Kapitel 28

Die erste Devise hieß nun für Keylie sich abzulenken und da dies schon immer mit Musik am besten geklappt hatte, kramte sie eine Weile in ihrer Tasche herum und zog schließlich die Seiten mit ihrem neuen Song hervor.
„Okay Fishie. Ich möchte, dass du dir das hier anhörst und mir dann ganz ehrlich sagst, ob ich das an der Verleihung singen kann, in Ordnung?“
„In Ordnung,“ nickte Fishie und wirkte dabei so ernst, als hätte sie ihn gerade darum gebeten, ihr Begräbnis zu organisieren.
Sie beugte sich über die Armlehne der Couch und nahm die Gitarre aus dem Ständer daneben, legte sie sich über die Knie und breitete die Notenblätter vor sich aus. Eigentlich brauchte sie diese Hilfestellung nicht mehr, denn der Song war ihr bereits in Fleisch und Blut übergegangen, war er doch auch genau daraus entstanden. Trotzdem vermittelten ihr die harmlos wirkenden Seiten das letzte bisschen Sicherheit, das sie brauchte, um ihre Worte das erste Mal einem anderen Menschen zu präsentieren.
Einen Moment klimperte sie lediglich auf den Stahlsaiten herum um sich zu sammeln, dann holte sie noch einmal tief Luft und begann mit dem eigentlichen Stück.
Die ersten sanften Klänge erfüllten das kleine Studio während sie die Odyssee von heute Morgen noch einmal deutlich vor Augen hatte. Als sie die ersten Akkorde wiederholt hatte, begann sie schließlich mit sanfter aber dennoch kräftiger Stimme zu singen.

put me up
draw a letter on my skin
with your blood
scream it out loud
there is so much to laugh about
show me to everyone
with your finger pointing at my shame
make some stories up
I am the witch that you blame
(Die Happy – Happy Now)

Der eher sanft gesungenen Strophe folgte der etwas ruppigere Refrain, die Akkorde flossen wie Wasser eines reißenden Flusses aus ihren Fingern und spätestens bei der zweiten Strophe hatte sie diese unwirtliche Welt verlassen und klagte mit viel Gefühl, Ironie und innerer Stärke ihre Peiniger an.
Sie nahm sich Zeit für das Gitarrensolo, ihre Finger flogen nur so über die Saiten und sie nahm nichts mehr um sich herum wahr als die kräftigen Töne und die Worte, die ihre Stimme gefühlvoll zu einem vollkommenen Ganzen zusammen setzte.
Als der letzte Ton verklungen war verharrte sie einen Moment mit gesenktem Kopf und fühlte dabei noch immer das intensive Vibrieren, das dieses Stück in ihre hinterlassen hatte. Schließlich richtete sie sich auf und sah erwartungsvoll zu Fishie hinüber. Sie hoffte, dass sie ihn auf ihre Seite ziehen konnte, bevor Larry sämtliche Einwände dieser Welt hervorbrachte um sie umzustimmen.
„Und?“ fragte sie schließlich, nachdem Fishie nach einer gefühlten Ewigkeit immer noch schwieg.
„Larry wird tot umfallen,“ kommentierte er.
„Ehrlich gesagt ist mir das egal. Ich will wissen, was du davon hältst.“
„Hm ... ,“ machte er und ihr Herz rutschte in die Kniekehlen. „Lass es mich so ausdrücken ... ,“ er klopfte sich mit dem Zeigefinger gegen die Unterlippe, was sie an ihm noch nie gesehen hatte, und am liebsten wäre sie jetzt aufgesprungen und hätte ihn geschüttelt, damit er endlich mit der Sprache herausrückte.
