Kapitel 27
Die große, dunkle Sonnebrille verbarg Keylies vor Entsetzten weit aufgerissene Augen, während sie in Alex Wagen langsam die Auffahrt hinunter rollten. Die Ausfahrt des Grundstücks wurde von Scharen von Fotografen belagert und als sich der Wagen nun langsam näherte, entstand unübersehbare Hektik in dem Pulk aus Menschen. Jeder versuchte einen möglichst guten Platz zu ergattern, Kameras wurden in die Höhe gerissen und die Ausfahrt somit von einer Wand aus aufgeregten Journalisten versperrt.
Als sich der Wagen der Gruppe näherte, flammten sofort unzählige Blitzlichter auf und Keylie senkte den Blick erschrocken hinunter in ihren Schoß. Sie war sich noch nicht einmal sicher, ob man überhaupt etwas hinter den dunklen Scheiben des Geländewagens erkennen konnte, trotzdem hätte sie sich am liebsten im Fußraum zusammen gerollt und sich tot gestellt.
Ist gleich vorbei, murmelte Alex neben ihr beruhigend, während er versuchte den Wagen vorsichtig durch die Menge zu lenken, ohne dabei einen der Menschen zu verletzen, die sich beunruhigend nahe an den Wagen drängten, durch die Scheiben stierten und ihnen unverständliche Worte entgegen schleuderten.
Die sind doch total verrückt, stellte Keylie fest, während sie im Seitenspiegel verfolgte, wie die aufgebrachte Meute zu ihren Wagen rannte und die Verfolgung aufnahm.
Keine Einwände meinerseits, entgegnete Alex grimmig, während er den Wagen beschleunigte und dabei immer wieder einen kurzen Blick in den Rückspiegel warf.
Warum tun die so etwas? Ist es denn wirklich so interessant Bilder von jemandem zu machen, der mit einem Idioten geschlafen hat?
Nein. Die Sensation daran ist nicht, dass du etwas mit Zack hattest, sondern dass du berühmt, mit einem Popstar liiert und deshalb in ihren Augen unfehlbar sein solltest.
Keylie schüttelte frustriert den Kopf und versuchte sich so klein wie möglich auf ihrem Sitz zu machen.
Niemals hätte sie gedacht, dass das Leben einer Sängerin so anstrengend und beängstigend sein konnte. Sie hatte doch selbst immer wieder die Klatsch- und Tratschseiten in den diversen Magazinen gelesen und nie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, wie es wohl diesen Menschen damit gehen musste, die ihr Privatleben in aller Öffentlichkeit ausgebreitet sahen. Und das schlimmste daran war, dass meist noch nicht einmal die Hälfte davon stimmte. Und dass es so schwierig sein könnte, sich davor zu schützen oder auch nur in irgendeiner Weise darauf zu reagieren, hätte sie ebenfalls nicht für möglich gehalten.
Sie fühlte sich, als hätten sich ihre Träume mit einem Schlag erfüllt nur um dann festzustellen, dass sie einem Alptraum hinterher gejagt war. Wenn diese ganze Aufregung, die Demütigungen, die unfairen Beschuldigungen und die grässliche Sensationsgier bedeuteten, dass sie jetzt ihr Ziel, reich und berühmt zu sein, erreicht hatte, wollte sie damit eigentlich nichts mehr zu tun haben. Doch dafür war es jetzt wohl ein bißchen zu spät.
Keylies Handy klingelte in ihrer Handtasche und froh, sich wenigestens für kurze Zeit von den immer noch hinter ihnen herjagenden Wagen im Außenspiegel ablenken zu können, drückte sie sich gleich darauf den Hörer ans Ohr.
Wo bist du? schallte ihr Larrys Stimme augenblicklich entgegen.
Auf dem Weg zum Studio, entgegnete Keylie.
Gut. Hör zu. Ich habe eine Security für dich organisiert. Die Journalisten rennen uns hier fast die Bude ein. Meinst du, du schaffst es unbemerkt auf die Rückseite des Gebäudes?
Keylie warf einen erneuten Blick in den Außenspiegel. Ein weißer Lieferwagen war so dicht aufgefahren, dass sie die hellen Gesichter des Fahrers und der Beifahrerin hinter der Windschutzscheibe erkennen konnte.
