Kapitel 26
Zwei Tage später wurde Alex am frühen Morgen vom Klingeln des Telefons geweckt. Schlaftrunken tastete er nach dem Hörer auf dem Nachtisch und stellte dabei beunruhigt fest, dass Amys Betthälfte leer war.
Hm? meldete er sich, noch halb im Schlaf.
Es ist so weit, hörte er die tiefe Stimme seines Managers Johnny Wright und benötigte tatsächlich fünf volle Sekunden um den Sinn dieser Aussage zu begreifen.
Wie schlimm ist es? murmelte er, während er sich leise ächzend im Bett aufsetzte, sich müde mit der freien Hand über das Gesicht fuhr und sich dann mit geschlossenen Augen gegen das Kopfteil des Bettes lehnte.
Ziemlich schlimm, antwortete Johnny. Die meisten, größeren Zeitungen haben das Thema bereits aufgegriffen. Drei Mal Titelseite in schönen, bunten Bildern. Ich würde dir ja jetzt zum Körperbau deiner Freundin gratulieren, aber das gehört sich wohl nicht.
Was schreiben sie? fragte Alex ungerührt weiter.
Nur Schwachsinn, wie erwartet. Diesmal haben sie sich eher auf Amy gestürzt. Das übliche Blah Blah über ihren miesen Karrierestart vor einem Jahr, noch einmal ein kurzer Abriss der Geschehnisse im Raiders Club und dann ein paar sehr eindeutige, pikante Details ihrer sexuellen Beziehung zu diesem Zack.
Alex stöhnte leise. Auch wenn er gewusst hatte, was da auf sie zurollte milderte dies nicht den Schock und die Frustration, die bei Johnnys Worten ihn ihm aufstiegen. Und nun?
Mike und Clark kümmern sich bereits darum, entgegnete Johnny und meinte damit die Pressevertreter seines Labels. Aber versprich dir nicht zu viel. Sie haben ein paar Details falsch dargestellt, aber wir können weder gegen diese Art von Berichterstattung noch gegen die gesamte Story etwas tun, weil sie nun leider nicht ganz aus der Luft gegriffen ist.
Aber Amy hat für die Fotos keine Freigabeerklärung unterschrieben. Er darf sie nicht verwenden, stellte Alex klar.
Das ist schon richtig. Wie gesagt, wir arbeiten daran. Aber du weißt doch wie das ist. Wenn sie erst einmal im Umlauf sind, kannst du sie nicht mehr zurückholen. So etwas verbreitet sich im Netz schneller als ne Seuche im Mittelalter.
Ja, das stimmt, murmelte Alex und stützte seine Stirn, hinter der es inzwischen unangenehm pochte, in die Hand.
Mike hat mit Larry gesprochen. Sie sagt, sie hätte den Vertrag für Amys Auftritt in NY bereits in der Tasche. Ich weiß allerdings nicht, ob es wirklich so eine gute Idee ist, sie den Löwen zum Fraß vorzuwerfen.
Da bin ich ganz deiner Meinung, aber Amy ist so besessen von der Idee dort hinzufahren und ihnen zu zeigen was sie kann, dass sie auf niemanden hört.
Vielleicht ändert sich ihre Meinung, wenn sie die ersten Titelseiten sieht und wenn sie sich demnächst nur noch mit Scharen von Paparazzi fortbewegen kann.
Ich weiß nicht, entgegnete Alex und fühlte, wie ein leises Lächeln auf seinen Lippen erschien. Sie ist ganz schön dickköpfig.
Na, da kenne ich noch so jemanden, schmunzelte Johnny.
Vielen Dank. Ich weiß deine Ehrlichkeit wirklich sehr zu schätzen, gab Alex ironisch zurück.
Wie auch immer. Pass ein bisschen auf, ja?
Ich werde es versuchen.
Und leg dich nicht mit den Fotografen an. Ich weiß, was du von diesen Arschgeigen hältst, aber es bringt nichts. Das weißt du, oder?
Ja, leider weiß ich das. Obwohl ich nicht versprechen kann, ihnen nicht doch ein paar klare Worte an den Kopf zu werfen.
Lass es. Es lohnt sich nicht, glaub mir.
Ich hoffe nur, Amy kommt damit klar. Sie ist ... , er stockte und schüttelte dann den Kopf. Es ging niemanden etwas an, wie verwirrt und seltsam seine Freundin in letzter Zeit war. Abgesehen davon schien sie sich mittlerweile ganz gut im Griff zu haben.
Sie ist ein bisschen aufbrausend? Naiv? Hitzig? Stur? versuchte es Johnny.
