund, vollführte einen aufreizenden Tanz um ihre Zunge herum und tastete dann vorsichtig die Innenseite ihrer Schneidezähne ab.
In diesem Moment durchdrang ein lautes Räuspern den Konkon aus Zweisamkeit, der sich um sie gelegt hatte und vor Enttäuschung leise seufzend lösten sich Keylies Lippen von Alex.
„Manchmal hasse ich sie alle,“ hörte sie ihn leise murmeln, während er sich langsam aufrichtete und dann zu dem Störenfried herum drehte.
„Kommt ihr wieder rein?“ fragte Johnny und schaffte es, sein Lächeln tatsächlich wie eine Entschuldigung aussehen zu lassen. „Wir haben noch einiges zu besprechen.“
„Sicher,“ nickte Alex. „Gib uns noch fünf Minuten.“
Sein Manager schüttelte bedauernd den Kopf. „Es sind inzwischen alle da. Wir warten nur noch auf euch.“
„Sklaventreiber,“ grummelte Alex beleidigt.
„Ich weiß,“ lachte Johnny, drehte sich herum und verschwand gleich darauf wieder im Inneren der Suite.
„Du hast ihn ja gehört,“ wandte sich Alex seufzend an Keylie.
„Hm,“ nickte diese, stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihre Lippen zärtlich aber kurz auf seine. „Dann lass uns mal rein gehen.“
Er nickte, schenkte ihr noch einen langen, lächelnden Blick aus seinen faszinierenden Augen, nahm dann ihre Hand und führte sie über den Balkon hinüber zu der Schiebetür, die zurück in ihre Suite führte.
Sie verfügte über ein riesiges Schlafzimmer mit Plasmafernseher und einem überdimensionalen Bett, einem Bad aus hellem Marmor und goldenen Wasserhähnen und einem Wohnzimmer, das komplett in Creme gehalten war, mit seinem bodenlangen Fenstern einen überwältigenden Blick über die Stadt gewährte und mit den beiden, ebenfalls cremefarbenen Sofas genug Platz für die nun folgende Besprechung bot.
Larry und Johnny hatten bereits Platz genommen, Marcus räkelte sich in einem Sessel und hatte die Hände über seinem voluminösen Bauch gefaltet, Fishie und Jack hatten sich ebenfalls bereits zu der kleinen Gruppe gesellt und dazwischen saßen noch drei weitere Personen, die Keylie allerdings nicht wirklich einordnen konnte, da sie zu Alex’ Crew gehörten.
Die Band hatte gerade noch ein schnelles Frühstück an dem ausladenden Esstisch eingenommen und schob nun ihre Teller beiseite um etwas abseits das Geschehen zu verfolgen.
Alex nahm am äußeren Ende des Sofas Platz, Keylie quetschte sich zwischen ihn und Fishie und fühlte, wie sich gleich darauf Alex’ Arm beruhigend fest um ihre Schulter legte.
„Möchtest du oder soll ich?“ fragte Johnny an Larry gewandt.
„Mach nur,“ nickte diese gönnerhaft, während sie an ihrer unvermeidlichen Zigarette zog.
„Also gut,“ begann er und rückte einige Papiere auf dem Glastisch vor sich zurecht. „Der Zeitplan sieht folgendermaßen aus: Abfahrt in einer halben Stunde. AJs Probe beginnt um vierzehn zwanzig, angesetzt sind aber nur zehn Minuten. Einmal die Laudatio runterbeten und das war’s. Du kennst das ja.“
Alex nickte.
„Amy ist dann eine Stunde später dran. Erfahrungsgemäß verschiebt sich das alles ein bisschen, aber ihr solltet euch da auf jeden Fall schon bereithalten. Fünfzehn Minuten Soundcheck, dann zehn Minuten Probe. Ich denke, das sollte auch reichen, oder?“ fragte er mit hochgezogenen Brauen in Keylies Richtung und sie nickte schnell, auch wenn sie keine Ahnung hatte, ob die angesetzte Zeit angemessen war.
„Danach,“ meldete sich Larry zu Wort, die scheinbar der Meinung war, dass der Terminplan ihres Schützlings dann doch ihre Sache war „haben wir ein paar Interviewtermine.“
„Auch noch?“ entfuhr es Keylie und schämte sich gleich darauf dafür. Alle Augen im Raum waren nun auf sie gerichtet und sie wollte nicht, dass man von ihr dachte, sie könne dieses Pensum nicht schaffen.
„Nur drei kleine Termine, nichts aufregendes,“ beschwichtigte Larry sie.