„Der Song ist verteufelt gut,“ lächelte er schließlich. „Aber der Text ... auf dieser Verleihung ... ich meine ... dir ist hoffentlich bewusst, dass da eine ganze Menge Leute anwesend sein werden, denen du damit auf die Füße trittst.“
„Genau das ist doch der Sinn Fishie. Ich möchte ihnen zeigen was sie in mir auslösen, wenn sie solche Sachen über mich schreiben, meine Fotos abdrucken und so tun, als hätten sie irgendein Recht über mich zu urteilen.“
„Na, dieses Ziel wirst du ganz sicher erreichen. Aber ich warne dich vor. Das könnte ziemlich ungemütlich werden. Entweder hassen sie dich danach noch mehr oder du bist plötzlich die strahlende Heldin und ziehst genau so viel Aufmerksamkeit auf dich.“
„Habe ich denn eine andere Wahl?“ fragte Keylie mit vor Aufregung weit aufgerissenen Augen. „Ich meine ... wenn ich irgendeinen seichten Mist abliefere werden sie schreiben, dass ich es wieder vermassele, wenn ich einen guten Pop-Song singe, werden sie gönnerhaft auf mich herab sehen und verkünden, dass man erst einmal das neue Album abwarten muß um zu sehen, ob ich mich gebessert habe. Aber damit ...,“ sie deutete auf die dicht beschriebenen Seiten auf dem Tisch „... ich meine ... ich weiß, dass der Text kontrovers ist, aber genau das will ich auch. Ich möchte, dass sie sich Gedanken darüber machen ... dass wenigstens einer aus dem Saal geht und dabei noch über meine Worte nachdenkt. Das wäre das Größte!“
„Meinen Segen hast du,“ grinste Fishie „aber was Larry in der momentanen Situation dazu sagen wird, will ich mir lieber gar nicht vorstellen.“
Als wäre dies ihr Stichwort gewesen, schwang in diesem Moment die Tür auf und Larry rauschte herein, gefolgt von einem hoch aufgeschossenen Mann in Jeans, weißem Hemd und dunklem Jackett.
„Amy, da bist du ja,“ strahlte sie und Keylie konnte kaum glauben, wie aufgekratzt und glücklich ihre Freundin aussah. „Hat alles geklappt? Bist du noch an einem Stück?“
„Es war ein bisschen stürmisch, aber ich habe es überlebt,“ nickte Keylie misstrauisch.
„Das ist gut. Du erinnerst dich an David Coleman?“ fuhr sie fort und deutete auf den Mann, der neben ihr stand und sich mit undurchdringlicher Miene im Studio umsah.
„Uhm ... ,“ entgegnete Keylie unbestimmt, lehnte die Gitarre neben das Sofa und erhob sich.
„Sie haben da ja ganz schön was los getreten Amy,“ bemerkte Coleman, während sie seinen festen Händedruck erwiderte.
Keylie fragte sich panisch, wer dieser Mensch eigentlich war und wie sie auf ihn reagieren sollte, während sie vermeindlich ruhig mit den Achseln zuckte und vorsichtshalber schwieg.
„Komm schon David,“ bemerkte Larry lächelnd, zog eine Zigarettenpackung aus ihrer Hosentasche hervor und zündete sich genüsslich einen der Glimmstengel an. „Bessere Promotion können wir uns doch gar nicht wünschen.“
„Nicht immer sind schlechte Schlagzeilen auch gute Schlagzeilen,“ bemerkte Coleman mit erhobenem Zeigefinger und missbilligend gerunzelter Stirn.
Doch Larry schien sich scheinbar nicht im geringsten von seinem blasierten Gehabe einschüchtern zu lassen. „Dann verrat mir doch einmal wie du es fertig gebracht hättest, dass dir Letterman und Co. die Bude einrennen. Sogar die Acht-Uhr-Nachrichten haben schon nach einem Interview gefragt.“
„Wie bitte?“ Keylie konnte kaum glauben, was sie da hörte.
„Das mag ja alles sein,“ fuhr Coleman ungerührt fort, ohne Keylie zu beachten. „Aber über Mariah Carrys Nervenzusammenbruch haben sie auch ausführlich berichtet und ihr Album hat sich deshalb auch nicht besser verkauft. Das ist reine Sensationsgier Larry und das weißt du auch.“
„Mariahs Problem war, dass sie danach totalen Schrott auf den Markt geworfen hat,“ korrigierte ihn Larry mit einem listigen Funkeln in den Augen, durchquerte den Raum und lehnte sich mit dem Rücken gegen das Mischpult. „Amy Salinas hingegen wird wie der Phönix aus der Asche an die Spitze der Charts klettern. Das verspreche ich dir.“
„Versprich nichts, was du nicht halten kannst,“ entgegnete Coleman, wirkte aber bereits ein wenig entspannter.
„Okay. Vielleicht verrät mir irgendjemand, was hier gerade abgeht?“ beschwerte sich Keylie, der langsam die Geduld ausging. Larry und dieser Typ unterhielten sich, als wäre sie gar nicht anwesend und das ärgerte sie, zumal es hier um ihre Arbeit, ihr Herzblut und ihre Songs ging.
„Das Label hat ihren Aufpasser vorbei geschickt,“ grinste Larry frech, zog erneut an ihrer Zigarette und blies eine dicke Rauchwolke in die Luft.
„Meine Bosse wollen wissen, ob ihre Investitionen gut angelegt sind,“ korrigierte Coleman knapp.