Nein. Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes sagen, schmunzelte Alex. Vergiss es einfach. Jedenfalls vielen Dank für deine Warnung. Hältst du mich auf dem Laufenden?
Mach ich. Und ich werde mit Larry einen Termin vereinbaren, damit wir uns zu viert auf New York vorbereiten können. Es kann nicht schaden, eine gemeinsame Strategie zu haben.
Du willst dich wirklich mit Larry der Fürchterlichen an einen Tisch setzen? fragte Alex skeptisch.
Manchmal muß man einfach Opfer bringen, schmunzelte Johnny.
Für eine Weile unterhielten sie sich noch über Alex eigene Angelegenheiten, das Album mit den Backstreet Boys und die bevorstehende Award-Verleihung, dann verabschiedeten sie sich und Alex blieb einen Moment mit geschlossenen Augen im Bett sitzen.
Die nächsten zwei Wochen bis New York würden mehr als unerfreulich werden und er hatte beinahe Angst davor, wie Amy auf diese ganze Situation reagieren würde. Er hatte schließlich hautnah miterlebt, was das letzte Mal passiert war: Sie hatte sich zurückgezogen und war kalt wie ein Eisblock geworden.
Er wollte einfach nicht die Nähe und Vertrautheit verlieren, die sie mittlerweile wieder gefunden hatten. Er wollte weiterhin mit ihr glücklich und zufrieden zusammen leben, Musik machen, unbehelligt mit seinen Freunden ausgehen und zumindest ansatzweise mit Amy ein normales Leben führen. Aber das schien nun, unter diesen Umständen, nicht mehr möglich zu sein.
Er öffnete die Augen und sah hinüber zu den leeren, zerknüllten Laken. In diesem Moment wünschte er sich beinahe schmerzhaft, dass er ihr den Schmerz und die Demütigungen irgendwie ersparen könnte. Wenn er gekonnt hätte, hätte er sich vor sie gestellt, wie ein Schutzschild, an dem jeder Vorwurf, jedes gemeine Gerücht und jede unwahre Behauptung abprallte. Doch dafür war sein Kreuz leider nicht breit genug.
Seufzend schlug er die Decke zurück, verschwand kurz im Bad und machte sich dann auf die Suche nach Amy. Er fand sie im Musikzimmer und für einen Moment stand er lächelnd in der Tür und blickte auf sie hinunter.
Sie lag auf dem Boden in mitten von Zetteln, Notenblättern und leeren Wasserflaschen und schlief tief und fest. Ihre Hand umklammerte immer noch locker einen Filzschreiber, der bereits einen großen, dunklen Fleck auf dem Papier darunter hinterlassen hatte. Das übergroße Männerhemd war in die Höhe gerutscht und entblößte ihren flachen Bauch und ihre langen Beine. So wie es aussah, hatte sie tatsächlich bis zum Umfallen gearbeitet und er konnte ihren Arbeitseifer nur bewundern.
Langsam ging er zu ihr hinüber und ließ sich neben sie in die Hocke sinken. Sanft streichelte er ihre Wange und strich ihr dann mit der flachen Hand das Haar aus dem Gesicht. Sie zuckte leicht zusammen, bevor sie die Augen aufschlug und verschlafen zu ihm aufblinzelte.
Guten Morgen, lächelte er.
Morgen, nuschelte sie und schloss wieder die Augen.
Mein fleißiges Bienchen, grinste Alex.
Hm, nickte sie.
Er ließ sich neben sie im Schneidersitz nieder, während er nicht aufhören konnte, ihr über das weiche Haar zu streicheln. Ganz langsam wurde sie wach, stemmte sich unter schmerzverzerrtem Gesicht in die Höhe, rieb sich kurz über das Gesicht und rutschte dann, immer noch mit ganz kleinen Augen, an ihn heran. Gleich darauf kuschelte sie sich in seine feste Umarmung.
Der Boden ist verdammt unbequem, murmelte sie nahe an seinem Hals, während sich ihre Arme um seine Hüften schlangen.
Dann solltest du zukünftig im Bett schlafen, lächelte er, während seine Hände unter ihrem Hemd verschwanden und zärtlich ihren Rücken liebkosten.
Hm ... guter Plan, leider schlafe ich ein, bevor ich den in die Tat umsetzen kann, schmunzelte sie.
Hat es sich wenigstens gelohnt?
Hm. Er spürte wie sie nickte. Ich weiß jetzt, was ich an dieser Award-Verleihung singen werde.
Das klingt gut. Magst du es mir vorsingen?
Wenn du nicht willst, dass ich klinge wie ein heiserer Rabe, musst du noch ein bisschen warten, kicherte sie.