„Alex hat in der Zeit ebenfalls zwei Radiotermine,“ fügte Johnny hinzu. „Danach fahren wir zurück ins Hotel und treffen uns eine Stunde später wieder in der Radio City Hall. Die Outfits und alles weitere sind bereits dort. Ihr werdet beide über den roten Teppich marschieren. Das wäre dann um neunzehn Uhr. Zwanzig vierzig, AJs Laudatio, einundzwanzig fünfzehn Keylies Auftritt, danach Party wenn gewünscht. Einladungen liegen mir vor. Irgendwelche Fragen?“
Keylie schossen mindestens tausend davon durch den Kopf, doch sie schwieg, nachdem die restlichen Anwesenden im Raum scheinbar vollkommen im Bilde waren. Sie hatte sicherlich später noch genug Zeit Alex oder Larry über ein paar Aspekte ihrer Probe, des Auftritts, der Interviews und dem ganzen anderen Kram auszufragen.
„Gut,“ nickte Johnny befriedigt. „Dann treffen wir uns in einer halben Stunde unten in der Lobby. Marcus, ich möchte dich bitten mit Jack zusammen die Aspekte der Sicherheit noch einmal durchzugehen. Ich will keine Zwischenfälle irgendwelcher Art. Amy steht für Interviews außerhalb des vereinbarten Rahmens nicht zur Verfügung. Das selbe gilt für AJ. Wir werden die ganze Sexgeschichte unkommentiert lassen, so weit das möglich ist. Also schirmt sie so gut es geht ab.“
Keylie wurde es flau im Magen, als Johnny so ungeniert ihre vergangenen Verfehlungen ansprach. Die letzten zwei Wochen hatte sie sich kaum vor Journalisten und Fotografen retten können und sie war beinahe erleichtert, dass sich hier in New York noch genug andere Prominenz herum trieb und damit die Aufmerksamkeit der anwesenden Pressevertreter etwas besser verteilt wurde. Doch auch ihr war klar, dass die letzten Schlagzeilen über sie auch heute Abend das Gesprächsthema Nummer eins sein würden.
Wie auf Kommando erhoben sich alle Anwesenden, Larry und Johnny steckten noch für einen Moment die Köpfe zusammen, Marcus und Jack verließen mit den beiden weiteren Sicherheitsleuten das Zimmer, die Band machte sich ebenfalls zu ihren eigenen Räumlichkeiten auf, während Alex sich eine Zigarette aus Larrys Packung angelte und sich in Richtung Balkon zurückzog. Nur Keylie blieb mit einem Gefühl der Taubheit in ihrem Kopf reglos neben Fishie sitzen.
„Dieses Event toppt wirklich alles bisher da gewesene,“ bemerkte er, nahm seine Brille ab und begann die Gläser mit dem Zipfel seines karierten Hemdes zu putzen.
„Das kannst du laut sagen. Ich hoffe, es nimmt mich jemand an die Hand und schiebt mich immer zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort.“
„Da mach dir mal keine Sorgen. Wahrscheinlich wird Larry dich an sich festbinden,“ schmunzelte er.
„Irgendwie ist das unheimlich.“
„Klar ist es das. Aber auch aufregend, oder? Ich meine ... das wolltest du doch immer. Reich und berühmt sein, vor einer Menschenmenge auf der Bühne stehen, deine Songs singen ...“
„Frag mich nach meinem Auftritt noch mal, ja?“ entgegnete Keylie mit geqäultem Grinsen.
„Wird schon schief gehen, hm?“ versuchte er sie zu beruhigen, während er die Brille wieder aufsetzte und ihr dann freundschaftlich das Knie tätschelte.
„Muß ja,“ gab sie schulterzuckend zurück und konnte dabei das Gefühl der Angst nicht vertreiben, das bei der Vorstellung ihres vollgestopften Terminplans in ihr aufstieg.
Vielleicht, so überlegte sie, war sie doch nicht für diese Art von Leben geschaffen. Sollten Künstler nicht froh sein ihre Kreationen einem Millionenpublikum vorzustellen? Sollte sie nicht vor freudiger Erregung zittern, wenn sie sich vorstellte heute Abend endlich beweisen zu können, was wirklich in ihr steckte?
Alex liebte seine Auftritte. Nur auf der Bühne, so hatte er ihr erzählt, fühlte er sich als vollkommener Mensch. Das war einfach das größte für ihn, die Krönung seiner harten, oft monatelangen Arbeit. Sie hingegen wäre in diesem Moment am liebsten so weit wie möglich davon gerannt. Jedenfalls konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie auch nur eine Sekunde dieses Tages wirklich genießen konnte.

Kapitel 30