„Nun, das kann ich dir sofort mit einem klaren Ja beantworten. Aber da du mir ja sowieso nicht glauben wirst, werden wir dich wohl anderweitig überzeugen müssen.“ Immer noch prangte auf Larrys Lippen dieses breite Grinsen einer zufriedenen Katze und Keylie verstand langsam die Welt nicht mehr. Alles hatte sie an diesem Morgen erwartet, nur nicht, dass ihre Managerin, Pressesprecherin und Texterin so gelassen sein würde.
„Fishie, fahr doch mal einen von den neuen Tracks ab,“ forderte Larry den Produzenten auf, allerdings ohne Coleman dabei aus den Augen zu lassen. „Am besten „Beautiful“ ... oder „My Song“ ... „Fighter“ wäre auch nicht schlecht. Nur um dem feinen Herrn da drüben mal zu zeigen, was Amy großartiges auf die Beine gestellt hat.“
Fishie warf Keylie einen fragenden Blick zu.
„Beautiful,“ nickte sie, ging dann wieder hinüber zum Sofa und ließ sich vorsichtig darauf sinken. Ein Vertreter ihres Labels war hier! Und er würde nun ein Urteil über sie fällen, das danach unumstößlich feststand. Ihr Magen verknotete sich bei diesem Gedanken augenblicklich und ihr Herz begann wie wild in ihrer Brust zu hämmern. Was sollte sie tun, wenn Coleman ihre Songs nicht gefielen?
Doch bevor sie sich in eine regelrechte Panikattacke hinein steigern konnte, durchströmten bereits die ersten Klaviertöne den Raum. Nun gut. Es war ja nun nicht mehr zu ändern.
Entweder er mochte den Song, oder er mochte ihn nicht.
Entweder war dies ein neuer Meilenstein ihrer Karriere, oder sie würde zu Ende sein, noch bevor sie richtig begonnen hatte.
Mittlerweile hatte sich ihre kräftige Stimme zu den sanften Klängen gesellt und wie immer durchflutete sie dabei ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Zum Teufel mit allen Kritikern, Besserwissern oder Labelchefs. Sie war stolz auf das was sie geleistet hatte. Punkt.
Coleman hatte sich inzwischen in einen der Drehstühle fallen gelassen, die Arme vor der Brust verschränkt und lauschte mit ausdrucksloser Miene dem Song. Ihrem Song.

'cause we are beautiful no matter what they say
Yes, words won't bring us down, oh no
We are beautiful in every single way
Yes, words can't bring us down
Don't you bring me down today
(Christina Aguilera – Beautiful)

Noch nie, so schien es ihr, hatten diese Zeilen mehr Bedeutungen, waren sie wichtiger, als gerade in diesem Moment.
Die letzten Klaviertöne schwebten davon und im Raum wurde es beinahe unerträglich still, während alle gespannt auf Colemans Urteil warteten.
Er stützte die Ellenbogen auf die Lehnen des Sessels, legte die Fingerspitzen unter seinem Kinn zusammen und starrte mit gerunzelter Stirn vor sich hin. Keylie rechnete mit dem schlimmsten, doch nachdem sie mit einem kurzen Blick auf Larry feststellte, dass diese immer noch breit lächelte, beruhigte sie sich etwas. Auch wenn sie Coleman nicht kannte, Larry schien sich ihrer Sache ziemlich sicher zu sein.
„Singletauglich,“ war das erste was Coleman sagte. „Ordentliche Beats, schöne Ballade ... vielleicht ein bisschen zu ... ,“ er wedelte mit den Händen in der Luft herum „ ... zu schnulzig ... aber netter Text.“
Keylie ballte ihre Hände im Schoß zu Fäusten. Was bildete sich dieser Typ eigentlich ein. Zu schnulzig?? Der wusste doch noch nicht einmal was eine Schnulze überhaupt war!
„Ich wusste doch, dass dir das gefällt David,“ grinste Larry siegessicher.
„Ich muß zugeben Larry ... nicht schlecht,“ nickte Coleman und das erste Mal erschien so etwas wie ein Lächeln auf seinem Gesicht, was sich allerdings lediglich durch ein kurzes Zucken seiner Mundwinkel äußerte. „Amy, ich muß ihnen tatsächlich ein Lob aussprechen. Damit hatte ich nach ihrem letzten dessaströsen Album nicht gerechnet.“
„Falls das ein Kompliment gewesen sein sollte sage ich mal Danke,“ gab Keylie zurück und musste sich beherrschen, um diesem unverschämten Typ nicht einfach mitten ins Gesicht zu springen.
„Das war sozusagen der Ritterschlag,“ bemerkte Larry in ihre Richtung und stieß sich dann von ihrem Beobachtungsposten am Mischpult ab. „Sehe ich das also richtig, dass wir sämtliche Vollmachten haben um weiter zu machen?“ wandte sie sich wieder an Coleman.