Wenn mein Freund nicht noch James Bond Qualitäten am Steuer entwickelt wohl eher nicht, seufzte sie.
Ich hoffe du lästerst nicht wirklich über mein fahrerisches Können, beschwerte sich Alex neben ihr gutmütig.
Nein, grinste Keylie schief. Aber ich befürchte, die Meute hinter uns abzuhängen wirst auch du nicht schaffen, oder?
Nicht, wenn wir das hier überleben sollen, gab er zu.
Also keine Möglichkeit unbemerkt an die Hintertür zu kommen Larry, wandte sich Keylie wieder ihrem Telefonat zu.
Sie hörte, wie ihre Gesprächspartnerin aufgebracht mit den Zähnen knirschte. Nun gut. Das ist dann wohl nicht zu ändern. Halte in der Menge nach einem großen, gut aussehenden Kerl in einem dunkelblauen T-Shirt Ausschau. Ich hoffe, er ist sein Geld wert und wir bekommen dich unbeschadet hier rein. Alles klar?
Alles klar, nickte Keylie, auch wenn sie sich selten so elend gefühlt hatte.
Dann bis gleich, und schon hatte Larry aufgelegt.
Was sagt sie? wollte Alex wissen, während Keylie das Handy langsam zuklappte und wieder in ihrer Tasche verstaute.
Sie hat einen Bodyguard für mich arrangiert.
Tatsächlich? fragte Alex überrascht. So viel Weitsicht hätte ich gar nicht zugetraut.
Ich sag doch, sie ist nicht verkehrt.
Hm, brummte Alex und richtete seine Konzentration wieder auf die Straße vor sich.
Larry meint, das Studio wird von Journalisten belagert, fuhr Keylie fort, während ihr Blick schon wieder am Außenspiegel klebte.
Das war wohl zu erwarten, nickte Alex neben ihr.
Scheint so, murmelte Keylie mehr zu sich selbst, während sie versuchte die Panik in sich nieder zu kämpfen, die bei dem Gedanken an noch mehr Paparazzi, Kameras und unangenehmen Fragen in ihr aufstieg.
Nicht zum ersten Mal wünschte sie sich zurück in ihren eigenen Körper, aber diesmal war dieser Wunsch mit einer beinahe schmerzhaften Sehnsucht verbunden. Sie wollte zurück an einen Punkt, an dem ihre einzige Sorge darin bestanden hatte, welches Outfit sie morgens anziehen sollte, wie sie am schnellsten zur Arbeit kam und an dem die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann tatsächlich als Sängerin auf einer Bühne stehen würde, gegen Null tendierte.
Eine warme Hand legte sich auf ihren Arm und blinzelnd schaut sie zu Alex hinüber.
Mach dir nicht so viele Gedanken, sagte er liebevoll, während er versuchte gleichzeitig die Straße und Keylie im Auge zu behalten. Es ist doch egal, was andere über dich denken. Sie werden ein paar Bilder schießen, irgendwelchen Schwachsinn schreiben und dann wieder abziehen. Dir kann also gar nichts schlimmes passieren. Und spätestens wenn du in New York auf der Bühne stehst, wirst du sie alle eines besseren belehren.
Ich weiß, dass du recht hast, aber ... das macht es nicht wirklich besser, gestand sie.
Er nickte langsam, schenkte ihr noch einen langen Blick und ein aufmunterndes Lächeln und bog dann nach links ab. Schon von weitem war die Menschenmenge zu erkennen, die vor dem Studio auf dem Gehweg stand und gespannt in ihre Richtung starrte.
Showtime, presste Alex zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, lenkte den Wagen an den gegenüberliegenden Straßenrand, was ihnen ein wenig Zeit verschaffte, und beugte sich dann in seinem Sitz zu Keylie hinüber.
Du schaffst das Baby. Da bin ich mir ganz sicher. Wenn irgendetwas ist, ruf mich an, okay?
In Ordnung, nickte sie, während ihr Magen ängstliche Purzelbäume schlug und ihre Handflächen feucht wurden.
Soll ich noch mit reinkommen? fragte Alex.
Nein. Keylie schüttelte den Kopf. Das schaffe ich schon alleine ... denke ich.