Ich denke, das kriege ich hin.
Sie schwiegen eine Weile, während er spürte, wie ihr Körper immer schwerer in seinen Armen wurde und sie ganz offensichtlich dabei war, wieder einzuschlafen.
Hey mein Schatz. Wir haben noch einiges zu tun heute, sagte er deshalb sanft und registrierte, wie sie leicht zusammen zuckte.
Wirklich? Also ich könnte durchaus noch ein, zwei Stunden in deinen Armen schlafen, gestand sei.
Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, aber ... ,
Ja, ja, ich weiß, brummelte sie seufzend, dann richtete sie sich unter einiger Anstrengung auf, gähnte ausgiebig und streckte sich.
Als sie wieder in sich zusammen sackte, sah sie immer noch nicht viel wacher aus, aber immerhin blieben ihre Augen diesmal offen.
Wie lange hast du hier denn noch gearbeitet? fragte er lächelnd nach, während seine Hände schon wieder wie magisch von ihr angezogen wurden. Sanft strichen seine Finger über ihre nackten Beine und seine Lippen drückten sich auf ihre warme Wange.
Keine Ahnung, gestand sie. Bis vier? Fünf? Aber ich war wie im Rausch. Und es ist gut geworden. Richtig gut. Obwohl ich mir nicht sicher bin, was das Publikum davon halten wird.
Hauptsache du bist damit zufrieden.
Hm, das sehe ich genau so, nickte sie, dann zog sie die Knie an und stemmte sich ächzend in die Höhe.
Ihr Blick wanderte für einen Moment über die verstreuten Papiere am Boden, bis er an Alex hängen blieb.
Wie viel Zeit haben wir noch? fragte sie und das breite Grinsen, das dabei auf ihrem Gesicht erschien, verriet ihm ganz eindeutig, woran sie im Moment dachte.
Hm ... eine gute Stunde? grinste er zurück.
Na dann komm, sie streckte ihm die Hand entgegen. Wenn wir das Duschen mit dem Sex verbinden, haben wir mehr Zeit für beides.
Also ein bisschen mehr Romantik hätte ich mir ja schon gewünscht, gestand er leise kichernd und stand auf.
Uhm ... ehrlich gesagt ist mir im Moment nicht so wirklich nach Romantik ... , erklärte sie grinsend, dabei schmiegte sie ihren Körper an seinen und presste ihre Hand auffordernd in seinen Schritt, was ihn heftig nach Luft schnappen ließ. ... wenn du verstehst was ich meine.
Ja, ich denke, ich habe jetzt eine ungefähre Vorstellung, presste er zwischen seinen zusammen gebissenen Zähnen hervor.
Dann ließ er sich folgsam von ihr ins Badezimmer führen, in dem sie bereits splitternackt und mehr als erregt ankamen.
Sie saßen bereits beim Frühstück, als ihm sein Gespräch mit Johnny wieder einfiel. Er spülte die Reste seines Sandwichs mit einem Schluck Kaffe hinunter und blickte dann zu Amy hinüber.
Johnny hat mich heute Morgen angerufen, kam er gleich zum Punkt.
Ich befürchte, das bedeutet nichts Gutes, oder? fragte sie und hörte auf ihr Müsli aus der Schüssel zu kratzen.
Hm, nickte er.
Die Fotos?
Jep. Scheinbar haben sie sich schneller verbreitet, als wir sowieso schon befürchtet haben. Drei Mal Titelseite und das will schon etwas heißen.
Er sah, wie sie schluckte, dann wandte sie sich, offensichtlich um Fassung bemüht, wieder den Resten ihres Müslis zu.
Und? Wie schlimm ist es?
Ziemlich schlimm. Sagt zumindest Johnny.
Und er muß es schließlich wissen, fügte sie hinzu.
Hm, stimmte er ihr zu, während er sie nicht aus den Augen ließ.
Was schreiben sie über dich? fragte sie nach, während sie den Löffel beiseite legte und stattdessen ihre Hände um ihre Teetasse krampfte.
Über mich? fragte er irritiert.
Ja, ich meine ... , sie hob nun den Blick und sah unsicher zu ihm hinüber. Wenn sie auf mir herum trampeln ist das eine Sache. Immerhin bin ich selbst schuld an dem ganzen Schlamassel. Aber ... ich ... ich möchte nicht, dass du da auch noch mit reingezogen wirst. Ich meine ... klar, wir sind zusammen, also hängst du da schon irgendwie mit drin, aber ich fand den letzten Artikel so unfair, weil sie dich als prügelnden Scheißkerl hingestellt haben und ... und ... wenn sie das diesmal tun, werde ich ... ,
Hey, bremste er sie, bevor sie sich komplett in Rage reden konnte. Seine Hand legte sich über den Tisch hinweg auf ihren Arm und er sah ihr eindringlich in die Augen. Vergiss das, okay? Lass sie über mich schreiben, was sie wollen. Das ist nicht wichtig.