„Ich will den Rest noch hören und ich will wissen, was Amy an der Verleihung singt, aber grundsätzlich ... ja, grünes Licht,“ nickte er.
„Über den Song für die Verleihung sind wir uns noch nicht so ganz einig ... ,“ setzte Larry an, doch Keylie unterbrach sie. „Ich schon.“
„Ach?“ sagten Larry und Coleman gleichzeitig, während Keylie bemerkte wie Fishie vorsichtshalber den Kopf einzog.
„Ich kann ihnen den Song gerne vorspielen wenn Interesse besteht,“ fügte Keylie hinzu und legte sich bereits die Gitarre über die Knie.
„Nur heraus damit. Ich bin wirklich gespannt,“ sagte Coleman, drehte seinen Sessel in ihre Richtung und schlug die Beine übereinander.
Hinter seinem Rücken warf ihr Larry einen warnenden Blick zu, doch Keylie ließ sich dadurch nicht verunsichern. Sie würde diesen Song an der Verleihung spielen, egal was Coleman oder Larry oder sonst irgendjemand auf diesem Planeten dazu sagte.
Nach ziemlich genau viereinhalb Minuten verklang der letzte Gitarrenriff und eine angespannte Stille legte sich über den Raum. Larry sah so aus, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen, Fishie war vorsichtshalber ein Stück von ihr abgerückt und Coleman hatte schon wieder die Finger unter dem Kinn zusammengelegt. Seine wässrigen, blauen Augen musterten sie durchdringend und Keylie hätte alles dafür gegeben, gerade jetzt seine Gedanken lesen zu können.
„Das ist ihr Ernst?“ fragte er schließlich und Keylie nickte, während sie sich ein Stück auf dem Sofa aufrichtete und kämpferisch das Kinn vorreckte. „Gewagt,“ kommentierte er. „Vielleicht sogar naiv ... aber ... ,“ er machte erneut eine Pause und nickte dann langsam „ ... aber es wird einschlagen wie eine Bombe. Erinnert mich ein bisschen an Eminem und sein „The Way I am“. Wenn wir nur halb so viel Publicity damit bekommen, bin ich schon zufrieden.“
„Das ist ihr Ernst?“ wiederholte Keylie ungläubig seine Worte und entlockte ihm damit ein kurzes Schmunzeln, was ihn beinahe sympathisch erschienen ließ. „Mein voller Ernst.“
Schließlich stemmte er sich aus seinem Sessel in die Höhe und drehte sich zu Larry herum.
„Ich sehe schon, du hast das alles ganz gut im Griff. In Zukunft erwarte ich, dass du an dein Telefon gehst, wenn ich dich anrufe und dass du mich auf dem Laufenden hältst. Haben wir uns verstanden?“
„Wie mein Meister befiehlt,“ nickte Larry ironisch.
„Gut,“ nickte Coleman, verabschiedete sich bei Keylie mit einem kurzen Händeschütteln, nickte Fishie noch einmal zu und wurde dann von Larry hinaus begleitet.
„Hat er tatsächlich gesagt, es wird einschlagen wie eine Bombe?“ flüsterte Fishie ungläubig, kaum dass ich die Tür hinter den beiden geschlossen hatte.
„Ich denke schon,“ nickte Keylie und konnte das breite, strahlende Lächeln nicht aufhalten, das nach und nach auf ihren Lippen erschien.
„Ich fasse es nicht. Dass dieser Bluthund irgendwann mal etwas nettes sagen könnte, hätte ich nie für möglich gehalten,“ bemerkte Fishie kopfschüttelnd.
„Wir sind eben gut.“
„Mehr als das. Aber normaler Weise bemerken das diese hohen Tiere nicht.“
„Eben. Sag ich doch. Wir sind gut,“ lachte Keylie.
„Ja, das sind wir wohl,“ nickte nun auch Fishie und stimmte dann mit leisem Kichern in ihre Lachen ein.
Sie konnte es kaum glauben. Wenn sie auf dem Weg ins Studio noch gedacht hatte, sie befände sich auf rasanter Talfahrt auf der Achterbahn, die sich ihre Karriere nannte, dann war sie jetzt im Moment dabei mit Schwung die nächste Steigung zu erklimmen. In ihrem Magen kribbelte es vor Aufregung und Freude, ihr Herz machte glückliche, kleine Hüpfer in ihrer Brust und alles in ihr sehnte sich nach dem Auftritt, der ihr hoffentlich den glückseligen, schwerelosen Zustand bescheren würde, den sie sich schon ihr ganzes Leben lang wünschte.

Kapitel 29