Gut. Ich ... , weiter kam er nicht, denn in diesem Moment wurde die Beifahrertür aufgerissen. Alex schien augenblicklich zu explodieren. Was zum Teufel bilden sie sich eigentlich ein! blaffte er den Mann an, der im Türrahmen erschienen war.
Entschuldigen sie, entgegnete dieser und wirkte kein bisschen eingeschüchtert. Larry schickt mich. Ich soll dafür sorgen, dass Miss Salinas unbehelligt ins Studio kommt.
In diesem Moment hatte die aufgeregte Pressemeute die Straße überquert und den Wagen erreicht. Blitzlichter flammten unvermittelt auf, ein Kreis von aufgeregt durcheinander rufenden Menschen bildete sich um den Wagen und Keylies neuer Schutzengel hatte alle Hände voll zu tun, um die Fotografen von der offenen Tür fern zu halten.
Kommen sie, sagte er an Keylie gewandt und streckte ihr auffordernd die Hand entgegen. Wir sollten uns ranhalten.
Ja. Gut, nickte Keylie. Ihre Stimme klang, als würde sie nicht zu ihr gehören und ihre Knie zitterten so sehr, dass sie sich nicht sicher war, ob sie überhaupt den Wagen verlassen, die Straße überqueren und das Studio erreichen konnte.
Ruf mich an, wiederholte Alex, beugte sich dann zu ihr hinüber und küsste sie zärtlich auf den Mund.
Mach ich, nickte Keylie, dann griff sie nach der Hand des Bodyguards und ließ sich aus dem Wagen ziehen.
Sofort wurden sie von der aufgeregten Meute umringt. Sie spürte Hände, die an ihr zerrten, hörte Wortfetzen, die ihr entgegen geschrieen wurden und klammerte sich verzweifelt an die Hand des Mannes, der nun hoch aufgerichtet und mit einem unverschämt breiten Brustkorb die Menge teilte.
Machen sie Platz, rief er laut und verlieh seinen Worten ab und an mit einem kurzen aber kräftigen Schubs Nachdruck.
Als er vom Bürgersteig auf die Fahrbahn trat, schob er Keylie vor sich, vergewisserte sich mit einem ausgiebigen Blick nach links und rechts, dass sich kein Wagen näherte und drängte sie dann im Laufschritt über die Straße, im Rücken immer noch die Fotografen und Journalisten. Einige hatten sich inzwischen an ihnen vorbei geschoben und schossen nun rückwärtsgehend ihre Fotos, während Keylie den Blick auf den Boden gerichtet hielt und hoffte, dass ihre Sonnenbrille dafür sorgte, dass man ihr ihr Entsetzen und die Abscheu nicht all zu deutlich ansah.
Als sie durch die Drehtür in das Innere des Studios traten, warteten dort bereits zwei weitere Männer auf sie. Sie waren von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet und sahen aus, als hätten sie in ihrem früheren Leben geboxt oder von Kindheit an irgendwelche Steroide geschluckt. Sie waren beide riesig, hatten einen beeindruckenden Brustumfang und trugen beide eine grimmige Miene zur Schau.
Lasst niemanden hier rein, habt ihr mich verstanden? wies der Mann in Keylies Rücken die beiden an, was sie mit einem synchronen, knappen Nicken quittierten.
Ohne ein weiters Wort schob sie der Bodyguard am Empfang vorbei, hinter der eine etwas blass wirkende Leyla saß und Keylie mit großen Augen entgegen blickte.
Alles in Ordnung? erkundigte sich Keylie im Vorbeigehen, was Leyla mit einem leicht verwirrt wirkenden Kopfnicken beantwortete.
Dann waren sie bereits auf dem Weg den langen Gang hinunter.
Haben sie einen Namen? fragte Keylie, die krampfhaft versuchte sich irgendwie wieder zu beruhigen.
Jack Livingston, stellte er sich vor, wurde dabei aber keinen Schritt langsamer.
Angenehm, Keylie Co- .... , Keylie verstummte augenblicklich und starrte erschrocken zu Jack auf. Was war nur los mit ihr?
Du hast gerade eine Horrorverfolgungsfahrt und einen aufgebrachten Mob von Fotografen hinter dich gebracht. Das ist los schallt sie sich in Gedanken, was ihren Ausrutscher allerdings nicht wirklich besser machte.