Doch, ist es. Mir ist das sogar sehr wichtig, widersprach sie.
Du wirst in nächster Zeit genug damit zu tun haben, dich deiner eigenen Haut zu wehren, also verschwende deine Energie nicht darauf, mich auch noch schützen zu wollen. Im Übrigen ist das unmöglich. Sie werden schreiben was sie wollen und je mehr wir uns darüber aufregen, umso schlimmer wird es werden.
Sie schüttelte den Kopf, umfasste seine Hand und zog sie hinauf zu ihrem Mund. Als ihre Lippen federleicht jede einzelne seiner Fingerspitzen küsste, erhob sich schon wieder ein aufgeregtes Kribbeln in seiner Magengegend und leise lächelnd schloss er die Augen.
Wenn du so weiter machst, landen wir gleich wieder unter der Dusche, grinste er.
Ich hätte nichts dagegen, hörte er sie schmunzelnd.
Du bist unersättlich, stellte er fest.
Ich weiß. Und du kannst nicht leugnen, dass dir das gefällt.
Nein, kann ich nicht, aber ich glaube, wenn man uns von außen betrachtet, würde man niemals vermuten, dass wir schon zwei Jahre zusammen sind.
Sie hörte auf seine Finger zu küssen und ließ seine Hand sinken.
Ich denke nicht, dass wir tatsächlich schon so lange zusammen sind. Wenn man es genauer betrachtet, hat unsere Beziehung doch erst vor ... ein paar Wochen angefangen, findest du nicht?
Er musterte sie mit klopfendem Herzen und so abwegig ihre Feststellung auch klang, so uneingeschränkt musste er ihr leider zustimmen.
Eine ganze Weile starrten sie sich einfach nur an und versanken dabei in den Augen des anderen, dann räusperte sich Alex leise und brach den Blickkontakt ab, weil er sich sonst nicht mehr konzentrieren konnte.
Auf jeden Fall solltest du dir klar machen, dass es heute ganz schön heftig da draußen wird, kam er zum eigentlichen Punkt ihres Gespräches zurück.
Ich weiß ... oder sagen wir besser ... ich versuche es mir vorzustellen.
Ich fahre dich auf jeden Fall heute zum Studio, erklärte er.
Wer wirft sich denn jetzt für wen in die Schlacht, hm? bemerkte sie schmunzelnd.
Ich bin ein Mann, ich darf das, grinste er.
So? fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen, schob ihren Stuhl zurück und kam zu ihm hinüber.
Während sie sich auf seinen Schoß setzte, rutschte der Saum ihres Sommerkleides in die Höhe und entblößte damit ihre gebräunten Schenkel, was ihn schon wieder schlucken ließ.
Tja Baby. Das ist einfach ein Naturgesetz. Ich bin der Jäger und Beschützer und du ... ,
Das kleine Frauchen, dass sich beschützten lässt? fragte sie mit gerunzelter Stirn.
So ähnlich, nickte er.
Ich weiß nicht, ob mir das gefällt.
Wenn du ganz brav bist, darfst du mich vielleicht auch bisschen beschützen, grinste er, während seine Hände unter ihrem Rock verschwanden.
Ich bitte darum, lächelte sie, dann beugte sie sich zu ihm hinunter und küsste ihn zärtlich.
Wir schaffen das, oder? fragte sie, nachdem sie sich wieder von ihm gelöst hatte.
Klar schaffen wir das, nickte er.
Wirklich?
Auf jeden Fall. Vertrau mir, in Ordnung?
Sie nickte langsam und er konnte in ihrem Gesicht die Angst und Verzweiflung lesen, die sie die ganze Zeit so gut vor ihm versteckt hatte.
Ich bin bei dir, sagte er deshalb leise. Hab keine Angst. Wir beide wissen, wie die Realität aussieht und das ist alles, was zählt.
Ja, nickte sie, doch das Lächeln, das dabei auf ihren Lippen aufflammte, wirkte angespannt und unecht.
Wieder einmal verfluchte er in Gedanken diesen Mistkerl, der nicht nur beinahe ihre Beziehung zerstört hatte, sondern jetzt auch noch systematisch daran ging, Amy auseinander zu nehmen. Doch das würde er nicht zulassen. Nicht, so lange er auch nur noch zu einem Atemzug fähig war.