Doch wenn Jack sich wunderte, so ließ er sich dies zumindest nicht anmerken. Ungerührt öffnete er die Tür zum Studio und schob Keylie gleich darauf in den Raum dahinter.
Amy, Gott sei Dank. Ist alles in Ordnung? rief Fishie, kaum dass er sie erblickt hatte und sprang von seinem Drehsessel auf.
Geht schon, beruhigte Keylie ihn. Wo ist Larry? fragte sie weiter, nachdem sie sie nirgends entdecken konnte.
Sie telefoniert schon seit heute Morgen. Frag mich nicht. Sie hat sich in die Küche verzogen, qualmt eine Zigarette nach der anderen und flucht dazwischen immer wieder vor sich hin. Ehrlich gesagt bin ich ganz froh, dass sie im Moment nicht in meiner Nähe ist. Sie macht mich nämlich noch wahnsinnig.
Verstehe, nickte Keylie, während sie ihre Tasche und Jacke auf das Sofa warf und sich gleich darauf schwer daneben fallen ließ.
Das erste Mal genehmigte sie sich einen genaueren Blick auf ihren neuen Bodyguard. Abgesehen von seiner Größe und den unglaublichen Muskelpaketen, waren seine Augen am beeindruckensten. Sie waren von einem harten, hellen Grau und schienen mühelos durch Wände sehen zu können. Sein kantiges Gesicht wurde von kurzem, blondem Haar wie von einem Helm umschlossen und seine buschigen Augenbrauen zuckten leicht, als er sich nun aufmerksam im Studio umsah, als lauere in jeder Ecke ein Angreifer.
Vielen Dank Mr. Livingston, sprach Keylie ihn an. Ich weiß nicht, was ich ohne sie da draußen gemacht hätte.
Nennen sie mich bitte Jack, entgegnete er und verzog seine wulstigen Lippen zu etwas, das wohl ein Lächeln sein sollte, Keylie allerdings einen kalten Schauer über den Rücken rieseln ließ. Und das da draußen ist mein Job. Dafür bezahlen sie mich.
Sicher, nickte Keylie, die sämtliche romantische Vorstellungen, die sie bisher über Bodyguards gehabt hatte, in den hintersten Winkel ihres Gehirns schob.
Ich werde mich draußen mal etwas umsehen. Hier ist meine Handynummer, er kramte eine kleine, leicht zerknitterte Visitenkarte aus der Hosentasche seiner Jeans und reichte sie ihr. Speichern sie sie ein. Jetzt sofort. Wenn irgendetwas ist, können sie mich jederzeit, Tag und Nacht dort erreichen. In Ordnung?
Keylie nickte, dann machte Jack auf dem Absatz kehrt und verschwand ohne ein weiteres Wort durch die Tür hinaus in den Gang.
Keylie seufzte leise, während sie sich nach hinten in die Polster sinken ließ und für einen Moment die Augen schloss. Ihr Herzschlag hämmerte immer noch unkontrolliert in ihrer Brust, doch das Zittern hatte merklich nachgelassen und sie fühlte sich wieder in der Lage, einigermaßen klar zu denken.
Was ein Wirbel, hörte sie Fishies Stimme und hob widerwillig die Augenlider.
Das kannst du laut sagen.
Hast du die Zeitungen schon gesehen? fragte Fishie, während er sich wieder in seinen Sessel sinken ließ.
Nein.
Möchtest du?
Ich ... weiß nicht, gab Keylie zu. Wollte sie sich wirklich auch noch mit den Bildern quälen lassen, wenn alles andere an diesem Tag schon schlimm genug gewesen war?
Naja ... sie liegen drüben in der Küche. Ich glaube, Larry hat sie mitgenommen um sich hochzupushen wenn ihre Kräfte zu schwinden beginnen grinste er breit.
Keylie lächelte schwach zurück. In was für einen Schlamassel hatte sie nur sich und die Menschen die ihr nahe standen gebracht? Nun ja ... eigentlich hatte Amy ... aber sie war ja irgendwie ... und vielleicht ...
Sie seufzte erneut. Das hier war ihr schlimmster Albtraum und gleichzeitig das Beste, was ihr jemals passiert war. Wenn das nicht vollkommen durchgeknallt war, dann wusste sie aber auch nicht mehr weiter.